PJ in Großbritannien – Innere Medizin

10. Dezember 2013

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PJ in Großbritannien – Innere Medizin
Großbritannien, Nuneaton, George Eliot Hospital
(12.08.-30.11.2013)

Ein kleineres Hospital in der Grafschaft Warwickshire war das Ziel meines Tertials in der Inneren Medizin in Großbritannien. Ich traf auf Ärzte, die sehr am Unterrichten der Medizinstudenten interessiert sind und stets viel Zeit als auch Geduld mitbringen. Zahlreiche Seminare und Angebote für „Skills Teaching“ stellten eine sehr hilfreiche Ergänzung dar. Wer es also gerne etwas persönlicher und familiärer im PJ mag und über die soziale Situation in Zentralengland hinwegsehen kann, ist im George Eliot Hospital auf jeden Fall sehr gut aufgehoben.

Wie alles begann

Big Ben in London
Big Ben in London

Seit meinem zwölfmonatigen Auslandsaufenthalt während der elften Schulklasse hatte ich die feste Absicht, einen Teil meiner Medizinstudienzeit im Ausland zu verbringen, um in ein weiteres Land einzutauchen, Erfahrungen zu sammeln und Erlebnisse mitbringen zu können. Für mich gab es keine bessere Gelegenheit als das Praktische Jahr, genau dies zu tun.

Somit absolvierte ich das erste Tertial meines PJs vom 12. August bis zum 30. November 2013 in Nuneaton, einer Stadt im mittleren England in der Grafschaft Warwickshire. Ich arbeitete im George Eliot Hospital, einem Lehrrankenhaus der Universität Warwick, das über 352 Betten und einem eher altmodischen Charme verfügt.

Nach Großbritannien zu gehen, haben mich mehre Gründe bewegt. Zum einen wollte ich mein medizinisches Englisch verbessern. Ich wollte lernen, Anamnesen auf Englisch zu erheben und die gängigsten medizinischen Begriffe in dieser Sprache anwenden zu können. Zum anderen reizten mich die angeblich gute Ausbildung und Lehre der Engländer. Dies war auch der Grund, weshalb ich mich dazu entschloss, mein Inneres-Tertial in England zu absolvieren, denn ich dachte „Haken halten“ in der Chirurgie kann ich woanders.

Und los ging es mit der Bewerbung

Ich setzte ich mich eineinhalb Jahre vor PJ-Beginn daran, Bewerbungen zu schreiben. Nach unzähligen Emails an Krankenhäuser in ganz Großbritannien erhielt ich per Zufall eine Kontaktadresse eines englischen Krankenhauses von einem Arzt, bei dem ich gerade famulierte. Also schickte ich auch dort meine Bewerbungsunterlagen inklusive Lebenslauf hin. Nach nur wenigen Tagen bekam ich eine Antwort vom George Eliot Hospital NHS Trust in Nuneaton, einem kleinen Krankenhaus in einer 70. 000 Einwohner großen Stadt. Es war also mehr oder weniger Zufall oder Schicksal, dass es mich in dieses Krankenhaus verschlagen hat. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich allerdings noch nicht, dass Nuneaton ein sozialer Brennpunkt in Zentralengland ist – mit vielen Arbeitslosen inklusive Alkohol- und Drogenproblemen.

Da England Mitglied der Europäischen Union ist, brauchte ich außer einem gültigen Reisepass keine extra Versicherungen, Impfungen oder Ähnliches.

Die Unterkunft

Hindu Tempel
Hindu Tempel

Zuerst kontaktierte ich das Krankenhaus und fragte nach Unterkunftsmöglichkeiten. Leider waren diese nur sehr einfach ausgestattet als auch teuer zugleich und stellten sich später zudem aufgrund von Renovierungsarbeiten als nicht verfügbar dar. Also musste ich mich nach einer Alternative umschauen. Ungefähr zwei Monate vor PJ-Beginn habe ich mich dann auf der Internetseite www.spareroom.co.uk angemeldet, auf der ich dann auch fündig wurde.

Ich wohnte während meiner Zeit in England bei einem indischen Paar und einer weiteren indischen Mitbewohnerin in einem 8m² großen Zimmer in einem Haus in Coventry, ungefähr 17km vom George Eliot Hospital entfernt. Die Entfernung zum Krankenhaus stellte kein allzu großes Problem dar, da ich sowieso vorhatte, mit dem Auto nach Großbritannien zu fahren. Ansonsten hätte mich auch eine zweistündige Busfahrt jeweils morgens und abends zur Arbeit und wieder nach Hause gebracht. Was die Kosten für mein Zimmer anbetraf, bezahlte ich umgerechnet etwa 300 EUR Miete. Allerdings durfte ich aufgrund des hinduistischen Glaubens der Familie weder Fleisch, Fisch oder Eier essen, was sich für mich aber eher als kleine Herausforderung herausstellte. Stattdessen durfte ich in die indische Kultur eintauchen, wodurch ich mehr über den Glauben der Hindus und deren Feiertage sowie das indische Essen und deren Lebensweise erfahren konnte. Außerdem hat sich dadurch auch automatisch mein nächstes Reiseziel ergeben, nämlich eine Reise nach Indien.

Coventry an sich hat neben unzähligen Takeaways, Fastfood Restaurants und der üblichen Geschäfte nicht allzu viel zu bieten. Da Coventry der am weitesten von der Küste entfernte Ort in ganz Großbritannien, also sehr zentral gelegen ist, hatte ich dennoch einen ganz guten Ausgangsort, um viele andere große Städte wie London, Liverpool, Manchester, Birmingham, Oxford, Cambridge etc. zu erkunden.

Das George Eliot Hospital

Generell beginnt der Arbeitstag in England erst um 9.00 Uhr und endet dann meistens gegen 17.00 Uhr, so auch im George Eliot Hospital. Keine schlechte Uhrzeit für jemanden wie mich, der gerne länger schläft. Doch nicht nur die Arbeitszeiten, auch die Kleidung der in England arbeitenden Ärzte unterscheidet sich ein wenig zu den für uns gewohnten weißen Kitteln in deutschen Krankenhäusern. An einem englischen Hospital kleidet man sich als Arzt eher vornehm, das heißt, für die Männer sind Hemd und Anzugshose und für die Frauen Bluse, Rock oder Kleidchen Pflicht. Stattdessen ist das Stethoskop eher das Erkennungszeichen eines Arztes.

Im englischen System werden jedem Medizinstudenten zwei „Consultants“, in Deutschland den Oberärzten entsprechend, zugeordnet. Für mich sollten zwei Endokrinologen für die nächsten 18 Wochen verantwortlich sein, zwei indische Ärzte, im George Eliot Hospital mit 35 Prozent auch nicht ganz ungewöhnlich.

Neben den sogenannten „Consultants“ gehören in England zum Ärzteteam zum einen die „Junior Doctors“, die „FY1“ und „FY2“ („Foundation Year 1 bzw. 2“), den deutschen Assistenzärzten entsprechend, und zum anderen die „Registrars“, in Deutschland gleichzusetzen mit den Fachärzten. Selbstverständlich gibt es dann noch die Schwestern und die Schwesterngehilfen.

Meine Arbeit am Hospital

George-Eliot-Hospital
George-Eliot-Hospital

An meinem ersten Tag nahmen sich beide für mich verantwortlichen Ärzte jeweils ungefähr eine halbe Stunde Zeit für mich, um mir alles zu erklären, wann welche Sprechstunde stattfindet und an welchen Tagen die Visite auf welcher Station ist. Dabei wurde ich auch nach meinen Lernzielen und Wünschen bzw. Vorstellungen für die nächsten vier Monate gefragt. Später habe ich mich dann noch dazu entschlossen, Kardiologie-Sprechstunden zu besuchen, um ein bisschen über den endokrinologischen Tellerrand hinaus schauen zu können.

Und so gestaltete sich dann auch mein wöchentlicher Stundenplan:

Mo 9:00-12:00 Uhr: Visite

13:00- 14:00 Uhr: FY1 Teaching

14:00-17:00 Uhr: Kardiologie-Sprechstunde

Di 9:00-12:00 Uhr: Visite oder Herzinsuffizienz-Sprechstunde

13:00-14:00 Uhr: Kardiologie Teaching

14:00-17:00 Uhr: Verschiedene Teaching Sessions

Mi 9:00-12:00 Uhr: Diabetes-Sprechstunde

12:00-13:00 Uhr: Metabolic Meeting

13:00-14:00 Uhr: Grand Round (Treffen aller Stationen)

14:00-17:00 Uhr: Chronic Fatigue Syndrom-Sprechstunde (jede 2. Woche)

oder Diabetes Typ I Klinik < 18 Jahre (jede 4.Woche)

Do 8:00-13:00 Uhr: Endokrinologie-Sprechstunde

13:00-14:00 Uhr: Schwangerschaftsendokrinologie oder A&E Teaching

14:00-17:00 Uhr: Diabetes-Sprechstunde

Fr 9:00-12:00 Uhr: Visite

13:00-14:00 Uhr: Radiologie Meeting

Die Visiten fanden auf der hauptsächlich endokrinologischen Station „Dolly Ward“ statt. Anfangs war ich ziemlich verwirrt aufgrund der Stationsnamen wie „Melly Ward“, „Adame Bede Ward“ etc. Später stellte sich dann heraus, dass die Stationen nach Charakteren aus Büchern der Autorin George Eliot, geboren in Nuneaton, benannt wurden. Das Gute an dieser Station und dem kleinen Krankenhaus war, dass dort nicht nur endokrinologische Patienten, sondern Patienten mit allen möglichen Erkrankungen wie kardiologischen, pneumologischen, neurologischen oder anderen Beschwerden lagen. Somit hatte ich die Möglichkeit auch viel über andere Teilgebiete der Inneren Medizin zu lernen.

In die Visite wurde ich immer gut mit einbezogen und meistens mit vielen Fragen bombardiert. Wenn ein unverkennbares klinisches Zeichen am Patienten zu finden war, ein unverkennbares Herzgeräusch auszukultierbar, eine eindeutige Hepatosplenomegalie tastbar oder ein bemerkenswerter Pleura Erguss perkutierbar war, durfte ich den Patienten auch immer noch einmal selbst untersuchen. Auch Untersuchungsergebnisse wie EKGs, Röntgen-, CT-, MRT-Aufnahmen sowie Blutentnahmen und Blutgasanalysen musste ich mit auswerten und beurteilen. Aber ebenfalls in den Sprechstunden war immer Mitdenken und Mitmachen angesagt. Auch dort wurde ich in die Anamnese, klinische Untersuchung und Vorschläge für weitere Untersuchungen und Therapiepläne mit einbezogen.

Zusätzlich konnte man sich noch für weitere Teaching Sessions wie „Bedside Teaching“, „Skills Training“ für Blutabnehmen, Katheterlegen etc. oder Sprechstunden anderer „Consultants“ eintragen. Es gab sogar einen extra Anbau im Hospital, das „GEHTEC“ (George Eliot Hospital Teaching Education Center) mit eigener Bibliothek, einem großen Vorlesungssaal und vielen Seminarräumen. Außerdem gab es dort mehrere Ansprechpartner nur für Medizinstudenten, die immer ein offenes Ohr für mich hatten.

Weiterhin hatte ich die Möglichkeit, an einem dreitägigen „ATLS Kurs“ (Advanced Trauma Live Support) teilzunehmen, in welchem ich auch viele praktische Fertigkeiten wie Pleuradrainage, ZVK-Anlage, Perikardiozentese oder Krikotomie lernen konnte. Ferner durfte ich an einer Konferenz über Diabetes in Birmingham teilnehmen. Freitags unterrichtete ich manchmal sogar selbst Erstsemester und versuchte ihnen, einige klinisch praktische Fertigkeiten beizubringen, was auch eine sehr interessante Erfahrung war. Dabei konnte ich feststellen, dass die englischen Medizinstudenten einen viel mehr praxisbezogenen Unterricht haben und gleich von Anfang an mehr in den klinischen Alltag mit einbezogen werden als wir deutschen Medizinstudenten. Weiterhin denke ich, dass im englischen System viel mehr Wert auf das Basiswissen und die Basisfertigkeiten gelegt wird, wohingegen in Deutschland viel Detailwissen verlangt wird.

Leben in Großbritannien

Coventry-Cathedral
Coventry-Cathedral

Das Vorurteil, dass das englische Wetter ziemlich mies ist und es die ganze Zeit regnet, kann ich zum Glück nicht bestätigen. Ich denke, dass es im Vergleich zur Heimat mehr oder weniger genauso viel oder wenig Regen gibt und es von den Temperaturen her gesehen eher etwas milder ist. Ansonsten haben sich für mich viele andere, für Engländer bekannte Lebensarten bestätigt. So zum Beispiel die kulinarischen Vorlieben der Engländer wie English Breakfast, Fish & Chips, Tea Time oder deren ausgedehnte Pub Kultur, in der es völlig normal war, sich auch schon mal morgens um 11:00 Uhr auch außerhalb des Wochenendes das zweite Bier zu bestellen. Auch der Modegeschmack der englischen Bevölkerung ist teilweise sehr ausgefallen und gewöhnungsbedürftig.

An das Autofahren auf der linken Seite konnte ich mich ziemlich schnell gewöhnen, jedoch nicht an den eher aggressiven Fahrstil der Briten. Was die Benzinpreise Englands anbetrifft, sind diese ungefähr mit unseren vergleichbar (1.30 Pfund pro Liter). Auch das Straßennetz ist, denke ich, ähnlich gut ausgebaut wie in Deutschland.

Die Lebensmittelpreise befinden sich meiner Meinung nach in einem ähnlichen Preissegment und auch das Lebensmittelangebot an sich ist ziemlich ähnlich. In den meisten großen Städten gibt es sogar Lidl und Aldi Supermärkte. Die Preise für Unterkünfte fand ich allerdings ziemlich hoch. Ich habe auf der Insel für ein halb so großes Zimmer fast das Doppelte an Miete bezahlt als in meiner WG in Deutschland.

Geschichtlich gesehen, hat England einiges zu bieten, schließlich sind die ältesten Spuren menschlichen Lebens um die 250.000 Jahre alt. Es gibt wohl kaum eine Ecke in ganz Großbritannien, in der es keine Burg oder Schloss, eine Kirche oder Kathedrale gibt. Auch landschaftlich und städtetechnisch hat Großbritannien ein paar schöne Seiten im Angebot, so zum Beispiel war ich sehr erstaunt über die landschaftliche Vielfalt Nordwales, die naturbelassene Gegend in Schottland oder die architektonisch beeindruckenden Städte York und Bath. Aber auch bekannte Städte wie Liverpool, Oxford und London sind definitiv eine Reise wert.

Mein Fazit

Der Snowdonia Nationalpark in Northwales
Der Snowdonia Nationalpark in Northwales

Ich kann sagen, dass ich während meiner 16 Wochen in Großbritannien, nicht nur medizinisch gesehen, viel gelernt habe, sondern auch einen guten Einblick in das englische Gesundheitssystem bekommen habe. Die Ärzte im George Eliot Hospital sind sehr am Unterrichten der Medizinstudenten interessiert und haben immer sehr viel Zeit als auch Geduld mitgebracht. Die vielen Seminare und Angebote für „Skills Teaching“ etc. fand ich ebenfalls sehr hilfreich. Wer es gerne etwas persönlicher und familiärer im PJ mag und über die soziale Situation in Zentralengland hinwegsehen kann, ist im George Eliot Hospital auf jeden Fall sehr gut aufgehoben.

Da ich nicht mit Engländern zusammen gewohnt habe und es auch nur vereinzelt englische Ärzte im Krankenhaus gab, habe ich leider nur sehr wenig über die englischen Lebensgewohnheiten erfahren können, dafür aber umso mehr über indische Gepflogenheiten. Sprachtechnisch gesehen, kann ich behaupten, dass ich meine Englischkenntnisse gut ausbauen konnte.

Alles in Allem ist das George Eliot Hospital ein sehr guter Ort für ein Tertial in der Inneren Medizin.

S.,J.

Nuneaton, Warwickshire, November 2013

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