Famulatur in Togo – Gynäkologie und Geburtshilfe

15. November 2013

in Chancen im Ausland, Famulatur im Ausland, Gynäkologie und Geburtshilfe, Togo

Togo, Lomé, Universitätsklinikum Sylvano Olympio de Tokoin Lomé (31.07.-30.08.2013)

Die ehemals deutsche und folgend französische Kolonie Togo ist eines der kleinsten Länder (West-) Afrikas mit einer Länge von ca. 550 km und einer Breite von knapp 50 km. Angrenzend liegen die Länder Ghana im Westen, Burkina Faso im Norden und Benin im Osten. Die Hauptstadt Lomé liegt im maritimen Süden und hat ca. 1 Million Einwohner. Und dieses Land war nun das Ziel meiner letzten Famulatur gewesen.

“Yovo! Yovo!” – “Bonsoir, ça va bien, merci!”

Dieses afrikanische Kinderlied höre ich immer noch in meinen Ohren. Die Kinder riefen uns das Wort „Yovo“ nach, welches in der Landessprache Ewe „Weiße“ bedeutet. Sie freuten sich sehr über unsere passende Antwort aus dem Lied: „Bonsoir, ça va bien, merci!“.

Ich bin sehr glücklich, mich im Rahmen meiner letzten Famulatur für einen Aufenthalt im Ausland und insbesondere in (West-) Afrika entschieden zu haben. Diese intensive Zeit hat mich persönlich stark weiterentwickelt und medizinisch ebenfalls bereichert. Die Erfahrungen mit dem anderen Gesundheitssystem, den Menschen, der Sprache und Kultur möchte ich keinesfalls missen.

Rückblickend ist die sogenannte „Praktikums“ – Reise im Rahmen des „Projekts Westafrika e.V.“ meiner Meinung nach jedoch nicht uneingeschränkt weiterzuempfehlen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis erschien mir im Nachhinein relativ unverhältnismäßig und meine Vorstellung im Vorfeld von einer Famulatur-Reise, kombiniert mit ehrenamtlicher Tätigkeit, wurde leider nur sehr eingeschränkt erfüllt. Im Hinblick auf die Famulatur bin ich insgesamt vergleichsweise zufrieden, da ich zumindest in zwei besonderen Situationen praktisch tätig werden durfte. Hätte ich die Famulatur privat organisiert und nicht über das Projekt absolviert, wäre ich wahrscheinlich im Nachhinein zufriedener gewesen und hätte fachlich mehr mitnehmen können.

Ich freue mich sehr darüber, hier auf Medizinernachwuchs.de anderen Medizinstudenten meine Erfahrungen aus Togo und meine subjektive Meinung über das „Projekt Westafrika e.V.“ mitteilen zu dürfen.

Wieso verschlägt es eine Gruppe von deutschen Medizinstudenten nach Togo?

Universitätsklinikum CHU-SO Tokoin, Lomé Togo
Universitätsklinikum CHU-SO Tokoin, Lomé Togo

Ich hatte bereits in meinem ersten Semester, im Wintersemester 2009/10, über den Charité-Verteiler von dem Marburger „Projekt Westafrika e.V.“ erfahren und auf der gleichnamigen Internetseite recherchiert. Sogleich war ich „Feuer und Flamme“ für das Projekt, welches Praktikumsreisen für Medizinstudenten organisiert und diese mit ehrenamtlichen Tätigkeiten zu kombinieren scheint. „Es gibt Menschen, die in ihrem Leben etwas dazu beitragen, andere Leben zu retten. Wir wollen ein Teil davon sein.“ ist der Leitspruch des Projekts, welcher auf mich persönlich jedoch damals eher theatralisch und abschreckend wirkte.

Dagegen fand ich allerdings die Ziele des Projektes sofort überzeugend, wie den Aufbau eines Kinderheims und eines Gesundheitszentrums, den interkulturellen Austausch zwischen Studenten aus Westafrika und Deutschland, Frauenförderung, humanitäre Hilfe, Gesundheitshilfe und die Unterstützung sozial Benachteiligter. Außerdem wollte ich seit jeher unbedingt Erfahrungen in einem derartigen Projekt sammeln. Ich behielt diesen Traum semesterlang im Hinterkopf. Nach langem Arbeiten, Sparen, zeitlichem Kalkulieren und drei Monaten absolvierter Famulaturen bewarb ich mich.

Erforderlich hierfür war unter anderem ein kurzes Motivationsschreiben, welches ich zu Semesterbeginn des Sommersemesters 2013 für die Teilnahme an der in den folgenden Semesterferien stattfindenden Praktikumsreise einschickte. Nach der gewünscht zügigen Überweisung von 2.200€, da „nur“ 20 Plätze zur Verfügung standen, bestätigte mir der Reiseleiter die Teilnahme. Der Betrag war für Flug, Unterkunft im Hotel, Verpflegung, Visa, Organisationspauschale für den Reiseführer, T-Shirt des Projekts, Praktikumsausweis und Reise-, Kranken- und Gepäckversicherung.

Vorbereitungen

Gelände des Universitätsklinikums Lomé Togo
Gelände des Universitätsklinikums Lomé Togo

Einen Monat vor Reisebeginn gab es ein ca. zweistündiges Vortreffen in Marburg, für welches ich aus Berlin anreiste. Leider muss ich rückblickend sagen, dass sich der Aufwand dieser Pflichtveranstaltung mit der langen Anreise nicht gelohnt hat. Als Einziges persönlich lohnenswert war es, dass ich meine ersten Spenden, die ich im Vorfeld über alle möglichen Kontakte zusammengetragen hatte, übergeben konnte. Ich sammelte zuvor über mehrere Monate medizinische Spenden, Kuscheltiere und Spielzeug. Hierbei waren sowohl mein Arbeitsumfeld als auch meine Kommilitonen und meine Familie eine große Unterstützung.

Die Erfahrung der Spendenakquise hat mir gezeigt, wie hilfsbereit und unterstützend Menschen sein können. Zur Teilnahme an der Reise war dieses Spendensammeln jedoch nicht obligatorisch. Der Reiseleiter schien sogar überrascht, dass ich mich direkt nach der Teilnahmebestätigung nach dem Flyer des Projekts zur Spendenakquise erkundigte. Für mich persönlich war dies jedoch eine interessante, positive, wenn auch stressige und teilweise wirklich körperlich anstrengende Erfahrung. Allerdings habe ich später in Togo gemerkt, dass insbesondere die Kuscheltiere den Kindern viel Freude bereiteten und sich somit der große Aufwand bereits vor Antritt der Reise sehr gelohnt hat!

Während des Treffens konnte ich die zukünftig gemeinsam reisende Gruppe inklusive des Reiseleiters persönlich kennenlernen. Der Reiseleiter ist zugleich der Projektgründer des „Projekts Westafrika e.V.“. Er ist ursprünglich Togolese und siedelte Ende der 90er aufgrund eines Humanmedizinstudiums in Marburg nach Deutschland um. Ungefähr zeitgleich im Jahr 1999 rief er das Projekt ins Leben und seit 2005 ist dieses ein eingetragener Verein, der die Praktikumsreisen für Studenten verschiedener Fachrichtungen zweimal im Jahr organisiert.

Der Anstoß zur Gründung des Projekts war, dass deutsche Studenten das togolesische Pflegepraktikum kennenlernen sollten. Dieses ist ganz anders gestaltet, es stehen zum Beispiel Wundverbände viel mehr im Fokus und es ist nur mit einer anspruchsvollen, praktischen Prüfung erfolgreich zu absolvieren. Diese Prüfung findet sogar nur einmal pro Jahr statt.

Während des Treffens hielt der Projektleiter eine Powerpoint-Präsentation mit Informationen über das Projekt, Togo, Rahmenbedingungen und die geplanten Aktivitäten. Es wurden einige Formalitäten, wie das Unterschreiben eines Reisevertrags, Aussuchen der Fachrichtung für das jeweilige Praktikum und das Einsammeln von Passfotos für die zu beantragenden Visa für Wochenendreisen nach Benin und Ghana erledigt. Den Reisevertrag selbst konnten wir leider nicht in Ruhe vor der Unterzeichnung lesen. Später ist aufgefallen, dass in dem Vertrag der falsche Zeitraum, nämlich das Wintersemester 2012/13 angegeben war und die Gültigkeit damit im Nachhinein in Frage zu stellen wäre. Ein gegengezeichnetes Exemplar mit Unterschrift des Reiseleiters erhielten wir nicht.

In dem Vertrag standen unter anderem verschiedene Rahmenbedingungen bezüglich des Praktikums, Abbruchbedingungen und Verhaltensweisen während der Reise. Zusätzlich hielt sich der Leiter mittels des Vertrages die Möglichkeit offen, weitere Regeln erst vor Ort mitzuteilen. Dass in dem Vertrag sowohl die Rechtschreibung als auch die Grammatik nicht immer korrekt waren, verwunderte mich.

Die Reisegruppe, bestehend aus 15 Medizinstudenten, zwei davon männlich, aus ganz Deutschland (Heidelberg, Göttingen, Marburg, Gießen und Berlin), erschien auf den ersten Blick sehr sympathisch. Diese scheinbar günstige Gruppenkonstellation, die vorgestellten Aktivitäten und ein Praktikum auf der Gynäkologie und Geburtshilfe steigerte meine Vorfreude auf die Reise sehr. Insbesondere die Gelegenheit, mehr nach dem Prinzip „learning by doing“ zu lernen, fand ich als medizinische Herausforderung sehr spannend. Laut des Reiseleiters würden wir „einmal beim Kaiserschnitt zugucken und anschließend direkt eigenständig operieren“.

Irritiert waren die Meisten, inklusive ich, wohl von den für einen Reiseführer eher nicht überragenden Deutschkenntnissen, obwohl dieser die Reisen seit aufgerundet fast 10 Jahren organisiert. Aufgrund dieser sprachlichen Probleme versuchte ich Telefonate im Anschluss an das Vortreffen mit dem Leiter zu vermeiden und wich auf E-Mails aus. Zwar spürte ich während und nach dem Vortreffen bereits ein mulmiges Gefühl in meinem Magen, zog meinen Teilnahmewunsch aber nicht zurück. Ich hatte mich schon lange auf diese Reise vorbereitet und eine kurzfristige andere Auslandsfamulatur, insbesondere mit dem Hintergrund ehrenamtlicher Tätigkeiten, wäre nicht mehr zu organisieren gewesen. Bei dem Treffen wurde denjenigen, welche die Reise für zwei Monate gebucht hatten, kurzfristig mitgeteilt, dass die Reise doch auf vier Wochen begrenzt sei. Im Anschluss an die Veranstaltung musste ich noch Zugtickets von Berlin zum Frankfurter Flughafen kaufen, von dort sollte der Flug der Gruppe losgehen.

Zusätzlich sollten alle Teilnehmer medizinische Utensilien zur Benutzung im Krankenhaus während der Famulatur oder des Pflegepraktikums erwerben. Das hieß konkret in meinem Fall: sterile und unsterile Handschuhe, OP-Masken, OP-Hauben, Überziehschuhe und Desinfektionsmittel. Auch weiße Kittel, OP-Kasacks, OP-Schuhe und Stethoskop habe ich selbst mitgebracht. Um bereits vorwegzugreifen: nach Ende der Reise haben wir einen Großteil der gekauften Utensilien unbenutzt im Krankenhaus hinterlassen. Die Ausrüstung in dem Universitätsklinikum war nämlich nicht derart ungenügend wie angekündigt. Dort sind im Großem und Ganzen die medizinischen Utensilien vorhanden und insbesondere für die kurze Zeit des Praktikums werden jedem Studenten je nach Bedarf sterile Handschuhe, OP-Hauben oder anderes gereicht. Eine kleinere, selbst finanzierte Grundausrüstung hätte wohl genügt und eine Absprache innerhalb der Gruppe wäre sinnvoll gewesen.

Die Impfungen gegen Gelbfieber, Hepatitis A, Meningokokken und zusätzlich Typhus habe ich im Vorfeld im Tropeninstitut vorgenommen. Als Malariaprophylaxe habe ich mir in Lomé „Paludrine“ (entspricht Malorone) gekauft, da dieses dort umgerechnet für fünf Wochen nur circa 15€ kostete.

In Deutschland hatte ich mir nach der Angabe des Reiseleiters, dass es 40°C Grad heiß werden würde, viel Sonnencrème gekauft. Zum Schutz gegen Moskitos erwarb ich ein Mückennetz und Mückensprays für die Haut und Kleidung. Im Endeffekt war weder die Mückenbelastung am Tage, noch die Hitze mit maximal 30°C so gravierend. Leider hatte ich tendenziell insbesondere für die kühlen Abendstunden, zu denen man sich definitiv gegen Mücken schützen sollte, eher zu wenig warme Kleidung im Gepäck. Im August ist es in Lomé tagsüber so warm wie in Deutschland. Teilweise war es in Berlin zu der Zeit im August sogar heißer als in Lomé. Die heißeste Zeit in Togo ist im Februar, zu welcher Zeit ebenfalls eine Praktikumsreise stattfindet, mit um die 40°C.

Um mich sprachlich auf die Reise vorzubereiten und mein Schulfranzösisch aufzubessern, lernte ich in den vorherigen Semesterferien wieder Französisch. Ich besuchte anschließend im Sommersemester den ChIC („Charité International Cooperation“) – Kurs „Französisch für Mediziner“. In diesem Kurs konnte ich mich anhand von vier Simulationspatienten gut auf die Anamneseerhebung in Afrika vorbereiten. Das zusammenfassende Kursheftchen des ChIC-Kurses, mitsamt „Französisch für Mediziner“ des Elsevier Verlags und zusätzlich dem Pocket Wörterbuch „Medical English“ von Bibliomed waren mir anschließend gute Begleiter in der Kitteltasche. Generell muss ich hinzufügen, dass ich das Praktikum ohne jegliche Französischkenntnisse, im Gegensatz zur Aussage des Projektleiters, nicht empfehlenswert finde. Es wird neben der Landessprache „Ewe“ auf Französisch kommuniziert und selbst für Personen mit sehr guten Französischkenntnissen ist der dortige Akzent nicht leicht zu verstehen. Ärzte, die Englisch sprechen, sind eher die Ausnahme.

Neben diesen sprachlichen Vorbereitungen absolvierte ich mehrere kleine Tutorien zu den Themen Knoten-, Nahttechniken und Geburten am Modell im Trainingszentrum für ärztliche Fertigkeiten der Charité (TÄF), um mich auf die praktischen Tätigkeiten vorzubereiten.

Anreise und Unterkunft

Endlich ging es los. Da ich eine so lange Zeit auf den Beginn dieser Reise gewartet hatte, konnte ich es überhaupt nicht realisieren, dass es nun wirklich soweit war. Morgens um 7:00 Uhr begann die Reise in Berlin, damit ich um 18:00 Uhr pünktlich mitsamt der Reisetruppe im Flugzeug Richtung Togos Hauptstadt Lomé sitzen konnte. Jeder reiste auf der Hinreise offiziell mit einem Gepäckstück für sich, plus Handgepäck und ein Paket mit Spendengütern für das Projekt Westafrika. Ich hatte mir zuvor die Erlaubnis eingeholt, einen zweiten Koffer, gefüllt mit Spenden, zu transportieren. Für die Rückreise war für jeden ein zweiter Koffer anstelle des Pakets gebucht. Der Zwischenaufenthalt erfolgte für fünf Stunden in Casablanca und um 4:30 Uhr Ortszeit kamen wir in Lomé an. Erschöpft, aber glücklich, schloss die Fahrt mit einem großen, ehemaligen Münsteraner Krankenhauswagen in das relativ nahegelegene Hotel die Reise ab. Die Aufteilung der Personen auf 2er- und 3er-Zimmer klappte um diese Uhrzeit entsprechend ohne Probleme. Jedes Zimmer war mit eigenem Bad, Klimaanlage und Doppelbett ausgestattet.

Wäsche waschen war circa einmal pro Woche möglich. Leider gab es im Hotel während des vierwöchigen Aufenthaltes erst nach eineinhalb Wochen Internet per WiFi und auch darauffolgend war der tägliche Zugriff eher ein Glücksspiel als ein gesicherter Umstand. Das Fehlen des Internets sollte zwar grundsätzlich nicht in einem westafrikanischen Land moniert werden, jedoch führte die falsch geschürte Erwartung zu Enttäuschung und zumindest bei mir zu Komplikationen mit anderen beruflichen Verpflichtungen.

Im Hotel wurden wir täglich mittags und abends von den Cousinen des Reiseleiters mit afrikanischen Gerichten beköstigt: Süßkartoffeln, Yamswurzeln, Kochbananen, Couscous, frittierte Teigbällchen, Maisbrei und zum Nachtisch Früchte wie Mango, Ananas und Papaya. Auf unseren Wunsch hin gab es häufiger Avocado- oder Gemüsesalat. Einmal grillten wir sogar eine Ziege. Morgens frühstückten wir eher „deutsch“ mit vor Ort gekauftem Weißbrot und aus Deutschland mitgebrachten Konfitüren, Käse, Schokoladencreme, Müsli, Milch, Kaffee und Tee. Von Zeit zu Zeit wurde morgens aber auch milchreisartiger „Maniok-Brei“ serviert. Ich fand das Essen, welches als kohlenhydratreich und häufig frittiert zu beschreiben ist, zumeist lecker. Einige Teilnehmer mussten jedoch leider im Laufe der Reise aufgrund des Essens häufiger mit Magen-Darm-Problemen kämpfen.

Famulatur auf der Gynäkologie und Geburtshilfe

Operationsplan der Gynäkologie und Geburtshilfe
Operationsplan der Gynäkologie und Geburtshilfe

Zu Beginn des Praktikums wurde die gesamte Teilnehmergruppe offiziell vom leitenden Professor des Universitätsklinikums Sylvanus Olympio de Tokoin Lomé gastfreundlich empfangen. Anschließend erfolgte der Rundgang durch das weitläufige Klinikum und die verschiedenen Fachrichtungen. Wir Studenten sollten unsere Pflegepraktika oder Famulaturen wie gewünscht in der chirurgischen Notaufnahme, der Neurochirurgie, Traumatologie, Dermatologie oder wie in meinem Fall in der Gynäkologie und Geburtshilfe absolvieren und wurden entsprechend direkt auf den Stationen vorgestellt.

Diese Station besteht aus mehreren Untereinheiten: dem Operationsblock mit drei Sälen und dazugehöriger Sterilisation, einer Ambulanz für pränatale Voruntersuchungen, einem Raum für allgemein gynäkologische Patientinnen, Kreißsälen, Regenerationsräumen für Patienten nach Geburten oder Operationen, einem Raum für Risikoschwangerschaften, zwei Räumen für die Frühgeborenen und mehreren allgemeinen Untersuchungsräumen.

Auf dieser Station waren wir vom Projekt her insgesamt drei Praktikanten. Zwei zum Pflegepraktikum und ich als Famulantin. Überdies arbeitete zeitgleich eine weitere deutsche Studentin unserer Teilnehmergruppe an ihrer Doktorarbeit und eine spanische Studentin machte separat von unserem Projekt dort ebenfalls ihre Famulatur. Jeder Morgen begann um 7:30 Uhr mit dem sogenannten „Staff“, der Übergabe und Besprechung aller Ärzte und Hebammen. Hier wurden der vorherige Tag, besondere Fälle und die kommenden Arbeitszuteilungen besprochen. Auch wurden Vorträge von jüngeren Ärzten oder Pharmavertretern über verschiedene Themen gehalten.

Die erste Woche verbrachte ich im Wechsel zwischen der allgemein gynäkologischen Station und der pränatalen Ambulanz, in welcher die Schwangerschafts-Vorsorge-Untersuchungen stattfanden. In der folgenden Woche lag der Fokus auf dem Kreißsaal und anschließend spielte sich der Rhythmus ein, direkt nach der Frühbesprechung in den OP-Block zu gehen und nach Ende der Operationen die Zeit je nach interessanten Gegebenheiten zu verbringen. Ich war einige Tage einzeln mit einem togolesischen Arzt unterwegs und danach häufig in Begleitung einer deutschen Studentin mit luxemburgischen Wurzeln. Die Kombination aus gegenseitiger Unterstützung im Französisch und beim medizinisch, gynäkologischen Wissen stellte für uns die perfekte Symbiose dar.

Vor Beginn der Famulatur hatte ich mir meine eigenen, praktischen Ziele gesteckt: Erstens meine erlernten Fertigkeiten der Nahtkurse in der Realität anzuwenden und zweitens das erste Mal am Operationstisch zu assistieren. Nach den ersten Tagen war ich mir leider gewiss, dass diese Ziele unter den Praktikumsbedingungen nicht zu erreichen sind. Meine Enttäuschung war über mehrere Tage stark ausgeprägt. Dank einer großen Menge an Glück sollte ich jedoch noch eines anderen belehrt werden…

Praktisch konnte ich Schwangerschaftsuntersuchungen, wie beispielweise das Abhören der kindlichen Herzgeräusche mittels eines speziellen trompetenartigen Trichters, dem sogenannten „Pinard-Rohr“, durchführen. Auch die palpatorische Bestimmung der Lage des Kindes mit Hilfe der Leopold-Handgriffe und die Abschätzung der Schwangerschaftswoche anhand der Bauchgröße konnte ich üben. Ein Kameruner Arzt war sehr freundlich und motiviert und führte mit uns „Bedside-Teachings“, unter anderem zu den Themen Prostaglandinen in der Schwangerschaftseinleitung, Geburtsschwierigkeiten aufgrund von Lageanomalien und Mehrlingsgeburten durch. Ich konnte mehrere Geburten und anschließendes Nähen von Dammrissen beobachten und dabei teilweise assistieren. Die Neugeborenen-Untersuchung in Form von Bestimmung mehrerer Parameter führte eine Pflegepraktikantin mit großer Begeisterung durch, ebenso wie die Waschungen mit Vaseline und das Wickeln der Neugeborenen.

Ich war häufiger im Operationsblock und konnte interessanten Operationen beiwohnen. Diese reichten von zahlreichen Kaiserschnitten, über verschiedene Brusttumore, Hysterektomien, bis hin zur Operation einer Zystozele. Es gab mehrere Fälle, bei denen der gesamte Uterus aus benignen Tumoren zu bestehen schien. Schockierend war darüber hinaus der Fall einer Totgeburt. Für diesen Fötus sollte aufgrund des bereits bekannten Todes kein Kaiserschnitt durchgeführt werden. Jedoch kam es nach natürlicher Geburt des Kopfes zum Geburtsstillstand. Nach circa 4-5 Stunden in diesem Zustand und eintretender Deformierung des Kopfes wurde versucht, das Kind im OP in Vollnarkose der Mutter aus dem Mutterleib zu entfernen. Vorerst sollte dieses ohne operativen Eingriff durch den Bauchraum versucht werden. Nachdem alle potentiell helfenden Ärzte hinzugezogen wurden, kam es durch die manuell vereinten Kräfte des Professors und eines Oberarztes zu dem Abriss des Kindskopfes. Anschließend konnte die vollständige Entfernung des kindlichen Körpers erfolgen. Die Ärzte blieben trotz der kritischen Situation und des Improvisierens bemerkenswert ruhig und gelassen.

Besondere Momente meiner Famulatur

Assistenz bei Kaiserschnitt
Assistenz bei Kaiserschnitt

Der erste persönliche Höhepunkt in der zeitlichen Mitte des Praktikums erfolgte an einem Tag, an dem nicht viele Operationen auf dem OP-Plan in der Gynäkologie standen. Wir drei deutsche Praktikanten gingen gemeinsam zu Besuch in die chirurgische Notaufnahme. Es traf ein junger Motorrad-Taxi-Fahrer ein. Dieser war Opfer eines Raubüberfalls geworden. Dem jungen Mann wurde dabei sein Motorrad entwendet und ihm wurden dabei zwei tiefe Schnittverletzungen mittels eines Messers am hinteren Kopf zugefügt. Die Verletzungen waren so tief, dass stellenweise die Schädeldecke einzusehen war. Nachdem die lokale Betäubung mit Lidocain und die Desinfizierung des Hinterkopfes erfolgten, begann der Arzt mit dem Nähen in Form einer Einzelknopfnaht. Ich fand schnell einen guten Draht zu dem Arzt, indem ich mich mit ihm auf Französisch unterhielt. Wir sprachen zuerst über den Patienten und folgend kurz über mich sowie mein Studium in Deutschland. Zuerst durfte ich ihm das Nähbesteck anreichen, mit der Schere die Fäden abschneiden und anschließend selbst mehrere Stiche und Knoten setzen.

Nach dieser Naht-Premiere sprudelte ich vor Glück und bedankte mich aufrichtig bei dem Arzt, der mich direkt für einen weiteren Patienten dort behalten wollte. Leider stand der offizielle Feierabend vor der Tür und ich musste gehen. Getrübt wurde diese positive, medizinische Erfahrung von der Information, dass die übrigen deutschen Praktikanten bis zu diesem Zeitpunkt und auch anschließend bis zum Ende des Praktikums keine Nähte machen durften. Dieser Umstand war mir leider zum Zeitpunkt des Nähens nicht bekannt und hinterließ in mir ein ungutes Gefühl. Soviel zum „learning by doing“ in der chirurgischen Notaufnahme. An diesem Tag entschied ich mich dazu, meine restlichen Kuscheltiere an diese Notaufnahme abzugeben. Diese sollten dort den verbrannten Kindern, die leider gehäuft dort einkehren, eine kleine Freude bereiten.

Ausgerechnet am letzten Praktikumstag war ich wiederholt zur richtigen Zeit am richtigen Ort und durfte, von mir völlig unerwartet, bei einem notfallmäßigen Kaiserschnitt am Operationstisch assistieren. Hierbei konnte ich Haken halten, Blut mit Kompressen tupfen, die Gebärmutter erweitern und bei den Nähten mittels Schere assistieren. Während der Operation konnte ich ebenfalls ein tolles Gespräch mit dem netten, togolesischen Arzt führen. Die Luxemburgerin leistete mir seelischen und sprachlichen Beistand.

Am letzten Tag verließ ich somit freudestrahlend die Station und wollte voller positiver Emotionen mein übriges medizinisches Material unserem vertrauten Kameruner Arzt mitgeben, sodass damit gute Dinge geschehen sollten. Er wollte einen Teil der Utensilien an Frauen in seinem Heimatland weitergeben, die sich diese nicht leisten konnten. Dieser Arzt hatte ebenfalls seinen letzten Tag in Lomé und wartete bereits in seiner normalen Alltagskleidung extra noch zehn Minuten bis unser Hab und Gut endlich zugänglich war.

Leider mussten wir drei Studenten der Gynäkologie feststellen, dass fast unser gesamtes medizinisches Material ohne vorherige Absprache in die chirurgische Notaufnahme abtransportiert worden war. Die Pflegepraktikanten und ich übergaben dem Kameruner noch die letzten vorhandenen Reste, bedankten uns herzlich für seine Teachings und wünschten ihm eine gute Reise zurück in seine Heimat.

Anschließend gab es leider eine aufrührende Situation: Der Reiseleiter hatte meine Verärgerung mitbekommen, dass ich dem einen Arzt die Utensilien nicht übergeben konnte. Da dieser Arzt das Krankenhaus zu dem Zeitpunkt aber bereits verlassen hatte, teilte ich dem Reiseleiter mehrfach mit, dass die Utensilien jetzt in der chirurgischen Notaufnahme bleiben könnten. Nachdem er diese Aussagen kategorisch ignorierte und sogar noch eine andere Studentin involvierte, wurde mir von dieser ein Karton mit medizinischen Utensilien, die nicht nur meine waren, vor den Türen des Krankenhauses ausgehändigt.

Da mir erst die Gelegenheit verwehrt wurde, meine gekauften Materialen dem zu geben, wen ich wollte und mein zweiter Wunsch des Verbleibens ignoriert wurde, fühlte ich mich letztendlich mit dem Karton mit größtenteils „fremden“ Spenden ziemlich ausgesetzt. Ich hatte aber das Glück, dass ich den Karton nicht irgendwohin stellen musste, sondern diesen noch einer Ärztin des Krankenhauses, die uns netterweise häufiger zum Krankenhaus gefahren hatte, als Dank von uns allen für das Praktikum überreichen konnte. Nicht gerade der gewünschte Praktikumsabschluss, so wie ich ihn mir noch eine Stunde zuvor vorgestellt hatte. Der Reiseleiter äußerte sich anschließend nicht zu seiner Reaktion.

Wahrscheinlich ist bislang der Eindruck entstanden, dass diese Reise größtenteils aus dem Praktikumsanteil bestand. Objektiv betrachtet war dies jedoch nicht der Fall. Wenn ich die Bilanz ziehe, waren wir nur einen erschreckend kleinen Teil der Zeit in Afrika mit den Praktikumstätigkeiten beschäftigt, wodurch der für ein einmonatiges Praktikum eher geringe fachliche Lerneffekt zu erklären ist.

Unterschiede zu Deutschland

Die Arbeit im Krankenhaus findet in Togo unter ganz anderen Bedingungen und mit anderen Schwerpunkten als in Deutschland statt. Der finanzielle Hintergrund erschwert generell die medizinische Versorgung. Zuerst müssen die Patienten, von denen nur ein kleiner Bruchteil krankenversichert ist, Material für die Behandlungen käuflich erwerben und nach stattgefunden Operationen alle Kosten, auch für die ärztlichen Tätigkeiten, selbst tragen. Jeder Patient bringt somit selbst medizinisches Material wie Verbände, Kompressen und Desinfektionsmittel mit. Wenn die Materialen für eine Operation nicht gekauft werden können, findet die Operation nicht statt. Unter anderem diese Umstände führen dazu, dass die Krankheiten viel weiter voranschreiten, als es in Deutschland der Fall ist.

Privatsphäre ist in den großen Räumen der Stationen nicht gegeben. Ohne jeglichen Schutz gebären die Frauen ihre Kinder oder werden, auch vaginal, untersucht. Die Patientinnen kleiden sich stets komplett nackt aus, legen sich auf ihr eigens mitgebrachtes Tuch und warten so auf die gynäkologische Untersuchung oder auf Operationen, was teilweise sogar bis über eine Stunde entkleidetes Warten im Operationssaal bedeutete, ein hierzulande unvorstellbares Vorgehen. In Deutschland wird darauf geachtet, dass die Patientinnen entweder oben oder unten bedeckt sind.

Die Ärzte oder Hebammen zeigen gegenüber den Patienten nur in wenigen Fällen einen nach deutschen Vorstellungen respektvollen Umgang oder Empathie. Begrüßungen der Patienten zu Beginn einer Untersuchung, die Vorstellung der eigenen Person mit Angabe der Funktion oder kleine Gespräche zum Vertrauensaufbau scheinen nicht an oberster Stelle im Interesse der Ärzte zu stehen. Es ist ebenfalls keine Seltenheit, dass eine Traube von Ärzten direkt um einen Patienten steht und den Fall öffentlich diskutiert. Leider ist es die Regel, dass gynäkologische Patientinnen bei den eigentlich nicht schmerzhaften vaginalen Untersuchungen vor Schmerz schreien und diese Schreie ignoriert werden. Häufig erfolgt von dem medizinischen Personal als Reaktion nur das relativ rabiate Anschreien, dass die Patientin „mutiger“ sein solle.

Die Frauen sind komplett auf sich allein gestellt und erfahren keine Unterstützung durch ihre Ehemänner oder andere Teile der Familie. Auch könnten die Geburten für die Frauen sehr traumatisierend sein, da keinerlei Behandlung gegen die Schmerzen, z.B. in Form einer Periduralanästhesie, stattfindet. Oberflächliche und tiefe Dammrisse werden im Anschluss an die Geburten ohne Lokalanästhesie genäht. Direkt nach einer natürlichen Geburt bekommen die Mütter in Deutschland ihr Kind zum Aufbau der Mutter-Kind-Beziehung für einige Zeit auf die Brust gelegt, was in diesem afrikanischen Krankenhaus keinerlei Beachtung findet. Das Kind kommt erst nach mehreren Stunden wieder zurück zu der Mutter. Da eine Frau in Togo durchschnittlich fast fünf Kinder zur Welt bringt, hat eine Geburt als Ereignis generell keinen so hohen Stellenwert. Diese wird nicht derart hingebungsvoll vorbereitet und geplant, wie es zumeist in europäischen Kreisen der Fall ist.

Die Hautnähte nach Operationen entsprechen selten den deutschen, ästhetischen Ansprüchen. Bei Nähten werden nicht immer gegenläufige Knoten gemacht und teilweise war zu sehen, dass sich einige Knoten wieder auflösten.

Insbesondere der Umgang mit der Hygiene ist aus deutscher Sicht fragwürdig. Zwar wird Arbeitskleidung nur im Krankenhaus getragen und die OP-Säle als auch die Notaufnahmen regelmäßig geputzt, aber insbesondere die Reinigung hat selten den Effekt, welcher nach deutschen Standards und Hygienevorschriften wünschenswert wäre. Auch ist kein Desinfektionsmittel auf den Stationen offen zugänglich. Allerdings werden standardmäßig bei allen schwangeren Frauen sterile Handschuhe zur vaginalen Untersuchung benutzt. Bei dem Legen eines Harnblasenkatheters ist dieses Benutzen von sterilen Handschuhen, was in Deutschland obligatorisch ist, nicht der Fall. Auch ist es keine Seltenheit, dass im Operationssaal gegessen wird und es ist normal, dass das Tragen von Schmuck des Personals keinerlei negative Beachtung findet.

Die technische Ausstattung ist erwartungsgemäß kaum mit den deutschen Standards zu vergleichen. Auf der Station ist weder ein Ultraschallgerät vorhanden, noch im gesamten Krankenhaus ein Kardiotokogramm, das „CTG“ zur Überwachung kindlicher Herzgeräusche und der Wehen, zu finden. In Deutschland gehören diese beiden Geräte zur absoluten Routineuntersuchung der Geburtshilfe. Eigentlich ist in den Leitlinien in Togo ebenfalls wie in Deutschland vorgeschrieben, dass in jedem Schwangerschaftsdrittel jeweils ein Ultraschall stattfinden soll. In diesem Krankenhaus in Lomé geschieht es häufig, dass eine Hochschwangere nicht einen davon hatte.

In Deutschland herrscht eher genau das gegenteilige Bild und es entsteht der Eindruck, dass bei jeder Untersuchung ein Ultraschall gemacht wird. Wie in Deutschland erheben die Schwestern routiniert täglich den Blutdruck mittels eines einigermaßen funktionierenden Messgerätes. Allerdings gibt es keine Übersicht, z.B. in Form einer Kurve, in der die Parameter dokumentiert werden. Die Abhörung der kindlichen Herztöne mittels des „Pinard-Rohrs“ ist allerdings eine faszinierende Technik, die insbesondere durch die leichte Handhabung und das direkte Ergebnis beeindruckt. Ebenso bemerkenswert sind die von den Gegebenheiten der technischen Ausrüstung unbeeinflussbare Ruhe und das gewohnte Improvisieren der afrikanischen Ärzte in Notfallsituationen.

Trotz all der genannten Unterschiede zu der Stationsarbeit in Deutschland war die Zeit auf der Station eine tolle Erfahrung. Insbesondere die Ärzte und Hebammen hatten nahezu immer Zeit für Zwischenfragen und waren sehr motiviert, allen Studenten viel zu zeigen, zu erklären und praktisch beizubringen. Als Student kann man von der generell stressfreieren Arbeitsweise profitieren.

Gegenüber uns waren die Ärzte generell nicht so distanziert, wie gegenüber den Patienten, sondern verhielten sich sehr herzlich. Auch innerhalb der gesamten Ärzteschaft sind ein großes gegenseitiges Vertrauen und der gemeinsame Spaß an der zu verrichtenden Arbeit zu spüren. Die tägliche Übergabe ähnelte sehr einer deutschen Besprechung, insbesondere wenn der Chefarzt das morgendliche Ritual leitete. Für Studenten zu Beginn sehr irritierend waren nur die sehr impulsiven und stimmgewaltigen Gespräche, die aber keinesfalls Ausdruck eines Streits waren, sondern normale, afrikanische Unterhaltungen. Die Stimmungen der Afrikaner sind aus deutscher Sicht extrem ausgeprägt und schwanken häufig.

Generell scheinen im afrikanischen Medizinstudium und Krankenhaus die praktisch zu erlernenden Fertigkeiten mehr im Fokus zu stehen als in Deutschland. Das theoretisch fundierte Medizinstudium in Deutschland ist folglich nur schwierig mit dem Studium in Afrika zu vergleichen. Beispielsweise muss bei diesem die Prüfung nach dem Pflegepraktikum abgelegt werden und die Studenten werden insgesamt früher im Studium in den Stationsalltag integriert.

Außerdem war zu beobachten, dass die Erkrankungen in Afrika erst in späteren Stadien entdeckt und teilweise aus Kostengründen spät behandelt werden. Besonders weit fortgeschrittene Erkrankungen, wie beispielsweise sehr große Tumore in Brust oder Gebärmutter, bestehend aus unzähligen Myomen, sieht man in Deutschland fast nie. Auch schockierende Fälle, wie zum Beispiel der Abriss des Kindskopfes der Totgeburt oder ein Vagina-Einriss eines jungen Mädchens nach dem Geschlechtsverkehr treten in Deutschland seltener auf.

Mein allgemeines Famulatur-Fazit ist, dass ich fortan die Verhältnisse in deutschen Krankenhäusern mit ganz anderen Augen sehen werde. Das Wohlbefinden des Patienten findet in Afrika weniger Beachtung und der Umgang mit diesen ist komplett andersartig. Beeindruckend ist, dass die Medizin unter komplett anderen Bedingungen, insbesondere in Bezug auf die finanziellen und technischen Voraussetzungen stattfindet und die Krankheitsbilder extremer ausgebildet sind. Die medizinische Hilfestellung scheint in manchen Fällen nur „ein kleiner Tropfen auf dem heißen Stein“ zu sein.

Ausflüge der Projekt Westafrika – „Praktikums“ – Reise

Auf einem Voodoo Markt in Lomé
Auf einem Voodoo Markt in Lomé

Um einen „kleinen“ Eindruck von den Unternehmungen zu geben, folgt eine Aufzählung einiger Aktivitäten. Anschließend stelle ich die medizinisch interessanten oder für mich besonders beeindruckenden Ausflüge dar. Wir fuhren im gesamten August mit Bussen durch Afrika und lernten Land, Natur, Kultur und Menschen kennen. An fast jedem Tag machten wir Unternehmungen innerhalb von Lomé. Jedes Wochenende erfolgten größere Ausflüge nach Benin, „Kpalimé“, ins Landesinnere Togos oder Ghana.

Wir besuchten eine komplett auf Wasser erbaute Stadt, ein Dorf des UNESCO-Weltkulturerbes, einen deutschen, stillgelegten Bahnhof, eine deutsche, ehemalige Funkstation, Kaffee- und Kakaoplantagen, eine Palmweinproduktionsstätte, Obst-, Handwerkermärkte, große Marktstraßen und ein Kinderheim in Lomé. Auch erstiegen wir Berge, machten eine Schmetterlingswanderung, besuchten ein Mausoleum eines Flugzeugabsturzes des ehemaligen Präsidenten Togos, sahen Tiere aus Südafrika bei einer Safari, besuchten ein Demokratiedenkmal und das Parlamentsgebäude in Lomé, sahen eine Statue der Unabhängigkeit, ein Sklavenschloss und -tor, mehrere Strände, (Schmuggler-) Dörfer, eine Salzproduktionsstätte und …

Als ersten Wochenendausflug machten wir eine Reise in das angrenzende Benin. Besonders im Vordergrund des Ausfluges stand die Voodoo-Kultur, welche dort sogar als offizielle Staatsreligion anerkannt ist. Auch in Togo wird diese gelebt. Neben der Schulmedizin hat Voodoo hinsichtlich der medizinischen Versorgung eine große Bedeutung in Westafrika. Der Besuch des Schlangentempels für Voodoo-Götter, eines Voodoo-Marktes und das Erleben einer Musikgruppe, welche Spenden für den kürzlich verstorbenen obersten Voodoo-Priester sammelte, vermittelten uns einen intensiven Eindruck dieser Religion. Auf dem Voodoo-Markt kehren die Gläubigen ein, um den Voodoo-Priester um heilende Zeremonien zu bitten und die dafür benötigten, meist tierischen Utensilien, zu erwerben. Das angebotene Spektrum reichte von Steinen zum Heilen von Rückenleiden, über Voodoo-Puppen und Glücksbringer, bis hin zu unzähligen Körperteilen, oder ganzen Tieren – unter anderem Chamäleons, Vögel, Rinder, Schlangen, und Krokodile. Die Tiere starben laut unseres Voodoo-Markt-Führers eines natürlichen Todes. Während der Fahrt nach Benin und wieder zurück nach Togo verteilte der Reiseleiter einige meiner Kuscheltiere an die Kinder in den vorbeiziehenden Dörfern.

In der zweiten Woche besuchten wir das projekteigene „Kinderheim“ in Lomé. Dieses besteht aus einem Grundstück mit Grundmauern. Insgesamt würde ich das „Gebäude“ eher als zugewachsen und unbearbeitet beschreiben. Im Innenbereich sind hüfthohe Gräser gewachsen und dort steht sogar mindestens eine hohe Palme. Der Bau soll seit dem Jahr 2011 komplett stillstehen. Zur Fertigstellung fehlen 15.000 €, welche die insgesamt 54 Mitglieder des Projekts Westafrika e.V. in Togo weiter durch Spenden zusammentragen werden. Wenn der Zwischenstand von 6.000 € erreicht wird, soll weiter gebaut werden. Das Kinderheim wird eine Unterkunft für 25 Waisen und einen Aufenthaltsort für die Nachbarskinder bieten. Um das Grundstück soll ein Spielplatz entstehen. Bereits feststeht, dass UNICEF nach der Fertigstellung des Kinderheims das tägliche Essen stellen und zwei Mitarbeiter finanzieren wird. Überdies soll ein Raum des Gebäudes zu einer Ausbildungsstätte für Schneider und Friseure werden.

In der Nähe der Stadt „Kpalimé“, welche in Togo liegt, besuchten wir am dritten Wochenende das dortige Lepra-Zentrum. Dieses ist ein Dorf, welches einerseits zur Unterkunft akut und ehemals an Lepra erkrankter Personen und deren Kindern dient, andererseits aber von den umgebenden Dörfern als allgemeines Krankenhaus genutzt wird. Momentan lebten dort 210 Personen, davon 30 mit akuter Lepra. Da Lepra noch stark stigmatisiert wird, werden erkrankte Personen aus ihren Heimatdörfern verstoßen und verbringen nach einjähriger Heilungsphase ihr weiteres Leben somit zwangsweise in diesem Dorf. Werden Kinder geboren, wachsen diese dort auf. Diese Kinder schienen für mich nicht anders zu sein als andere afrikanische Kinder, obwohl diese und ihre Umgebung bereits in den jungen Jahren so stark von der Erkrankung ihren Eltern geprägt sind.

Abgesehen von den körperlichen Erscheinungen der Lepra, wie beispielsweise fehlenden Fingergliedern, erschien die Dorfgemeinschaft wie jede andere. Sie zeichnete sich allerdings durch eine besonders große Gastfreundlichkeit uns gegenüber aus. Bei der Führung durch das Dorf sahen wir die diversen kleinen Wohngelegenheiten, einen Versammlungsort, Spielplätze, einen Kindergarten und eine Schule. Die Medikamente zur Behandlung im Zentrum sind Spenden und stammen unter anderem aus Deutschland. Auch einen Teil meiner in Berlin gesammelten Medikamente haben wir wohl vermutlich an Bewohner des Dorfes übergeben, ebenso wie einen Teil meiner Kuscheltiere und Süßigkeiten einer weiteren Teilnehmerin an die kleinen Dorfbewohner. Zwei weitere Studenten hatten privat Geld von ihren Familien erhalten, von dem wir im Vorfeld Reis und Öl kauften und dem Dorfvorsteher übergaben. Anschließend besuchten wir eine nahegelegene Werkstatt für blinde Handwerker, welche trotz der Behinderung beeindruckende handwerkliche Fähigkeiten aufwiesen und zum Beispiel handgeschnitzte Holzkunstwerke herstellten.

Als Wochenendausflug erfolgte zum Abschluss des gesamten Praktikumsaufenthaltes eine Reise nach Ghana. Die Besichtigung des westlich orientierten und englischsprachigen Landes, der Hauptstadt Accra und eines Museums des ersten Präsidenten Ghanas waren für mich sehr interessant. Das Erklimmen der Berge und die belohnende Sicht auf die höchsten Wasserfälle Westafrikas in „Hohoe“ haben mir persönlich am besten gefallen.

Abschließend mein allgemeiner Eindruck von Togo: Die Kinder winkten und lachten viel während unserer Anwesenheit. Einige Erwachsene zeigten dieses Verhalten ebenfalls, andere waren kritischer eingestellt und guckten eher unfreundlich. Im Vergleich dazu in Benin, wo die Bevölkerung noch ärmer ist als in Togo, war dieser Unterschied in der Akzeptanz gegenüber hellhäutigen Touristen deutlicher zu spüren.

Das allgemeine Bild der Städte und Dörfer Togos ist geprägt durch viele Kinder und junge Erwachsene, farbenprächtige Kleidung, einfache Häuser, viele Kirchen, Moscheen, Häuser von Sekten und viel Müll auf der Straße. Sicherheitsaspekte wie beispielsweise das Tragen von Motorradhelmen im chaotischen Straßenverkehr werden nicht beachtet und deswegen kommt es häufig zu schweren Verkehrsunfällen. Viele Afrikaner verdienen sich ihren Lebensunterhalt, indem sie direkt vor der eigenen Haustür Waren verkaufen oder diese auf dem eigenen Kopf auf den Straßen den Passanten oder Autofahrern präsentieren. Es gibt nur vereinzelte, typisch europäische Supermärkte. In der Regel wird auf Wochen-, Obst- oder Handwerkermärkten eingekauft. Die Menschen scheinen mit ihrem einfachen Leben sehr glücklich zu sein.

Generell sind nicht viele Touristen in Togo oder Benin unterwegs, und wenn, dann sind es meist Franzosen. Bei der Fahrt durch das Land fanden bei uns im Bus häufig Kontrollen statt, meist nur, da die Polizisten neugierig auf die hellhäutigen Menschen waren. Der afrikanische Humor oder teilweise sogar Ernst, dass eine Weiterfahrt erst nach dem Zurücklassen einer der weißen Frauen möglich sei, war auf Dauer nicht besonders erheiternd für mein deutsches Gemüt.

Togo an sich scheint sich aufgrund der geringen Bildung der Menschen und der Kultur eher langsam weiterzuentwickeln. Aufgefallen ist dieser Aspekt unter anderem im Leprazentrum, in dem die Erkrankten verstoßen und sogar noch nach der Heilung von den Heimatdörfern wie Aussätzige behandelt werden. Der Glaube und generell (Natur-) Religionen sind hier tief verwurzelt. Der Zugang zu Bildung, insbesondere für Mädchen, ist eher schwierig. So sind beispielsweise auch nur sechs Jahre Schule verpflichtend. Die inoffizielle Militärdiktatur und Korruption scheinen die Entwicklung des Landes zu behindern.

Resümierend fand ich persönlich die Besichtigung und Bootstour der auf Holzpfählen im Wasser gebauten Stadt „Ganvié“, das Kennenlernen der Voodoo-Kultur, die Besichtigung des Leprazentrums bei „Kpalimé“ und die Reise nach Ghana am eindrucksvollsten.

Meine Sicht auf die gesamte „Praktikums“ – Reise

Ausflug nach Ghana
Ausflug nach Ghana

Ein wenig naiv dachte ich vor der „Praktikums“ – Reise, es wäre eine Leichtigkeit, die Reise in Ihrer Gesamtheit zu beurteilen. Leider habe ich mich darin geirrt. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass die teilnehmende Gruppe von Medizinstudenten aus vielen Personen bestand und ich nur meine Perspektive auf die Geschehnisse darstelle.

Insgesamt muss ich sagen, dass die Ausflüge wirklich die Reise wert waren! Ich bin froh, dass ich die Gelegenheit dieser Erfahrungen und Erlebnisse genutzt habe. Wir haben viel in Togo, Benin und Ghana erkundet und mussten uns darüber hinaus nicht um die Formalitäten kümmern. Auch die Informationen des Reiseleiters während der einzelnen Ausflüge über Hintergründe, Geschichte, Politik und sein eigenes Leben waren sehr interessant und bereicherten die Unternehmungen ungemein. Wir haben wertvolle Unterstützung beim Handeln auf den Märkten bekommen und sogar die Möglichkeit gehabt, eigene Kleidung von einem togolesischen Schneider, der gefühlt jeden Abend auf unserer Terrasse einkehrte, anfertigen zu lassen. Der Reiseleiter war in der ersten Zeit wirklich sehr engagiert und plante tolle Reisen und Ausflüge. Er hing somit gefühlt immer am Handy und organisierte. Eine Malariaerkrankung hielt ihn nicht von seinen Planungen ab. Auch die Strandbesuche, bei denen er sich nicht selbst vergnügte, sondern immer nur in bewachender Position daneben stand, sind unbedingt positiv hervorzuheben. Außerdem brachte er teilweise persönlich Pfefferminztee zu erkrankten Projektteilnehmern.

Insgesamt bin ich, was diese Aspekte und die Famulatur angeht, zufrieden mit der Reise. Dazu muss ich sagen, dass ich mit der Wahl der Gynäkologie und Geburtenhilfe einen großen Glückstreffer gelandet habe, da diese Station sehr groß und somit meist einiges los war. Da die Stunden auf den Stationen aufgrund der Ausflüge generell sehr begrenzt waren, war es schwierig, fachlich voranzukommen, seine sprachlichen Fähigkeiten aufzubessern oder Vertrauen zu den Ärzten aufzubauen, um mehr aktiv arbeiten zu dürfen. Jedoch war ich zweimal zur richtigen Zeit am richtigen Ort und meine grundlegenden Wünsche wurden erfüllt.

Ungeachtet dessen glich das angekündigte „learning by doing“ trotzdem eher einem „learning by watching and waiting“, vergleichbar mit kurzen Famulaturen in Deutschland. Jedoch muss ich erwähnen, dass die Zufriedenheit bezüglich des Praktikums erheblich von den persönlichen Ansprüchen abhängt und „jeder seines Glückes eigener Schmied“ ist. Allerdings war es für mich tragisch zu sehen, dass auf anderen Stationen sehr engagierte Famulanten von uns waren, die fachlich leider überhaupt nicht befriedigt wurden und ihre Zeit mehr oder weniger absitzen mussten. Ich kann nur spekulieren, aber ich denke, dass die Enttäuschung bei diesen Medizinstudenten nach dem Praktikum sehr groß war.

Mir erging es innerhalb der ersten Tage jedenfalls so, da ich den Anspruch an mich hatte, etwas zu lernen und mir das unter diesen Bedingungen nicht zufriedenstellend möglich erschien. In diesen Tagen war ich sehr unglücklich, traurig und eben enttäuscht. Ich hatte den Eindruck, dass ich trotz physischer Anwesenheit zu wenig, insbesondere in Relation zum Aufwand der Reise, mitnehme und lerne. Die Gelegenheit in einem afrikanischen Krankenhaus zu sein, diese aber nicht nutzen zu können, machte mich irgendwann sogar wütend, da im Vorfeld in Marburg andere Hoffnungen geschürt worden waren. Hätte ich mein zukünftiges Fachgebiet als Famulatur-Station gewählt und wäre das Praktikum aufgrund dieser Rahmenbedingungen derart ungünstig gewesen, wäre ich wohl durch die verpasste Chance absolut verstimmt gewesen.

Eine erinnerungswürdige Situation muss ich zusätzlich noch beschreiben: Auf der Station berichteten uns sowohl ein Kameruner Arzt als auch die spanische Studentin, dass es den Tag über schwierig sei, aktiv involviert zu werden, also am Operationstisch zu assistieren oder eine Geburt eigenständig zu leiten. In den Nachtdiensten würde man aufgrund des wenigen Personals viel mehr integriert werden. Der Arzt bot uns eine Teilnahme an einem seiner Nachtdienste an. Ich erinnerte mich allerdings direkt daran, dass der Reiseleiter bereits bei dem Vortreffen in Marburg angemerkt hatte, dass keine Nachtdienste für die Projektteilnehmer erlaubt seien. Dass dieses in unserem Reisevertrag stünde, teilte ich dem Kameruner Arzt mit. Nichtsdestotrotz wollte ich den Reiseleiter darauf ansprechen, aus welchen Gründen diese Einsätze nicht möglich seien. Es könnte sich womöglich an den Gegebenheiten etwas geändert haben, und vielleicht doch eine Hoffnung auf eine Ausnahme bestehen.

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, dachte ich mir zu dem Zeitpunkt. Ich sprach dieses Thema der Nachtdienste direkt am Nachmittag an, um zu versuchen, die Möglichkeiten konsequent von Beginn der Famulatur an zu sondieren. Leider wurde ich nach von mir freundlicher Ansprache des Themas gegenüber dem Reiseleiter direkt aggressiv und kategorisch darauf hingewiesen, dass ich den Reisevertrag unterschrieben hätte und keine Dienste erlaubt seien. Nachdem ich meiner Ansicht nach keine adäquate Antwort erhalten hatte, wiederholte ich die Frage nochmals, es folgte jedoch wieder die gleiche Aussage des Reiseleiters.

Nachdem sich dieses Frage- und Antwortspiel nochmals wiederholte, erklärte ich zudem, dass ich seine Aussage inhaltlich verstehe, und diese Bedingungen bereits dem Kameruner Arzt erklärt hätte, aber gerne die Gründe – „zum Beispiel Organisationsprobleme in der großen Gruppe oder vielleicht der Grund einer schlechten Erfahrung während eines stattgefundenen Dienstes“ – erfahren würde. Seine Körpersprache wurde noch aggressiver. Er wiederholte, dass ich den Vertrag unterschrieben hätte und drohte sogar, den Arzt für sein Angebot bestrafen zu wollen. Ich verteidigte diesen und erklärte, dass er nur aus Freundlichkeit diesen Vorschlag gemacht habe.

Eigentlich war der Reiseleiter bereits nach meinem ersten Ansprechen „direkt auf 180“ und nach meinem konsequenten Nachfragen mit dem Wunsch nach einer logischen Begründung hatte ich die Vermutung, dass er gleich sogar körperlich gegen mich vorgehen werde. Diese Vermutung bestätigte sich jedoch nicht. Durch die angespannte Stimmung und die inadäquaten Antworten stieg ebenfalls Unmut in mir auf und ich formulierte direkt und zugegebenermaßen ein wenig forsch, dass er mir zumindest während des Gespräches in die Augen schauen könnte. Er hatte nämlich während der gesamten Zeit keine Anstalten gemacht, sich zumindest mit seinem Stuhl zu mir hinzuwenden und schrie die ganze Zeit über einen Studenten an, welcher zufällig vor ihm saß. Diese Körperhaltung empfand ich als respektlos mir gegenüber. Abends sprach der Reiseleiter im Plenum die Situation nochmals an und verwies allgemein in der Runde auf die Möglichkeit einer Abreise bei Unzufriedenheit. Zwischen den Zeilen war einfach zu lesen, dass sich dieser Hinweis direkt auf mich bezog. Er verlangte, dass wir „seine Kultur respektieren sollen“.

Eigentlich fühlte ich mich bereits kurz nach dem „Gespräch“ am Nachmittag nicht lang aufgewühlt. Für eine kurze Zeit war ich aufgrund des unbefriedigenden Resultats verärgert und von dem „Gespräch“ schockiert. Aber rückblickend fand ich das aggressive Verhalten des Leiters und die gesamte Situation erst sehr übertrieben, anschließend ziemlich kurios und irgendwann nahezu amüsant. Mit einem derart aggressiven Verhalten und dieser Eskalation hätte ich im Vorfeld zu dem Zeitpunkt der Reise nämlich nicht gerechnet. Ich wollte mir meine Zeit nicht durch solche Begegnungen vermiesen, aber diese öffentliche Nachbereitung während des Abendessens missfiel mir, insbesondere die persönliche Bedrohung durch den Hinweis auf eine potentielle Abreise.

Ich ließ mich kurzzeitig auf dieses Niveau ein und teilte ihm öffentlich in der Runde mit, dass es sich hierbei um eine persönliche Angelegenheit zwischen uns beiden handele und diese nicht in der großen Runde diskutiert werden müsse. Anschließend fragte ich mich im Stillen, wer wessen Kultur, Mentalität und respektvolles Verhalten gegenüber der anderen Person mehr ignoriert hatte. In der genannten Situation war aus Selbstschutz und „Nicht-Vermiesen-Lassen“ der Reise meine Devise „NICHT NACH GRÜNDEN FRAGEN!“ geboren. Antworten auf Fragen nach Gründen in allen möglichen Bereichen habe ich bis zum Schluss der gesamten Reise niemals erhalten.

Somit musste ich doch einige Kompromisse mit mir selbst schließen, um die Reise genießen zu können und fragte mich stetig, ob das mit dem für mich großen Geldbetrag für den einen Monat Afrika zu vereinbaren sei. Womöglich hätte ich mir ein ganzes PJ-Tertial von dieser Summe finanzieren können. Eigentlich muss ich zudem zugeben, dass die gesamte Vorbereitung von langer Hand nicht wirklich von Nöten gewesen wäre und leider einiges Geld im Nachhinein nicht sehr sinnvoll investiert war, wie beispielsweise für zu viele medizinische Utensilien. Auch das projekteigene T-Shirt, welches wir nur auf der Hinreise tragen sollten und der Praktikumsausweis, welchen wir während des Praktikums tragen konnten, haben in einer vorherigen Praktikumsreise laut Preisliste 50€ gekostet. Während unserer Reise haben wir keine Informationen über einzelne Kosten oder eine solche Preisliste erhalten.

Zusätzlich stimmt es mich traurig, dass ich leider nicht genau weiß, wo meine zuvor gesammelten medizinischen Spenden angekommen sind. Nur die direkt in meinem zweiten Koffer mitgebrachten Spenden hatte ich unter meiner „Gewalt“ und verteilte diese unter anderem in der Notaufnahme oder an die Ärztin der Gynäkologie. Auf der Internetseite des Projekts sind Fotos zu sehen, auf denen Studenten praktisch bei dem Aufbau des Kinderheims des Projekts helfen konnten. Ich finde es schade, dass uns eine solche Möglichkeit nicht gegeben war. Zwei weitere Studenten haben während der Reise, wie oben bereits kurz erwähnt, noch Spenden von Familienmitgliedern erhalten und das Geld unserem Reiseleiter für den Kauf von Nahrung und Öl für das Leprazentrum übergeben. Irritiert bis schockiert waren wir alle, insbesondere die beiden Spenderinnen, als von den circa. 180€ drei bis vier Säcke Reis, zwei Kanister Öl und 15€ Bargeld überreicht wurden. Laut Reiseführer war das gesamte Geld investiert worden…

Aufgrund diverser Aspekte hinterlässt diese Reise somit einen sehr bitteren Beigeschmack bei mir. Einerseits hängt das wohl auch damit zusammen, dass besonders der finanzielle Hintergrund sehr undurchsichtig war und man oft nicht nachvollziehen konnte, für was welches Geld genutzt wurde, und wie hoch die einzelnen Kosten überhaupt waren. Andererseits bestätigte sich beispielsweise der erste schlechte Eindruck der Deutschkenntnisse des Reiseleiters in Lomé. Ich hätte wirklich bessere Kenntnisse mit dem Hintergrund der bereits jahrelangen Reisen mit deutschen Studenten und des Studiums in Deutschland vorausgesetzt und mehr Motivation erwartet, das schlechte Deutsch zumindest zu verbessern. Schließlich habe ich bestimmt für die Dienstleistung eines Reiseführers bezahlt. Ich bemerkte keine derartigen Bestrebungen oder sah gar ein Wörterbuch in seinen Händen, welches in meinen Taschen und den Taschen der meisten anderen zum Vergleich einen festen Platz hatte.

Mein Zufriedenheitsgefühl scheiterte leider häufig zusätzlich an in meinen Augen unnötigen Kleinigkeiten. Dass nach afrikanischer Mentalität Termine zeitlich „flexibler“ eingehalten werden, war für mich von Beginn an klar. Jedoch, dass es leider lange Zeit Normalität war, dass man zum Beispiel höchstens erst 10 Minuten vor Abreise sein heißes Morgengetränk bekam, war meiner Meinung nach überflüssig und führte unnötigerweise zu schlechter Laune. Das Getränk musste ich nämlich aufgrund des Abfahrtplans, der im Widerspruch dazu offiziell jederzeit penibel eingehalten werden sollte, häufig heiß und letztlich ohne zu trinken, wegschütten. In der Realität erfolgte die Abfahrt trotzdem selten nach diesem Plan und man wartete zwangsläufig neben dem weggeschütteten Getränk auf die Abfahrt. An dieser Stelle möchte ich nicht meinen Unmut über meinen fehlenden Morgenkaffee betonen, sondern dass die zeitlich „flexible“ Terminplanung offensichtlich nur für unseren Reiseleiter galt. Bei Verzögerungen gab es keine Kompromissbereitschaft und an einer strukturellen Verbesserung zeitlicher Abläufe, zum Beispiel den Kaffee einfach fünf Minuten früher zu servieren, bestand ebenso kein Interesse.

Generell mussten wir viel Zeit mit Warten, Warten und nochmals Warten, ohne jegliche Ahnung von Planungen verbringen. Auf die Dauer war dieses Warten für mich extrem zermürbend. Auch teilweise stundenlange, jedoch im Endeffekt weder besonders erheiternde, noch effiziente Abendbesprechungen waren ebenfalls fragwürdig. Ich hatte immer den Eindruck, dass wichtige Informationen nie vermittelt wurden. Informationen wie beispielsweise Abfahrtsplanungen oder generelle Gespräche über die Wünsche der Freizeitgestaltung wurden meist nicht besprochen. Dafür wurde die Organisationsarbeit des Leiters bis ins Detail dargelegt, ebenso wie Angaben darüber, wie viel beispielsweise Vegetarier an Cents beim Essen weniger zahlen würden. In meinen Augen leider nicht besonders relevante Informationen. Ich war abends immer sehr müde, sodass mich diese Besprechungen sehr anstrengten, meine allgemeinen Stresslevels steigerten und mich eines angenehmen Abends beraubten.

Nach einiger Zeit musste ich mir die Devise „Nicht nach Gründen fragen!“ mehrfach täglich und insbesondere während der abendlichen Besprechungen vor Augen führen. Ich musste „einfach“ akzeptieren, dass viele Dinge, besonders in Bezug auf die Organisation, in meinen Augen überhaupt nicht rational nachvollziehbar waren. Generell würde ich die Organisation als nicht geschickt beschreiben und ich persönlich würde nicht noch einmal die Organisationspauschale für diese „Dienstleistung“ bezahlen. So wurde beispielsweise die gesamte Teilnehmergruppe zur Visabeantragung in das Konsulat von Benin in Lomé gefahren, um vor Ort festzustellen, dass dieses „überraschenderweise“ bereits geschlossen hatte. Dabei wurde an diesem ersten Tag in Lomé sogar angekündigt, dass das Beniner Konsulat nur vormittags geöffnet hätte. Wäre ich gefragt worden, hätte ich diese erste Zeit in Togo wohl anders gestaltet. Im Nachhinein vervollständigt diese Aktion zu Reisebeginn mein Bild der gesamten Organisationsleistung. Der Leiter scheint generell die Meinung zu vertreten, dass er den teilnehmenden Studenten alles zumuten könne und zwar ohne jegliche Kritik erwarten zu müssen.

Es gab keine Monats- oder Wochenbesprechung für die Unternehmungen und so musste man sich fast täglich überraschen lassen, was auf einen zukam. Rückblickend hätte ich wohl sogar eines der Wochenenden ohne Ausflug verbracht. Das ist darauf zurückzuführen, dass insbesondere die Ausflüge nicht immer in Relation zu den teils tagelangen Busfahrten und den Kosten für diese Fahrten standen. Ohne vorher in Erfahrung bringen zu können, was einen bei den Ausflügen jedoch erwartete und abschätzen zu können, ob es persönlich lohnenswert sein könnte, folgte man der Einfachheit halber der Gruppe. Bis zu einem gewissen Grad finde ich dies auch vollkommen in Ordnung.

Getrübt wurden die Ausflüge von den für den gesamten Monat zuvor nicht absehbaren oder nur grob angekündigten Kosten, von denen ich dachte, dass diese zumindest teilweise in unserer Reisepauschale (2.200€) bereits inbegriffen wären. Die Kosten pro Wochenendausflug betrugen circa 100€ extra. Die sogar aus meiner Sicht als Student teilweise desolaten Umstände in den Unterkünften erhellten meine Stimmung zusätzlich nicht. Fließendes Wasser, Katzenwäsche und Haare waschen erschien mir an manchen Tagen als purer Luxus. Allerdings beurteilte immer mindestens ein Teilnehmer diese Unterkünfte nicht als eine derartige Zumutung.

Die Famulatur litt zwangsweise unter den zeitlich manchmal sehr vollgepackten Wochenenden. Dieses stieß aber beim Reiseleiter auf wenig Interesse, der sich nur auf die Ausflüge fokussierte und sich in keiner mir bekannten Situation nach dem Praktikum oder dem Ergehen der Studenten auf den Stationen erkundigte. In meinem Falle bekam er sogar zufällig innerhalb der ersten Tage auf der Gynäkologie meine sehr offensichtliche Verzweiflung deutlich mit. Möglicherweise war er in der Situation überfordert, aber dass er sich innerhalb der folgenden Tage nach meinem Wohlbefinden erkundigen würde, hätte ich zumindest zu Beginn des Praktikums noch erwartet. Es geschah eben nichts dergleichen.

Da ich meine gynäkologische Literatur oder meine sportlichen Aktivitäten nicht vernachlässigen wollte, wurde ich auf eine schwere Probe gestellt. Zeiträume für solche Aktivitäten konnte ich aufgrund der mangelnden Absprachen und Zeitpläne nicht einplanen. Ich musste immer spontan den Moment nutzen und dadurch häufig die Aktivitäten wieder abbrechen. Meine Stimmung wurde dabei nicht unbedingt gebessert. Insgesamt musste einfach zu viel Zeit ineffizient verstreichen, was meiner Meinung nach sehr schade und unnötig war.

Das Hotel in Lomé blieb immer der feste Wohnsitz und das „zu Hause“ mitsamt allen Reisekoffern, sodass die Unterkunft insgesamt somit während der Wochenendausflüge doppelt zu finanzieren war. Zwischenzeitlich wurden immer Beträge für Wasser, welches nur während der Essen inklusive war, und (Taxi-) Fahrten eingesammelt. Da das Essen nicht immer für alle einen Sättigungseffekt hatte, gingen außer mir auch einige andere dazu über, sich zusätzlich selbst mit Haferflocken, Müsli, Brot, Äpfeln oder anderem zu versorgen.

Besonders bezeichnend war eine weitere Situation während des ersten Wochenendausfluges. Nachdem wir auf der Hinreise ins Landesinnere fast einen ganzen Tag, genauer gesagt von 9:00 bis 16:00 Uhr, im Bus verbrachten, war die angekündigte Safari im Landesinneren Togos die Hauptattraktion des Wochenendes. Der Reiseleiter hatte mehrfach betont, dass wir frühzeitig am Morgen zur Safari aufbrechen müssten. Damit sich die Fahrzeit und die Spritkosten rentierten, verfolgten wir alle das gleiche Interesse, uns pünktlich aufzumachen. Nachdem sich das Frühstück nach afrikanischer Manier unvorhergesehen auf einen sehr langen Zeitraum erstreckte, gab es trotzdem anschließend keine Aussage, dass die Abfahrt jetzt übereilt stattfinden müsse.

Wie es in größeren Gruppen, zumindest nach meinen Erfahrungen, der Alltag ist, gingen alle noch einmal kurz auf die Zimmer und kehrten danach aber zügig zurück. Alle stiegen relativ zeitgleich in den Bus ein. Plötzlich war der Reiseleiter sehr gestresst und sah die letzten beiden Studentinnen in Sichtweite angelaufen kommen. Die Ansage, dass wir jetzt losfahren würden, die beiden zu spät seien und dort bleiben würden, brachte zumindest mich sehr auf. Der Bus fuhr nach dieser Ansage umgehend los und ich sprach mich lautstark für die beiden Studentinnen aus, dass diese auch teuer für den Ausflug bezahlt hätten und doch nicht weit hinter uns anderen zurück lägen. Ich gestikulierte wild, um die beiden Studentinnen zum Beeilen zu motivieren. Die beiden guckten sehr irritiert, wussten nicht wie ihnen geschah und was überhaupt los war.

Für mich nicht nachvollziehbar, fuhr mich sogleich eine Studentin aus dem Bus an, dass ich mich nicht so aufregen solle und verteidigte den Reiseleiter. Damit die Situation nicht eskalierte, dachte ich mir in dem Moment nur meinen Teil, nämlich, dass es auch sie hätte treffen können und niemand vor dieser Willkür des Reiseleiters gewahrt sei. Mit Glück mussten wir am Ausgang unserer Unterkunft noch einmal stehen bleiben und die Studentinnen konnten einsteigen.

Die Safari war organisatorisch zu Beginn übrigens ebenfalls eine Katastrophe in meinen Augen, sodass zuerst die Hälfte von uns kommentarlos vom Reiseleiter und ohne Vorwarnung für angekündigt eineinhalb Stunden einfach allein gelassen wurde. Ich sah keine andere Möglichkeit als halsbrecherisch in unseren Bus einzusteigen, um meinen Rucksack mit Getränk und Büchern zu holen. Große blaue Flecken „zierten“ anschließend für einige Tage meine Beine.

Gerne hätte ich Volleyball gegen die Feuerwehr Lomés gespielt und nochmals einen „heiligen“ Wald besucht. Leider ist es zu diesen eigentlich angekündigten Unternehmungen nicht mehr gekommen. Auch sollte noch ein Fußballturnier gegen die Ärzteschaft des Universitätsklinikums im Loméer Stadion, welches wir zuvor bereits besichtigten, stattfinden. Dieses ist ebenfalls ohne jegliche Erklärung entfallen.

Kommentarlos ließ sich der Reiseleiter zudem aus unseren Stoffresten der eigens gekauften Stoffe vom Schneider mindestens ein Hemd und eine Hose für sich persönlich anfertigen. Wenn er gefragt hätte, hätte ihm das wohl von uns niemand verwehrt. In meinen Augen war das eher nicht die „feine englische Art“. Insbesondere trug er direkt vor unserer Nase seine neue Kleidung, ohne nur ein Wort über die verwendeten Stoffe fallen zu lassen. Dass es unsere Stoffe waren, war anhand der auffälligen Muster mit Leichtigkeit zu erkennen.

Ich hatte mich im Vorfeld bewusst für diese Teilnahme entschieden, da ich meine erste Auslandspraktikumserfahrung unter dem Schutze eines ortskundigen Einheimischen absolvieren wollte und somit dachte, dass ich von diesen Umständen nur profitieren werde. Die Realität war leider eine andere, sodass wir uns häufig den Hinweis „Musst Du selbst wissen“ zum Beispiel bei der Wahl der Malariaprophylaxe oder anderer alltäglicher Dinge anhören mussten. Hier konnten wir aufgrund fehlender Erfahrungen natürlich nur auf gut Glück wählen. Der Reiseleiter hatte im Vorfeld keine vorteilhaften Tipps, basierend auf den Praktikumserfahrungen in den letzen Jahren, geben können. Wie auch? Dafür hätte er sich schließlich für die persönlichen Belange vorangegangener Reisegruppen interessieren müssen. Von der „Käseglocke“ und Organisation des Leiters hätte ich mir insbesondere an diesen Stellen entsprechende Hinweise gewünscht. Viele eigene Erfahrungen wurden uns womöglich sogar durch diese beschützende Behandlung verwehrt.

Es gab eine besonders widersprüchliche Situation. Eine Einkaufstour der gesamten Gruppe auf einer großen Marktstraße wurde vorerst extra von zwei Bodyguards überwacht. Zwei Wochen später interessierte sich der Leiter nicht mehr für das Sicherheitsproblem und / oder uns? Nach vorheriger versuchter und gescheiterter Absprache, reisten wir schließlich komplett auf eigene Faust dorthin. Der Leiter war kommentarlos und vermutlich verstimmt verschwunden, obwohl er von unserem Vorhaben wusste. Alleingelassen im Hotel „vereinigten“ wir uns. Mit der Hilfe eines deutschsprechenden Mannes von der Rezeption konnten wir nach einigen Bemühungen die letztendlich sogar korrekte Adresse des Marktes herausfinden und mit Taxis dorthin fahren. Vor Ort hatte ich überhaupt nicht das Gefühl, dass Gefahren im Verzug waren oder Diebe auf uns lauerten. Die Händler waren sehr freundlich und von dem weißen Reisetrüppchen auf der Suche nach Andenken und Mitbringsels nachvollziehbar angetan. Endlich konnten wir in Ruhe den Markt genießen, stöbern und mussten nicht wie gewohnt im Schnellschritt hinter dem Leiter her rasen.

Für die Gruppendynamik war diese Unternehmung unglaublich zusammenschweißend und einige, inklusive mir, bereuten insgeheim, dass wir nicht schon viel früher „flügge“ geworden sind und uns nicht so von den Launen des Reiseleiters hätten abhängig machen sollen. Allerdings schien dieser auch aus taktischen Gründen bei uns Angst insbesondere vor der „Außenwelt“ zu schüren, um womöglich genau dieses eigenständige Handeln zu verhindern. Uns sind aber keine gefährlichen Situationen widerfahren, in denen wir dieses Schutzes bedurft hätten. Vielleicht lag dies an unserem laut Reiseleiter „richtigen“ und eingeschüchterten Verhalten oder an unserem gesunden Menschenverstand. Oder einfach Glück?

Am vorletzten Tag organisierte uns der Reiseleiter unsere Praktikums-Zertifikate. Wir übergaben ihm zuvor die unausgefüllten Vorlagen und notierten separat alle benötigten Informationen. Bis auf ein Dokument, mit falsch geschriebenem Namen, wurden uns diese korrekt ausgefüllt übergeben. Eine Evaluation der Gruppe der „Praktikums“-Reise wünschte sich der Reiseleiter abschließend nicht. Ich würde, auf die gesamte Reise rückblickend, spekulieren, dass wenige bis keine Bestrebungen beim Reiseleiter vorhanden sind, diese Reise in Zukunft beispielsweise mehr nach den Wünschen der Teilnehmer zu gestalten.

Die Reise erinnerte mich im Großen und Ganzen an eine Klassenfahrt mit einem häufig launischen Lehrer, von dessen Stimmung man komplett abhängig war und der überhaupt nicht mit jeglicher Kritik umgehen konnte. Insbesondere die stark patriarchalische Einstellung des Reiseführers schockiert mich bis zum jetzigen Moment noch über das Ende der Reise hinaus. Generell würde ich empfehlen, dass alle diejenigen, die im Geiste nicht mehr im „Klassenfahrt-Alter“ sind und insbesondere die weiblichen Personen, lieber zweimal über eine Teilnahme an dieser Reise nachdenken sollten.

Von einem Studenten, welcher bereits früher die „Praktikums“ – Reise mitgemacht hatte, habe ich sogar gehört, dass der Reiseleiter die Gruppe teilweise sogar mehr als eine Woche komplett ignoriert habe. Von einem weiteren Studenten habe ich ebenfalls die gleiche, für mich erschreckende, Aussage gehört. Ich hatte mehrfach den Eindruck, dass der Leiter häufig die Abhängigkeit der gesamten Gruppe von ihm betonen und seine Macht immerzu demonstrieren wollte.

Ich hätte mir auch gewünscht, dass Konflikte anders gehandhabt worden wären. Im Vorfeld hätte ich nicht damit gerechnet, dass unterwerfende Verhaltensweisen der Gruppe aufgrund der in meinen Augen „Diktatur“ des Reiseleiters an den Tag gelegt werden müssen. Sind wir nicht erwachsene, zivilisierte Menschen, die vernünftig miteinander kommunizieren und umgehen können? Jedenfalls musste ich mir fortwährend aufgrund der benötigten Praktikumsbescheinigung taktisch gut überlegen, wie ich mich gegenüber dem Reiseleiter verhalten konnte. Rückblickend wirklich unglaubliche Gedanken und Umstände. Kommt man aus der deutschen, entwickelten und kritischen Welt, müssen folglich einige Abstriche gemacht werden, um die Kultur und Attitüden des Reiseleiters zu akzeptieren. Die Frage, die ich mir seitdem stelle, ist, ob ich bereits mehr als 12 Jahre lang in Togo gelebt habe oder ob der Reiseleiter schon über 12 Jahre Medizin in Deutschland studiert hat…

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich und einige andere Teilnehmer sich wohl mehr mit kritischen Punkten auseinander gesetzt haben als andere. Ein paar Teilnehmer haben den Reiseleiter vollkommen legitim, insbesondere zu Beginn der Reise, als absolut unfehlbare Autoritätsperson gesehen. Insgesamt war die gesamte Gruppe jedenfalls zufrieden mit dem Monat Westafrika. Somit schenkten wir dem Reiseleiter als Symbol der Dankbarkeit gemeinsam zum Abschluss eine kleine Ziege. Den organisatorischen Aufwand, den die Gruppe betrieben hat, möchte ich an dieser Stelle hervorheben. Nur durch große Motivation ist so ein Vorhaben umzusetzen gewesen. Diese Ziege erfreute den Reiseleiter zumindest nach einigen Stunden und er bedankte sich bei uns am letzten Abend für seine „zweittollste Reisegruppe innerhalb von 13 Jahren Praktikumsreisen“.

Wir bekamen somit extra eine Überraschung in Form des „Staatsballetts“ aus Lomé. Es handelte sich hierbei um eine fast einstündige Vorstellung einer ungefähr 20-köpfigen Gesangs- und Tanztruppe mit mitreißender Musik mit unter anderem afrikanischen Trommeln und Rasseln als auch imposanten, unglaublich aufwändigen Kostümen. Zum Finale tanzten wir, oder versuchten dies zumindest, auf afrikanische Art und Weise mit der Gruppe gemeinsam. Ein großes Vergnügen für alle Beteiligten und die herangekommenen Nachbarskinder. Dieses Ereignis war der absolut krönende Abschluss der Reise!

Dieses abschließende Glücksgefühl war jedoch leider nicht von langer Dauer. Abends zum letzten Essen gab es die für einige nicht gut verträgliche „Yamwurzel“, die mindestens eine Person der Gruppe während der Rückreise „beschäftigte“. Eine böswillige Absicht will ich dem Reiseleiter nicht unterstellen, allerdings zeigte dieser Umstand zum Schluss nochmals eindrücklich, wie wenig Interesse der Reiseleiter an dem Wohlbefinden der einzelnen Studenten hatte.

Der Beginn der Rückreise überraschte mich leider keineswegs: Eigentlich war ein Treffen morgens um 2:30 Uhr auf der Terrasse des Hotels geplant. Im Endeffekt schob der Reiseleiter um 0:00 Uhr Hals über Kopf Panik, dass wir bereits am Flughafen sein sollten. Somit fielen kostbarer Schlaf und eine letzte entspannte Morgentoilette vor der über 24-stündigen Reise zurück nach Berlin im Stress ins Wasser. Nach der hektischen Ankunft am Flughafen standen wir jedoch 2-3 Stunden vor verschlossenen Türen. Ich fragte mich in dem Moment, wie kompliziert es sein kann, Reiseunterlagen zu lesen, insbesondere wenn man Verantwortung für eine so große Gruppe trägt und somit genügend Motivation haben müsste.

Irgendwann kamen wir endlich in den Flughafen und ich, wie auch einige andere, haben dort unsere Koffer, die wir zuvor ohne Waage packen mussten, umgepackt. Aus welchen Gründen im Vorfeld keine Waage im Hotel oder von der togolesischen Familie des Reiseführers organisiert werden konnte, ist ein für mich ungelöstes Rätsel. Von einem entspannten Start in die lange Rückreise vermag ich leider nicht zu sprechen. Für mich war dieses Spektakel aufgrund des unnötigen Stresses in aller Frühe mit Hinblick auf die anstehende, lange Reise eine ziemliche Zumutung. Die Verabschiedung des Reiseleiters nach vier Wochen gemeinsamer Zeit erfolgte mittels Umarmung. Ich wünschte ihm höflich:„Alles Gute“.

Für mich war die Reise insgesamt eine lehrreiche Erfahrung, insbesondere im Hinblick auf den Umgang mit schwierigeren Persönlichkeiten. Wenn ich dieses positiv interpretiere, werde ich davon im späteren Berufsalltag sicher profitieren. Jedoch hätte ich im Vorfeld niemals gedacht, dass dieses den Hauptlernaspekt der sogenannten „Praktikums“ – Reise darstellen würde.

Die generelle Frage ist, wieso nicht im Vorfeld und auf der Internetseite deutlich gemacht wird, dass man nicht ein Praktikum und ehrenamtliche Tätigkeiten absolvieren wird, sondern eine Bustour durch Westafrika gebucht hat. In dem Reisevertrag steht allerdings explizit: „Die Reise nach Togo dient dazu, praktische Erfahrungen zu sammeln im humanitären und medizinischen Bereich sowie wissenschaftlichen und kulturellen Austausch zu ermöglichen und dient somit nicht der Abenteuerlust.“ Für mich ein klarer Widerspruch zur Realität.

Inwieweit die Erfüllung dieses Vertrags und die Verfolgung der projekteigenen Ziele vor Ort erfolgt, vermag ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls scheinen aus meiner Sicht das projekteigene Gesundheitszentrum, welches unter anderem beim Vortreffen in Marburg angepriesen wurde, bislang überhaupt nicht existent und das Kinderheim, wie bereits beschrieben, mehr Schein als Sein zu sein. Die Praktikumsreisen scheinen erfolgreich zweimal pro Jahr stattzufinden und ich hoffe inständig, dass das Geld, welches der Reiseleiter mit diesen Reisen verdient, wirklich in die ehrenamtlichen Projekte gesteckt wird und nicht nur in seine eigene Tasche. Somit könnte man als Teilnehmer zumindest einen kleinen Projektbeitrag leisten.

Laut der Internetseite scheint es sich um ein tolles, unterstützungswertes Projekt zu handeln. Ich habe den Eindruck, dass über die Jahre die ursprünglichen Ziele, insbesondere bezüglich des Praktikums und des Aufbaus des Kinderheims, aus den Augen verloren wurden. Die Leidenschaft des Leiters für das Projekt, welche zu Beginn laut Internetpräsenz vorhanden schien, scheint meiner Meinung nach hinter die wirtschaftlichen Interessen gerückt zu sein.

Resümee

Strandlandschaft in Togo
Strandlandschaft in Togo

Die Reise polarisiert. Mein Fazit ist, dass rückblickend eigentlich fast nichts in der Realität so war, wie ich es mir im Vorfeld vorgestellt hatte. Der Reiseleiter legt einen komplett anderen Reiseschwerpunkt als man sich diesen anhand der werbenden Internetseite des Projekts vorstellt oder überhaupt erahnen könnte. Für das Praktikum besteht bei ihm keinerlei Interesse. Bemerkenswert sind eindeutig die tollen, über Ländergrenzen hinweg gehenden, Ausflüge und, dass der Reiseleiter sich zu Beginn sehr bemühte, alles in seinen Augen optimal zu organisieren. Ich persönlich dachte die „Käseglocke“ wäre ein Segen, leider scheint diese eher sogar Erfahrungen verhindert zu haben.

Meine zunehmend kritische und hinterfragende Haltung verschärfte sich leider während unseres Aufenthalts, vornehmlich durch die fehlende Transparenz der kompletten Organisation und Finanzierung. Zu keinem Zeitpunkt der Reise war eine Gesamtauflistung angefallener Kosten und investierter Gelder zu finden, was mich motivierte, den Verbleib dieser zu hinterfragen.

Trotzdem bin ich dank des Glücks mit der Station und der netten Gruppe zufrieden mit der gesamten Reise und auch deshalb, da ich finanziell durch das Auslandsstipendium von Medizinernachwuchs.de die unvorhergesehenen Zusatzkosten zumindest teilweise abfedern konnte. Um selbst allerdings während der Reise konstant glücklich zu sein und sich medizinisch weiter zu bilden, ist einiges an Abstrichen, Selbstdisziplin oder das Glück motivierter, netter Mitstreiter nötig. Meine Gruppe war in ihrer Gesamtheit wirklich klasse und ich freue mich bereits auf ein zukünftiges Nachtreffen mit einigen, die mir besonders „ans Herz gewachsen“ sind. Wir konnten uns gegenseitig zu schwierigen Zeiten unterstützen, ansonsten hätte ich womöglich die Reise zwischenzeitig wirklich abgebrochen.

Die komplette Reise ist einerseits sehr stark von der gesamten zusammengewürfelten Gruppe abhängig und andererseits von der jeweiligen Stimmung des Reiseleiters. Diese erschien mir aus meinen Augen häufig unbegründet schlecht und es waren bei freundlichen Nachfragen meist nur patzige, beleidigende, respektlose Antworten oder gar ein Auslachen seinerseits zu erwarten. Ein Gespräch, nach „normalen“ Regeln der Kommunikation, war zwischen dem Reiseleiter und mir zu fast keinem Zeitpunkt möglich. Ich stellte somit, indirekt gezwungen, die konstruktiv kritischen Nachfragen ein, da ich mir die Reise nicht vermiesen wollte und ich die Zertifikate benötigte. Ich hatte im Vorfeld bereits zu viel Zeit und Geld investiert.

Die Reise scheint insgesamt rückblickend eher für finanziell gut situierte Medizinstudenten konzipiert zu sein, die sich kurzfristig dazu entschließen, nicht unbedingt medizinisch viel mitnehmen zu müssen oder zu wollen und den Urlaub in Form einer Bustour durch Westafrika bevorzugen. Meiner Meinung nach handelt es sich hierbei um eine Ausbeutung von aufrichtigen Medizinstudenten. Im Vorfeld ist dieses gesamte Konzept für die Reiseteilnehmer nämlich nicht zu erahnen, was in meinen Augen, ebenso wie der Reisevertrag in einigen Punkten und insgesamt das Preis-Leistungs-Verhältnis, zu hinterfragen ist. Die „Spitze des Eisbergs“ stellt in meinen Augen aber der Umgang des Reiseleiters mit den im Vorfeld zur Kasse gebetenen Teilnehmern dar: Niemand, insbesondere kein junger Student, sollte sich derart behandeln lassen müssen!

Auf dem Lebenslauf sieht die Teilnahme am ehrenamtlichen Projekt natürlich sehr gut aus, aber ich würde sagen, dass in Wahrheit leider aktuell nicht viel dahinter zu stecken scheint. Auf den Punkt zeigte dies der theatralische Leitspruch des Projekts, welcher innerhalb meiner Gruppe zu dem Running-Gag „Was machen wir heute im Praktikum? Leben retten!“ mutierte.

Sonja Gröpper
Berlin, September 2013
Stipendiatin im Rahmen der Auslandsstipendien 2013

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

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1 Kommentar

  • Liebe Medizinstudenten
    von Praktika /Famulaturen in die Tropen in zu frühem Ausbildungsstadium kann ich nur abraten, falls die wahre Intention ein „Ausprobieren der Knotentechniken“ oder ähnliches oder die Aufbesserung des Lebenslaufes ist – da ich nicht nur das Universitätsklinikum Sylvanus Olympio de Tokoin in Lomé persönlich kenne und dort (und in Kuba, Brasilien, Ghana) nicht nur als weisser Tourist „Erfahrungen“ sammeln konnte, sondern dort Freunde und Familie habe, rate ich davon ab, mit „westlicher“ Überheblichkeit Fachliches und Menschliches zu kommentieren und zu bewerten und stets den Vergleich zum ach so zivilisierten Europa zu ziehen. Besser ist, zunächst fundierte medizinische Kenntnisse zu erwerben und mit diesen uneigennützig die schwierige Situation zu unterstützen – denn die afrikanischen Patienten dienen leider allzu oft als „Versuchskaninchen“ für Anfängern und Dilettanten … also – erst was lernen, dann „runter“, alles andere entspräche der Fortführung der europäischen Tradition einer konsequenten Ausbeutung Afrikas, in dem Fall zum Zwecke der „Ausbildung“ …
    Dr. M. v. Gradowski, Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Notfallmedizin, Reisemedizin – Oberarzt Universitäres Notfallzentrum

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