PJ Japan – Chirurgie

2. Oktober 2013

in Chancen im Ausland, Chirurgie, Japan, Praktisches Jahr im Ausland

Japan, Kyoto, Kyoto University Hospital (22.04.-16.06.2013)

Nach meinem achtwöchigen PJ-Abschnitt in Australien absolvierte ich die zweite Hälfte meines Chirurgie-Tertials in Japan. Dieses Land hatte schon immer eine anziehende Wirkung auf mich ausgeübt und so war ich sehr glücklich, als es mit einer Bewerbung am Kyoto University Hospital klappte. Innerhalb des Krankenhauses als auch außerhalb erwarteten mich faszinierende Erfahrungen, die mich fachlich und persönlich sehr bereichert haben.

Mein Ziel: Das ferne Japan

Das Land der aufgehenden Sonne ist uns einerseits vor allem durch seine fremdartige Kultur und die vielen damit verbundenen Klischees bekannt. Andererseits ist Japan einer der am weitesten entwickelten Industriestaaten der Welt, insbesondere auch im Bereich der medizinischen Forschung. Gerade dieser faszinierende Kontrast hatte mich dazu bewegt, einen Teil meines Praktischen Jahres im Rahmen meines Medizinstudiums dort zu verbringen.

Nach einer kurzen Einführung zu organisatorischen Belangen möchte ich anschließend ausführlich die Tätigkeit im Krankenhaus und die allgemeinen Eindrücke aus Japan schildern.

Bewerbung und Organisation

Reisfelder vor der Kulisse des Mount Fuji
Reisfelder vor der Kulisse des Mount Fuji

Das Kyoto University Hospital gehört zur Kyoto University, welche als die zweitbeste Universität Japans und Asiens gilt, nach der von Tokio. Beide gehören zu der kleinen Gruppe der ehemaligen kaiserlichen Universitäten, die in der Forschung und Lehre einen exzellenten Ruf genießen. Es gibt in Kyoto die Möglichkeit, sich bei den einzelnen Fakultäten für kurze Studienaufenthalte zu bewerben. Im Falle der Medizin schien es mir ratsam, mich direkt bei einem der Professoren zu bewerben, die sich und ihre Abteilungen auf der Homepage der Universität – teilweise auch in Englisch – vorstellen.

Für die Bewerbung um einen Platz ist es ratsam, sich mindestens ein Jahr vor dem gewünschten Zeitraum zu bewerben; dies vor allem vor dem Hintergrund der notwendigen organisatorischen Details und Vorbereitungen vor Ort. Auf meine Anfrage und Bewerbung via E-Mail mit den üblichen Unterlagen erhielt ich eine sehr freundliche Einladung des Professors der Abteilung, der mich gleichzeitig an seine Sekretärin verwies, welche die bürokratischen Schritte vor Ort einschließlich der Kommunikation mit dem Dekanat, Wohnheimplatz etc. koordinierte. Aufgrund des weltweit ausgezeichneten Rufes der Medizinischen Fakultät sind auch ausländische Gastärzte anzutreffen, insofern besteht eine gewisse Routine im Umgang mit Ausländern.

Für einen Aufenthalt bis drei Monate wurde kein Visum verlangt; dementsprechend musste ich mich nur noch um den Flug kümmern. Der nächstgelegene Flughafen ist „Kansai“, auf einer künstlichen Insel vor Osaka gelegen und ca. 50 km von Kyoto entfernt. Es gibt sogar Direktflüge von Deutschland aus.

Die Universität unterhält mehrere Wohnheime für internationale Studenten und Forscher, die über die Stadt verteilt sind. Die Bewerbung für einen Wohnheimplatz muss von der entsprechenden Abteilung eingereicht werden. Besonders zu empfehlen, ist das neu errichtete Wohnheim auf dem Hauptcampus der Universität, dem Yoshida Campus, in direkter Nachbarschaft zum Klinikum. Auch in Bezug auf die Mietkosten ist ein Wohnheimzimmer zu empfehlen, das zwischen 20.000 und 40.000 Yen pro Monat inklusive Internet kostet.

Die allgemeinen Lebenshaltungskosten in Japan sind ungefähr mit denen in Deutschland vergleichbar. Hinzu kommen die Studiengebühren von aktuell 30.000 Yen pro Monat. Es ist übrigens ratsam, stets Bargeld mit sich zu führen, da Kreditkarten oder ausländische EC-Karten sehr oft, teils auch in großen Geschäften oder öffentlichen Einrichtungen, nicht akzeptiert werden.

Erste Eindrücke am Kyoto University Hospital

Innenansicht des Kyoto University Hospitals
Innenansicht des Kyoto University Hospitals

Nun jedoch zur eigentlichen klinischen Arbeit. Das japanische Krankenhaussystem zeigt erstaunlich viele Parallelen zum deutschen System, was mit der Entsendung deutscher Ärzte vor gut 100 Jahren zusammenhängt. Damals waren diese mit der Etablierung eines modernen Krankenhaussystems nach westlichem Vorbild betraut worden. Noch heute gilt in Japan eine hierarchische Abteilungsstruktur, welche den Direktor der jeweiligen Abteilung, Oberärzte, Assistenzärzte verschiedener Erfahrungsstufen sowie medizinische Doktoranten unterscheidet. Letztere absolvieren ein Doktorratsstudium, das üblicherweise nach ein paar Jahren mit erster Berufserfahrung begonnen wird, und in japanischen Universitätskliniken recht weit verbreitet ist.

Interessanterweise haben sich auch ein paar deutsche Termini bis heute im Krankenhausalltag gehalten, z.T. allerdings in japanisierter Form. So spricht man bisweilen von Magenkrebs oder einer Magensonde, meint mit „Oben“ allerdings einen Oberarzt. Ansonsten ist auch die weitere Krankenhausstruktur, geordnet nach Abteilungen mit zugeordneten Bettenstationen sowie Ambulanzen, durchaus vergleichbar.

Mein PJ-Abschnitt in der Chirurgie

Das Kyoto University Hospital
Das Kyoto University Hospital

In beiden von mir durchlaufenen Abteilungen, der Allgemein- und der Thoraxchirurgie, begann der Arbeitstag um 7:45 oder 8:00 Uhr, je nachdem, ob eine Chefarztvisite durchgeführt wurde oder nicht. Der weitere Tagesablauf richtete sich entweder nach dem Operationsprogramm oder anderen anstehenden Untersuchungen. Teilweise gab es neben der morgendlichen auch noch eine Abendvisite, die sich oft bis nach 20:00 Uhr erstreckte.

In der Allgemeinchirurgie konnte ich sowohl kleinere Operationen, unter anderem laparoskopische Gallenblasenentfernungen oder Hernien-Operationen, als auch zahlreiche große Eingriffe mitverfolgen. Besonders hervorzuheben sind die Lebertransplantationen, die in der Regel als Lebendspenden, z.B. von Geschwistern, Eltern oder Kindern, durchgeführt werden. Hierbei genießt diese Abteilung des Kyoto University Hospital einen weltweit herausragenden Ruf. Interessanterweise wird auch die postoperativ teilweise notwendige Intensivüberwachung und Intensivtherapie maßgeblich von den Chirurgen durchgeführt, was an den speziellen Problemen und Fragestellungen bei Transplant-Patienten liegt. Des Weiteren konnte ich auch an anderen kleinen Eingriffen wie Abszessdrainagen sowie an Besprechungen und praktischen Übungen teilnehmen.

Vieles fand zwar auch auf Japanisch statt, aber das ärztliche Personal war immer bereit, Fragen zu beantworten und sein Wissen zu teilen. Die praktische Arbeit stand dagegen insgesamt weniger im Fokus. Körperliche Untersuchungen werden seltener und weniger intensiv durchgeführt als in Deutschland. Im OP war man zwar immer als Zuschauer, auch steril am Tisch, willkommen, oft wurden jedoch die bereits erwähnten fortgeschrittenen Doktoratsstudenten mit den Assistenzaufgaben betraut. Aufgrund der besonderen Expertise und der bereitwilligen Lehre kann man dennoch sehr viel lernen.

In der Thoraxchirurgie standen für mich ebenfalls die operativen Eingriffe im Vergleich zur Stationsarbeit im Vordergrund. Neben Lungenlappen- oder Lymphknotenentfernungen konnte ich auch hier eine Transplantation miterleben. In diesem Fall handelte es sich um einen verstorbenen Organspender, obwohl in Japan sogar Lungen(teil)transplantationen als Lebendspenden durchgeführt werden. Außerdem konnte ich an anderen kleinen Eingriffen wie Bronchoskopien sowie an Besprechungen teilnehmen. Auch in dieser Abteilung wurde auf das Verständnis und die sprachliche Verständlichkeit großen Wert gelegt.

In beiden Abteilungen stand mir von Anfang an ein persönlicher Mentor zur Seite, der mich in der Abteilung vorstellte, mir bei Fragen stets zur Seite stand und sogar in der Freizeit mit mir Ausflüge unternahm. Der Empfang war immer sehr herzlich und ich habe mich sehr wohlgefühlt. Heimatliche Gefühle kamen bei Gesprächen mit Ärzten auf, die teilweise mehrere Jahre in Deutschland geforscht hatten und perfekt deutsch sprachen.

Leben im Land der aufgehenden Sonne

Der Goldene Pavillon - UNESCO -  Weltkulturerbe
Der Goldene Pavillon – UNESCO – Weltkulturerbe

Japan ist ein faszinierendes Land mit einer einzigartigen Kultur. Es ist kaum möglich, die Vielzahl an interessanten Beobachtungen auch nur annähernd aufzuzählen oder zu beschreiben. Insgesamt jedoch war ich von der Ordnung und Sauberkeit, der großen Freundlichkeit, aber vor allem auch von der besonderen Herzlichkeit, mich der ich überall willkommen geheißen wurde, sehr angetan.

Für Aktivitäten außerhalb des Krankenhauses bietet Kyoto eine Vielzahl an Angeboten. Da diese Stadt für 1.000 Jahre die Hauptstadt Japans war, findet sich ein entsprechender Reichtum an Kulturschätzen. Diese können glücklicherweise auch noch zu großen Teilen besichtigt werden, da es sich bei Kyoto um die einzige Großstadt Japans handelt, die von großflächigen Zerstörungen während des 2. Weltkriegs verschont blieb. So können sehr viele Tempel, Schreine und Paläste in und um Kyoto besucht werden, die einen authentischen Eindruck vom alten Japan vermitteln.

Außerdem können Tages- oder Wochenendausflüge, unter anderem nach Tokio, Nara oder andere Städte in der Umgebung durchgeführt werden. Besonders hervorzuheben ist hierbei auch das japanische Eisenbahnsystem, das hervorragend ausgebaut ist und fast jeden Ort im Land erreichen lässt. Beachtenswert ist hierbei die herausragende Pünktlichkeit japanischer Züge, welche umso mehr für die des „Shinkansen-Systems“ gilt. Diese Hochgeschwindigkeitsverbindungen zwischen den großen Städten erlauben eine sehr rasche und gleichzeitig angenehme Reise innerhalb Japans, allerdings ziehen viele Reisende aufgrund der hohen Ticketpreise Fernbusse, die oft auch nachts verkehren, vor.

Mein Resümee

Zusammenfassend konnte ich während meines achtwöchigen Aufenthalts in Kyoto sowohl innerhalb des Kyoto University Hospital als auch außerhalb faszinierende Erfahrungen machen, die mich fachlich und persönlich sehr bereichert haben.

B., M.
Freiburg, September 2013

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1 Kommentar

  • Hi, ich wollte mal fragen was du so selbstständig machen durftest? ich bin gerade auch am überlegen für 2 Monate nach Japan zu gehen. Durftest du denn Zugänge legen oder nähen?
    Lg Max

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