Medizinstudium in Frankreich – Erasmus

24. August 2013

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Frankreich, Paris, Université Paris V – René Descartes (29.08.2012- 02.07.2013)

Wie wird an anderen Universitäten, in anderen Ländern gelehrt? Wie geht der Alltag in anderen Krankenhäusern vonstatten und haben Medizinstudenten überall die gleichen Aufgaben oder müssen sie in anderen Ländern wesentlich schneller selbstständiger sein?
Alles Fragen, die mir bereits im ersten Studienjahr durch den Kopf geisterten. Außerdem träumte ich schon lange davon, einige Zeit im französischsprachigen Ausland zu verbringen, sei es im Zuge einer Famulatur oder eines Studienaufenthaltes. Aufgrund der guten Erfahrungen, von denen andere Erasmus-Studenten zu berichten wussten, entschied ich mich für 10 Monate Paris, um nicht nur in einem Monat Famulatur in Frankreich zu leben, sondern Teil des französischen Alltags zu werden – und kann jedem einen solchen Auslandsaufenthalt nur ans Herz legen!

Wieso eigentlich Paris?

Eigentlich jagte mich während der Schulzeit schon die Vorstellung, einige Zeit den französischen Alltag kennen zu lernen, nachdem ich in den Genuss eines genialen Schüleraustausches in der neunten Klasse kommen durfte.

Nach einigem Hin und Her musste ich allerdings feststellen, dass solche Aufenthalte während der Schulzeit recht schwierig zu bewerkstelligen und eher kostenintensiv sind. Dennoch hoffte ich, mir diesen Traum später einmal verwirklichen zu können.

Nach dem Abitur verbrachte ich eine Woche mit meiner Oma in Paris, die von der Stadt begeistert war. Da ich selbst leidenschaftliche Tangotänzerin bin, haben

mich die Tänzer auf den Quais der Seine natürlich sofort für sich gewonnen und die Idee war geboren, in der Metropole etwas mehr Zeit zu verbringen als nur sieben Urlaubstage.

Vor allem reizte mich, dass das Medizinstudium in Frankreich gänzlich anders aufgebaut ist als in Deutschland; hier verbringen die Medizinstudenten ab dem vierten Jahr jeden Morgen im Krankenhaus, sind direkt in den Stationsablauf eingebunden und müssen eigene Patienten versorgen.

Also recherchierte ich ein wenig und durchstöberte die Internetseiten der drei Universitäten, mit denen die Berliner Charité – Universitätsmedizin Berlin Partnerschaftsverträge für einen ERASMUS-Aufenthalt besitzt. Des Weiteren waren die Erfahrungen anderer Kommilitonen, die bereits einige Zeit in Paris verbrachten, sehr hilfreich. Nach und nach kristallisierte sich heraus, dass die Lehre an der Université Paris V – René Descartes sehr gut gewesen sein soll und ERASMUS-Studenten in allen Fragen stets zur Seite gestanden sowie bei Problemen geholfen wurde. Aufgrund dieses begeisterten Feedbacks mehrerer Medizinstudenten entschied ich mich also dazu, meine Bewerbung für ein ERASMUS-Semester an der Université Paris V – René Descartes in Paris zu stellen.

Bewerbung für ein ERASMUS-Semester

Zunächst hatte ich nur ein Semester im Ausland verbringen wollen, um nicht zu viel Zeit zu verlieren. Allerdings kann ich bereits vorweg nehmen, dass ich während meines Aufenthaltes einen Antrag auf Verlängerung stellte, weil es mir so gut gefallen hat, sodass ich letztendlich zwei Semester in Frankreich verbrachte.

Die erste Anlaufstelle war das ERASMUS-Büro auf dem Campus der Charité Berlin Mitte. Als ERASMUS-Student genießt man eine unglaublich gute Betreuung bei Frau Heller, die auf jede Frage Rat und Antwort weiß und sich auch die Zeit nimmt, bei Unklarheiten die Bewerbungsunterlagen noch einmal mit dem Medizinstudenten durchzugehen.

Jede Universität besitzt ein bestimmtes Kontingent an ERASMUS-Plätzen, die sie zu vergeben hat. Sollte es zu viele Bewerbungen geben, entscheidet ein Bewerbungsgespräch darüber, ob man einen Erstwunsch erhält oder nicht. Ich selbst habe ein solches Gespräch an der Charité durchlaufen, bei dem es darum ging, seine Motivation noch einmal genau zu erklären, weshalb man sich eben für dieses Land und diese Stadt entscheidet und was man sich von dem Aufenthalt erhofft.

Außerdem wird ein kleiner Vortrag erwartet. Dieser muss nicht einmal mit Powerpoint gemacht sein. Wichtig ist, dass man zeigt, weshalb man eine neue Kultur kennen lernen will. Ich habe beispielsweise eine Stelle aus dem Kleinen Prinzen von Saint Exupéry interpretiert, in dem der kleine Prinz und der Fuchs Freundschaft schließen und darüber dahin übergeleitet, dass auch ich hoffe, in Frankreich viele neue Freundschaften schließen zu können und die Möglichkeit zu besitzen, dort den Studien- und Lebensalltag leben zu können.

Die Bewerbungsunterlagen werden dann von dort alle versandt und man erhält per Post Bescheid, ob man angenommen wurde oder nicht. Die Fächerwahl trifft man im Voraus, bevor man seinen Auslandsaufenthalt antritt. Auch hier findet man bei Fragen immer Unterstützung.

Für Frankreich empfiehlt es sich, vor allem die großen Fächer wie Chirurgie, Innere Medizin, Gynäkologie und Pädiatrie zu wählen, da die Franzosen dreimonatige Praktika, so genannte „Stages“, im Krankenhaus absolvieren. Während dieser drei Monate ist man die ganze Zeit auf der gleichen Station – es sei denn, innerhalb des „Stage“ sind Wechsel vorgesehen oder die Studenten rotieren.

Manche Universitäten haben Abkommen, in denen ERASMUS-Studenten auch sechswöchige „Stages“ ablegen können, wofür ich mich entschied, um einen möglichst großen Einblick in die unterschiedlichen Fachrichtungen zu erhalten. Die gewählten „Stages“ und Kurse können nach der Ankunft in Frankreich auch immer noch einmal geändert werden, soweit in anderen noch Plätze vorhanden sind. Bei mir hatte immer alles funktioniert.

Wichtig ist, sich rechtzeitig zu informieren und sich frühzeitig zu bewerben. Ich selbst hatte keinen Anspruch auf Auslandsbafög, weshalb dieser Behördengang für mich entfiel. Allerdings ist gerade Paris von den Lebenshaltungskosten intensiver als Berlin, weshalb ich vor meinem ERASMUS-Jahr mir zusätzlich durch einen Nebenjob ein „Parisdepot“ ansparte.

Sprachliche Vorbereitungen

Ab der siebten Klasse hatte ich Französisch an der Schule, habe jedoch während des Studiums kaum gesprochen. Aus diesem Grund entschloss ich mich dazu, meine Sprachkenntnisse ein wenig aufzufrischen und mich auch auf den medizinischen Aspekt meines Aufenthaltes vorzubereiten. Zu diesem Zweck bietet das Institut Français in Berlin Kurse in „Français Médical“ an, die zwar etwas kostenintensiver sind, sich aber definitiv gelohnt haben. Der Kurs wurde von einem Lehrer abgehalten, der, selbst Franzose, in Frankreich im Krankenhaus tätig gewesen war und uns viele kleine Insidertipps vermittelte, über die ich mich später auf Station noch freuen sollte. Es wurde sehr viel Wert auf das Sprechen gelegt sowie in jedem Kurs eine Situation nachgespielt, die sich im Krankenhaus ereignen könne und bei der wir schnell reagieren mussten.

Des Weiteren wird von der Universität in Paris direkt ein Sprachkurs vor Beginn des Semesters angeboten, für den man sich online einschreiben kann. Diese Möglichkeit nutzte ich, um auch mein umgangssprachliches Französisch direkt vor Ort noch etwas aufzupolieren. Online muss man einen kurzen Sprachtest absolvieren und wird dann in eine Gruppe mit Studenten eingeteilt, die ungefähr das gleiche sprachliche Niveau haben. Der Kurs war sehr gut organisiert; morgens ging es um sprachliche Stolpersteine und Wiederholungen, nachmittags wurde die Pariser Geschichte und Kultur den Austauschstudenten näher gebracht sowie Hinweise und Ideen, was man während seines Aufenthaltes in Paris auf keinen Fall versäumen sollte.

Einreiseformalitäten

Da Frankreich zur EU gehört, ist ein Visum nicht notwendig. Der Personalausweis genügt. Allerdings wird empfohlen, den Reisepass mitzunehmen und ihn stets in der WG/im Wohnheim zu lassen, falls doch mal das Portemonnaie geklaut wird. So hat man dann noch immer ein Dokument, auf das man zurückgreifen kann.

Eine Auslandsreisekrankenversicherung wird empfohlen, da medizinische Leistungen in Frankreich teuer sind und eine deutsche Krankenkasse nur den Anteil der Kosten übernimmt, den eine Behandlung auch in Deutschland gekostet hätte.

Und wo kann man wohnen?

Halle in der Opéra Garnier
Halle in der Opéra Garnier

Die Wohnsituation in Paris ist mehr als nur kompliziert. Selbst als ERASMUS-Student kann man nicht sicher sein, einen Platz im Studentenwohnheim (www.crous-paris.fr ) zu bekommen. Auch hier gilt, unbedingt die angegebenen Fristen für Bewerbungen einzuhalten!

Sollte es am Studentenwohnheim nicht klappen, ist die Cité Universitaire noch immer eine gute Alternative, denn auch sie bietet Wohnheimplätze für ausländische Studenten an (http://www.ciup.fr ). Die Wohnheime sind zwar nach Ländern gestaffelt, aber man muss sich als Deutscher nicht zwangsläufig auf das deutsche Haus bewerben.

Findet man auch hier keine Unterkunft, gilt es, selbst fündig zu werden. Ich bin auch bei den Wohnheimen abgelehnt wurden und machte mich also selbst auf die Suche nach einer geeigneten Unterkunft. Innerhalb von Paris sind die Preise teilweise unglaublich hoch, ein Zimmer kostet im Schnitt über 500.- EUR. Deshalb ist es empfehlenswert, auch in den Vororten in der Nähe von Métro-Stationen zu suchen, da man dort günstiger wohnen kann und der Weg bis ins Zentrum auch nicht allzu weit ist.

Es gibt wirklich unheimlich viele Wohnungssuchseiten, also plant genug Zeit ein! Teilweise kann es recht frustrierend sein, wenn von 30 geschriebenen Mails siebzehn Absagen eintrudeln und die anderen sich erst gar nicht zurückmelden. Wenn man nicht vor Ort zur Wohnungsbesichtigung sein kann, ist es doppelt schwer. Wer vertraut schon einem ausländischen Studenten, den er noch nie zuvor gesehen hat?

Da ich nicht die finanziellen Mittel hatte, vorher schon nach Paris zu fliegen, war meine erste Wohnung auch ein Reinfall, sodass ich mir dann vor Ort eine andere Wohnung gesucht habe. Gefunden habe ich diese mithilfe von www.appartager.com , allerdings muss man einen Mitgliedsbeitrag zahlen, wenn man andere Mitglieder kontaktieren will. Der für 10 Tage reicht – wenn man erst einmal zahlt, findet man sofort etwas. Ich habe gezahlt, hatte am nächsten Tag meine ersten Besichtigungen und bin ca. 48h später direkt umgezogen.

Als EU-Bürger kann man in Frankreich finanzielle Unterstützung fürs Wohnen beantragen. Informationen dazu gibt es auf www.caf.fr , der Seite von Caisse d’Allocations Familiales (CAF). Bei der Wohnungssuche privat muss man allerdings achtgeben, ob man auch CAF beantragen kann. Dies ging bei mir beispielsweise nicht, weil ich auf Vertrauensbasis in meiner WG gewohnt habe, daher keine Nachweise benötigte und keine Kaution zu zahlen brauchte.

Vorteil einer WG ist definitiv, dass man dazu gezwungen ist, französisch zu sprechen und auch gleich ein bisschen Anschluss findet. Die meisten Franzosen können nicht wirklich Englisch und/oder wollen es auch nicht sprechen, was meinem Französisch aber definitiv geholfen hat! Ich kann’s also nur empfehlen.

Mit der Métro kommt man auch überall gut hin. Als Student kann man für ein Jahr eine so genannte „Carte Imaginaire“ beantragen, die billiger ist als der monatliche Pass „Navigo“. Wer nicht zu weit draußen wohnt, für den sind die „Velib“, Fahrräder zum Ausleihen, eine geniale Alternative. Für „Velib“ und Métro-Karte benötigt man allerdings beim Beantragen ein französisches Bankkonto. Hier gibt es aber genügend Studentenangebote, bei denen man bei Eröffnung nichts zahlen muss und alles ganz unkompliziert vonstatten geht.

Medizin studieren in Paris

Hauptgebäude der Université Paris V René Descartes
Hauptgebäude der Université Paris V René Descartes

Wie bereits erwähnt, ist das Medizinstudium in Frankreich gänzlich anders aufgebaut. Es empfiehlt sich, das „D2“, „D3“ oder „D4“, also das vierte, fünfte oder sechste Jahr der Franzosen, zu absolvieren, wobei man Kurse aus diesen Jahren auch unterschiedlich mischen kann. Ich belegte „Stages“ aus „D2“, „D3“ und „D4“, obwohl ich mein deutsches viertes Jahr des Medizinstudiums in Frankreich verbrachte. Man kann auch an den „Stages“ teilnehmen, wenn man in Deutschland eigentlich erst im dritten Jahr seines Studiums wäre.

Es empfiehlt sich, vor allem die größeren Fächer als „Stages“ für die Anerkennung zu wählen, da diese drei Monate dauern – je nach Universität für einige ERASMUS-Studenten auch nur sechs Wochen. Der Vorteil, wenn man drei Monate auf Station verbringt, ist der, dass man wirklich als Teil des Teams gesehen wird und bereits wie ein PJler auf Station tätig ist. Darüber hinaus wird man bezahlt. Entscheidet man sich für die Option der sechswöchigen Praktika, sollte es für die jeweilige Universität angeboten werden, kann man in sehr viele Bereiche hineinschnuppern, aber hat keinen Anspruch auf Bezahlung.

Je nach Universität ist es auch unterschiedlich, ob die Nachmittagskurse und schriftlichen Klausuren in Deutschland anerkannt werden. Da sollte man sich vorher schlau machen. Werden nachmittägliche Kurse und Klausuren beispielsweise nicht anerkannt, ist es sinnvoll, sich selbst vor Ort noch kleine Nachmittags-„Stages“ zu organisieren.

Achtung: In Frankreich ist „Médecin Interne“ nicht gleich Innere Medizin! Die Franzosen verstehen darunter Rheumatologie und Diabetologie. Aus diesem Grund habe ich ein „Stage“ in der Kardiologie und ein „Stage“ in der Pulmologie gemacht, um Innere Medizin damit abzudecken, sowie Thoraxchirurgie, Anästhesie, Gynäkologie, Pädiatrie und Genetik. Die „Stages“ gehen immer ungefähr von 9:00 bis 13:00 Uhr, was aber je nach „Stage“ variieren kann und nachmittags finden Kurse statt, die man wahlweise belegen kann.

Von dem Klima auf den Stationen war ich begeistert. Man wurde als vollwertiges Mitglied anerkannt, bekam eigene Patienten zugewiesen, um die man sich kümmerte und hat sehr viel gelernt. In Frankreich werden Medizinstudenten auf den Stationen während ihres Studiums viel mehr eingebunden als in Deutschland. Man untersucht seine Patienten allein, legt Zugänge, macht arterielle Blutabnahmen, näht im OP oder reicht Instrumente an. In meinem Anästhesie-„Stage“ durfte ich die Patienten auch intubieren und ventilieren. Je nach Station und Fachrichtung ist das Aufgabengebiet variabel. Vor allem sind die „Gardes“ empfehlenswert, die Nachtdienste, da man hier zum Teil allein, zum Teil mit einem anderen Arzt unterwegs ist, sehr viel sehen als auch lernen kann und größtenteils zudem selbst untersucht sowie mit dem Arzt Verdachtsdiagnosen bespricht.

Die französischen „Stages“

Insgesamt machte ich sieben Blockpraktika während meines Aufenthaltes in Paris. Das erste war die Kardiologie, in der ich drei Wochen auf der Intensivstation und drei Wochen in der Tagesklinik verbrachte. Auf der Intensivstation hatten wir drei Medizinstudenten viel zu tun, da jeden Tag neue Aufnahmen kamen und es unsere Aufgabe war, das Anamnesegespräch zu führen und die „Observations“ zu schreiben. Jeder hatte des Weiteren vier Patienten, die wir täglich untersuchen mussten. Anforderungen zum Röntgen oder CT sowie Telefonate wurden ebenfalls von uns ausgeführt. Einmal wöchentlich zur Visite stellten wir einen unserer Patienten dem Chefarzt vor. Die zweiten drei Wochen auf der Tagesklinik waren dann nicht ganz so stressig, sodass wir abwechselnd auch bei Belastungs-EKGs, Echokardiographien und Coronarographien zuschauen konnten.

Mein zweites „Stage“ war die Pneumologie. Auch hier wurde ich herzlich aufgenommen und jeder Medizinstudent hatte zwei bis drei Patienten, um die er sich kümmern musste (Aufnahmegespräch, Untersuchungen veranlassen, Blutgasanalysen, etc.). Die arteriellen Blutentnahmen für die Blutgasanalysen wurden auch von uns Studenten durchgeführt. Einmal wöchentlich war Chefarztvisite, bei der wir unsere Patienten vorstellen mussten.

In der Thoraxchirurgie war ich die einzige Studentin auf Station und lief meistens mit der „Interne“ mit. In Frankreich ist man während des Studiums „Externe“ und anschließend nach dem Medizinstudium, wenn man mit der Ausbildung zum Facharzt beginnt, „Interne“. Sie zeigte mir, wie man Drainagen zieht und chirurgische Knoten macht. Nach dem morgendlichen Rundgang ging es um 9:00 Uhr oder um 9:30 Uhr in den OP, wo ich öfters auch zum Schluss nähen durfte.

Die Anästhesie in Frankreich kann ich nur wärmstens empfehlen. Ein geniales „Stage“! Ich war erst drei Wochen lang in der orthopädischen Anästhesie und dann drei Wochen in der Gynäkologie. Ich habe Zugänge gelegt, Patienten ventiliert und intubiert und durfte unter Aufsicht auch selber lokal anästhesieren. Alle zwei Wochen gab es Kurse, im OP konnte man sich aussuchen, bei wem man mitlaufen wollte, und alles wurde super erklärt. Obwohl ich mich früher nie für dieses Fach erwärmen konnte, erwäge ich seitdem tatsächlich, ob es nicht doch eine interessante Fachrichtung für mich wäre.

In der Gynäkologie habe ich einen breit gefächerten Einblick bekommen, da wir Medizinstudenten jede Woche wechselten. Ich verbrachte eine Woche in der Sonographie, eine Woche bei den Sprechstunden, zwei Wochen auf der Station für pathologische Schwangerschaften und zwei Wochen auf der Wöchnerinnenstation. Entweder war man mit den Hebammen oder den Ärzten unterwegs. Theoretisch hätte ich auch eine Woche in den OP gekonnt, aber da ich schon drei Wochen während meines Anästhesie-„Stage“ im gynäkologischen OP war, interessierte mich vor allem der Ablauf auf Station. In Frankreich untersuchen hier auch bereits die Studenten die Patientinnen und wir hatten jeden Morgen vor Beginn des „Stage“ vom Krankenhaus organisierte Kurse.

Mein letztes reguläres „Stage“ verbrachte ich in der Kinderimmunologie, was unglaublich spannend war. Allerdings stimmt es, dass man hier aufgrund der Immunsupprimierung der Kinder keine so großen Kompetenzen wie in anderen Fachrichtungen hat. Aber dennoch ist man immer mit den „Internes“ unterwegs, macht Anforderungen, zum Beispiel zum Röntgen, fertig, übernimmt Telefonate und untersucht gemeinsam mit den anderen Ärzten. Hier kann man sehr seltene Krankheiten zu Gesicht bekommen, da die Station so sehr spezialisiert war.

Außerdem hatte ich mich um ein „Stage“ auf einer genetischen Station bemüht, um einen Einblick in die genetische Diagnostik zu erhalten. Dort war ich meistens mit den Ärzten in den Sprechstunden, was unglaublich interessant war, da man so viele unterschiedliche genetische Krankheitsbilder zu Gesicht bekommt.

Die einzelnen „Stages“ fanden größtenteils an unterschiedlichen Krankenhäusern statt, welche von der Universität zugeteilt werden. Noch vor meiner Abreise erhielt ich per Email eine Liste, in der stand, an welchem Krankenhaus ich wann welches „Stage“ ableisten würde. Die Krankenhäuser, an denen sich die Medizinstudenten der Paris V befinden, sind hauptsächlich im Süden von Paris verteilt.

Ein ganz anderer Aufbau des Medizinstudiums

Das Medizinstudium in Frankreich ist komplett anders organisiert als in Deutschland. Zunächst können alle mit dem Studium im ersten Jahr beginnen und müssen danach ein Auswahlverfahren, den sogenannten „Concours“ bestehen, der so ähnlich ist wie unser Physikum. Da allerdings eine solch große Zahl von Studenten an diesem „Concours“ teilnimmt, werden nur die besten 15 Prozent dazu berechtigt, anschließend ihr Medizinstudium weiterzuführen. Zählt man beim ersten Versuch nicht zu diesen besten 15 Prozent, darf man im Folgejahr noch einmal am „Concours“ teilnehmen, danach allerdings nicht mehr. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass viele Franzosen im ersten Jahr Medizin sich wirklich nur auf ihr Studium konzentrieren.

Danach folgen die Studienabschnitte „P1“ und „P2“, in denen es hauptsächlich theoretisch zugeht. Danach kommen „D1“ bis „D4“, in denen die Medizinstudenten dann vormittags im Krankenhaus tätig sind und nachmittags Kurse besuchen. Daran sieht man, dass das französische Medizinstudium einen weitaus größeren Praxisbezug hat als das deutsche. Hinzu kommt, dass die Studenten weitaus mehr Befugnisse besitzen, was auch für französische Patienten vollkommen normal ist. Wer also einen größeren Einblick in unterschiedliche Fachrichtungen gewinnen und praktisch tätig sein möchte, für den ist ein Auslandssemester in Frankreich genau das Richtige!

Unterricht in Französisch

Kurse und Vorlesungen waren in Französisch und auch im Krankenhaus wurde durchweg Französisch gesprochen. Aus diesem Grund schätze ich es durchaus als notwendig ein, zumindest ein Sprachniveau von „B1“ oder „B2“ zu besitzen, bevor man sich auf den Weg ins französischsprachige Ausland macht, da es sonst teilweise schwierig werden kann, auf Station mitzukommen, vor allem, wenn die Ärzte schnell über Patienten und Diagnosen reden. Mit Englisch kommt man nicht weit. Wenn wir Patienten hatten, die kein Französisch sprachen, aber Englisch oder sogar Deutsch, war es sehr oft so, dass wir ERASMUS-Studenten übersetzt haben. Das Positive daran ist aber natürlich auch, dass man sehr schnell rasante Fortschritte in der Sprache macht. Außerdem bieten die Universitäten meistens sehr günstig begleitende Sprachkurse an.

Mir gefällt es so gut, ich will noch bleiben!

Je nach Universität ist es unterschiedlich schwierig, eine Verlängerung des ERASMUS-Aufenthaltes zu beantragen. Bei manchen ist es gar nicht möglich. Von Seiten der Charité wurden mir keine Steine in den Weg gelegt. Da ich als ERASMUS-Studentin der Freien Universität unterwegs war, musste ich meinen Wunsch, ein Semester länger in Paris zu bleiben, auch dort absegnen lassen, was absolut kein Problem war. Nach einer Bestätigung der Pariser Universität, dass ich ein weiteres Semester bleiben könne, wurden mir sogar gleich die 80 Prozent der zusätzlichen ERASMUS-Förderung überwiesen. Alles konnte via Email geklärt werden, sodass auch kein unnötiger Papierkram auszufüllen war.

Aber wie soll man das alles bezahlen?

Paris ist ein teures Pflaster. Das sollte man bedenken, wenn man sich für ein ERASMUS-Jahr hier entscheidet und zuvor, wie ich, Berliner Preise gewohnt ist. Vor allem die Unterkunft kann teuer werden, aber auch die Lebenshaltungskosten sind definitiv höher als in Deutschland.

Wenn man dreimonatige „Stages“ absolviert, hat man hier die Möglichkeit, bezahlt zu werden. Im Monat verdient man dann zwischen 100.- und 200.- EUR. „Gardes“ (Nachtdienste) werden noch einmal mit 20.- EUR extra vergütet.

Wer bereits in Deutschland Bafög bezieht, kann Auslandsbafög beantragen, welches den ERASMUS-Satz nicht abzieht.

Die ERASMUS-Förderung für Paris fällt je nach Universität unterschiedlich aus, reicht aber nicht, um alle anfallenden Kosten abzudecken. Ich selbst wusste bereits seit einiger Zeit, dass ich längere Zeit in Paris studieren wollte und habe so noch etwas extra gespart, was meiner Ansicht nach wirklich empfehlenswert ist.

Anerkennung von Studienleistungen

Wichtig ist, dass man sich alles bescheinigen lässt. Für die Franzosen läuft die Evaluation mittlerweile elektronisch, wir ERASMUS-Studenten hatten eine Papiervariante des „Carnet de Stage“, in die wir uns alles eintragen lassen mussten: von wem wir von wann bis wann betreut wurden, was für eine Prüfung stattfand und die Benotung. Dabei musste man sich größtenteils selbst um die Prüfung oder ein Prüfungsäquivalent kümmern – zum Beispiel die Vorstellung eines Patienten zur Diskussion vor versammeltem Ärztekollegium in der Mittagsbesprechung.

Der ERASMUS-Koordinator vor Ort stellt dann zum Ende des Aufenthaltes das so genannte „Transcript of Records“ aus, in dem alle Kurse und Praktika mit Benotung vermerkt sind. Meine Universität forderte auch eine Bestätigung über den Zeitraum an, den ich im Ausland verbrachte, welche mir ebenfalls von ihm ausgehändigt wurde. Mit diesen Dokumenten musste man dann in Deutschland wieder zum ERASMUS-Büro, wo die Äquivalenz-Bescheinigungen ausgestellt werden, was zwei bis drei Wochen dauern kann. Dabei gab es aber keine weiteren größeren Probleme.

Ich selbst entschied mich dazu, ein zusätzliches Semester zu nehmen, um alle kleineren Kurse, die mir noch fehlten, ohne großen Stress nachholen zu können und gleichzeitig trotzdem noch genug Zeit für meine Doktorarbeit zu haben. Allerdings ist es auch durchaus möglich, bereits vor dem Auslandsaufenthalt Kurse vorzulegen, um später nicht noch ein Semester anzuhängen.

Das süße Pariser Leben

Blick auf die Kathedrale Notre Dame de Paris von der Seine aus
Blick auf die Kathedrale Notre Dame de Paris von der Seine aus

Paris bietet unglaublich viele Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben. Viele Museen und Sehenswürdigkeiten sind für unter 26-Jährige kostenlos und es lohnt sich, auch die kleineren, nicht ganz so touristisch bekannten Viertel zu erkunden und sich abgeschiedene Restaurants zu suchen. Theater sind zwar teuer, aber lohnen sich!

Auch die Universität bietet viele Freizeitmöglichkeiten an, von Chor bis Uni-Sport ist alles dabei. Ich hatte mich im Theater eingeschrieben, wodurch ich sehr viele neue Leute kennengelernt habe. In den „Stages“ ist man ja doch immer nur auf wenige Studenten limitiert bzw. teilweise auf gar keine anderen, sondern nur auf die Ärzte und „Internes“. Neben dem riesigen Spaß, den die gemeinsame Arbeit an einem Theaterstück mit sich brachte, hat auch meine Sprache in dieser Zeit eine unglaubliche Entwicklung vollzogen. Am Ende meines Aufenthaltes führten wir unser Stück auf und ich erhielt sehr viel positive Rückmeldung. Viele hätten nicht einmal bemerkt, dass ich einen Akzent habe.

Auch kann man es schaffen, sich günstigere Alternativen zu teuren Angeboten zu suchen. So wollte ich beispielsweise nicht auf meine Violinenkurse verzichten und fand per Zufall eine Musikstudentin, die mir wöchentlich Stunden gab.

Abends an den „Quais“ der Szene in Paris wird ebenfalls immer viel geboten; ob Salsa oder Tango, ob kleine Konzerte oder einfach nur ein gemütliches Beisammensein unter Studenten, hier wird es nie langweilig.

Man sollte sich zudem unbedingt einen Besuch in der Oper „Garnier“ gönnen und sich in den kleinen Gassen in der Nähe der Métro „Hôtel de Ville“ in den ganzen „Vintage“-Shops umsehen. Ferner sind Picknicks im Sommer in Paris sehr beliebt und man kann wahnsinnig interessante Leute dort kennen lernen.

Wenn man rechtzeitig bucht, sind Fahrten mit dem TGV, um sich noch andere französische Städte anzuschauen und dort eventuell ein Wochenende zu verbringen, für Unter-25-Jährige super günstig. Ich war mehrere Wochenenden in Reims und eines in Rouen. Beide Städte sind mit Paris nicht zu vergleichen, aber unglaublich idyllisch, wenn man ein bisschen Ruhe von dem ganzen Städtetrubel sucht. In Reims sollte man z.B. unbedingt die Reimser Kathedrale besichtigen!

Allerdings gilt es bei allem zu bedenken, dass Paris wirklich um einiges teurer ist, man sollte also das nötige Kleingeld einstecken.

Und was bleibt?

Blick auf den Eifelturm von der Seine aus
Blick auf den Eifelturm von der Seine aus

Unglaublich viele Erfahrungen. Auf keinen Fall möchte ich diese zehn Monate missen, die ich in Paris verleben konnte – weder in Bezug auf meine akademische Laufbahn noch was die neu geschlossenen Freundschaften angeht, denn ich habe so viel aus Frankreich mitnehmen können. Wohl stimmt es, dass es am Anfang schwer sein kann, in Kontakt mit den Franzosen zu treten. Deshalb ist es wichtig, selbst auf andere Studenten zuzugehen und zu zeigen, dass man eben nicht nur mit anderen ERASMUS-Studenten Zeit verbringen, sondern in die französische Kultur und Lebensweise eintauchen möchte.

Gerade aufgrund der ganzen Unterschiede, sei es in Bezug auf das Medizinstudium oder auf die Menschen, waren diese zehn Monate nie langweilig und hielten immer wieder neue Überraschungen für mich parat. Man kehrt heim als ein Mensch, der in sich gewachsen ist und hat so viele schöne Erinnerungen im Gepäck, dass ich jetzt schon mit dem Gedanken spiele, einen Teil des PJs wieder im französischsprachigen Ausland zu verbringen.

Die Betreuung seitens der Pariser Universität sowie innerhalb Berlins durch die Charité sowie durch die Freie Universität war unkompliziert, zielgerichtet, unglaublich nett und zu jeder Zeit hilfsbereit, sodass ich von der Unterstützung, die uns ERASMUS-Studenten in unserem Vorhaben zuteil wurde, absolut begeistert bin.

Wenn Ihr Euch nicht sicher seid, ob Ihr im Ausland studieren wollt: Traut Euch zu diesem Schritt! Der ganze Aufwand und auch der eine oder andere Rückschlag sind es wert, fernab vom Touristenrummel ein Land auf eine ganz neue Art und Weise kennen zu lernen!

Saskia Thérèse Schirmer
Berlin, Juli 2013

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