Famulatur in Uganda – Innere Medizin, Pädiatrie, Gynäkologie und Geburtshilfe

23. Juli 2013

in Chancen im Ausland, Famulatur im Ausland, Gynäkologie und Geburtshilfe, Innere Medizin, Pädiatrie, Uganda

Uganda, Kagando, Kagando Hospital (23.02.-24.03.2013)

Sieben Wochen Uganda liegen hinter mir. Sieben Wochen voller Leben, vielen Eindrücken, intensiven Begegnungen und prägenden Erlebnissen. Nicht nur medizinisch war diese Zeit lehrreich, auch für mich persönlich war sie sehr bereichernd. So einen Blick über den deutschen Mediziner-Tellerrand kann ich jedem nur empfehlen.

Wie alles begann…

In OP-Montur

Wieso entscheidet man sich für eine Famulatur in Uganda? Und noch dazu die erste? Was für viele Medizinstudierende eher wie eine verrückte Idee klingt, war für meine Freundin und mich letzten Sommer unsere Motivation, um beim Lernen aufs Physikum nicht aufzugeben. Seit knapp einem Jahr hatten wir den Traum einer vierwöchigen Famulatur mit anschließendem Urlaub in Uganda. Nach und nach begannen wir uns konkret über die Finanzierung und die Wahl des Krankenhauses Gedanken zu machen.

Zu Uganda haben wir beide seit unserem gemeinsamen Freiwilligen Sozialen Jahr 2009/2010 einen besonderen Bezug. Damals arbeiteten wir für elf Monate in einem Krankenhaus auf der Ernährungsstation mit und hatten Land, Kultur und Leute kennen und schätzen gelernt. Von einer Famulatur in Uganda erhoffte ich mir, Krankheitsbilder wie Aids, Tuberkulose und Malaria zu sehen, die bei uns nur aus dem Lehrbuch bekannt sind, aber weltweit eine große Rolle spielen. Außerdem freute ich mich auf jede Möglichkeit, praktisch tätig zu sein und zu sehen, wie Medizin, ohne die in Deutschland üblichen technischen Möglichkeiten, aussehen kann.

Nicht zuletzt kann ich mir auch später als Ärztin eine Tätigkeit in einem Entwicklungsland vorstellen und möchte deshalb jede Möglichkeit während des Medizinstudiums nutzen, um in der Tropenmedizin Erfahrungen zu sammeln – sowohl medizinisch-fachlich als auch kulturell.

Vorbereitungen mit Anlaufschwierigkeiten…

Zwischen dem ersten Anschreiben von verschiedenen ugandischen Krankenhäusern und der letzten Entscheidung, wo wir tatsächlich hingehen, verging sehr viel Zeit und trotz unseres guten Vorsatzes einer langfristigen Planung wurde es eine ziemlich spontane Sache. Letztendlich landeten wir im Kagando Hospital, von dem die Zusage erst nach mehrmaligen Nachfragen acht Wochen vor unserem Flugtermin kam. Tipp: unbedingt direkt bei Dr. Olupot anfragen! Im Gegensatz zu anderen Hospitals hatte Kagando angemessene Preise für Unterkunft und Verpflegung (10 € pro Tag) und einen guten Ruf.

Bei der Wahl des Krankenhauses war uns – neben dem Finanziellen – wichtig, dass ein internationales Team vor Ort arbeitet, da dadurch ein gewisser Standard im Krankenhaus gewährleistet ist und auch automatisch mehr Englisch und nicht nur Stammessprache gesprochen wird. Im Hospital trafen wir dann tatsächlich auf englische und deutsche Ärzte, Krankenschwestern aus Belgien und andere internationale Medizinstudenten.

OP-Liege

Letzte To-does vor dem Flug

  • Sparen

Den größten Teil der Kosten stellen definitiv der Flug (ca. 600-800 €) und die Impfungen dar, die aber je nach Krankenkasse auch übernommen werden. Das Leben in Uganda ist verhältnismäßig sehr billig. Etwas mehr Geld braucht man nur für „Touristen-Luxus“ wie Safaris oder Wildwater Rafting.

  • Lernen

Es ist sinnvoll, sich nach eigenem medizinischen Interesse und Wissensstand vorzubereiten. Wir lasen gerne im „Oxford Handbook of Clinical Medicine“ und dem „Oxford Handbook of Tropical Medicine“ oder natürlich im „Herold“ das nach, was wir nicht wussten – und was ganz schön viel war. Etwas „Medical English“ zu lernen bzw. gegebenenfalls auch die Alltags-English-Basics aufzufrischen, ist auf jeden Fall bei der Vorbereitung auch zu empfehlen.

  • Visum organisieren

Ein 3-Monats-Visum gibt es normalerweise ohne Probleme bei der Einreise. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann sich auch vorab sein Visum bei der Ugandischen Botschaft in Berlin organisieren.

(Anm.d.Red.: Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

  • Impfen

Mein Tipp ist, alle empfohlenen Impfungen auf jeden Fall durchzuführen. Im Krankenhaus hat man ständig Kontakt mit hochinfektiösen Patienten und jede Vorsorge zahlt sich deshalb aus!

Das Gleiche gilt für die Malaria-Prophylaxe. Ich habe insgesamt 10 Wochen Doxycyclin genommen. Doxy ist am billigsten und echt nebenwirkungsarm. Vor allem, wenn man nicht so lang im Lande ist, ist jeder einzelne Krankheitstag zu viel, sodass sich die Einnahme wirklich lohnt.

  • Versichern

Empfehlenswert ist eine Auslandsreisekrankenversicherung mit enthaltenem Krankenrücktransport. Man ist zwar in einem Krankenhaus, aber wenn man die Wahl hat, dann würde ich den europäischen Standard auf jeden Fall bevorzugen.

Und los geht’s: das Kagando Hospital

Das Kagando Hospital in Uganda

In Uganda gibt es die „Government-Hospitals“, welche kostenlose Behandlungen anbieten, aber von der Qualität her stark zu wünschen übrig lassen, und die privaten, meist kirchlichen Krankenhäuser. Das Kagando Hospital wird von der protestantischen „Church of Uganda“ unterhalten. Es hat ca. 200 Betten mit chirurgischen, internistischen und pädiatrischen Stationen, eine große Ambulanz und Poliklinik, sowie eine Cholerastation und eine Lepra- und Tuberkulose-Abteilung.

„Kagando“ ist ein kleiner Ort im Südwesten Ugandas am Fuß des „Ruwenzori-Gebirges“, ca. 45 km westlich von „Kasese“, der nächsten größeren Stadt. Das Dorf besteht zu 90 Prozent aus dem Hospital an sich und den Mitarbeiterhäusern, die sich alle im Umkreis von 1 km befinden. Zusätzlich gibt es noch eine „Nursing- und Midwifery-School“ als auch einen Sportplatz auf dem Gelände. Die wichtigsten Besorgungen kann man in den kleinen Läden am Straßenrand oder auf dem Markt machen, aber bereits für Post und Bank muss man nach „Kasese“ fahren.

Die Arbeit im Hospital

Beatmungsapparat im OP

Das Kagando Hospital kann man nur sehr schlecht mit einem deutschen Krankenhaus vergleichen. Insgesamt gibt es viel weniger Personal und nur wenige diagnostischen Möglichkeiten wie Labor, Röntgen und Ultraschall – aber alles recht teuer. Alle Patienten einer Station sind in einem Raum untergebracht und Angehörige sind für die Pflege und Versorgung der Patienten zuständig. Stromausfälle kommen mehrmals täglich vor, Hygiene ist die Ausnahme und mehr als die Hälfte der bei uns üblichen Medikamente gibt es in „Kagando“ nicht.

Jeder Patient wird bei seiner Aufnahme zunächst durch das „Out Patient Department“ (OPD) geschleust. Hier entscheidet ein „Clinical Officer“, ob und auf welche Station der Patient aufgenommen wird, führt Erstmaßnahmen durch und legt den vorläufigen Therapieplan fest. Auf Station wird der Patient dann vom Arzt noch einmal eingängig untersucht und evtl. folgen weitere diagnostische Maßnahmen. Oft ist jedoch weniger wichtig, was genau der Patient hat, das macht nur unnötige Kosten, sondern seine Behandlung steht im Vordergrund. Somit wird regelmäßig – erfolgreich – behandelt, ohne bekannte Diagnose.

Die Visite findet morgens und nachmittags statt. Am Morgen ist die Visite sehr ausführlich und jeder Patient wird somit mindestens einmal am Tag vom Arzt untersucht. Nachmittags ist die Visite kürzer und es werden vor allem Neuzugänge und kritische Patienten besucht.

Bei der Gestaltung der Famulatur ließ uns das Krankenhaus sehr viele Freiheiten und wir konnten, in Absprache mit den anderen Medizinstudenten und unseren Mentoren, selbst entscheiden, auf welche Stationen wir mochten als auch wann und wie viel wir arbeiteten. Da ich gerne möglichst viel Unterschiedliches sehen wollte, teilte ich meine vier Wochen auf die Stationen Innere (Männer und Frauen), Pädiatrie sowie Gynäkologie und Geburtshilfe auf. Letztendlich war die Zeit somit immer zu kurz, um die Stationsroutine mitzuerleben und seine „eigenen“ Arbeitsbereiche zu haben. Außerdem ließen zusätzliche besondere Highlights wie ein zweitägiges „neonatal and paediatric reanimationtraining“, OPs und „Out Reaches“, dies sind Wanderungen in abgelegene Dörfer für Impfkampagnen, Entwurm-Aktionen etc., keinen Alltag aufkommen.

Trotzdem würde ich sagen, dass ich durch die Famulatur sehr viel lernen konnte. Alle Ärzte gaben sich viel Mühe, uns zu integrieren, ließen uns mit untersuchen, neue Patienten aufnehmen und ab und zu gab es auch ein spontanes „Bedside-Teaching“ für das Pflegepersonal und uns Medizinstudenten. Blut abnehmen und Zugänge legen gehören in Uganda zu den Aufgaben des Pflegepersonals. Leider hatten wir somit nicht allzu oft die Möglichkeit, uns darin zu üben, wobei man uns auf permanentes Nachfragen auch dies gerne machen ließ.

Montagsabends fand immer ein ca. einstündiger Vortrag für alle Ärzte und Medizinstudenten statt. Darin wurde meistens ein interessanter aktueller Fall behandelt und anhand dessen ein Krankheitsbild und die Behandlungsmöglichkeiten besprochen.

Our daily life

Stationsleben

Ein typischer Arbeitstag beginnt um 8:00 Uhr in der Kirche. Dort findet jeden Morgen die „Assembly“ statt, eine Art kleiner Gottesdienst mit Andacht, Liedern und Gebet als gemeinsamer Start in den Tag. Danach beginnt auf den Stationen die Visite, die je nach Patientenzahl 30 Minuten bis vier Stunden dauern kann. Die Visite besteht immer mindestens aus einem Arzt und einer Krankenschwester, die u.a. auf die Stammessprache übersetzt. Oft waren außer uns Medizinstudenten auch noch ein bis zwei Krankenpflegeschüler mit dabei.

Vor allem auf den „Medical Wards“ konnte man sehr interessante Krankheitsbilder sehen: Malaria, Tuberkulose, schwere Pneumonien, Tumore im Endstadium und Typhus, aber auch neurologische Fälle, psychisch Kranke und Patienten mit Zahnbeschwerden waren hier untergebracht. Man konnte einzelne Krankheitsverläufe über mehrere Stadien gut verfolgen – teilweise mit einem „happy“, teilweise mit einem „sad ending“. Unsere Mittagspause schoben wir je nach Visitenlänge nach vorne oder hinten und waren meist bis nach 15:00 Uhr im Krankenhaus, weil es so viel Interessantes zu sehen gab.

Nachmittags gab es dann kein spezielles Programm mehr. Oft schauten wir einfach, was auf Station los war. Eines meiner Nachmittags-Highlights waren z.B. die erste Geburt, bei der ich hautnah dabei sein konnte und eine Kaiserschnitt-OP am nächsten Tag. Oft besuchten wir auch die „Out Patient Department“ und nahmen neue Patienten gemeinsam auf. Das machte sehr viel Spaß, weil von Rückenschmerzen über Rechtsherzinsuffizienz bis hin zu Mangelernährung alles zu sehen war und man gemeinsam knobeln musste, was es sein könnte und v.a., ob eine Aufnahme Sinn macht oder eher nicht. Man konnte sich nachmittags auch die Freiheit nehmen und die vielen Eindrücke vom Morgen verarbeiten. Ab und zu setzten wir uns also mit unseren Medizinbüchern in ein schattiges Plätzchen, stellten uns gegenseitig Patienten von der Morgenvisite vor und lasen in den Büchern die Facts zu den Krankheiten nach.

Abends war immer spätestens um 17:30 Uhr Feierabend, da dann auch das „Out Patient Department“ schloss. Im Vergleich mitunter zum deutschen Krankenhausalltag waren dies also ganz angenehme Arbeitszeiten, wobei man trotzdem nach einem solchen Tag, bedingt durch das Klima, die Arbeitsbedingungen, die vielen Eindrücke und die Fremdsprache, meist genauso fertig war.

Das Leben „daheim“ und Freizeit

Zur Unterbringung von internationalen Gästen gibt es verschiedene Häuser auf dem Krankenhausgelände und die Kosten hierfür belaufen sich auf ca. 10 € pro Tag mit Vollpension. Die Unterkunft ist für ugandische Verhältnisse wirklich gut. Es gibt Betten mit Moskitonetzen, Strom, W-lan und fließend Wasser. Im Aufenthaltsraum kann man schöne internationale Abende mit anderen Medizinstudenten und Einheimischen verbringen.

Und was die Freizeit betrifft, ist alles möglich wie z.B. Volleyball oder Fußball spielen, durch die umliegenden Dörfer joggen oder Wandern gehen. Zum Relaxen eignet sich der nahe „Queens Elisabeth Nationalpark“, wo es schöne Hotels mit Pool gibt oder man beeindruckende Safaris machen kann. Mein Geheimtipp: ein nahegelegener Wasserfall, in dem man sogar schwimmen kann! Und schon mal vorneweg: man kann Jahre in Uganda verbringen und immer noch schöne unbekannte Ecken entdecken!

Die Perle Afrikas

Weite und beeindruckende Landschaft rund um Kagando

Die Gastfreundschaft und Freundlichkeit der Ugander sind nicht zu übertreffen und man muss sich einfach willkommen fühlen. Das Land ist wunderschön, erstaunlich grün und landschaftlich sehr vielseitig. Ich habe mich in das Land verliebt! Trotzdem gibt es viele kulturelle Herausforderungen für uns, die wir aus der westlichen Welt kommen. Vor allem im Medizinischen kann man das teilweise fehlende Verantwortungsgefühl der Ugander und ihre mangelnde Zuverlässigkeit oft nicht verstehen. Dafür können wir in puncto Gottvertrauen und Dankbarkeit viel von ihnen lernen.

Aber es heißt auch: „Be careful“! Auf jeden Fall sollte man sich vor einer Reise in dieses Land nochmals über die aktuelle Lage beim Auswärtigen Amt informieren. Ich habe Uganda als ein sehr sicheres Entwicklungsland erlebt. Trotzdem gelten die üblichen Sicherheitsvorkehrungen, d.h. bei Einbruch der Dunkelheit ans Heimgehen denken, nicht zu viel Besitz in der Öffentlichkeit zeigen, lieber ein Pfefferspray zu viel dabei haben,… Und das Gleiche gilt natürlich auch beim Essen. Gekochtes oder Geschältes sind kein Problem. Alles andere ist teilweise mit Vorsicht zu genießen oder man bereut es beim ersten Grummeln im Bauch.

Ende gut, alles gut!

Genau über dem Äquator
Genau über dem Äquator

Beinahe – bis auf den Rückflug. Ich wäre gerne noch länger dort geblieben. Alles in allem war ich wirklich begeistert von meiner ersten Famulatur und bin gespannt, wie meine nächsten – auch deutschen – Famulaturen im Vergleich dazu werden.

Das Kagando Hospital ist ein sehr gut organisiertes Krankenhaus und man wird als Famulant oder PJler optimal betreut. Das Leben in Uganda ist schon sehr anders. Man sollte für kulturelle Unterschiede offen sein und man muss auf manchen deutschen Komfort, auch im medizinischen Sinne, verzichten. Jedoch bin ich überzeugt, dass jeder „Verzicht“ anders belohnt wird. Besonders natürlich, wenn Patienten strahlend und gesund das Krankenhaus verlassen.

Julia Härter
Tübingen, April 2013
Stipendiatin im Rahmen der Auslandsstipendien 2012-2013

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

Ähnliche Artikel:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *