PJ in Großbritannien – Chirurgie

14. Juni 2013

in Chancen im Ausland, Chirurgie, Großbritannien, Praktisches Jahr im Ausland

Großbritannien, Gillingham, Medway Hospital (14.05.-08.07.2012)

„Tea-Time in Surgery!“ Mit dem Eurostar, unter dem Ärmelkanal hindurch, ging für mich die Fahrt auf die Insel ins Königreich Großbritannien, genauer gesagt nach Gillingham, einer kleineren Stadt in der Grafschaft Kent. Hier, vor den Toren Londons, erlebte ich acht Wochen Chirurgie, die mir viel Spaß gemacht haben und in denen ich eine Menge gelernt habe.

Welcome to Great Britain!

Welcome to Great Britain!
Welcome to Great Britain!

Vom 14. Mai bis 08. Juli 2012 zog es mich für die letzten acht Wochen meines Praktischen Jahres nach England an das Medway Hospital in Gillingham, das zum King’s College of London gehört und ca. 45 Minuten östlich von London entfernt ist. Um das englische Gesundheitssystem kennen zu lernen, wählte ich mit Absicht das Chirurgie-Tertial.

Dies erschien mir vor allem aus zwei Gründen passend. Einerseits wusste ich von einer Kommilitonin, dass ich dort im OP wesentlich mehr Betreuung erhalten werde als an der Uniklinik und andererseits sind die sprachlichen Barrieren in der Chirurgie besser zu meistern als z. B. in der Inneren Medizin, in der die Patientengeschichten meist komplexer ausfallen.

Außerdem wollte ich schon immer London erkunden. Und wenn schon Großbritannien, dann auch im Sommer! Warum das Medway-Hospital? Es hat als größeres Kreiskrankenhaus mit fast allen Disziplinen genau die richtige Größe für einen PJler und die Bewerbungsmodalitäten waren einfach.

Bewerbung und Vorbereitung

Das Medway Hospital in Gillingham - 45 min von London entfernt
Das Medway Hospital in Gillingham – 45 min von London entfernt

Insgesamt kann ich das Bewerbungsverfahren im Vergleich zu anderen Kommilitonen als sehr einfach bezeichnen. Ich hatte mich nach einem Tipp einer Kommilitonin ein halbes Jahr vor PJ-Beginn direkt per Mail an die zuständige Sekretärin gewandt und bereits nach wenigen Tagen eine positive Rückmeldung erhalten. Ich wollte unbedingt zusammen mit dem Oberarzt Dr. Brian Andrews arbeiten, was mir auch geglückt ist. Der Bewerbungsbogen umfasst max. vier Seiten, ist sehr leicht auszufüllen und ein einfacher Sprachnachweis reichte aus.

Bestimmte Impfungen oder Untersuchungen wurden nicht vorausgesetzt, sondern ich wurde vor Ort arbeitsmedizinisch untersucht. Fehlende Impfungen müssen dann in Gillingham nachgeholt werden. Für die arbeitsmedizinische Untersuchung wird eine Gebühr über ca. EUR 200.- fällig. Ein Visum ist als Europäer nicht erforderlich. Das Mitführen eines gültigen Reisepasses genügt vollkommen.

Empfehlenswert zur Vorbereitung ist das Belegen eines Kurses in Medical English, der mir sehr geholfen hat. Das Abschließen einer Auslandsreisekrankenversicherung ist ratsam. Außerdem sollte geklärt werden, wie man haftpflichtversichert ist.

Das Krankenhaus und die Stadt

Das Medway Hospital - eine Mischung aus alten und modernen Gebäuden
Das Medway Hospital – eine Mischung aus alten und modernen Gebäuden

Das Medway Hospital in Gillingham, zum King’s College London gehörig, deckt beinahe alle Fachgebiete ab und hat die Größe eines Kreiskrankenhauses, ideal für einen PJler, der in acht Wochen einen Überblick über einige Abteilungen gewinnen möchte. Ein weiterer Vorteil in Gillingham ist die interdisziplinäre Notaufnahme, in die man jederzeit hineinschnuppen darf. Prinzipiell galt in Gillingham: Wer interessiert ist, darf auch fast alles sehen. Man muss nur Eigeninitiative zeigen.

Für meinen PJ-Abschnitt hatte ich den Fachbereich General and Vascular Surgery gewählt. Es gibt in Gillingham auch die Fächer Unfallchirurgie und Urologie, jedoch keine Thorax- oder Herzchirurgie.

Die Stadt Gillingham hat 100.000 Einwohner und ist eine östliche Vorstadt von London in der landschaftlich schönen Grafschaft Kent. Sie befindet sich am Medway River kurz vor der Einmündung in die untere Themse. Sie gehört gemeinsam mit den Nachbarorten Rochester und Chatham zum Stadtverband von Medway.

Meine Arbeit auf der Chirurgie

Das Team - In der Mitte Dr. Brian Andrews in einem seiner Sprechzimmer
Das Team – In der Mitte Dr. Brian Andrews in einem seiner Sprechzimmer

Die acht Wochen Allgemein- und Gefäßchirurgie am Medway Hospital in Gillingham haben mir viel Spaß gemacht. Ich konnte viel lernen, sowohl in medizinischer als auch in sprachlicher Hinsicht. Und ich habe in Person meines zuständigen Oberarztes Dr. Brian Andrews einen Ausbilder kennen gelernt, der daran interessiert war, dass ich viel lerne, aber auch meine Freiräume habe, um zu Hause nachzulesen und einiges von England zu sehen. Ich hatte acht Wochen lang meist eine 1:1-Betreuung und würde Herrn Dr. Andrews als einen der freundlichsten Ärzte bezeichnen, mit dem ich bisher zusammen gearbeitet habe. Ein wirkliches Vorbild, nicht nur als Arzt, sondern auch als Mensch!

Zweimal in der Woche hielt Dr. Andrews eigene Sprechstunden im Krankenhaus ab, zu denen Patienten mit allgemein- und gefäßchirurgischen Problemen kamen. Dabei assistierte ich ihm, durfte mit untersuchen und Anamnesen erheben. Dabei erklärte er immer sehr viel und nahm sich für die Besprechung schwieriger Krankheitsfälle die nötige Zeit.

Einmal in der Woche nahm er ambulante Operationen vor, vor allem Leistenbrüche jeglicher Art. Mit der Zeit kannte sein OP-Team mich gut und ich durfte nähen sowie als erster Assistent mitoperieren, wofür Dr. Andrews sehr dankbar war, da sein indischer Assistenzarzt viel zu tun hatte und ihm meist nur bei schwierigeren Operationen in einem der ca. insgesamt zehn OP-Säle assistieren konnte. An einem anderen Tag führte Dr. Andrews aufwändigere Operationen durch, z. B. Gallenblasenentfernungen, Darmresektionen, Gefäßbypässe oder auch Rippenentfernungen beim Thoracic outlet syndrom.

Die Stimmung im OP ist unverkrampfter als in Deutschland, wie ich es erlebt habe. Fragen sind jederzeit möglich, für die man sich nicht schämen muss. Zwischendurch visitierte er zusammen mit seinem Assistenzarzt als auch einem „Final Year Student“ und mir seine Patienten, die im ganzen Haus verstreut waren. Blut musste ich nie abnehmen. Die Arbeitszeiten waren für mich als Student sehr angenehm, meist von 8:30 bis 16:00 Uhr, so dass viel Zeit für Sport und Vorbereitung auf das bevorstehende Staatsexamen blieb.

Zwischendurch ließ ich mich immer mal wieder in der interdisziplinären Notaufnahme blicken, was sehr interessant war. Dort, wie auch überall an anderen Stellen, wurde ich freundlich aufgenommen. Generell habe ich die Stimmung am Medway Hospital als sehr angenehm empfunden. Auch war es nie ein Problem, bei Operationen anderer Fachgebiete zu assistieren oder zuzuschauen. Ich wurde als Medizinstudent im Sinne eines künftigen Kollegen wesentlich ernster genommen als in Deutschland.

Interessant war auch der Aspekt, mit dem National Health System (NHS) ein anderes Gesundheitssystem kennen zu lernen bzw. das Arbeiten in einem anderen System mit dem des eigenen zu vergleichen. So sind zwar z. B. die diagnostischen Möglichkeiten wie CT oder MRT auch am Medway Hospital in Gillingham vorhanden, aber aufgrund enger finanzieller Möglichkeiten im NHS nur eingeschränkt abrufbar.

Es ist kein Problem, an den Lehrveranstaltungen der englischen „Final Year Students“ in einem eigens dafür eingerichteten Lehrzentrum mit angeschlossener Bibliothek teilzunehmen. Darüber hinaus wurden in der Gefäßchirurgie einmal pro Woche Videokonferenzen mit anderen Krankenhäusern abgehalten.

Zu beachten ist noch, dass man am Medway Hospital in Gillingham wie auch in den meisten Kliniken in Großbritannien nicht in weißen Kitteln umherläuft, sondern mit Anzughose und Hemd bzw. Bluse. Weitere Infos zum Medway Hospital in Gillingham, vor allem zu den dortigen verfügbaren Fachgebieten, findet man auf der entsprechenden Homepage des Krankenhauses.

Unterkunft und Finanzielles

Eines von vielen Wohnheimen auf dem Klinikgelände in Gillingham
Eines von vielen Wohnheimen auf dem Klinikgelände in Gillingham

Nach der Zusage für einen PJ-Platz sollte man gleich ein Zimmer in einem der Wohnheime auf dem Klinikgelände mieten. Es handelt sich dabei meist um ein WG-Zimmer (ca. 15 m²), das nicht schön, aber zweckmäßig ist. Die häufig einfache Küche und das Bad teilt man sich mit den Mitbewohnern. Von einem Tertial in der kalten Jahreszeit rate ich wegen der schlechten Isolierung und Heizungsverhältnisse der Wohnungen ab. Dies scheint aber wahrscheinlich ein generelles Problem in Großbritannien zu sein, wie ich von vielen Freunden vernommen habe.

Ich habe zwar ca. EUR 300.- pro Monat gezahlt, dafür konnte man morgens aber gleich in zwei Minuten zur Klinik laufen und musste nicht einen Bus nehmen. Das Krankenhaus liegt nämlich auf einem Hügel, ca. 15 Minuten zu Fuß vom Stadtkern entfernt.

Im Vergleich zu anderen Auslandstertialen hielten sich die Reisekosten bei meinem Aufenthalt auf der Insel auch im Rahmen. Neben dem Flugzeug kann ich eine Fahrt mit dem Eurostar nur empfehlen. Wer früh bucht, fährt manchmal schon für ca. EUR 50.- von Deutschland direkt nach London. Der Zug kommt am Eurobahnhof St. Pancras International in London an. Von dort kann man direkt in den Regionalzug nach Gillingham einsteigen. Die Zugfahrt dauert ca. 45 Minuten. Die Zuganbindungen Gillingham – London sind sehr gut und Züge fahren regelmäßig.

Leben in Gillingham und Nähe zu London

Big Ben und das Parliament in London
Big Ben und das Parliament in London

Gillingham ist ein armer und trostloser Ort, den man an einem Tag erkunden kann. Einzig sehenswert sind die Hafenanlagen, die zum Weltkulturerbe gehören, und ein großer Park hinter dem Krankenaus, der zum Laufen und Erholen einlädt.

Wegen der kurzen Fahrzeit mit dem Zug nach London, kann man jedoch viel von der englischen Hauptstadt mitbekommen. Viele Ärzte wohnen in London oder in der Nähe davon und pendeln, so dass an den Wochenenden auf dem Klinikgelände nicht viel los ist. Man kann sich auch mit den zahlreichen PJlern aus Deutschland und anderswo für Ausflüge zusammentun. Fünf bis zehn von ihnen sind fast immer am Medway Hospital. Auch wenn in Gillingham wirklich kaum etwas los ist, alleine ist man also nicht. Dazu kommen noch die Mitbewohner der eigenen WG, mit denen man vielleicht etwas unternehmen kann.

Da Dr. Andrews mir ein paar Tage frei gegeben hatte, konnte ich mit meiner Freundin London, Oxford, Bath und Canterbury erkunden – tolle Erlebnisse, unbedingt empfehlenswert! Auch Ausflüge in die Küstenorte Broadstairs und Dover machen Spaß. Die Grafschaft Kent ist wunderschön und auch für Fahrradtouren sehr geeignet.

Mein Fazit

Wunderschön - die berühmten Kreidefelsen von Dover
Wunderschön – die berühmten Kreidefelsen von Dover

Mir hat die Arbeit in der Allgemein- und Gefäßchirurgie am Medway Hospital in Gillingham vor den Toren Londons viel Spaß gemacht und ich habe bei verschiedenen Operationen assistieren können. Vor allem in den Sprechstunden meines sehr freundlichen Oberarztes, den ich wärmstens weiterempfehlen kann, konnte ich eine Menge lernen.

Nebenher blieb mir genügend Zeit, um mich auf das Staatsexamen vorzubereiten und Land und Leute kennen zu lernen. Aber vor allem eines hat mich beeindruckt und ich werde es nie vergessen: Die „Tea Time“ ist den Engländern heilig, auch im Hospital, und so wurde sie auch in Gillingham jeden Tag, auch im OP, zelebriert. Vielleicht war die Stimmung in der Chirurgie am Medway Hospital deshalb so gut… Da können wir gehetzten Deutschen viel von den freundlichen Menschen auf der Insel lernen!

H., J.
Freiburg, April 2013

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