PJ in den USA – Pädiatrie

19. April 2013

in Chancen im Ausland, Pädiatrie, Praktisches Jahr im Ausland, USA

USA, Chicago, Lurie Children‘s Hospital, Feinberg School of Medicine (06.08.-28.09.2012)

Für ein halbes PJ-Tertial ging ich an das Lurie Children‘s Hospital der Feinberg School of Medicine der Northwestern Uiversity in Chicago. Ich hatte mich für mein Wahlfach Pädiatrie entschieden. Vier Wochen verbrachte ich dabei auf der pädiatrischen Gastroenterlogie und Hepatologie und vier Wochen auf der pädiatrischen Neurologie. Ich habe die Zeit in Chicago in vollen Zügen genossen. Für zwei Monate in einem amerikanischen Elite-Krankenhaus zu arbeiten, war eine sehr bereichernde Erfahrung.

Motivation

Ich halte ein Auslandspraktikum, sei es im PJ oder als Famulatur, für eine sehr gute Gelegenheit, ein anderes Land und sein Gesundheitssystem kennenzulernen und dabei viel tiefere Einblicke zu erhalten, als das aus der Touristen-Perspektive möglich wäre. Die USA reizte mich besonders, weil es als ein Land gilt, in dem Medizin auf Spitzenniveau praktiziert wird und es außerdem einen guten Ruf bezüglich der Lehre, insbesondere „bedside-teaching“, hat.

Die Feinberg School of Medicine der Northwestern University (NU) in Chicago bot sich für mich besonders an, weil eine Partnerschaft zwischen ihr und meiner Heimatuniversität, der Charité – Universitätsmedizin Berlin, besteht.

Bewerbung und Vorbereitungen

Blick auf Chicago vom Hancock Building aus

Ich bewarb mich über das Partnerschaftsprogramm meiner Universität (Berlin) und durchlief das Auswahlverfahren an meiner Uni mit Einreichen von Unterlagen und einem Interview auf Englisch.

Man kann sich auch ohne Unipartnerschaft direkt bei der Northwestern University (NU) bewerben, es wird dann allerdings eine Bewerbungsgebühr von 125 Dollar und eine Studiengebühr von 1.200 Dollar pro Monat fällig. Die einzureichenden Bewerbungsunterlagen, außer dem Formular, scheinen sich in beiden Fällen nicht zu unterscheiden. Maximalzeitraum eines Praktikums: 8 Wochen.

Insgesamt war die Bewerbung recht aufwändig. Die NU-Sachbearbeiterin ist außerdem sehr genau.

  • Zeiten und Fristen

Bewerbungsfrist: mindestens zwei Monate vor der gewünschten Rotation, maximal sechs Monate vorher. Man muss sich strikt an die Zeiten im vorgegeben Rotationen-Kalender halten. Dieser ist der Website der Northwestern University zu entnehmen. In der Regel kollidiert dies mit den vom Landesprüfungsamt (LPA) vorgegebenen PJ-Zeiten. Zumindest das Berliner LPA war aber relativ kulant, wenn man z. B. Urlaubstage im vorhergehenden Tertial nimmt und dann leicht verschoben zu den LPA-Zeiten anfängt. Wichtig ist zu beachten, dass keine Zeiträume doppelt bescheinigt sind. Studientage gelten als nicht bescheinigte Urlaubstage. Das Argument, dass der doppelt bescheinigte Zeitraum als gesammelte Studientage genommen wurde, zählt also nicht. Und ferner ist zu beachten, dass in einem 8-Wochenblock (=gesplittetes Tertial) auch keine Fehltage bescheinigt sein dürfen. Absprachen mit dem LPA im Voraus sind auf jeden Fall zu empfehlen.

  • Für die Bewerbung einzureichen hatte ich:

    • Bewerbungsformular mit Foto
    • Transcript of Records der Heimatuniversität
    • Motivationsschreiben auf Englisch für die Wunschstationen
    • ein Empfehlungsschreiben auf Englisch eines Klinikers der Heimatuni im Wunschfach
    • Lebenslauf auf Englisch
    • Impf-/Titer-Nachweise für Mumps, Masern, Röteln, Hep B, Tetanus/Diphterie, Varizellen (hier reicht auch die Bestätigung eines Arztes, dass diese durchgemacht wurden), zu TBC siehe weiter unten
    • zwingend ein B1-Visum (muss extra beantragt werden und erfordert ein Interview in der US-Botschaft)
    • TOEFL-Nachweis
    • MC-Test-Antwortbogen der NU mit Hygienefragen (die Antworten stehen in einem mitgelieferten Skript der NU – also nicht schwierig, nur zeitaufwändig) Zertifikat über die Teilnahme an einem Hipaa-Online-Programms (2-3 Stunden Folien über amerikanische Datenschutzbestimmungen durchklicken und anschließend ein Quiz beantworten – auch  nicht schwierig, nur zeitaufwändig)
  • Tuberkulose

Vor Praktikumsantritt muss ein innerhalb des letzten Jahres negativ befundeter TBC-Test vorliegen, entweder der (in Deutschland obsolete) Hauttest oder ein Quantiferon-Test. Es werden allerdings nur Tests akzeptiert, die in den USA durchgeführt wurden. Die Kosten belaufen sich wohl für den Quantiferon-Test auf etwa 400 Dollar. Wenn man die NU-Krankenversicherung (mehr dazu unten) abschließt, kann man den Quantiferon-Test in der Northwestern University kostenlos durchführen lassen.

  • Krankenversicherung

Die Northwestern University setzt eine abgeschlossene Krankenversicherung voraus und bietet auch eine eigene für 225 Dollar im Monat (405 Dollar für zwei Monate) an. Ich hatte erfolglos versucht, eine Auslandsreisekrankenversicherung von Deutschland abzuschließen, welche die von der NU vorgegebenen Bedingungen erfüllt und dabei wesentlich preiswerter gewesen wäre. Bei mir scheiterte es letztendlich daran, dass alle Beträge in der Versicherungs-Police in Dollar ausgewiesen sein müssen. Eine andere Hürde war, dass auch Nicht-Notfälle und psychische Erkrankungen abgedeckt sein müssen.

  • Onlinetests

Vor Beginn meines Praktikums, nach meiner Zusage, musste ich mich außerdem durch diverse Folien klicken, die mich kleinschrittig in die Krankenhaussoftware, nochmal die Datenschutzbestimmungen, das Verhalten in einem Notfall, Multiresistenz und ähnliche Themen einwiesen und jeweils mit einem mit mindestens 80 Prozent abzuschließenden Quiz enden. Dies nahm bei mir zwei bis drei Nachmittage in Anspruch und wieder war eher eine Engelsgeduld als kognitive Hochleistungen gefordert.

Die abgeschlossenen Onlinetests sind Voraussetzung, um für die Krankenhaussoftware freigeschaltet zu werden.

  • Kleidung

Medizinstudenten tragen in den USA Jackett artige, hüftlange weiße Kittel mit langen Ärmeln. Knielange Kittel tragen erst die Ärzte. Die Northwestern University schreibt vor, dass man sich einen solchen Kittel vorher besorgt – z. B. im NU-Uniformshop für etwa 30 Dollar.

Die Ärzte in den USA sind sehr formell gekleidet. Bei der Einschreibung muss man tatsächlich unterschreiben, dass man z. B. Deodorants benutzen wird und keine Schuhe tragen wird, bei denen die Zehen sichtbar sind. Männer tragen meist Anzugshose, Hemd und Krawatte, Frauen Bluse und Rock oder feinere Hosen. Jeans und Turnschuhe werden als unangemessen angesehen.

  • Literaturempfehlungen

Ich hatte mir den Lonely Planet für Chicago zugelegt, aber um ehrlich zu sein, nicht viel reingeschaut. Von einem vorherigen Auslandspraktikum hatte ich noch das Oxford Manual of Clinical Medicine, das sich m. E. perfekt für die Kitteltasche eignet, um Krankheitsbilder oder auch englische Abkürzungen nachzuschauen. Sehr zu empfehlen ist außerdem das Maxwell Quick Medical Reference für die Kitteltasche mit Referenzwerten, dem Schema, in dem Notes verfasst werden etc.

Das Krankenhaus

Das Lurie Children‘s Hospital wurde erst im Juni 2012 eröffnet und beherbergt nun das ehemalige Children‘s Memorial Hospital. Es handelt sich um einen beeindruckenden 23-stöckigen Neubau, dessen Einrichtung eher an ein 5-Sterne-Hotel als an ein Krankenhaus erinnert. Laut Wikipedia verfügt es über 288 Betten und beschäftigt über 1.000 Ärzte.

Die Organisation meines Aufenthaltes war nahezu perfekt. Ich hatte immer eine klare Ansprechperson, die innerhalb eines Tages auf E-Mails reagierte, mich vorsorglich auf Fristen hinwies etc. Am ersten Tag bekam ich einen Zettel mit meinen diversen Log-ins ausgehändigt, eine Foto-ID und eine Schlüsselkarte, einen Stadtplan der Umgebung und eine Liste nützlicher Adressen für einen Kurzaufenthalt in Chicago. Wie schon vorher erwähnt, hatte ich schon vorab eine Online-Einweisung in die Krankenhaussoftware und die Datenschutz- und Notfallbestimmungen etc. absolvieren müssen.

Ein paar Worte zur amerikanischen Pädiater-Laufbahn vorweg. Das Medizinstudium dauert vier Jahre, in der Regel kann man es erst nach einem vorherigen Uniabschluss aufnehmen. Darauf folgen drei Jahre „Residency“ für Allgemein-Pädiatrie, was mit der deutschen Assistenzarztzeit zu vergleichen ist. Im ersten Jahr ist man ein „Intern“. Anschließend folgt, falls gewünscht, das ebenfalls dreijährige „Fellowship“ in der Subspezialisierung. An der Northwestern University waren die „1st Year Fellows“ überwiegend in der Klinik tätig, ab dem 2. Jahr überwiegend forschend. Danach ist man ein „Attending physician“, was dem deutschen Oberarzt ähnelt.

Rotation: pediatric gastroenterolgy, hepatology and nutrition

Am ersten Tag erstellte meine Ansprechpartnerin auf der Gastroenterologie einen Stundenplan mit mir und ich konnte dabei Wünsche äußern. Der Plan diente sowieso eher der Orientierung und listete für jeden Tag eine „clinic“ mit verantwortlichem Arzt auf, die ich besuchen konnte. „Clinics“ sind die ambulanten Sprechstunden der „Attendings“. Meistens fanden sie nachmittags statt, sodass ich dann vormittags an den Visiten teilnahm. Für manche Tage wurde „open“ eingetragen und ich konnte mir z. B. Gastroskopien anschauen oder ähnliches. Sowieso konnte ich mich sehr frei bewegen und mitlaufen, wo ich wollte. Es schien auch niemand darauf zu achten, wann oder ob ich kam oder ging.

Ein typischer Tagesablauf sah also so aus: Teilnahme entweder an der Intensivstations- und Hepatologie-Visite ab 9:30 Uhr oder an der Gastroenterologie-Visite ab 9:00 Uhr. Manchmal gab es an die Visite anschließend ein „teaching“ für die „Residents“. Dabei wurde von einem „Fellow“ oder “Attending“ ein Krankheitsbild an der Tafel oder anhand von Kopien erklärt. Manchmal gab es auch Konferenzen, entweder zur Patientenbesprechung oder eine Präsentation der aktuellen Studienlage zu einem bestimmten Thema.

Ab 13:00 Uhr Teilnahme an einer Sprechstunde z. B. Transplantations-Sprechstunde, GI, Leber, Nash, Chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Motilitätssprechstunde. Die Sprechstunden dauerten meist bis 16:00 oder 17:00 Uhr, danach hatte ich Feierabend.
Wenn ich nachmittags auf Station mitlief, wurde ich spätestens gegen 18:00 Uhr heimgeschickt. Es war auch nie ein Problem, mal früher zu gehen. Die Wochenenden hatte ich immer frei.

Insgesamt war es eher so, dass ich bei einem „Attending“ mitlief und ihm über die Schulter schaute, als dass ich eigenverantwortlich handelte. In der Sprechstunde ging ich je nach Arzt entweder vor ihm zu dem Patienten, um eine Anamnese und körperliche Untersuchung durchzuführen und dem Arzt dann zu berichten. Nach einer kurzen Besprechung der typischen Differenzialdiagnosen oder der Pathophysilogie des vorliegenden Falles gingen wir dann zusammen noch einmal zum Patienten und die Anamnese und Untersuchung wurde von ihm nochmals durchgeführt. Manchmal war es auch so, dass er direkt zum Patienten ging und ich schaute nur zu bzw. mir wurde dann direkt am Patienten erklärt.

Insgesamt herrschte eine sehr gute Lehratmosphäre. Ich konnte immer alles fragen und bekam meistens ausführliche Antworten.

Rotation: pediatric neurology

Auch für die Rotation in der Neuropädiatrie konnte ich am ersten Tag an der Erstellung meines Stundenplanes aktiv mitwirken und Wünsche äußern. Ich entschied mich, eine Woche bei dem „Fellow“ mitzulaufen, eine Woche auf Station zu sein und zwei Wochen in den Sprechstunden.

Jeden Donnerstagvormittag gab es die Neurokonferenz, in der die „Fellows“ zwei besonders interessante oder knifflige Fälle, derer es in der Neurologie viele gibt, gefolgt von aktueller Literatur zur Thematik, mittels Power-Point -Folien vorstellten. In dieser Konferenz ist fast die gesamte neurologische Belegschaft anwesend und nach der Fallvorstellung wird oft lebhaft diskutiert bis freundschaftlich-kollegial gestritten. Anschließend wird die zugehörige Bildgebung von einem Radiologen vorgestellt und besprochen.

Die „Fellows“ sind ersten Ansprechpartner für die „Residents“, gehen also jeden Tag mit ihnen auf Visite und stehen auch im Laufe des Tages für Fragen zur Verfügung. Außerdem sind sie für die zahlreichen Konsile verantwortlich, typischerweise mit fraglichem Krampfanfall.

In meiner ersten Woche kam ich also gegen 8:00 Uhr ins Krankenhaus, um mit dem „Fellow“ die Patienten vor der Visite zu untersuchen und zu schauen, ob es besondere Ereignisse über Nacht gegeben hatte. Gegen 9:00 Uhr kam dann auch der „Attending“. Vor der Visite wurde jeder Patient mit den „Residents“ besprochen, sein Krankheitsbild eruiert und daraufhin ging die gesammelte Mannschaft auf Visite.

Von 12:00-13:00 Uhr gibt es immer die Mittagskonferenz für alle „Residents“ des Hauses, in der aus dem Stehgreif aktuelle Fälle vorgestellt und zusammen durchgesprochen werden, moderiert von einem „Fellow“ an der Tafel. Jeder bringt sein Essen mit und oft entwickelten sich lebhafte Diskussionen, welch Symptome nun für welche Diagnose sprechen. Nachmittags begleitete ich den „Fellow“, wie gesagt, auf Konsile von anderen Stationen oder der Notaufnahme.

In meiner zweiten Woche nahm ich am Stationsalltag der Neuropädiatrie teil. In dieser Woche hatte ich auch den meisten Kontakt zu anderen amerikanischen Medizinstudenten, von denen zwei auch für die Station zugeteilt waren. Typischerweise sind sie im dritten Jahr ihres Medizinstudiums und rotieren durch unterschiedliche Stationen, für jeweils etwa eine Woche. Meist werden jedem Studenten zwei bis drei Patienten zugeteilt, die man verfolgen und jeden Tag in der Besprechung vor dem „Attending“ und dem „Fellow“ präsentieren soll.

Der Tag beginnt um 6:00 Uhr früh mit der Übergabe des Nachtdienstes. Anschließend geht jeder Medizinstudent zu seinen Patienten, untersucht sie und fängt sein „note“ an, in dem Anamnese, Untersuchung, neue Befunde und Plan nach einem festen Schema festgehalten werden. Von 8:00-9:00 Uhr gab es jeden Tag eine Fortbildung für alle „Residents“, bei der ein Krankheitsbild oder neue Leitlinien oder Therapien vorgestellt wurden. Anschließend Patientenbesprechung und Visite (siehe oben), „noon conference“ und nachmittags Abarbeiten der während der Visite besprochenen Maßnahmen und Vervollständigen der „notes“. Der Tag endete gegen 18:00 Uhr nach der Übergabe an den Nachtdienst.

Je nachdem, wie viel Zeit ist, versuchen die „Residents“ kurze Lehreinheiten für die Studenten durchzuführen, z. B. Angeborene Herzfehler etc.

Dies war sicherlich meine anstrengendste Woche, obwohl ich, wie mir gesagt wurde, auch später hätte kommen oder früher hätte gehen können – als „visiting student“ hat man ganz klar einen Sonderstatus. Es war aber sehr interessant, in den Stationsalltag eingebunden zu sein und Spaß sowie einen großen Lerneffekt kann ich auch bestätigen. Natürlich gibt es auch hektische Zeiten, aber im Großen und Ganzen wirkt sich die sehr gute Personalsituation sehr positiv auf die Arbeitsatmosphäre aus, sodass immer Zeit für Fragen oder Erklärungen blieben. Dies war auch die Woche, in der ich vielleicht am ehesten ein wenig eigenständig arbeitete und für Patienten verantwortlich war, obwohl auch hier jede Anamnese und Untersuchung von „Residents“, „Fellows“ und „Attendings“ wiederholt wurde.

In den letzten beiden Wochen war ich wieder bei unterschiedlichen Oberärzten in der Sprechstunde. Teilweise sind es spezialisierte Sprechstunden, in denen z. B. nur ADHS-Kinder oder Kopfschmerzpatienten gesehen werden, sodass eine ausführliche Beschäftigung mit dem Krankheitsbild und unterschiedlichen Ausprägungsformen möglich ist. Ich war hauptsächlich drei sehr erfahrenen Neurologen zugeteilt und habe viel bezüglich neurologischer Anamnese und Tricks bei der Untersuchung von Kindern gezeigt bekommen. Je nachdem, um welche Sprechstunde es sich handelte, war ich von etwa 9:00 Uhr bis 16:00 Uhr in der Klinik.

Finanzielles und Unterkunft

Der Chicago River

Als Studentin einer Partnerschaftsuniversität fielen für mich keine Kosten direkt für die Northwestern University an. Falls dies nicht der Fall ist, beträgt die Bewerbungsgebühr 125 Dollar, außerdem fallen Studiengebühren von 1.200 Dollar pro Monat an.

Meinen Flug hatte ich auf Grund der kurzfristigen Zusage nur etwa anderthalb Monate im Voraus für die Hochsaison (August-September) buchen können. Bei frühzeitigerer Buchung oder für die Nebensaison kann man den Preis von 1.000 Euro Roundtrip sicher unterbieten.

Die Kosten für den Lebensunterhalt in Chicago sind vor allem im Vergleich zu Berlin relativ teuer. WG-Zimmer findet man auch sehr kurzfristig z. B. über www.craigslist.org oder www.domu.com . Im Stadtteil Pilsen schon ab ca. 350 Dollar pro Monat, „Downtown“ (Loop) kann man mit etwa 600 und mehr Dollar pro Monat rechnen.

Ich wohnte in Pilsen, einem mexikanisch geprägten Stadtteil im Süden von Chicago, knapp 10 km von der Klinik entfernt. Ich kaufte mir ein gebrauchtes Fahrrad, mit dem ich eine gute halbe Stunde pro Strecke brauchte – zum großen Teil am Seeufer entlang. Für warme Monate kann ich das empfehlen. Die U-Bahn-Anbindung von Pilsen zum Krankenhaus dauert ebenfalls etwa 30-40 Minuten.

Eine weitere hilfreiche Website für die Zimmersuche ist www.rotatingroom.com.

Lebensmittel und Weggehen ist etwas teurer, zumindest als in Berlin: Bier in einer Kneipe 5-10 Dollar, Sandwich 5-10 Dollar, Eintritte in Clubs ab 10 Dollar. Museen haben oft Tage mit freiem Eintritt, offiziell zwar nur für „Chicago Residents“, aber es wird nur nach einem Zip-Code gefragt und kein spezieller Nachweis gefordert.

Sonstige anfallende Kosten sind, wie schon erwähnt, Kosten für die von der Northwestern University geforderte Auslandskrankenversicherung. Bei mir waren es über die NU 405 Dollar für zwei Monate. Hinzu kamen Kosten für das B1-Visum (etwa 100 Euro), Kosten für das „Hipaa Training“ (ca. 25 Dollar), ferner für den „TOEFL-Test“, falls nicht schon vorhanden, ca. 30 Dollar für den Kittel. Ein Hauptgericht in der Krankenhauscafeteria kostete etwa 3-4 Dollar.

Förderungsmöglichkeiten für einen solchen Auslandsaufenthalt bestehen z. B. über die Auslandsstipendien auf Medizinernachwuchs.de (einmalig 500 Euro), „Promos“ (einmalig 600 Euro), das Carl-Duisberg-Stipendium oder USA-spezifisch das Fullbright Stipendium. Auslands BAföG gibt es erst ab 12 Wochen.

Leben in Chicago

Chicago Riverwalk – North Michigan Avenue

Chicago ist eine beeindruckende, sehr vielfältige Stadt. Von Wolkenkratzern und geleckter Business-Gegend „Downtown“ zu heruntergekommenen Gegenden mit hoher Kriminalitätsrate z. B. im Süden wird wohl das gesamte Spektrum einer modernen amerikanischen Stadt abgedeckt. Und mittendrin der riesige Lake Michigan mit Sandstränden, was teilweise an einen kalifornischen Partystrand erinnert.

Die zahlreichen Bezirke haben meist einen ganz eigenen Charakter. In Pilsen könnte man meinen, man sei in Mexiko, Spanisch ist die vorherrschende Sprache und die Häuser sind mit bunten mexikanischen Wandmalereien dekoriert. Im „Loop“ findet man alle teuren Designer-Boutiquen und auf den Straßen das entsprechende Klientel dazu.

Es gibt zahlreiche Bars und Restaurants für jeden Geschmack und Geldbeutel, Museen, viele Konzerte jeden Genres, zahlreiche Bluesbars und überhaupt sehr viel Live-Musik. Viele Parks mit Open-Air-Veranstaltungen im Sommer, von „Summerdance“ über Freiluftkino zu Stadtlauf. Sportler kommen in Chicago auf jeden Fall ebenfalls auf ihre Kosten – der „Laketrail“ lädt zum Radfahren, Joggen oder Spazieren ein, was von den Chicagoern auch bei Gluthitze ausgiebig genutzt wird, ebenso wie der Lake Michigan zum Schwimmen, Segeln und Rudern.

Positiv überrascht war ich von dem vielfältigen Bierangebot der zahlreichen Mikrobrauereien, das mich zwang, meine schlechte Meinung zu amerikanischem Bier zu revidieren – diese Biere werden eben nicht exportiert.

Chicago hat einer der höchsten Mordraten im Land. Wenn man aber nicht in Gangaktivitäten verwickelt ist und den entsprechenden Bezirken fernbleibt, ist auch die Wahrscheinlichkeit, von der gefürchteten zufälligen Kugel getroffen zu werden, annähernd Null. Entsprechend habe ich mich trotz meiner bevorzugten Fortbewegungsart per Fahrrad quer durch die Stadt zu jeder Tages- und Nachtzeit, abgesehen von dem teilweise verrückten Verkehr, immer sicher gefühlt. An den Grenzen z. B. des Bezirkes „Hyde Park“ erinnert aber eine hohe Polizeipräsenz daran, dass das vor allem der ausgeprägten Segregation zu „verdanken“ ist und es durchaus eine andere Seite von Chicago gibt.

Ich habe die meisten Leute in Chicago als freundlich, entspannt und hilfsbereit erlebt. Das entspricht auch dem Klischee des typischen „Midwestern“, der für seine Bodenständigkeit und Freundlichkeit bekannt ist. Man kommt schnell mit Leuten ins Gespräch und wann immer ich hilflos mit meinem Stadtplan in der Gegend herumstand, wurde ich von einem hilfsbereiten Passanten angesprochen, der mir gerne den Weg erklärte.

Fazit

Der Chicago Millennium Park

Ich habe die Zeit in Chicago in vollen Zügen genossen.

Für zwei Monate in einem amerikanischen Elite-Krankenhaus zu arbeiten, war eine sehr bereichernde Erfahrung. Besonders auffallend, war für mich die exzellente Personalsituation, die sehr zu einer entspannten Arbeits- und Lehratmosphäre beitrug. Auf der neurologischen Station waren zwei „Residents“ für zwischen zwei und zehn Patienten auf Station zuständig – je nach Stationsauslastung. Man konnte sich mit jeder Frage immer an einen „Fellow“ oder „Attending“ wenden, die auch gerne vorbeikamen, um sich den Patienten gemeinsam anzuschauen.

Generell wird ein stationärer Patient im Lurie‘s von viel mehr Ärzten gesehen, als ich das aus Deutschland kenne. Typischerweise täglich als erstes von einem Medizinstudenten, dann von einem „Resident“, gefolgt von dem „Fellow“ und meist auch einem „Attending“ während der Visite – jeden Morgen vier Untersuchungen! Hinzu kommen nötigenfalls die freizügig angeforderten Konsile mit anderen Subspezialisten.

Die Betreuungssituation für Medizinstudenten und Assistenzärzte ist exzellent. Kaum eine Untersuchung, Anamneseerhebung, und schon gar keine medizinische Entscheidung wird nicht supervidiert und das Angebot, für Fragen jederzeit zur Verfügung zu stehen, ist tatsächlich wörtlich zu nehmen. Jeden Tag gibt es mehrere Stunden Fortbildungen oder Fallbesprechungen und eben eine Personaldecke, die es den Assistenzärzten erlaubt, daran teilzunehmen. So eine hohe Priorität für die Ausbildung habe ich bisher nirgends erlebt.

Viele von den bürokratischen Aufgaben, die in Deutschland von den Assistenzärzten erledigt werden, werden hier von den Krankenschwestern übernommen, die auch oft die Koordinationsfunktion der einzelnen Disziplinen und die Rolle des ersten Ansprechpartners für den Patienten innehaben. Der Dokumentationsaufwand erschien mir hier allerdings viel höher als in Deutschland. Jeden Tag werden zu jedem Patienten zahlreiche „notes“ mit Anamnese, Untersuchung, Befunden und Vorgehen nach einem bestimmten Schema verfasst. Die gesamte Dokumentation erfolgt ausschließlich elektronisch.

Für Blutentnahmen gibt es extra Phlebotomisten. Es gibt zahlreiche nichtärztliche Spezialisten wie Psychologen, Beschäftigungstherapeuten, Krankengymnasten, Freiwillige, die mit den Kindern spielen, deren Dienste sehr freizügig mit hinzugezogen werden.

Das in Deutschland ständig präsente Kostenbewusstsein habe ich in Chicago kaum vorgefunden. Kaum ein Arzt weiß, wie viel die Untersuchung, die er anordnet, kostet – es wird munter drauflos angeordnet, Geld scheint keine Rolle zu spielen. Dies ist sicher auch darauf zurückzuführen, dass das Lurie‘s Children‘s Hospital zu den besten Kinderkrankenhäusern des Landes gehört und über entsprechende Förderungen verfügt. Teilweise fliegen die Patienten aus anderen Teilen des Landes oder aus dem Ausland nach Chicago, um in dieser Klinik die Koryphäe dieser Spezialisierung zu Rate zu ziehen. Dass es an allen Krankenhäusern so verschwenderisch zugeht, kann ich mir jedenfalls schwerlich vorstellen. Diese Art von Luxusmedizin wird laut einigen Ärzten mit damit erkauft, dass es in den USA viele Menschen gibt, die sich nur eine sehr rudimentäre medizinische Versorgung leisten können. Mit der Gesundheitsreform stehen diesem System wohl einige Änderungen bevor.

Tendenziell war ich im Krankenhaus eher rezeptiv als praktisch oder aktiv tätig, was mit dazu beitrug, dass es eine recht entspannte Zeit für mich war und ich mich nach Feierabend munter in das tolle Stadtleben stürzen konnte. Wer viel Verantwortung tragen und oft selbst Hand anlegen will, wie ich es aus manchen Famulaturen in kleinen unterbesetzten Krankenhäusern kenne, für den wäre dieses hochspezialisierte Uniklinikum vielleicht nicht die erste Wahl.

Ich kann ein PJ-Tertial an der Northwestern University mit der hervorragenden Lehratmosphäre aber sehr empfehlen und würde dabei vor allem dazu ermuntern, Eigeninitiative zu zeigen, eigene Wünsche zu äußern und viel zu fragen, also bloß keine Scheu, um dadurch mehr in dieser Zeit mitnehmen zu können.

H., M.
Antigua Guatemala, Oktober 2012
Stipendiatin im Rahmen der Auslandsstipendien 2012

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

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