PJ in Argentinien – Chirurgie

29. August 2012

in Argentinien, Chancen im Ausland, Chirurgie, Praktisches Jahr im Ausland

Argentinien, Buenos Aires, Hospital Alemán (24.02.-15.06.2012)

Meine Liebe für die Spanische Sprache und für Großstädte, das „Abenteuer Ausland“ als auch die Suche nach einer Klinik, die eine medizinische Versorgung auf sehr hohem Niveau anbietet, aber auf der anderen Seite klein genug ist, dass man einen intensiven Kontakt zu den Ärzten aufbauen und sich als Teil des Teams fühlen kann, führte mich nach Südamerika. Genauer gesagt nach Buenos Aires in Argentinien – in das Land des Tangos.

Motivation

El Caminito im Stadtteil La Boca

Bereits nach meinem ersten Auslandsaufenthalt während des Medizinstudiums, der mich „nur“ in die Schweiz führte, war mir klar, dass ich im Rahmen meines Praktischen Jahres einmal mehr Zeit im außereuropäischen Ausland verbringen und neben Englisch eine zweite Fremdsprache erlernen wollte. Nachdem ich meine Liebe für die Spanische Sprache entdeckt hatte, wusste ich, dass es mich nach Lateinamerika ziehen würde.

Da ich absolut fasziniert von Großstädten bin und neben dem „Abenteuer Ausland“ trotzdem eine medizinische Versorgung auf sehr hohem Niveau kennen lernen wollte, kam für mich nur Buenos Aires in Frage. Daneben hatte ich in vielen Erfahrungsberichten und in Gesprächen mit Argentinien-Kennern durchweg sehr positive Stimmen gehört. Über diesen Weg bin ich auch auf das Hospital Alemán aufmerksam geworden. Mir war bei der Krankenhauswahl sehr wichtig, dass das Klinikum auf der einen Seite das gesamte Spektrum der medizinischen Versorgung, speziell alle gängigen Bereiche der Chirurgie sowie die entsprechende Diagnostik, bietet, auf der anderen Seite klein genug ist, dass ich einen intensiven Kontakt zu den Ärzten aufbauen und mich als Teil des Teams fühlen kann.

Vorbereitungen und Bewerbung

Um eine sog. „rotación“ am Hospital Alemán zu absolvieren, ist eine direkte Bewerbung beim Sekretariat „Docencia e Investigación“ des Krankenhauses notwendig. Auf der Internetseite der Klinik finden sich dazu alle notwendigen Informationen. Zu den Dokumenten, die eingereicht werden müssen, gehört ein Empfehlungsschreiben des Dekans, eine Kopie des Reisepasses, ein kurzer Lebenslauf, eine Auslandsreisekranken- und Berufshaftpflichtversicherung sowie ein Nachweis über die gängigen Impfungen. Die Damen vom Sekretariat sind sehr freundlich und helfen per Email sehr gerne weiter. Aber alle Dokumente und jeglicher Emailverkehr sind auf Spanisch.

Da ich für die Anerkennung meines PJ-Tertials ja eine Bestätigung durch die ausländische Universität benötigte, musste ich mich zudem auch bei der UBA (Universidad de Buenos Aires) bewerben. Die Medizinische Fakultät hat dazu ein eigenes Büro für „relaciones internacionales“ und außer den Dokumente, die auch bei der Bewerbung am Hospital Alemán gefordert wurden, musste ich noch ein Motivationsschreiben und ein Empfehlungsschreiben des Fachbereichsleiters der Chirurgie meiner Universität einreichen, da ich ja mein PJ in der Chirurgie machen wollte. Da die Dokumente im Original per Post verschickt werden müssen, lohnt es sich, die Bewerbung frühzeitig, mindestens 6-8 Monate vorher, einzureichen.

Und ja, leider müssen sowohl beim Hospital Alemán als auch bei der UBA Studiengebühren bezahlt werden.

Visum

Als Tourist kann man sich ohne Visum für 90 Tage in Argentinien aufhalten und wer nur ein halbes Tertial in Buenos Aires machen möchte, benötigt kein Visum. (Anm.d.Red.: Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

Da ich mich aber für ein ganzes Tertial entschieden hatte und damit länger als 90 Tage im Land sein würde, musste ich, um am Ende eine Bescheinigung meines PJ von der UBA zu erhalten, ein Studentenvisum beantragen. Das war eine sehr ärgerliche, aufwändige und kostspielige Angelegenheit. Im Nachhinein wurde mir erklärt, dass ich die Bewerbung auch bereits von Deutschland aus in der Argentinischen Botschaft hätte machen können. Vielleicht ist das die stressfreiere Alternative…

In Buenos Aires erfolgt die Bewerbung bei der „Dirección Nacional de Migraciones“, Termine müssen dazu online reserviert werden. An Unterlagen müssen eine Bescheinigung der UBA, ein argentinisches, polizeiliches Führungszeugnis, eine Kopie des gesamten Reisepasses und zwei Passfotos vorgelegt werden. Auf jeden Fall sollte man das gleich nach seiner Ankunft in Buenos Aires angehen, denn die Schlangen in Ämtern in Buenos Aires sind endlos und die Bearbeitungszeit lang.

Das Hospital Alemán in Buenos Aires

Das Hospital Alemán in Buenos Aires
Das Hospital Alemán in Buenos Aires

Die deutschen Wurzeln des Klinikums machen sich vor allem dadurch bemerkbar, dass alle Hinweisschilder in Spanisch und Deutsch vorhanden sind und auch ein Teil des Personals deutsch sprechen kann – z.T. fließend und fast akzentfrei, teilweise nur einzelne Wörter. Vor meiner Abreise hatte ich einige Bedenken gehabt, dass es vielleicht zu viele Ärzte geben könnte, die deutsch sprechen können und ich meine Spanischkenntnisse nicht in dem Maße erweitern würde. Diese Sorge war aber absolut unbegründet, denn ohne Spanisch kommt man in Argentinien, und auch im Hospital Alemán, nicht weit.

Ich war sehr froh, dass ich vorher intensiv drei Sprachkurse besucht hatte, denn auch Englisch wird von den Argentiniern nicht in dem Maße beherrscht, dass eine halbwegs flüssige Unterhaltung möglich gewesen wäre. Außerdem war eines meiner Ziele ja, mein Spanisch zu verbessern und die Argentinier haben sich immer sehr gefreut, wenn sie merkten, dass man sich bemühte, ihre Sprache zu erlernen.

Neben dem Hospital Italiano und dem Hospital Britanico zählt das Hospital Alemán zu den renommiertesten Kliniken Argentiniens und ist auch über die Landesgrenzen hinweg bekannt. Eine große Anzahl von Patienten reist extra aus weit entfernten Provinzen oder gar aus dem Ausland, z.B. aus Uruguay, Paraguay, Brasilien, an. Da das Klinikum ein privates Haus ist, kann es ein sehr gepflegtes, patientenfreundliches Ambiente, nahezu ausschließlich Einzelzimmer mit sehr komfortabler Ausstattung, und eine exzellente Ausstattung bieten: Computertomographen, Magnetresonanztomographen, PET-Scans, digitales Röntgen, hochpräzise OP-Mikroskope, coronare und cerebrale Angiographien, drei Intensivstationen, acht Operationssäle, ein Verbrennungszentrum, eine Dialyseklinik.

Auch alle gängigen Fachbereiche sind im Hospital Alemán zu finden: Innere Medizin, Allgemeinchirurgie, Herz- und Thoraxchirurgie, Orthopädie, Ophthalmologie, Urologie, Radiologie, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Pädiatrie, Gynäkologie und Geburtshilfe (in einem eigenen Mutter-Kind-Zentrum), Neurochirurgie, Neurologie, Onkologie, Plastische Chirurgie, Nuklear- und Strahlenmedizin u.v.m. In Puncto Hygiene, Equipment und OP-Techniken herrschten in den Operationssälen, soweit von mir beurteilbar, absolut deutsche Standards.

Meine Arbeit in der Chirurgie

Im OP-Saal

Ich habe den überwiegenden Teil meiner Zeit in der Allgemeinchirurgie verbracht. Dieser Fachbereich umfasst am Hospital Alemán vier große Arbeitsfelder: Kopf und Hals, Proktologie, allgemeine Chirurgie und Transplantationsmedizin (Leber- und Nierentransplantationen). Im Vorfeld wusste ich, dass es in Argentinien nicht üblich ist, dass die Medizinstudenten während ihrer Praktika eigene Aufgaben übertragen bekommen und richtig mitarbeiten müssen. Es war mir daher klar, dass es sehr stark auf mein eigenes Engagement ankommen würde.

Deshalb hatte ich mich ja dazu entschieden, mein Pflicht-Tertial in der Chirurgie in Buenos Aires zu absolvieren. Da ich bereits wusste, dass ich später mein Glück nicht in der Allgemeinchirurgie finden werde, wollte ich nicht stundenlang am OP-Tisch assistieren müssen, sondern mir vielmehr, meinen Interessen entsprechend, verschiedene Eingriffe aus allen Bereichen der Chirurgie ansehen können. Neben den „Klassikern“ aus der Allgemeinchirurgie wie z.B. Cholezystektomien, Hernien-OPs, Thyreoidektomien, Appendektomien, div. Darm-OPs, habe ich auch Eingriffe wie Bypass-OP am Herzen, Nierentransplantationen, Brustkorrekturen mit Silikonimplantaten, Nasenkorrekturen, Fettabsaugungen, Gesichts-Lifting, Grauer-Star-Operation, kinderneurochirurgische Eingriffe u.v.m. gesehen.

Außerdem wollte ich viel Zeit bei den verschiedenen, spezialisierten Sprechstunden, den sog. „Consultorios“, verbringen können, die neben den Operationen den gesamten Tag über stattfanden.

Ich konnte stets selbst entscheiden, wie ich meine Zeit in der Klinik verbringen wollte und konnte mich frei in den „Consultorios“ und im OP-Trakt bewegen. Dies war sehr angenehm.
So habe ich auch wesentlich mehr Zeit in der Klinik verbracht als die argentinischen Medizinstudenten, die für einige Wochen ebenfalls als Praktikanten in der Allgemeinchirurgie eingeteilt waren und stets um 12:00 Uhr die Klinik verließen. Ich war es aus Deutschland gewohnt, dass der „Arbeitstag“ eines Medizinstudenten so um 7:30 Uhr beginnt und gegen 16:00 / 17:00 Uhr endet und habe mich auch hier daran gehalten. Trotz aller Schönheit und alles Sehenswertem in Buenos Aires war ich ja letztlich dort, um mehr von der Chirurgie zu lernen. Auch habe ich mich an einigen „Guardias“ (24-Stundenschichten in der Notaufnahme) beteiligt. Mein Arbeitseinsatz wurde von den Ärzten schnell gewürdigt: Mir wurden stets alle interessanten Fälle gezeigt und erklärt und ich durfte dann doch auch einige Male selbst Hand anlegen, so z.B. Platzwunden nähen und Abszesse spalten.

Auf der anderen Seite war es manchmal natürlich sehr frustrierend, immer nur der Zuschauer zu sein und ich fühlte mich unterfordert. Wer also in der Chirurgie viel praktisch tätig sein und im OP assistieren möchte, dem rate ich von einem PJ in Argentinien ab.

Vom Ärzteteam, bestehend aus dem Chefarzt, neun Fach- bzw. Oberärzten, vier „Fellows“ (Ärzte am Ende ihrer Assistenzarztzeit) und neun „Residentes“ (Assistenzärzten) wurde ich sehr herzlich aufgenommen. Insgesamt war die Stimmung im Team sehr kameradschaftlich und freundlich, was sicherlich auch daran lag, dass sich alle – bis auf den Chefarzt – duzten und mit einem Küsschen auf die Wange begrüßten. Gerade in chirurgischen Disziplinen hatte ich dagegen in Deutschland sehr starre und hierarchische Strukturen erlebt und das Arbeitsklima als etwas unterkühlt empfunden.

Auch die Ärzte und Patienten haben sich untereinander geduzt, was eine viel engere Beziehung entstehen ließ. Trotzdem hatte ich ebenfalls hier manchmal das Gefühl, dass die Patienten nur abgefertigt wurden und die Erkrankungen sowie die Behandlungsmöglichkeiten nicht ausreichend erklärt wurden.

Als etwas unglücklich und unpraktisch habe ich die Organisation des Klinikums und die Arbeitsabläufe empfunden. Anders als in Deutschland üblich, gibt es im Hospital Alemán nicht getrennte Stationen, in denen die gesamten Patienten jeweils eines Fachbereichs untergebracht sind und sich zugleich das entsprechende Arztzimmer befindet. Vielmehr befinden sich die Patienten wild auf vier Stockwerke und zwei Anbauten verteilt. Auch sind die Zuständigkeiten, also welcher Arzt sich speziell um welchen Patienten kümmert, nicht klar geregelt. Dies hat zur Folge, dass die Visite eher einem Betriebsausflug gleicht, weil stets alle Assistenzärzte gemeinsam durch das gesamte Klinikum wandern. Dies habe ich als äußert zeitaufwändig und – ehrlich gesagt – als überaus unsinnig empfunden.

Insgesamt war im Klinikum auffällig, dass wesentlich mehr medizinisches Personal zur Verfügung stand, was leider nicht immer dazu geführt hat, dass dem einzelnen Patienten mehr Aufmerksamkeit zu Teil wurde. Vielmehr gab es Situationen während der Sprechstunden, in denen ein Oberarzt mit zwei Assistenzärzten und mir in einem Behandlungszimmer Patienten empfing, während andere Sprechzimmer leer standen und sich im Wartezimmer die Patienten stapelten. Das hat mich z.T. sehr geärgert. Aber die Arbeitseinstellung der Argentinier ist einfach durch mehr Gelassenheit und weniger Zeitdruck geprägt. Für mich hatte es den Vorteil, dass es immer Zeit für Fragen und Erklärungen gab.

Viele der Tätigkeiten, wie die zweite Assistenz im OP, die Aufnahme von neuen Patienten, das Verfassen von Arztbriefen oder kleinere Hilfstätigkeiten, die in Deutschland von PJ-Studenten durchgeführt werden, sind in Argentinien Aufgabe der „R1“ (Residentes im 1. Jahr). Im Hospital Alemán gab es drei solche jungen Assistenzärzte, die außerdem die Visite aller Patienten vorbereiten und die „Guardia“ machen müssen. Für die jungen Ärzte schließt sich an eine solche 24-Stundenschicht allerdings ein normaler Arbeitstag an. Für mich sind das absolut fragwürdige Strukturen, da die gesamte Arbeitslast auf die jungen, unerfahrenen Ärzte abgewälzt wird und viel potentielle Arbeitskraft wie z.B. Medizinstudenten ungenutzt bleibt.

Mein Ausflug in die Neurochirurgie

Neben der Allgemeinchirurgie hatte ich das Glück, auf eigenen Wunsch und eigene Bemühungen hin, für drei Wochen in die Neurochirurgie und für zwei Wochen in die Radiologie zu rotieren.

Da ich mich sehr für die Neurologie interessiere, wollte ich für mich herausfinden, ob nicht auch die Neurochirurgie ein potentielles Arbeitsfeld für mich wäre, da mir das praktische Arbeiten generell viel Freude bereitet. Da das Team der Neurochirurgen deutlich kleiner war, lediglich fünf Ärzte, habe ich mich sehr schnell zu Recht gefunden, konnte den einzigen Assistenzarzt die gesamte Zeit begleiten und auch bei allen Sprechstunden als auch Operationen anwesend sein. Bei einer Bandscheiben-Operation durfte ich zudem assistieren. Trotzdem habe ich ebenfalls hier gemerkt, dass mir die Zeit mit den Patienten, aufgrund der in der Regel sehr aufwendigen Operationen, zu knapp bemessen ist.

In der Radiologie habe ich auf verschiedenen Stationen die gesamte Bandbreite der bildgebenden Diagnostik kennenlernen dürfen: CT, MRT, Röntgenbilder, Mammographie, Angiographie und interventionelle Radiologie – hier wurden verschiedenste Kontrastmittel-Untersuchungen, z.B. der Speiseröhre oder der Darms, aber auch Punktionen von Bauchorganen durchgeführt. Letztgenannte fand ich besonders spannend, da ich zwar schon oft von Zystographien oder Doppelkontrastuntersuchungen gehört hatte und prinzipiell wusste, was das ist, aber nie eine solche Untersuchung gesehen hatte. Ferner habe ich Werkzeuge und Tipps für die Beurteilung von Röntgenbildern an die Hand bekommen. Wer sich für die Radiologie interessiert, dem lege ich einen Abstecher oder auch ein ganzes Tertial am Hospital Alemán sehr ans Herz!

Insgesamt lässt sich sagen, dass ich immer und überall herzlich aufgenommen wurde, ausnahmslos alle Ärzte sehr freundlich waren und immer gerne Fragen beantwortet haben – wenn man auf sie zu gegangen ist, denn der „vorgesehene“ Lehreinsatz war eher gering.

Die Kleidung wurde mir übrigens von Hospital Alemán gestellt. Wer sich lieber selber einkleiden möchte, findet entsprechende Geschäfte rings um die nahegelegene Medizinische Fakultät. Ein Kasack kostet rund 200 Pesos. Und auch Frühstück und Mittagessen habe ich in der Kantine des Krankenhauses erhalten. Das Essen war recht einfach, aber gut und eben typisch argentinische Küche: kein Tag ohne Fleisch. Als Vegetarier ließe es sich wirklich schwer in Argentinien überleben…

Wohnen und Leben in Buenos Aires

Ein typisches Café in Buenos Aires
Ein typisches Café in Buenos Aires

Buenos Aires ist eine turbulente, laute, quirlige, umwerfende und wunderschöne Stadt, in der zu jeder Tages- und Nachtzeit die Straßen voller Menschen sind, selbst noch morgens früh um 4:00 Uhr die Cafés und Restaurants gefüllt sind, die Häuser so hoch sind, dass man den Himmel kaum sehen kann und es mehr Taxis als Einwohner gibt.

Und trotz aller Ähnlichkeiten mit Madrid, Berlin, Paris oder Hamburg: Buenos Aires liegt eben nicht in Europa und die Argentinier sind eben doch ganz anders als die Deutschen. Das fängt beim chaotischen Busnetz an, zu dessen Benutzung man den „guia T“, ein eigenes kleines Büchlein, benötigt und hört bei der Liebe der Argentinier zu allem sehr, sehr, sehr Süßen und Fettigen auf. Überrascht hat mich das große Interesse der Argentinier an Deutschland. Da viele Argentinier deutsche Wurzeln haben und zudem massenweise deutsche Touristen in der Stadt anzutreffen sind, dachte ich, dass es eigentlich schon normal sei, einen Deutschen zu treffen. Aber jedes Mal, wenn beim Sprechen mein Akzent bemerkt wurde, wurde sich nach meinem Heimatland erkundigt und ich interessiert ausgefragt.

Die Lebenshaltungskosten in Buenos Aires liegen nur wenig unter denen in Deutschland – zumindest im Vergleich zu Berlin. Ich hatte mir im Vorfeld ein WG-Zimmer über http://www.pisocompartido.com reserviert. Dies ist für den Anfang vielleicht eine gute Wahl, auf Dauer aber zu teuer und die verschiedenen Wohnungen sind eher in einem schlechten Zustand. Vor Ort lässt sich problemlos eine WG suchen – z.B. über http://www.craigslist.org.

Je nach dem, in welchem Stadtteil man wohnen möchte, schwanken die Zimmerpreise zwischen rund 1.400 und 2.200 Pesos. Das Hospital Alemán liegt in „Recoleta“, einem sehr schönen, sicheren und dem Zentrum nahen Stadtteil, der viele Einkaufsmöglichkeiten, Cafés und Bars bietet, dadurch aber auch teurer ist. Ein kleines Frühstück mit Kaffee, zwei Croissants, kleiner Orangensaft kostet im Schnitt 17-25 Pesos, ein Glas Bier in einer Bar 30-40 Pesos.

Insgesamt habe ich Buenos Aires übrigens nicht als gefährlich empfunden, aber von den Einheimischen wird man immer gewarnt, nachts nicht allein durch bestimmte Gegenden zu laufen.

Während meines fast viermonatigen Aufenthalts hatte ich genügend Zeit, die verschiedensten Seiten von Buenos Aires mit all ihren Sehenswürdigkeiten kennen zu lernen – und habe wahrscheinlich doch nur einen Bruchteil dieser riesigen Stadt gesehen. Besonders gut hat mir der Stadtteil „Puerto Madero“ gefallen. Das alte Hafengelände wurde vor kurzem zur neusten gehobenen Wohngegend umgebaut und hat durch die Kombination aus alten, backsteinernen Speichergebäuden und neuen Glaskonstruktionen ein ganz besonderes Flair. Daneben sind auch der Friedhof von „Recoleta“, das „MALBA“ (Museum für Lateinamerikanische Kunst) und natürlich die „Casa Rosada“, die man am Wochenende bei kostenlosen Führungen besichtigen kann, sehr eindrucksvoll.

Genutzt und genossen habe ich auch die allgegenwärtige Präsenz des Tangos in Form von Straßenkünstlern, Shows und Tanzschulen. An Tanzschulen kann ich „La Cathedral“ und „La Viruta“, die zwei Klassiker, empfehlen. Beide bieten Kurse ohne Voranmeldung und für alle Niveaus an. „La Cathedral“ bietet das deutlich schönere Ambiente, bei „La Viruta“ habe ich die Kurse aber als besser empfunden.

Der von mir eher zufällig gewählte Zeitpunkt von Ende Februar bis Mitte Juni hat sich als sehr glücklich herausgestellt, denn während der Osterfeiertage und einiger verlängerter Wochenenden, während derer das Krankenhaus nur einen Notbetrieb bot, hatte ich das Glück, ein wenig reisen zu können. So konnte ich u.a. die berühmten Wasserfälle von „Iguazú“ und den Norden Argentiniens, die Region „Salta“, kennen lernen. Argentinien ist einfach ein unglaublich großes und vielseitiges Land und die Gegend um „Salta“, mit grünen Tälern, Salzwüsten, skurrilen Steinformationen, Kakteen und Lamas stellte einen imposanten Kontrast zu Buenos Aires dar und ist absolut empfehlenswert!

Auch lässt sich bei einem Wochenendtrip das nahegelegene Uruguay sehr gut erkunden. Fähren („seacat“, „buquebus“ u.a.) fahren mehrmals täglich in nur knapp einer Stunde von Buenos Aires ins beschauliche „Colonia“, von wo aus sich Montevideo in einer dreistündigen Busfahrt erreichen lässt. Fähren und Reisebusse sollten zur Hauptreisezeit („Semana Santa“, Wochenenden über Feiertage) auf jeden Fall im Voraus gebucht werden.

Um einen Tag mal dem Großstadtstress zu entfliehen, eignet sich zudem sehr gut ein Ausflug in das nahegelegene „Tigre“ oder auch nur eine Verschnaufpause im Japanischen Garten. Auf jeden Fall sollte man sich den Stadtteil „La Boca“ mit der „Bombonera“, dem Fußballstadion der Heimmannschaft der „Boca Juniors“ ansehen. Das Stadion bietet ein eigenes kleines Museum und lässt sich im Rahmen einer Führung besichtigen.

Resümee

Don Quijote und Evita auf der Avenida 9 de Julio

Kurz und gut: Mein PJ-Tertial im Hospital Alemán in Buenos Aires war eine Erfahrung, die mich fachlich, aber auch persönlich sehr bereichert hat. Aller Aufwand, alle Zeit und alles Geld haben sich absolut gelohnt.

Und noch ein persönlicher Tipp: Wer sich im Vorfeld ein wenig auf „die Argentinier an sich“ einstellen möchte, dem empfehle ich die Lektüre „Gebrauchsanweisung für Argentinien“ (Piper-Verlag). Im Nachhinein wird man feststellen, dass all die beschriebenen, skurrilen Eigenheiten der Argentinier restlos zutreffend sind.

R., V.
Berlin, Juni 2012

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4 Kommentare

  • Hallo!
    Habe gerade deinen Bericht gelesen und plane selbst nach Argentinien zu gehen, um ein PJ-Tertial dort zu absolvieren.
    Ich wollte dich fragen wie hoch die Studiengebühren sind von denen du gesprochen hast. (muss man die dann doppelt zahlen, an Uni und Spital?)
    Gibt es alternative Krankenhäuser von denen du weißt?
    Danke,
    Wolfgang

  • Hallo,
    ich habe gerade deinen Bericht gelesen und bin gerade dabei mein PJ Chirugie Teil zu planen, wahrscheinlich wird es wieder nach Buenos Aires gehen (dort habe ich bereits eine Famulatur gemacht). Es wäre super wenn du mir deine email schicken könntest damit ich ein paar Fragen zum Organisatorischen stellen kann. bin leider etwas spät dran und es verbleiben nur noch knapp 4Monate bis zum Start. Liebe Grüße Katja

    • Hallo Katja,
      ich habe denselben Plan wie du. Wann hast du vor hinzugehen? Ich plane das im Moment alles alleine und eigentlich wäre es gar nicht schlecht sich mit jemandem austauschen zu können!:) Ich will fürs erste Tertial hin, also August bis Dezember. Liebe Grüße, Lisa

    • Hallo Katja,

      magst du mir vielleicht auch einmal deine Emailadresse schicken?
      Ich bin auch gerade dabei zu planen für Buenos Aires für den Sommer.
      Vielleicht könnten wir uns mal austauschen?

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