PJ in USA – Chirurgie

3. Mai 2012

in Chancen im Ausland, Chirurgie, Praktisches Jahr im Ausland, USA

USA, New York, Memorial Sloan-Kettering Cancer Center (01.02.-26.03.2010)

Mein Entschluss stand fest: “New York City – ich komme!” Und nach meinen acht Wochen PJ am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center konnte ich sagen, dass diese Entscheidung genau richtig war. Die Arbeit am MSKCC hat mir ein ungeheuer faszinierendes Spektrum der Medizin eröffnet und war somit die entscheidende Inspiration für meine Berufsplanung. An dieser Klinik hatte ich buchstäblich das Gefühl, dass der Grundstein der Medizin, die in Zukunft in den Krankenhäusern dieser Welt praktiziert wird, dort gelegt wird. Und ich durfte live dabei sein!

Entscheidung für das MSKCC in New York

Die Möglichkeit, praktische Erfahrungen im Ausland zu sammeln, und dabei sowohl neue Gesundheitssysteme kennen zu lernen als auch ein Land aus einer ganz anderen Perspektive, nämlich als Arbeitender und nicht als Tourist zu erkunden, stellt für mich einen der schönsten Aspekte des Medizinstudiums dar.

Wichtig für mich bei der Wahl meines Ziellandes war, dass dort Englisch gesprochen wird, da ich mich in keiner anderen Sprache sicher genug fühlte, um den medizinischen Alltag sinnvoll zu bestreiten. Außerdem stellte ich mir die Frage, was genau ich von meinem PJ im Ausland erwarte und an welcher Art Krankenhaus ich überhaupt interessiert sei. Manche Studenten möchten gerne die Erfahrungen machen, in Dritte Welt-Ländern zu helfen, wiederum andere wollen einfach eine gute Zeit im PJ haben und das jeweilige Land erkunden.

Da ich bereits eine Famulatur in Vietnam absolviert hatte und während meines Studiums festgestellt hatte, dass mich der “akademische Geist” an Universitätskliniken mit starkem Schwerpunkt auf Forschung und Lehre am meisten interessiert, war meine Entscheidung schnell gefallen. Über eine Freundin erfuhr ich vom Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York City, einem Krankenhaus des Weill Cornell Medical College, das sich ausschließlich mit der Behandlung von Krebserkrankungen beschäftigt und besonders in der Krebsforschung eine Vorreiterrolle einnimmt. Dieses Krankenhaus ist auf der ganzen Welt berühmt und so werden dort nicht nur viele Prominente behandelt, sondern auch Patienten von weither eingeflogen, um nach den neuesten Forschungsergebnissen therapiert zu werden.

Die Bewerbung am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center

Willkommen in den USA

Die Bewerbung für die sogenannten “electives” ist zwar umfangreich, aber eigentlich ganz einfach und wird sehr ausführlich auf der Internetseite des MSKCC beschrieben. Es gibt sogar einen speziellen Link für internationale Medizinstudenten. Bevor man sich mit den genauen Formalitäten beschäftigt, lohnt es sich, den FAQ Bereich zu durchforsten. Hier stehen auch die jeweiligen Fristen, ab wann man seine Bewerbung überhaupt einreichen darf. Generell würde ich empfehlen, nach Möglichkeit das Innere Tertial in den USA zu machen, da man in diesem Fach einfach am meisten von der tollen Lehre dort profitieren kann. Da ich jedoch hierfür bereits einen Aufenthalt in Boston geplant hatte, entschied ich mich dafür, mich für zwei Monate Chirurgie am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center zu bewerben.

Zu den einzelnen Punkten der Bewerbung ist folgendes zu sagen: Neben einem Bewerbungsformular, das vom Studenten sowie vom Dekanat ausgefüllt werden muss, ist eine Bewerbungsgebühr von 100$ zu entrichten, die man auch im Fall einer Ablehnung nicht zurückerhält. Im geforderten Anschreiben sollte man begründen, warum man sich speziell diese Klinik und die gewünschten Rotationen ausgesucht hat. Da die Klinik sehr forschungsorientiert ist, bietet es sich hier an, auch die Doktorarbeit genauer zu erwähnen und evtl. ein Empfehlungsschreiben vom Doktorvater ausstellen zu lassen. Zusätzlich habe ich noch ein weiteres Fakultätsmitglied gebeten, mir ein Empfehlungsschreiben auszustellen, in dem auf meine klinischen Fertigkeiten eingegangen wird.

Das geforderte Schreiben vom Dekan dient lediglich zur Bestätigung, dass Ihr Englisch sprechen könnt, Euch im letzten Jahr des Medizinstudiums befindet, gute Noten habt und den Aufenthalt für Euer universitäres Fortkommen anstrebt. Dann noch eine Auflistung Eurer Noten, die Bestätigungen der Kranken- und Berufshaftpflichtversicherungen, ferner ein Gesundheitszeugnis und Ihr seid schon fast am Ziel Eurer Träume…

Übrigens: Alle internationalen Medizinstudenten, die nicht in Deutschland studieren, müssen seit Neuestem das USMLE Step1 (United States Medical Licensing Examination) gemacht haben, um an dieser Klinik zu arbeiten!

Wichtig ist auch, dass man sich unbedingt an die angegeben Rotationstermine halten muss und darauf achtet, dass diese kompatibel mit dem deutschen PJ-Termin sind, denn “unter der Hand” lässt sich dort leider nichts regeln. Eine Freundin von mir musste daher letzten Endes sogar ihr komplettes Tertial absagen. Unbedingt muss man sich auch im Klaren darüber sein, dass man am Ende des Tertials keine Bestätigung der Cornell University bekommt, dafür bezahlt man an diesem Krankenhaus auch keine Studiengebühren. Man erhält auf Wunsch zwar ein Schreiben des Krankenhauses, dass es sich um ein Lehrkrankenhaus der Universität handelt, aber je nach Strenge des Prüfungsamtes kann es hier schon mal Schwierigkeiten geben. In meinem Fall bekam ich beispielsweise zu hören, dass theoretisch ja jedes Krankenhaus von sich behaupten könne, zur Universität zu gehören und daher lediglich die Bestätigung der Universität selber zähle. Letzten Endes ging zum Glück aber doch alles glatt.

Nach diesem ganzen Bewerbungsdschungel, heißt es also: Hoffen auf die Email, dass man akzeptiert wurde. Bei mir hat es circa fünf Wochen gedauert, bis die Nachricht kam, dass ich meine gewünschten Rotationen antreten dürfe.

Wohnen in New York City

Blick vom Deck der Staten Island Ferry auf die Skyline Manhattans

Das Memorial Sloan-Kettering Cancer Center liegt in der York Avenue, zwischen der 67. und 68. Straße, direkt in der berühmten und leider auch sehr teuren Upper East Side. Da ich bereits im Voraus von Freunden gewarnt wurde, dass die Arbeitszeiten für chirurgische Rotationen extrem anstrengend sind, war es mir wichtig, dass ich nah am Krankenhaus wohne, um nicht noch zusätzlich Zeit mit dem täglichen Weg zur Klinik zu verlieren.

Das Krankenhaus selber bietet für Medizinstudenten keine Wohngelegenheiten, so dass ich im Internet auf die Suche gegangen bin und mit meinem Freund, der ebenfalls im MSKCC sein PJ machte, eine Wohnung in Midtown East für 1.000 Dollar pro Monat als Untermieter gefunden habe. Midtown East ist ein sehr schönes Viertel, in dem viele Botschaften liegen und das in meinen Augen auch sehr sicher ist. Außerdem konnte ich von dort in wenigen Minuten mit dem Bus bzw. sogar zu Fuß zum Krankenhaus kommen und war gleichzeitig doch mitten drin im spannenden Großstadtleben Manhattans. Alternativ zu einer Wohnung bewerben sich viele Studenten in Wohnheimen wie dem “Kolping Haus” für Männer oder dem “Webster” für Frauen.

Visum

Die letzte Hürde war nun nur noch das Visum. Da ich nach meinem Aufenthalt in New York noch für vier Monate in Boston war, hatte ich mich um ein B1/B2 Visum beworben und musste dafür noch zur amerikanischen Botschaft. Wer kürzer in den Staaten ist, sollte sich unbedingt vorher nochmals erkundigen, da hier andere Visa praktikabler sind.

In der Botschaft oder spätestens bei der Einreise in die USA sollte man darauf gefasst sein, einen Nachweis erbringen zu können, dass man sich den Aufenthalt finanziell leisten kann und vor allem auch willens ist, das Land wieder zu verlassen. Dafür eignet sich am Besten, das Rückflugticket gleich parat zu haben.

MSKCC in New York City – ich komme!

Vor dem Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York

Anfang Februar 2010 war es dann soweit und das Abenteuer konnte beginnen. Am ersten Tag im Krankenhaus bekam ich zunächst einen der dort typischen Studentenkittel, die lediglich bis zu den Hüften gehen. Ein wenig diskriminierend, aber man gewöhnt sich dran. Unter dem Kittel trägt man bessere Alltagskleidung, also feine Hosen, Hemd oder Bluse, evtl. sogar Krawatte für die Jungs. Jeans, Turnschuhe oder gar Flipflops sind ein absolutes “No-Go”!

Ausgestattet mit meinem eigenen Piepser wurde ich als nächstes dem zuständigen “Fellow”, vergleichbar mit unserem Facharzt, sowie dem “Resident” (Assistenzarzt) vorgestellt. Dieses Team ist jeweils einem Oberarzt unterstellt, der dort “Attending” heißt und in erster Linie zu den Visiten kommt und natürlich die Operationen leitet. Operiert wurde an drei Tagen in der Woche, wobei in meinen beiden Rotationen, “hepato-pancreatobiliary surgery” und “colorectal surgery”, häufig extrem lange Operationen durchgeführt wurden.

An lange Zeiten musste ich mich jedoch eh von Anfang an gewöhnen. Während ich in Deutschland jeden Freitag lern frei hatte, musste ich in New York von Montag bis Samstag arbeiten, wobei ich häufig schon um kurz nach 5:00 Uhr in der Früh anfing und nicht selten abends bis nach 22:00 Uhr noch im Krankenhaus war. Dies ist mit Sicherheit nicht jedermanns Sache und die Zeit war wirklich wahnsinnig anstrengend, trotzdem oder vielleicht sogar gerade deswegen werde ich sie bestimmt nie vergessen.

Tagsüber hatte ich vor allem an den Tagen, an denen wir nicht operierten, einige Stunden Leerlauf. Anfangs stand ich noch auf Station rum und wusste nicht so recht, was ich jetzt tun sollte, aber irgendwann hatte ich verstanden, dass mir die Zeit zur freien Verfügung stand. Da ich zu unseren Fällen auf Station und im OP häufig sehr detailliert befragt wurde, gewöhnte ich mir schnell an, alles damit Zusammenhängende in dieser freien Zeit in der Bibliothek nachzuschauen.

Für die Visiten, die sogenannten “rounds”, wurden mir jeweils eigene Patienten zugeteilt, die ich selbständig vorbereiten und präsentieren musste. Alles in allem fielen die “rounds” in der Chirurgie jedoch eher kurz aus und der meiste Unterricht fand während der OPs statt. Zwar habe ich bis auf Haken halten nie praktisch an den Operationen mitgewirkt, dennoch wurde ich theoretisch immer komplett eingebunden. So musste ich häufig erklären, was nun der nächste Schritt in der OP sei und warum man bestimmte OP-Techniken genau so durchführt, wie man es eben tat.

Beispielweise wurde am MSKCC zu Beginn jeder geplanten Whipple-OP immer zunächst eine Laparoskopie durchgeführt, um zu sehen, ob Mikrometastasen gefunden wurden, die in der Bildgebung nicht zu erkennen waren. Gleichzeitig wurde mir aber erklärt, dass dafür die Studienlage keine eindeutigen Vorteile sehe, so dass das individuelle Entscheiden der Klinik im Vordergrund stehe. Es wurde viel Wert darauf gelegt, mir immer zu erklären, warum es Sinn mache, genau auf diese Weise zu operieren und in welchen Studien gezeigt werde, dass dieses Vorgehen Sinn mache.

Viele dieser Studien wurden natürlich auch direkt vor Ort durchgeführt. Dabei ist mir besonders klar geworden, dass der Fortschritt der heutigen Medizin auf eben solchen Studien basiert und wie wichtig es in diesem Bereich ist, immer auf dem neuesten Stand der Forschung zu sein. Im Memorial Sloan-Kettering Cancer Center hatte ich buchstäblich das Gefühl, dass der Grundstein der Medizin, die in Zukunft in den Krankenhäusern dieser Welt praktiziert wird, dort gelegt wird. Und ich durfte live dabei sein!

Leben in New York City

Blick vom Empire State Building auf das Chrysler Building

Neben der Arbeit wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen, auch die Stadt New York etwas besser kennen zu lernen. Als ich dann ankam, war ich zwar erst von den extrem kalten Temperaturen schockiert, lernte aber auch schnell die Vorteile dieser Eiseskälte kennen. Wo sich bei den ersten wärmenden Sonnenstrahlen die Touristenscharen häufen – und das ist eigentlich überall – kam ich im Februar/März an vielen Orten oft ohne Anstehen und teilweise sogar zu reduzierten Eintrittspreisen rein.

So habe ich gerne die Chance genutzt und bin oft kurz vor Vorstellungsbeginn noch günstig in Musicals, Theater oder Oper gegangen. Hierbei habe ich nicht selten echte Berühmtheiten auf der Bühne gesehen, wie z.B. Anna Netrebko in “La Boheme”, Scarlett Johansson in “A view from the bridge” oder Michelle Williams als Gaststar im Musical “Chicago”. Auch ein Basketballspiel der “New York Knicks” ist ein echtes Erlebnis und unbedingt einen Besuch im Madison Square Garden wert. Und für alle Kunstinteressierten ist New York alleine aufgrund der vielen interessanten Museen schon eine Reise wert. Kurzum, egal wofür man sich interessiert, New York hat an jeder Ecke tolle Sehenswürdigkeiten und für alle Geschmäcker nicht nur kulinarisch eine Menge zu bieten.

Mein Resümee

Am Ende meiner acht Wochen in New York hatte ich enorm viel theoretisches Fachwissen in den einzelnen Bereichen ansammeln können. Was mich jedoch wirklich fasziniert hat, war, die Art von Medizin kennenzulernen, die im Memorial Sloan-Kettering Cancer Center praktiziert wird. Wer in seinem Chirurgie Tertial darauf hofft, möglichst viele praktische Erfahrungen zu sammeln, ist in diesem Haus mit Sicherheit an der falschen Stelle. Auch muss man sich im Klaren sein, dass man während der Zeit dort verhältnismäßig wenig von der tollen Stadt New York kennenlernt und die Arbeit wirklich extrem anstrengend ist.

Dafür bin ich mir jedoch sicher, dass die Arbeit am MSKCC mir ein ungeheuer faszinierendes Spektrum der Medizin eröffnet hat und somit die entscheidende Inspiration für meine Berufsplanung war.

S., T.
München, September 2011

Hinweis der Redaktion: Lesen Sie auch den Erfahrungsbericht der Autorin zu den von ihr in 2010/2011 abgelegten amerikanischen Examina – dem USMLE Step 1 als auch dem USMLE Step 2 CK (weiter).

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1 Kommentar

  • Hallo,

    vielen Dank für den ausführlichen Bericht. Ich bewerbe mich gerade am MSKCC. Hast Du einen Tipp bezüglich der Bewerbung?

    Vielen Dank!
    LG Lisa

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