Forschungsaufenthalt in Kanada – Intensivmedizin

3. April 2012

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Kanada, Halifax, Dalhousie University Halifax (20.08.2011 – 15.10.2011)

„RISE”? Diese Abkürzung steht für “Research Internships in Science and Engineering” und ist ein Forschungsprogramm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Ich hatte das Glück, dass mich ein Kommilitone an meiner Universität auf dieses hervorragende Programm aufmerksam gemacht hatte. Es eignet sich perfekt für Mediziner nach dem Physikum, die noch vor ihrer Doktorarbeit stehen und wissenschaftlich interessiert sind.

Warum Forschung im Ausland?

Für mich hatte sich die Frage „Forschung im Ausland“ nicht explizit um den Punkt „Ausland“ gedreht, sondern eher um Forschung im Allgemeinen. Ich hatte an meiner Heimatuniversität, der Ludwig Maximilians Universität München, zum Zeitpunkt meiner Bewerbung für das Forschungspraktikum im Ausland bereits eine Doktorarbeit an der LMU begonnen. Es handelte sich jedoch um eine klinisch-experimentelle Arbeit.

Diese hatte mir auch sehr gut gefallen, dennoch wollte ich auch die Arbeit im Labor kennenlernen, ohne mich gleich für Jahre zu verpflichten. Deshalb hatte sich das knappe Forschungspraktikum im Ausland angeboten und war im Rückblick ein voller Erfolg!

Woher kam die Idee? Wie kam es zu dieser Möglichkeit?

Das Stadtzentrum von Halifax

Ich wurde von einem Studienkollegen auf das Programm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) aufmerksam gemacht. Es handelt sich im Speziellen um das „RISE worldwide Programme“. „RISE” steht hierbei für “Research Internships in Science and Engineering”. Dieses Programm war und ist vornehmlich an Naturwissenschaftler gerichtet. Man kann zwischen November und Januar eines jeden Jahres aus über 600 Projekten auswählen. Ein Großteil der Projekte fällt für Mediziner weg, da sie ausschließlich an reine Chemiker oder Physiker gerichtet sind. Es bleiben aber noch genügend übrig, um für jede Fachdisziplin der Medizin ein passendes zu finden.

Ich hatte zum Beispiel ein Forschungsprojekt aus der Intensivmedizin gewählt, da hier der Forschungsschwerpunkt an meiner Heimatuniversität liegt. Genauso gut hätte ich jedoch aus Projekten der Neurophysiologie, Neurochirurgie und Immunologie wählen können.

Wie bereits erwähnt, hatte sich die Möglichkeit zu meinem Auslandsaufenthalt über den DAAD ergeben und es handelte sich nur um ein Forschungspraktikum und nicht um eine Doktorarbeit. Ein solcher Aufenthalt kann jedoch genutzt werden, um eine Doktorarbeit in die Wege zu leiten. So wäre es für mich in keiner Weise ein Problem gewesen, meinen Forschungsaufenthalt zu verlängern und das Ganze in sechs Monaten zu einer Doktorarbeit auszubauen. Da ich meine Promotion an der LMU aber bereits begonnen hatte, habe ich diese Idee schnell wieder verworfen.

Neben der Arbeit im Labor können aber auch die Kontakte der Kollegen genutzt werden, um an anderen Institutionen eine Doktorarbeit zu beginnen. So hat beispielsweise der Kommilitone, der mich auf das Stipendium aufmerksam gemacht hatte, einen einjährigen Forschungsaufenthalt in New Haven an der Universität Yale organisiert. Er wurde einfach von seinen Professoren in Kanada vermittelt.

Bewerbung für das „RISE Programm“

• Wie bewerbe ich mich?

Bewerben kann man sich ausschließlich über das Internet. Alle wichtigen Informationen findet man auf der Internetseite des DAAD. Einfach „DAAD RISE“ bei Google eingeben und man wird auf die entsprechende Seite weitergeleitet. Auf der Internetseite findet man während des Bewerbungszeitraums eine Vielzahl an Projekten. Hier sucht man sich die passenden aus und bewirbt sich für drei verschiedene.

• Was wird vorausgesetzt?

Es klingt banal, aber man sollte definitiv an der Forschung interessiert sein. Ansonsten wird es einem keinen Spaß machen. Was man nicht braucht, ist Erfahrung im Labor. Das Praktikum richtet sich explizit an Anfänger, die noch nie im Labor gearbeitet haben. So war es auch bei mir.

Neben dem Interesse an der Forschung werden gute Noten im Studium als wünschenswert erachtet. Im Zweifel weiß ich nicht, wie wichtig dies ist, es wird keine offizielle Grenze vorgegeben. Generell sollte man versuchen, bei etwas schlechteren Noten ein umso besseres Motivationsschreiben beizufügen. Bewerben sollte sich meiner Meinung nach jeder, der interessiert ist. Es werden jährlich ca. 300 Projekte gefördert, bei ca. 700 Bewerbern. Man kann also das Glück haben, sich als einziger auf ein Projekt zu bewerben und hat dann auch bei schlechteren Noten gute Chancen, genommen zu werden.

Neben Noten und Motivationsschreiben müssen auch gute Englischkenntnisse vorliegen und ein Empfehlungsschreiben eines Professors beigelegt werden. Konkret wird aber alles auf der Internetseite erklärt und die Mitarbeiter des DAAD geben einem bei Fragen ebenfalls gerne Auskunft.

• Wann bewerbe ich mich?

Am besten bewirbt man sich direkt nach dem Physikum, aber unbedingt vor dem 7. Semester, danach wird man nicht mehr genommen. Der Bewerbungszeitraum lag in den letzten Jahren immer zwischen November und Januar des folgenden Jahres. Am besten man sammelt vorher schon alle nötigen Unterlagen, um während der Bewerbung nicht in Stress zu kommen.

Das Gebiet meiner Forschungstätigkeit

Dalhousi University Halifax

Ich habe in Kanada im Bereich der Intensivmedizin geforscht. Dabei habe ich in der „Atlantic Workgroup on ARDS“ (AWARDS-Lab) an neuen Beatmungsstrategien für Patienten mit Lungenversagen geforscht. Es ging um eine neue Beatmungsmöglichkeit, die sich Variable Ventilation nennt. Untersucht wurde das Ganze an einem Tiermodell, bei mir waren es Ratten.

Die Arbeit fing an mit der Einarbeitung in die Geräte und die Erstellung eines Versuchsprotokolls bis hin zur Präparation der Tiere und der Durchführung der Experimente. Wieder zurück in Deutschland hat sich noch eine geringe Arbeit zur Datenauswertung angeschlossen.

Um für seine Arbeit an die aktuellsten Infos zu kommen, nutzt man für die Literaturrecherche am besten die bestehenden Datenbanken wie „Pubmed“, „Medline“ oder „Google Scholar“. Es gibt mittlerweile auch gute Computerprogramme, welche am PC Papers verwalten und gleichzeitig eine Recherchefunktion bieten. Am hilfreichsten ist es, zu Beginn seinen Professor zu fragen, über welche Papers er verfügt und Ihn anschließend zu bitten, sie einem zu geben. Dann liest man aktuelle „Review Articles“ und kommt so mehr oder weniger automatisch zu den wichtigen Papers.

Noch ein paar persönliche Einschätzungen

Bei einem kurzzeitigen, vom DAAD organisierten Forschungsaufenthalt im Ausland gibt es so gut wie keine Stolpersteine zu beachten. Hier ist alles finanziert und geregelt, einzig um das Visum muss man sich selbst kümmern. Natürlich warten in anderen Ländern gewisse kulturelle Unterschiede auf einen, vor denen man gewappnet sein sollte. Diese ergeben sich aber automatisch, wenn man mit Menschen, die in das jeweilige Land gereist sind, spricht bzw. indem man sie sich vor Ort aneignet.

Das Einzige, was man nicht haben sollte, ist Heimweh. Klingt banal, muss man sich aber durchaus bewusst machen. Ich hatte beispielsweise einen Studenten bei mir im Labor, welcher unglaubliches Heimweh hatte und es nicht mehr ausgehalten hat. Er hat das Projekt schließlich auch abgebrochen und ist vorzeitig heimgereist. Da war alles umsonst.

Finanzielles und Organisatorisches

Ausflug in die endlose Weite Kanadas

Die Finanzierung des „RISE Programmes“ übernimmt der DAAD. Das heißt, es werden Flug, Unterkunft und eine Pauschale zum Lebensunterhalt gezahlt. Weitere Fördermöglichkeiten sind damit jedoch ausgeschlossen. Das zur Verfügung gestellte Geld reicht, wenn man sparsam lebt. Wenn man jedoch spendabler ist und sich im Ausland immer irgendwie im Urlaub fühlt, dann kann man auch locker 500 Euro im Monat zusätzlich ausgeben. Allerdings ist dies auch abhängig vom Zielland. Kanada würde ich als eher teureres Land werten.

Was Wohnmöglichkeiten betrifft, so wird die Wohnung in der Regel vom DAAD organisiert. So war es auch bei mir. Ansonsten informiert man sich bei der jeweiligen Universität bzw. direkt beim Labor, in dem man anfängt zu arbeiten. Auf diese Weise wird man in der Regel gut vermittelt und muss sich um wenige Dinge kümmern.

Das Visum wird abhängig vom Zielland beantragt. Da die „RISE Programme“ von Singapur über China, Japan, Australien, USA bis nach Brasilien, Kanada etc. verteilt sind, möchte ich nicht näher darauf eingehen. Sollte es bei einem Visa-Antrag zu Problemen kommen, hilft der DAAD.

Was notwendige Versicherungen betrifft, muss man keine zusätzlichen abschließen. Im Rahmen des „RISE Programmes“ ist man über den DAAD versichert und muss nur die notwendigen Dokumente, die man vom DAAD erhält, in das jeweilige Zielland mitnehmen.

Bei den erforderlichen ärztlichen Untersuchungen gibt es verschiedene Bestimmungen. In Nordamerika sind in der Regel einige Standardimpfungen Pflicht, so z.B. Polio oder Hepatitis B. Zusätzlich wurde bei mir ein Tuberkulin Test gefordert, den man jedoch in jeder Hausarztpraxis bekommt.

Leben in Halifax

Im Hafen von Halifax

Hier lag ein großes Plus bei meinem Forschungsaufenthalt. Zwar bin ich mehr wegen der Forschung ins Ausland gegangen und habe mein Ziel nach dem Projekt ausgewählt, aber trotzdem hatte ich unglaublichen Spaß.

Zum einen war Halifax, an der Ostküste Kanadas auf einer Halbinsel gelegen, eine wunderschöne Stadt. Zwar regnet es dort die meisten Tage des Jahres, wenn man jedoch klug ist, und in den Monaten August, September und Oktober dorthin geht, erntet man fast nur Sonne. So wurde ich gegen Ende meines Aufenthalts auch von dem berühmten „Indian Summer“ überrascht. Hier färben sich die unzähligen Laubbäume in Parks und im Umland der Stadt in herrliche Farben. Das muss man einfach gesehen haben.

Die Stadt Halifax selbst verfügt über ein anständiges Nachtleben und ein gutes Freizeitprogramm. Fast jeder geht am Wochenende Segeln, Surfen – natürlich nur mit Anzug in dem eiskalten Wasser, dann aber top – oder Wandern. Wenn man abends am Hafen entlang joggt, kann man mit Glück sogar Wale im Meer sehen – eine bessere Kulisse gibt es nicht.

Das Land an sich ist schwer auf einen Nenner zu bringen. Man merkt, es gibt in Kanada viel Platz. Die nächste große Stadt liegt ca. 15 Stunden mit dem Auto von Halifax entfernt. Dann ist man entweder in Boston oder in Montreal. Es gibt aber so viele Freizeitmöglichkeiten, dass einem nie langweilig wird, zumindest, wenn man nur wenige Monate oder ein Jahr dort bleibt.

Die Kanadier sind ein ausgesprochen freundliches Volk. Es fängt an, wenn man in Kanada am Flughafen begrüßt wird. Nicht zu vergleichen mit den mürrischen Beamten, die man auf US-Flughäfen trifft. Die Menschen in Kanada sind mir stets als sehr zuvorkommend, klug und freundlich vorgekommen. Ich habe mich mit den Leuten in meinem Labor, die u.a. aus Indien, China und Brasilien kamen, ebenfalls bestens verstanden. Das ist das Tolle an der Forschung, man arbeitet mit klugen Köpfen aus allen Teilen der Welt zusammen, von denen man sehr viel lernen kann.

In puncto Sicherheitsaspekte muss nichts beachtet werden, denn Kanada ist ein sehr sicheres Land. Das Einzige, vor dem ich gewarnt wurde, waren die Bären, die scheinbar gelegentlich den einen oder anderen Jogger überraschen. Ansonsten braucht man sich in diesem Land vor nichts und niemandem zu fürchten.

Mein Resümee

Ein Paradies für Surfer - nur 20 Minuten von Halifax entfernt
Ein Paradies für Surfer – nur 20 Minuten von Halifax entfernt

Mein persönliches Fazit zum Forschungsprogramm des DAAD fällt durchweg positiv aus. Es ist zeitlich begrenzt, aber man bekommt einen guten Eindruck von der Arbeit im Labor. Außerdem wird alles finanziert, man braucht sich um nichts zu kümmern. Man lernt extrem viel, knüpft wichtige Kontakte und erhält einen fundierten Eindruck von der Forschungslandschaft des jeweiligen Gastlandes. Dieses Programm eignet sich perfekt für Mediziner nach dem Physikum, die noch vor ihrer Doktorarbeit stehen.

Für mich hat es sich in Kanada nie wie Arbeit angefühlt, auch wenn ich viel im Labor war. Ich kann dieses Forschungsprogramm jedem wissenschaftlich Interessierten dringend empfehlen. Im Zweifel bewerben!

Marius F.
München, März 2012

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