Famulatur in Schweden – Orthopädie

23. April 2012

in Chancen im Ausland, Famulatur im Ausland, Orthopädie, Schweden

Schweden, Falun, Ortopediska Kliniken – Falu Lasarett (22.08.-21.09.2011)

Insgesamt hat es sich als wahrer Glücksfall erwiesen, dass es mich nach Schweden gezogen hat und ich dort in Falun an der Klinik auf der Orthopädie gelandet bin. Ich habe kaum eine interessantere und gleichzeitig so entspannte Famulatur absolviert! Ich war während meines Schweden-Aufenthaltes begeistert vom Land und von den Leuten sowie dem Arbeiten dort im Krankenhaus und bin es auch jetzt noch restlos.

Eine Reise in die Heimat der Elche

Die typischen mit Faluröd bemalten Häuser sind aus Schwedens Stadtpanorama nicht wegzudenken
Die typischen mit Faluröd bemalten Häuser sind aus Schwedens Stadtpanorama nicht wegzudenken

Im Rahmen eines Medizinstudiums sind insgesamt mindestens vier jeweils 30 Tage umfassende Famulaturen während der Semesterferien vorgeschrieben und gleich zu Beginn des klinischen Studienteils wird man von Professoren und Dozenten dezent darauf hingewiesen, dass die Ableistung einer solchen Famulatur im Ausland das „dringend erwünschte Tüpfelchen auf dem I“ in einer zukünftigen Bewerbung darstelle.

Doch nicht nur aus diesem Grund stand für mich von Anfang an fest, dass ich die Chance ergreifen möchte, während meines Medizinstudiums einen Aufenthalt im Ausland einzubauen. Gerade in der heutigen Zeit der nicht enden wollenden Diskussionen um unser Gesundheitssystem erscheint es mir wichtig, auch einmal den Alltag als Arzt in einem anderen Land als Deutschland kennenzulernen. Besonders die Systeme in den skandinavischen Ländern werden immer wieder lobend hervorgehoben. Somit traf es sich ganz gut, dass die Wahl meines Auslandziels auf Schweden fiel.

Dies ergab sich ziemlich bald während meiner Vorklinik-Zeit, als ich zusammen mit einer guten Freundin und Kommilitonin als Wahlfach für das Physikum einen Sprachkurs in Schwedisch an unserer Universität Regensburg belegte. Die Sprache gefiel mir sehr gut und die vielen Anekdoten aus dem Alltag in ihrer Heimat, die unsere Lehrerin, selbst eine Schwedin, zwischendurch zum Besten gab, weckten unsere Neugier, selbst einmal dieses interessante Land im Norden Europas zu erkunden.

Auf der Suche nach einem Famulatur-Platz…

Das Falu Lasarett in Falun

Schnell stand also unser Entschluss fest, in Schweden eine unserer Famulaturen abzuleisten. Normalerweise ist es kompliziert, einen Famulaturplatz in Schweden zu ergattern, da die Ausbildung zum Arzt in Schweden diese Art von Praktikum, ebenso wie das PJ, nicht vorsieht. Dort im hohen Norden läuft das Medizinstudium im klinischen Abschnitt viel praxisorientierter ab: Neben Vorlesungen zwei Mal pro Woche arbeitet jede/r Medizinstudent/in die restlichen Wochentage auf der entsprechenden Station mit, wird so früh in den Arbeitsalltag integriert und lernt, selbstständig Entscheidungen zu treffen.

Doch wir hatten Glück. Durch unseren Schwedischkurs kannten wir eine Kommilitonin, die uns die Emailadresse einer deutschen Ärztin, die vor 11 Jahren nach Schweden auswanderte, weitergab. Diese schrieben wir im Sommer 2010 an und sie sagte uns innerhalb von drei Wochen einen Famulatur-Platz auf der Orthopädie im Falu Lasarett im Kleinstädtchen Falun in Zentralschweden zu. In dieser Hinsicht mussten wir uns um nichts weiter kümmern, sie und Mona-Lena Lindqvist, die Personalassistentin der Station, haben alle weiteren Formalitäten für unsere Famulatur geregelt, sodass eine formelle Bewerbung gar nicht notwendig war. Ein Visum oder weitere Impfungen als die, die man als Medizinstudent auch in Deutschland vorweisen muss, waren nicht nötig.

… und nach einer Unterkunft

Nachdem uns der Famulatur-Platz zugesichert worden war, buchten wir im November 2010 einen Flug sowie die Zugreisen. Die Suche nach einer Unterkunft begann Anfang 2011 und gestaltete sich ebenfalls unproblematisch. Wir wandten uns per Email an die Mitarbeiter des Touristenbüros Faluns, die für Urlauber Wohnungen und Zimmer vermieten. Diese vermittelten uns ein gemütliches 40 m² großes Apartment über einer Garage mit Küchenzeile, kleinem Bad mit WC, Dusche und Waschmaschine, sowie einem Fernsehgerät und Internetzugang. Zufälligerweise arbeitete unser Vermieter ebenfalls als Oberarzt auf der Orthopädie, sodass wir am ersten Arbeitstag gleich jemanden hatten, der uns den Weg zum Krankenhaus zeigen konnte…

Meine Famulatur auf der Orthopädie

Jeder Mitarbeiter bekommt eine ID-card für den Zugang zum OP-Bereich
Jeder Mitarbeiter bekommt eine ID-card für den Zugang zum OP-Bereich

Das Falu Lasarett ist eine Art Kreiskrankenhaus mit großer Orthopädieabteilung, die auch für die Leitung der Notaufnahme zuständig ist, vergleichbar mit den deutschen Unfallchirurgen, aber es finden sich auch andere Fachabteilungen wie Pädiatrie, Kardiologie, Pulmologie, Gynäkologie und Neurologie. Niedergelassene Fachärzte existieren in Schweden nicht; wenn man einen Termin bei einem Spezialisten braucht, fährt man ins nächstgelegene Krankenhaus, das diese Abteilung führt.

Das Team der Orthopädie besteht aus über 30 Fach- und Assistenzärzten, vielen Krankenschwestern und –pflegern, OP-Personal, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten, sodass man als Patient mit nur einer Anlaufstelle sämtliche benötigten Ansprechpartner antrifft.

Der Arbeitsalltag der Ärzte ist sehr abwechslungsreich gestaltet. An einem Tag operiert man, am nächsten ist man beispielsweise für die Notaufnahme zuständig, am darauf folgenden hält man Sprechstunde. Einmal die Woche hat man auch einen Vor-oder Nachmittag Zeit, „administrative Aufgaben“ zu erledigen, d.h. Telefonate zu führen, einen Vortrag für Medizinstudenten vorzubereiten oder liegengebliebene Berichte zu diktieren. Außerdem gibt es immer einen Arzt/eine Ärztin auf der Station, der/die Telefondienst hat und als Ansprechpartner für Hausärzte dient.

Daher hatte auch ich als „kandidat“, die Bezeichnung in Schweden für einen Medizinstudenten, der seinen Praxisteil im Krankenhaus absolviert, die Möglichkeit, viele verschiedene Aspekte der Arbeit als Orthopäde in Schweden kennen zu lernen. Jeden Tag konnte ich aufs Neue frei entscheiden, welchem Arzt/welcher Ärztin ich mich anschließen wollte, ob ich beim Einbau einer Knie- oder Hüftprothese assistiere, mit in die Notaufnahme gehe und die Akutversorgung von Brüchen erlerne, bei den Eingriffen in der Tagesklinik oder bei der Sprechstunde zusehe. Innerhalb der Sprechstunde konnte man ebenfalls die unterschiedlichen Teilbereiche dieses Fachgebiets erleben: Von Handchirurgie über Fraktursprechstunde mit Gipskontrollen, Kinderorthopädie mit Schwerpunkt Skoliose, Rücken-, Knie-, Schulter-, Hüftteam bis hin zu Vor- und Nachkontrolle bei Prothesen war alles dabei.

Das gesamte Ärzteteam war durchweg offen und freundlich als auch immer bereit, Dinge zu erklären oder mich auch mal selbst Hand anlegen zu lassen. So habe ich gelernt, alle Gelenke des Körpers zu untersuchen, wie man einen Erguss punktiert oder eine Spritze ins Gelenk platziert, wie man einen Gips oder Verband anlegt, wie man ein Gelenk arthroskopiert und natürlich wie man handwerklich begabt im OP hämmert, meißelt, sägt und schraubt, um eine Prothese einzubauen oder Knochenfragmente nach einem Bruch wieder zu verbinden. Es gab keinen, der sich nicht gefreut hätte, einen Assistenten im OP zu haben, denn in Schweden ist es üblich, dass der Operateur nur die OP-Schwester zur Verfügung hat, wenn er mal eine dritte oder vierte Hand braucht, was beim Einbau von Prothesen praktisch immer der Fall ist. Oder, der nicht begeistert „Gerne, auf jeden Fall!“ geantwortet hätte, wenn man fragte, ob man ihn an diesem Tag bei seiner Arbeit begleiten dürfe.

Die Stimmung im gesamten Team war unglaublich gut, es bleibt immer Zeit für ein paar private Worte untereinander oder auch mit den Patienten, man arbeitet Hand in Hand und begegnet sich untereinander auf Augenhöhe, vom Krankenpflegerlehrling bis hin zur Abteilungschefin. Die „Hierarchie-Hack-Ordnung“, wie man sie aus Deutschland kennt, existiert dort nicht und selbst noch als fertig ausgebildeter Facharzt stellt es keinerlei Problem dar, andere, erfahrenere Kollegen um Rat zu bitten.

Außer dem guten Klima ist mir aber auch aufgefallen, dass das Arbeiten unkomplizierter wirkt. Die Ärzte müssen nicht wie in Deutschland jeden Handgriff am Patienten selbst durchführen oder jedwede Kleinigkeit in der Akte verordnen, sondern viele „Kleinigkeiten“ fallen in den Aufgabenbereich der Krankenschwestern. Da man den Beruf „Krankenschwester/Krankenpfleger“ nicht nur über eine Ausbildung, sondern auch durch ein Studium erlangen kann, ist man später viel eigenständiger und selbstverantwortlicher im Arbeiten. So sind beispielsweise Krankenschwestern/Krankenpfleger berechtigt, Blut abzunehmen, Medikamente nach Standardschema zu geben oder Verbände zu wechseln, ohne dass ein Arzt dies anordnen oder die Wunde begutachten müsste. Somit hatte ich den Eindruck, dass man als Arzt mehr Zeit hat, sich mit dem Patienten zu unterhalten und auf seine Bedürfnisse einzugehen, ohne viel Zeit mit „kleinlicher Bürokratie“ zu verplempern.

Ein typischer Arbeitstag

Meine coolsten Souvenirs - eine ausgediente Knieprothese und zwei Hüftprothesen, bei deren Ausbau ich assistierte
Meine coolsten Souvenirs – eine ausgediente Knieprothese und zwei Hüftprothesen, bei deren Ausbau ich assistierte

Ein typischer Arbeitstag auf der Orthopädie in Falun gestaltete sich für mich ungefähr so: Um 8.00 Uhr morgens traf man sich zur Röntgenbesprechung, bei der die aktuellsten Röntgenbilder gezeigt und in kritischen Fällen das weitere Vorgehen besprochen wurde sowie der diensthabende Arzt über die Vorkommnisse der vergangenen Nacht berichtete. Dann gab es meist einen kleinen Abstecher in den „Fika-Raum“, „fika“ ist das schwedische Wort für Kaffeepause, und danach die Visite auf Station, wobei jeder Arzt/jede Ärztin nur die Patienten visitiert, die er/sie selbst operiert hat.

Von 9.00 bis 11.30 Uhr ging man, entsprechend der jeweiligen Einteilung, zur Sprechstunde in die Tagesklinik, in die Notaufnahme bzw. in den OP (jeweils nur eine OP pro Vormittag und Nachmittag!). Dann gab es eine Stunde Mittagspause, die jeder auch wirklich einhielt und die Zeit nutzte, um in Ruhe zu essen und mit den Kollegen am Mittagstisch zu plaudern. Ich habe es nie erlebt, dass jemand hastig sein Mittagessen hinunterschlang, da er sonst sein Arbeitspensum nicht schaffen würde! Am Nachmittag ging es weiter mit der Aufgabe vom Vormittag bis 16.00 Uhr.

Wir als „kandidater“ konnten oft schon etwas früher nach Hause gehen, da wir nicht bis zum Schluss bei den „Schreibtischarbeiten“ anwesend sein mussten, die zum Abschluss des Tages erledigt wurden. Die meisten Ärzte gehen aber ebenfalls ziemlich pünktlich zwischen 16.00 und 17.00 Uhr nach Hause, freitags war sogar schon gegen 13.00 Uhr Schluss. Unbezahlte Überstunden gibt es kaum und auch das Nehmen von Elternzeit oder das halbtags Arbeiten als erziehender Elternteil ist unproblematisch und individuell regelbar, was besonders für werdende Mütter einen großen Vorteil darstellt. Ich selbst musste keine Dienste übernehmen oder am Wochenende arbeiten, was aber prinzipiell bei Interesse durchaus möglich gewesen wäre.

Ebenfalls war es möglich, am Unterricht der „underläkare“ teilzunehmen, der jeden Mittwochnachmittag stattfand und bei dem man das theoretische Wissen aus dem Studium auffrischt. „Underläkare“ ist die Zeit in den ersten zwei Jahren nach dem Medizinstudium, in der man in Schweden, vergleichbar zum PJ, zwischen den verschiedenen Stationen rotiert und je 3-4 Monate dort verbringt, bevor man sich für eine Facharztrichtung entscheidet.

Insgesamt hat es sich als wahrer Glücksfall erwiesen, dass ich auf der Orthopädie gelandet bin. Ich habe kaum eine interessantere und gleichzeitig so entspannte Famulatur absolviert! Doch auch in unserer Wohnung und in der Stadt habe ich mich sehr wohl gefühlt.

Leben in Schweden

Falun - weltweit berühmt für seine Skisprungschanze und seine riesige Kupfergrube Falu Gruva
Falun – weltweit berühmt für seine Skisprungschanze und seine riesige Kupfergrube Falu Gruva

Falun war früher auf Grund seiner riesigen Kupfergrube die zweitgrößte Stadt Schwedens nach Stockholm und einige Zeit lang auch weltbedeutendster Lieferant für Kupfer und Eisenerz. Nach der Schließung der Grube 1992, die Teil des Weltkulturerbes ist, zählt die im Landkreis Dalarna, Zentralschweden gelegene Stadt nur noch ca. 28.000 Einwohner, ist aber weiterhin durch den Wintersport und der seine Skisprungschanze weltweit bekannt.

In meiner Freizeit hatte ich genügend Gelegenheit, die „Falu Gruva“ sowie das Dalarna-Museum in Falun zu besichtigen, in Schwedens wundervoller Natur zu wandern und einen Ausflug nach Sundborn zum Haus des weltbekannten Malers Carl Larsson zu unternehmen. Überhaupt sind die Schweden sehr sportlich und so kommt man sowohl als Naturfreund, Sportfreak oder auch Kulturinteressierter in Falun voll auf seine Kosten.

Das Vorurteil, dass die Schweden ein eher zugeknöpftes Völkchen sind, hat sich nach meiner Erfahrung nicht bestätigt, im Gegenteil, sowohl in der Großstadt als auch im kleinen Falun gingen die Einwohner offen auf mich zu. Sie hatten grundsätzlich genügend Zeit und Geduld, darauf zu warten, dass sich mein anfängliches „Gestopsle“ auf Schwedisch zu einem vollständigen Satz entwickelte, und besonders auf Station zeigten sich alle begeistert von unseren Fähigkeiten, unserem Wissen und ehrlichem Interesse und wirklich jeder erkundigte sich, wann wir denn zurück nach Schweden kämen, um hier zu arbeiten zu beginnen…

Doch ein Wehmutstropfen bleibt: Schweden ist ein teures Pflaster! Die Lebenskosten sind sehr viel höher als bei uns, man zahlt leicht für den Einkauf im Supermarkt das Doppelte als in Deutschland und auch die Kosten für Unterkunft, Flug und Zug sind nicht zu verachten. Zudem kam bei meiner Freundin und mir noch dazu, dass wir unsere Famulatur noch mit ein paar Urlaubstagen ausschmücken wollten und ein paar Tage in Stockholm und in Göteborg zum Sightseeing verbrachten. Ein paar Souvenirs und Mitbringsel wie Astrid-Lindgren-Bücher auf Schwedisch oder einem Elch-Aufkleber fürs Auto sowie unzählige Postkarten für die Daheimgebliebenen müssen ja wohl oder übel ebenfalls sein. Da wird es einem schon schummrig, wenn man nach der Rückkehr bei der Gesamtabrechnung auf einen vierstelligen Betrag kommt…

Mein Fazit

Beim Wandern in Schwedens wunderschönen Wäldern
Beim Wandern in Schwedens wunderschönen Wäldern

Ich war während meines Schweden-Aufenthaltes begeistert vom Land und von den Leuten sowie dem Arbeiten dort als Arzt und bin es auch jetzt noch restlos. Diese Famulatur war eine wunderbare Erfahrung, die ich in meinem Leben auf keinen Fall missen möchte und ich bin fest entschlossen, eines Tages nach Schweden zurückzukehren, sei es nun „nur“ zum Urlaub machen oder auch, um dort eine Zeit lang zu arbeiten. Ich kann es jedem nur wärmstens empfehlen, dieses tolle Land im Norden Europas näher kennen zu lernen und dort einen Teil seiner Ausbildung zu verbringen.

Die Reise wäre mir ohne die großzügige Unterstützung von Familie und Verwandten sowie zuletzt auch durch das Auslandsstipendium des Ärztefinanzzentrums Berlin nicht möglich gewesen. Daher möchte ich mich auf diesem Wege einerseits herzlich bei allen bedanken, die mir diese wundervolle Erfahrung im Vorfeld ermöglicht haben, als auch bei den tollen Menschen und individuellen Persönlichkeiten vor Ort in Schweden, die mir meinen Aufenthalt zu etwas ganz Besonderem gemacht haben!

Stefanie Augenschein
Regensburg, Oktober 2011
Stipendiatin im Rahmen der Auslandsstipendien 2011

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

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