PJ in Großbritannien – Neurologie

16. Februar 2012

in Chancen im Ausland, Großbritannien, Neurologie, Praktisches Jahr im Ausland

Großbritannien, London, National Hospital for Neurology and Neurosurgery (10.10.-30.12.2011)

Als Wahlfach im Rahmen meines Praktischen Jahres hatte ich mich für die Neurologie entschieden. Und diese Entscheidung sollte mich nach London an das bekannte National Hospital for Neurology and Neurosurgery führen, das weltweit einen ausgezeichneten Ruf genießt. Wer während seines PJ-Abschnittes ein enorm großes Spektrum an neurologischen Erkrankungen hautnah miterleben und im Detail kennenlernen möchte, bei gleichzeitig sehr hoher Expertise und sehr guter, aber auch anspruchsvoller klinischer Ausbildung, für den ist dies genau die richtige Wahl.

Mein Ziel – die Neurologie in London

Für insgesamt drei Monate habe ich einen Teil meines Praktischen Jahres in der Neurologie am National Hospital for Neurology and Neurosurgery (NHNN) in London absolviert.
Aufmerksam geworden bin ich auf das NHNN durch einen ausgesprochen informativen Vortrag des Chefredakteurs von Medizinernachwuchs.de, Herrn Peter Karle, zum Thema “Famulatur und PJ im Ausland” an unserer Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Das National Hospital for Neurology and Neurosurgery ist auch bekannt als Queen Square Hospital und ist als universitäre Einrichtung mit dem University College London (UCL) assoziiert. Es wurde bereits 1859 gegründet und widmet sich ausschließlich den Erkrankungen des Nervensystems. Es hat eine weitreichende Tradition und viele große Neurologen wie z.B. John Hughlings Jackson, David Ferrier, William Allen Sturge oder Charles-Édouard Brown-Séquard waren am Queen Square Hospital tätig. Heutzutage ist das NHNN das größte neurologische Krankenhaus im United Kingdom und genießt weltweit einen ausgezeichneten Ruf.

Organisation und Bewerbung

Im Folgenden möchte ich die wichtigsten Informationen zu Organisation, Bewerbung, Unterkunft und Ablauf dieses PJ-Abschnittes zusammenfassen.

Um einen Praktikumsplatz am National Hospital for Neurology and Neurosurgery sollte man sich unbedingt frühzeitig kümmern. Aufgrund der großen Nachfrage muss in der Regel mit einer Vorlaufzeit von eineinhalb bis zwei Jahren gerechnet werden.

Die Bewerbung am NHNN besteht zunächst aus einer formlosen Email an die zuständige Sekretärin der Education Unit. Ihre Emailadresse findet sich auch auf der Homepage des UCL Institute of Neurology.

Die zuständige Sekretärin verschickt nach Kontaktaufnahme zunächst einen Bewerbungsbogen, den man dann zusammen mit einem Lebenslauf und zwei Referenzenschreiben per Post zurücksendet. Die Bewerbung ist mit keinen weiteren Kosten verbunden und vergleichsweise mit relativ wenig Aufwand zu bewerkstelligen. Allerdings werden für ein Praktikum/Studium am NHNN erhebliche Gebühren erhoben. Aktuelle Informationen hierzu lässt man sich am besten direkt von der Education Unit mitteilen, da die Preise in Abhängigkeit von den Semesterzeiten unterschiedlich ausfallen. Rechnen muss man in einer Größenordnung von bis zu 175 Pfund pro Woche.

Interessiert man sich für bestimmte Subspezialisierungen (“Clinical Services”) der Neurologie besonders wie z.B. Epilepsie, Bewegungsstörungen oder Neuroimmunologie, so sollte man dieses der Sekretärin mitteilen, damit sie im Voraus eine entsprechende Einteilung vornehmen kann. Ansonsten wird man je nach Platzangebot zufällig einer Abteilung zugeordnet. Es gibt natürlich die Möglichkeit zu einer Rotation durch die verschiedenen “Clinical Services”. Eine Übersicht zu den Clinical Services gibt es auf der Internetseite des NHNN unter folgendem Link:
http://www.uclh.org/OURSERVICES/OURHOSPITALS/NHNN/Pages/Home.aspx

Nützliche Informationen zum Bewerbungsschreiben und Lebenslauf in englischer Sprache finden sich auf der “Medilingua”-Homepage der Ludwig-Maximilians-Universität München unter folgender Internetadresse:
http://www.medilingua.uni-muenchen.de/online_bausteine/job_app/written_appl/index.html

Unterkunft

Es ist sehr zu empfehlen sich von der Education Unit eine Liste mit Unterkünften in London per Email zuschicken zu lassen. Hier finden sich zumeist Angebote für einzelne Zimmer bei einheimischen Familien, die es gewohnt sind, Praktikanten des National Hospital for Neurology and Neurosurgery aufzunehmen und in der Regel auch einen guten Mietpreis anbieten. Auch hier gilt, dass die Chancen auf eine schöne Unterkunft natürlich besser sind, wenn man sich früh genug darum kümmert.

Mein PJ-Abschnitt in der Neurologie

Zu Beginn des Praktikums wird man immer einem Facharzt der entsprechenden Abteilung zugeteilt, der als Ansprechpartner bzw. persönlicher Mentor dient und bei der Organisation und Umsetzung des Aufenthalts helfen soll. Zugleich nimmt dieser in den meisten Fällen auch die Rolle eines Lehrers ein und ist damit für die unmittelbare klinische Ausbildung verantwortlich.

Zu den Hauptaufgaben eines PJ-Studenten gehören ähnlich wie in Deutschland die Erhebung der Krankengeschichte der aufgenommenen Patienten, Durchführung einer vollständigen neurologischen Untersuchung und Präsentation der Befunde an den zuständigen Arzt.
Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, findet jede Woche ein ca. zweistündiges “Bedside-Teaching” in Kleingruppen statt. Hierbei wird unter der Anleitung eines Assistenten ein neurologsicher Fall am Krankenbett im Detail erarbeitet. Meist wird in der Gruppe eine ausführliche körperliche Untersuchung durchgeführt und dabei kommentiert. Der Assistent berichtigt gegebenenfalls oder gibt zusätzliche Tipps. Im Anschluss werden die erhobenen Befunde in Form eines Seminars diskutiert und schließlich in einem stufenweisen Prozess die korrekte Diagnose unter Einbeziehung weiterer Untersuchungen (Bildgebung, Lumbalpunktion, Elektrophysiologie) erarbeitet.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil sind die regelmäßig stattfindenden Visiten (“Ward Rounds”), bei denen das gesamte Team gemeinsam mit einem Oberarzt alle der Abteilung zugeordneten Patienten sieht, untersucht und ausgiebig diskutiert. Bei den Visiten ist es ebenfalls möglich, die einem bekannten Patienten vorzustellen und ggf. Vorschläge zur weiteren Diagnostik und Therapie zu machen. Von großem Vorteil ist zudem, dass während der Visite auch aktiv Lehre stattfindet und man davon ausgehen kann, mit spezifischen Fragen zu den gesehenen Patienten konfrontiert zu werden oder auch bestimmte neurologisch-klinische Untersuchungen vorzuführen.

Neben dem klinischen Alltag gibt es die Möglichkeit, an zahlreichen Vorlesungen teilzunehmen, die zum Teil sehr praktisch orientiert sind, da auch hier Patienten oft persönlich anwesend sind und während der Vorlesung vom Dozenten befragt und untersucht werden. Uneingeschränkt zu empfehlen sind die wöchentlich stattfindenden “Gower’s Grand Round”, die Klinisch Pathologische Konferenz und die “General Neurology Teaching Round”.

Ein großes Plus und zugleich einmalig sind auch die vielen verschiedenen Sprechstunden (“Outpatient Clinics”), an denen man problemlos teilnehmen kann. Findet man zum Beispiel Bewegungsstörungen besonders spannend, so bucht man einfach einen Platz in der Sprechstunde “Movement Disorders”. Garantiert sieht man dort an einem einzigen Tag mehrere Fälle bzw. Schweregrade von Parkinson- oder Dystonie-Patienten, kann sich somit das Krankheitsbild sehr gut einprägen und eben praktisch mit allen Eigenschaften erfahren. Das gleiche gilt für die Multiple Sklerose, Epilepsie, Hirntumoren, Schlaganfall, Kopfschmerzen, periphere Nervenerkrankungen und vieles mehr.

Leben in London

Christ Church College in Oxford - auf jeden Fall einen Ausflug wert
Christ Church College in Oxford – auf jeden Fall einen Ausflug wert

London ist eine vielfältige, internationale und dadurch sehr offene Stadt, in der es zu jeder Tages- und Nachtzeit immer etwas zu erleben gibt. Um in der Stadt mobil zu sein, kann man sich natürlich ein recht teures Monatsticket für die öffentlichen Verkehrsmittel besorgen (http://www.tfl.gov.uk/ ) und sollte an den Wochenenden genau auf die häufig stattfindenden Wartungsarbeiten an den U-Bahnen achten.

Eine weitaus günstigere und ebenfalls schnelle Variante ist das Ausleihen der überall in der Stadt verteilten “Barclays Bikes”. Man kann zum Beispiel für 40 Pfund diese für ein ganzes Jahr nutzen und bekommt dafür einen Schlüssel, mit dem man problemlos an den verschiedenen Stationen ein Fahrrad freischalten kann, ansonsten zahlt man eben mit Kreditkarte. Weitere Informationen zu den “Barclays Bikes” finden sich unter folgender Internetadresse: http://www.tfl.gov.uk/roadusers/cycling/14808.aspx

Von großem Vorteil in London ist zunächst, dass sämtliche Museen kostenfrei sind, lediglich für die temporären Ausstellungen wird Geld verlangt. Zu empfehlen sind besonders die “National Gallery”, die “Tate Modern” und das “British Museum”. Den Eintrittspreis für bekannte Kirchen wie die “Westminster Abbey” oder die “St. Pauls Cathedral” kann man sich genauso sparen, indem man einfach zu den täglich stattfindenden “Evensongs” am frühen Abend geht, bei denen man neben dem kostenfreien Eintritt auch noch schöne Musik geboten bekommt. Hierbei nicht von dem Einlasspersonal beirren lassen, die ganz gern vor Veranstaltungsbeginn die Touristengruppen einfach wegschicken und auf die normalen Öffnungszeiten verweisen.

Wer gern in klassische Konzerte geht, sollte sich auf keinen Fall die “Royal Albert Hall” und die “Royal Festival Hall” entgehen lassen und man kann auch versuchen, über das Krankenhaus an vergünstigte Karten heranzukommen. Es lohnt sich auch, im Verlauf des Aufenthalts London einmal zu verlassen und bequem mit Bus oder Bahn die renommierten Universitäten Oxford und Cambridge zu besuchen. Auch hierbei ist es lohnenswert, zum Ausklang des Tages z.B. den “Evensong” in der bekannten Kathedrale des “Christ Church College” zu besuchen.

Nach Feierabend sollte man sich hin und wieder einen guten Drink in einem der unzähligen und gemütlichen Pubs gönnen. Sehr bekannt ist z.B. das “Salisbury” in der Nähe des “Covent Garden”, aber das Schöne ist ja eigentlich, sich nicht auf einen bestimmten Pub festzulegen, sondern auf Entdeckungsreise zu gehen. Wer es am Abend gern lebhaft mag, der sollte einfach in das Stadtviertel “Soho” fahren und sich dort vom bunten Treiben sowie den vielen verschiedenen Eindrücken mitreißen lassen.

Fazit

Blick von der St.Paul's Cathedral über die Themse
Blick von der St.Paul’s Cathedral über die Themse

Einen PJ-Abschnitt am Queen Square Hospital kann ich sehr empfehlen, da es hier ohne Weiteres möglich ist, ein enorm großes Spektrum an neurologischen Erkrankungen hautnah mitzuerleben und im Detail kennenzulernen. Zugleich ist die Expertise an diesem Krankenhaus sehr hoch und die klinische Ausbildung ebenfalls sehr gut, aber auch anspruchsvoll.

Es ist daher auf jeden Fall ratsam, sich einige grundlegende Kenntnisse im Fach Neurologie bereits im Vorfeld anzueignen. Die Dozenten setzen ein gewisses Grundverständnis voraus und sind bei der Lehre natürlich motivierter, wenn man bereits etwas an Wissen anzubieten hat, mit dem man dann weiterarbeiten kann.

In Bezug auf die klinisch-neurologische Untersuchung kann ich ein Buch von Geraint Fuller sehr empfehlen. Der Titel lautet “Neurological Examination Made Easy”. Es fasst kurz und bündig in leicht verständlicher Weise alle wichtigen und notwendigen Untersuchungsschritte zusammen und ist auf den etwas anderen Untersuchungsablauf in England abgestimmt.

Im Unterschied zu einem PJ-Tertial in Deutschland, ist man in den Stationsablauf nicht streng eingebunden. Der Grund dafür ist, dass es in England kein Praktisches Jahr am Ende des Medizinstudiums gibt und die Medizinstudenten im letzten Ausbildungsjahr weiterhin durch Vorlesungen, Seminare und Unterricht am Krankenbett lernen. Das hat den Vorteil, dass die zeitliche Belastung sehr moderat ausfällt. Der Tag beginnt in der Regel zwischen 8:00 Uhr und 9:00 Uhr und endet gegen 17:00 Uhr, wobei dies relativ variabel und sehr stark von der eigenen Motivation abhängt. Zudem bleibt zwischendurch ausreichend Zeit übrig, um das sehr gute Vorlesungsangebot wahrzunehmen oder sich auch hin und wieder zur theoretischen Aufarbeitung der gesammelten Eindrücke in die Bibliothek zurückzuziehen.

Zusätzlich bietet das angegliederte UCL Institute of Neurology ausgezeichnete und umfangreiche Möglichkeiten zur Forschung auf höchstem Niveau. Wer also in wissenschaftlicher Hinsicht interessiert ist, hat hier gute Chancen, in der Forschung mitzuwirken, herausragende Persönlichkeiten der neurologischen Forschung anzutreffen und vielleicht sogar eine Kooperation zu etablieren. Gefragt ist hierbei Eigeninitiative und etwas Mut, auf die entsprechenden Personen zuzugehen.

Durch die Anwesenheit anderer Medizinstudenten und Praktikanten aus vielen verschiedenen Ländern ist es zudem sehr leicht, neue Kontakte zu knüpfen, über den Klinikalltag hinaus gemeinsam seine Freizeit zu gestalten und London mit seinem breiten kulturellen Angebot in vollen Zügen zu genießen.

Johann Hofereiter
München, Januar 2012

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