PJ in der Schweiz – Chirurgie

8. Februar 2012

in Chancen im Ausland, Chirurgie, Praktisches Jahr im Ausland, Schweiz

Schweiz, Neuchâtel, Hôpital neuchâtelois Pourtalès (01.12.2011-31.01.2012)

Zum Ende meines Praktischen Jahres im Rahmen meines Medizinstudiums zog es mich ein weiteres Mal ins Ausland. Mein Ziel – der französische Teil der Schweiz. Obwohl es für diesen Auslandsaufenthalt relativ früh und relativ viel vorab zu organisieren gab, hat sich der Aufwand gelohnt und es hat mir sehr gut in Neuchâtel gefallen. Als Unterassistent hatte ich hier, im Gegensatz zu Deutschland, den Assistenzärzten gegenüber eher den Status eines Kollegen.

Mein abschließendes Ziel – die Schweiz

Nachdem ich bereits die ersten beiden Tertiale meines PJ gesplittet und jeweils die zweite Hälfte im Ausland verbracht hatte, wollte ich auch im letzten Abschnitt meines Praktischen Jahres noch einmal über den Tellerrand deutscher Krankenhäuser hinausschauen und zwei Monate in der Schweiz verbringen. Ich hoffte, dass es nicht ohne Grund viele deutsche Mediziner dorthin verschlägt. Die Schweiz hat nach wie vor einen guten Ruf hinsichtlich Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen. Zudem lockte mich die Möglichkeit der Fremdsprachenanwendung, sodass ich den französischsprachigen Kanton Neuenburg als Ziel wählte.

Tipps rund um die Bewerbung

In der französischsprachigen Schweiz werden die Praktikumsplätze alle zentral über die Universitäten Genf und Lausanne vergeben bzw. verteilt und die Bewerbungsfristen liegen ca. eineinhalb bis zwei Jahre vor dem gewünschten Tätigkeitszeitraum.

Bei einer Bewerbung sind folgende Unterlagen einzureichen:

  • Bewerbungsformular (Download von der Homepage der Universität Genf)
  • Abiturzeugnis
  • Letter of Recommendation der heimischen Medizinischen Fakultät
  • Curriculum Vitae
  • Nachweis über Französisch-Kenntnisse
  • Notenübersicht des bisherigen Studienverlaufs
  • Bescheinigung über ausreichenden Impfschutz gegen Hepatitis B
  • Kopie des Personalausweises

Auf dem Bewerbungsformular lassen sich die Wünsche für das Fach, das Krankenhaus und den Zeitraum angeben, wobei die Praktika jeweils nur für ganze Monate vergeben werden, d.h. vom 1.-30./31. eines Monats, und mindestens zwei Monate umfassen müssen. Ich habe aber im Nachhinein von Kommilitonen gehört, dass diese offiziellen Zeiträume evtl. in Absprache mit dem jeweiligen Krankenhaus noch modifiziert werden können. Da die Äquivalenzbescheinigung aber letztlich durch den Dekan der Universität Genf unterschrieben werden muss, sollten die Abweichungen wahrscheinlich nicht zu groß sein.

Damit der PJ-Abschnitt später anerkannt wird, ist zudem eine Immatrikulation an der Universität Genf nötig, die für ausländische Medizinstudenten im Praktischen Jahr 65,-CHF kostet. Die nötigen Infos zur Vorgehensweise bekommt man zugeschickt. Die schriftliche Zusage für den Platz erhielt ich ca. vier Monate nach Einreichen der Unterlagen; der tatsächliche Arbeitsvertrag kam aber erst einige Monate vor Antritt des Praktikums.

Gleichzeitig erhielt ich auch Informationen bezüglich einer möglichen Unterkunft von Seiten des Krankenhauses, sodass ich mich darum gar nicht eigenständig zu kümmern brauchte. Die Beantragung einer Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis wurde ebenfalls vom Krankenhaus für mich in die Wege geleitet.

Zur fachlichen Vorbereitung und zum Nachschlagen vor Ort kann ich “Chirurgie für Studium und Praxis” von M. Müller empfehlen, ein sehr kompaktes und übersichtliches Buch, das alle wichtigen Themengebiete enthält, denen man als PJler in der Chirurgie begegnet.

Krankenhaus und Umgebung

Traumhafter Ausblick auf den Lac de Neuchâtel und die Berge
Traumhafter Ausblick auf den Lac de Neuchâtel und die Berge

Das Hôpital neuchâtelois Pourtalès liegt mit seinen 185 Betten am nord-östlichen Rand der Stadt und ist nur einige Gehminuten vom Lac de Neuchâtel entfernt. Der moderne, halbrundförmige Neubau wurde erst im Jahre 2005 eingeweiht und von den oberen Stockwerken genießt man einen schönen Blick auf den See und die dahinter liegenden Berge. Leider ist das Wetter im Dezember und Januar aber häufig regnerisch und das Panorama somit eingeschränkt.

Im Sommer hat das kleine Städtchen sicherlich einen größeren Reiz, denn es gibt nicht nur zahlreiche Bademöglichkeiten entlang der langen Seepromenade, sondern auch schöne Wanderwege in die umliegende Berglandschaft des Neuenburger Jura. Für Wintersportler existieren sicherlich andere Orte in der Schweiz, die näher an einem Skigebiet liegen. Dennoch gibt es auch bei Regenwetter mehrere Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten, denn Neuchâtel hat z.B. viele Cafés, eine nette Fußgängerzone, einige Kinos und Museen, sowie eine Eissporthalle und ein Schwimmbad. Und ganz in der Nähe des Krankenhauses liegt ein großes Einkaufszentrum.

Mein Arbeitsalltag

Das Hôpital neuchâtelois - Pourtalès
Das Hôpital neuchâtelois – Pourtalès

An meinem ersten Arbeitstag am Hôpital neuchâtelois Pourtalès zeigte sich bereits, dass den Schweizern anscheinend zu Recht gewisse Eigenschaften nachgesagt werden, denn noch bei keiner meiner bisherigen Arbeitsstellen war ich derartig “durchorganisiert” empfangen worden. Gemeinsam mit den anderen neuen Unterassistenten (frz. “Stagiaires”) hörte ich mir zunächst eine kurze Einführung an, musste die nötigen Formulare ausfüllen, wurde fotografiert, mit Kleidung, Telefon und Klinikausweis ausgestattet und anschließend persönlich an meinen Arbeitsplatz begleitet. Dieser sollte sich während meines ersten Monats in der Notfallambulanz befinden.

Für den 2. Monat war ich dann auf Station eingeteilt. Insgesamt gab es vier chirurgische Unterassistenten, wobei jeweils zwei in der Ambulanz eingesetzt wurden. Hier begann der Arbeitstag gegen 7:30 Uhr mit einer kurzen Übergabe durch den Nachtdienst hinsichtlich der noch zu betreuenden Patienten. Auf Station ging es hingegen schon um 7:15 Uhr auf Visite. Um 7:45 Uhr traf man sich dann mit allen Chirurgen und einem Radiologen zur Morgenbesprechung, in der hauptsächlich die Neuaufnahmen vorgestellt und die zu diskutierenden Röntgen- oder CT-Bilder angeschaut wurden.

Die Arbeit auf Station…

Ab 8:00 Uhr startete das OP-Programm, in das auch die “stagiaires” der Stationen eingebunden waren. Je nach Operateur und dessen Laune bekam man dabei mehr oder weniger erklärt. Die Aufgaben unterschieden sich meines Erachtens nicht wesentlich zu denen der PJler in Deutschland, d.h. bei laparoskopischen OPs bestanden sie meist in der Kameraführung und bei offenen Eingriffen in Haken-Halten und am Ende Zunähen oder -tackern.

Auf Station hingegen durfte ich meine “eigenen” Patienten sehr selbstständig betreuen, d.h. Visite führen, Medikamente und Untersuchungen anordnen und zu guter Letzt natürlich auch den Entlassungsbrief diktieren. Weitere Elemente der Stationsarbeit waren zahlreiche Telefonate mit den zuständigen Haus- und Fachärzten sowie hin und wieder kleine Eingriffe, wie z.B. das Ziehen von Drainagen, das Legen von Magensonden oder Punktionen für arterielle Blutgasanalysen. Für Verbandswechsel, venöse Zugänge und Blutabnahmen sind in der Schweiz die Pflegekräfte zuständig.

Neben der Arbeit im OP und auf Station gab es außerdem noch die “pré-hosp”-Sprechstunde, in der sich alle Patienten vorstellten, bei denen ein elektiver Eingriff geplant war. Hier galt es , eine gründliche Anamnese und klinische Untersuchung durchzuführen, um den aktuellen Gesundheitszustand zu beurteilen und eventuelle Veränderungen seit der, zum Teil bereits einige Zeit zurückliegenden, Indikationsstellung zu entdecken. Je nachdem gab es in diesem Zusammenhang auch Laborbefunde, EKG und (Thorax-)Röntgenbilder, die zu berücksichtigen waren. Die Ergebnisse dieser Aufnahme-Untersuchung mussten im Anschluss in Berichtform gebracht, entweder diktiert oder direkt getippt, und von einem Assistenzarzt gegengezeichnet werden.

Nur selten kam es dazu, dass ich auch in der Polyklinik aushelfen sollte, in der sich meist bereits operierte Patienten zur Verlaufskontrolle vorstellten, sodass es hier hauptsächlich um die Befundung von Klinik, Röntgenbildern und Wundverhältnissen ging.

… und in der Ambulanz

In der Notaufnahme ging man als Unterassistent in der Regel zunächst alleine zum Patienten, um die Anamnese zu erheben, die klinische Untersuchung durchzuführen und eventuell bereits Röntgen-oder Laboruntersuchungen auf den Weg zu bringen. Im Anschluss daran stellte man den Fall einem zuständigen Assistenzarzt vor, um das weitere Procedere zu besprechen. Dabei hatte ich stets das Gefühl, genau das richtige Maß an Verantwortung zu tragen, das heißt, wenn ich mir hinsichtlich Diagnose und Therapie sicher war, wurde der Patient nicht zwangsläufig nochmal vom Arzt untersucht.

Sobald jedoch Unsicherheit herrschte, gingen wir gemeinsam zum Patienten und ich konnte meine Fragen, z.B. zu den jeweiligen Untersuchungstechniken und –befunden, loswerden. So durfte ich auch kleinere Eingriffe, wie beispielsweise das Nähen von Platzwunden oder das Spalten von Abszessen, wahlweise eigenständig oder unter Anleitung durchführen, je nachdem, inwiefern ich es mir selbst zutraute. Wurde ein Patient stationär aufgenommen, musste am PC ein Aufnahmebericht geschrieben werden, ansonsten reichte die handschriftliche Dokumentation von Anamnese, klinischer Untersuchung, Diagnostik und Therapievorschlag auf einem entsprechenden Vordruck.

Um 16:30 Uhr fand die chirurgische Nachmittagsbesprechung statt, in der die Neuaufnahmen vorgestellt und etwaige Problemfälle auf Station diskutiert wurden. Zudem wurden auch die neuen Röntgenbilder angeschaut, die allerdings in unklaren Fällen am nächsten Morgen nochmals dem Radiologen gezeigt wurden. Wenn nach der Besprechung nichts mehr zu erledigen war, konnten wir “stagiaires” uns verabschieden. Häufig wurde es jedoch 18:00 Uhr oder später, bis man sich auf den Heimweg machte.

Nacht- und Wochenenddienste waren zwar nicht obligatorisch, aber da es auf dem Notfall mit zwei Praktikanten manchmal etwas eng wurde, teilten wir uns dort bezüglich der Arbeitszeiten auf. Die Nachtschicht ging dabei von 20:00 Uhr bis ca. 8:00 Uhr und häufig durfte man hier besonders viel machen, da es nur einen Assistenzarzt gab, der meistens dankbar war für jede Hilfe, da er nicht nur für die Notaufnahme, sondern auch für das Beratungstelefon und die Stationen zuständig war.

Unterkunft und Finanzierung

Marktplatz in Neuchâtel
Marktplatz in Neuchâtel

Mein Zimmer im nahegelegenen Wohnheim wurde mir durch das Krankenhaus vermittelt und ich teilte mir das Bad sowie die Küche mit drei anderen Mitbewohnern. Die Miete kostete inklusive Bettwäsche und Handtüchern 370,- CHF pro Monat, sodass von den 660,- CHF Gehalt, die ich als Unterassistent monatlich erhielt, nicht mehr allzu viel übrig blieb.

Die Schweiz ist eben doch ziemlich teuer. Dies zeigte sich z.B. auch in der Krankenhauskantine, in der das günstigste Mittagsmenu 9,80 CHF kostete. Dafür war es aber auch immer ausgesprochen lecker.

Obligatorisch ist übrigens die Eröffnung eines Schweizer Kontos, damit das Unterassistenten-Gehalt überwiesen werden kann. Hier kann ich die Postbank empfehlen: Die Kontoeröffnung ging schnell und unkompliziert und als Student zahlt man auch keine Gebühren.

Mein Resümee

Für Wassersportfreunde - der Hafen von Neuchâtel
Für Wassersportfreunde – der Hafen von Neuchâtel

Obwohl es für diesen Auslandsaufenthalt relativ früh und relativ viel vorab zu organisieren gab, hat sich der Aufwand gelohnt und es hat mir sehr gut in Neuchâtel gefallen. Als Unterassistent hatte ich hier, im Gegensatz zu Deutschland, den Assistenzärzten gegenüber eher den Status eines Kollegen. So gab es auch weniger die Situation von “bedside-teaching” als vielmehr das Nachfragen bei Unklarheiten und ansonsten ziemlich eigenständiges Arbeiten. Mit den Ober- und Chefärzten hatte ich außer im OP und auf Visite nicht wirklich viel Kontakt, aber dies war in der Chirurgie in Deutschland nicht anders.

Insgesamt glaube ich, dass es von Vorteil war, dass es sich um die letzten beiden Monate meines PJs gehandelt hat, denn so hatte ich das Gefühl, den Aufgaben, die zu erledigen waren, gewachsen zu sein und es hat mir Spaß gemacht, die mir zum Teil großzügig überlassene Verantwortung zu übernehmen. Zu Beginn des Praktischen Jahres hätte ich mich da vielleicht überfordert gefühlt.

Obwohl viele Schweizer Deutsch können, ist es im Krankenhausalltag übrigens wichtig, keine größeren Probleme mit der französischen Sprache zu haben, denn es wird schon davon ausgegangen, dass man in der Lage ist, Berichte zu schreiben oder zu diktieren bzw. längere Telefongespräche zu führen.

Positiv hervorzuheben ist zudem noch der reibungslose Ablauf des Praktikums dank der guten Organisation von Seiten der Universität und des Krankenhauses. Die Bescheinigung des Dekans der Universität Genf hatte ich drei Tage nach Praktikumsende in meinem (deutschen) Briefkasten.

A., N.
Köln, Februar 2012

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1 Kommentar

  • Hallo,

    ich hätte eine Frage bezüglich der Bewerbung: Wie lässt sich das Problem, dass man immer genau vom 1. bis zum 30./31. eines Monats arbeiten muss mit den Vorgaben von deutscher Seite z.B. Tertial vom 13.04.2017 bis 02.07.2017 in Einklang bringen?

    Ich würde mich riesig über eine Antwort freuen,

    Hendrik

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