PJ in Frankreich – Innere Medizin

28. Oktober 2011

in Chancen im Ausland, Frankreich, Innere Medizin, Praktisches Jahr im Ausland

Frankreich, Antibes, Centre Hospitalier Antibes Juan-Les-Pins (15.08.-07.10.2011)

Einer meiner Auslandsaufenthalte im PJ sollte unbedingt nach Frankreich gehen. Kam die Entscheidung für Antibes zunächst durch einen Zufall zustande, so sollte sich dies später als wahrer Glücksfall herausstellen. Insgesamt wurde es ein sehr guter PJ-Abschnitt, bei dem ich vor allem vielseitige Einblicke in die Hämatologie-Onkologie bekommen und klinisches Untersuchen trainiert habe.

Motivation und Vorbereitung

Am Cap d’Antibes

In der Hoffnung, möglichst viele Erfahrungen sammeln zu können, hatte ich mir schon recht lange vor dem PJ überlegt, alle Tertiale meines Praktischen Jahres zu splitten und jeweils die 2.Hälfte im Ausland zu verbringen. Einer der Aufenthalte sollte dabei nach Frankreich gehen, da ich dort bereits im Rahmen vorhergehender Praktika gute Bedingungen vorgefunden hatte und auch bezüglich der Sprache keine größeren Probleme erwartete.

Die Wahl fiel eher durch Zufall auf Antibes, und zwar über einen persönlichen Kontakt, den ich über die Betreuerin meiner Doktorarbeit herstellen konnte. Eine richtige Bewerbung fiel dadurch weg. Ich kümmerte mich im Januar 2011 per E-Mail um die Reservierung des Platzes und benötigte dafür eigentlich nur einen französischen CV. Bis zum Antritt dieses PJ-Abschnittes mussten allerdings noch weitere Dokumente nachgereicht werden:

  • Nachweis über aktuellen Impfschutz und über die Freiheit von ansteckenden Krankheiten (Kopie der betriebsärztlichen Untersuchung war ausreichend)
  • Krankenversicherungsnachweis
  • Private Haftpflichtversicherung
  • Berufshaftpflichtversicherung
  • Polizeiliches Führungszeugnis

Krankenhaus und Umgebung

Blick auf Nizza an der Cote d’Azur

Das Centre Hospitalier Antibes Juan-Les-Pins, akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Nizza, liegt mit seinen mehr als 400 Betten auf einer kleinen Anhöhe am Rande der Stadt, sodass man von den Zimmern der höheren Stockwerke aus häufig einen wunderschönen Blick auf das Meer genießen kann. Neben Chirurgie und Innerer Medizin wird ein breites Spektrum weiterer medizinischer Fachbereiche abgedeckt, wie zum Beispiel Neurologie, Psychiatrie, Pädiatrie, Gynäkologie, HNO und Augenheilkunde.

Leider war es mir nicht möglich, im Schwesternwohnheim des Krankenhauses unterzukommen, sodass ich mir selber ein Zimmer besorgen musste. Und die Mietpreise an der Côte d’Azur lassen einen wirklich erstmal schlucken. Letzten Endes fand ich über das Internet (www.appartager.com ) ein 26 qm großes Studio mit Balkon, eigenem Bad und Kochnische für 510,- EUR im Monat und mir wurde von allen Seiten versichert, dass ich damit etwas sehr Günstiges gefunden hätte. Praktischerweise lag das Krankenhaus aber auch nur ca. 10 Minuten Fußweg entfernt, ebenso wie der Zugang zum (Kies-)Strand, ein Supermarkt und ein kleiner Marktplatz mit Kiosk, Bank und Bäckereien.

Es gibt mehrere Busverbindungen zum Stadtzentrum, das zu Fuß allerdings nur in ca. 40 Minuten zu erreichen ist. Antibes ist mit 80.000 Einwohnern nach Nizza die größte Stadt der Region. Es besitzt eine hübsche, verwinkelte und von alten Wehrmauern umgebene Altstadt sowie einen großen Jachthafen. Besonders sehenswert ist auch das „Cap d’Antibes“ mit seinen exklusiven Luxusvillen und dem felsigen Küstenwanderweg mit vielen traumhaften Aussichtspunkten. Wer abends keine Lust hat, bis nach Nizza zu fahren, kommt in dem lebhaften Stadtteil Juan-Les-Pins mit zahlreichen Bars und Diskotheken ebenfalls auf seine Kosten.

Meine Arbeit in der Klinik

Centre Hospitalier Antibes Juan-Les Pins

Da mein Kontaktarzt aus der Hämatologie-Onkologie ausgesprochen motiviert war, mir etwas beizubringen und mich das Fach zudem besonders interessierte, hielt ich mich während der zwei Monate auch hauptsächlich in diesem Bereich auf. Teilweise ging ich jedoch auch auf den Nachbarstationen Rheumatologie bzw. Gastro-Enterologie mit, wenn es dort interessante Fälle gab.

Der Arbeitstag begann gegen 9:00 Uhr und die Einsatzgebiete umfassten Stationsarbeit („le service“), Tagesklinik („Hôpital de Jour“) und ambulante Sprechstunden („consultations“ bzw. kurz „consultes“), wobei ich mir jeweils aussuchen konnte, wozu ich am meisten Lust hatte. Dabei hatte ich eigentlich keine festen Aufgaben, sondern konnte mich vielmehr nach eigenem Belieben einbringen. Dadurch blieb mir auch häufig die Zeit, bestimmte Dinge nochmal in Ruhe nachzulesen oder einzelne Patientengeschichten aufzuarbeiten. Die dabei entstandenen Fragen wurden mir stets bereitwillig beantwortet.

Alle ein bis zwei Wochen setzte ich mich außerdem mit dem oben genannten Arzt zusammen, um ein selbstgewähltes Thema mit ihm zu diskutieren. Meine Arbeitszeiten waren abhängig davon, ob nachmittags noch Sprechstunde war, die in der Regel gegen 18:00 Uhr endete. Ansonsten konnte ich aber schon mal früher Schluss machen und Dienste musste ich auch keine übernehmen. Ebenso blieb immer genügend Zeit für das Mittagessen, das ausgesprochen lecker und für mich als Praktikantin sogar kostenlos war. Eine Aufwandsentschädigung, wie sie die französischen „Externes“ erhalten, bekam ich als ausländische Medizinstudentin jedoch nicht.

Auf  Station

Die hämatologisch-onkologische Station umfasste 13 Betten, für die außer dem Facharzt noch ein „Interne“ zuständig war. Morgens gab es immer zunächst die Übergabe („les transmissions“ bzw. kurz „les transes“) durch die jeweiligen Schwestern oder Pfleger, in der vor allem auf Besonderheiten und Neuzugänge näher eingegangen wurde. Die Pflegekräfte übernehmen in Frankreich in der Regel andere Aufgaben als man es aus Deutschland gewöhnt ist. So führen sie beispielsweise sämtliche Blutabnahmen durch, legen venöse Zugänge und hängen Blutkonserven an. Nicht selten haben sie zudem Therapievorschläge gemacht, auch wenn die Medikamente dann durch den Arzt angeordnet werden müssen. Beim Beziehen der Betten sowie beim Waschen und Füttern bettlägeriger Patienten helfen hingegen vor allem die sogenannten „Aides-soignants“.

Nach der Übergabe ging es auf Visite, bei der die klinische Untersuchung, die Medikamentenanpassung und die Planung der weiteren Diagnostik im Mittelpunkt standen. Im weiteren Tagesverlauf bestand die Stationsarbeit neben kleineren Eingriffen wie Aszites-/ Knochenmarks- oder Lumbalpunktionen vor allem in administrativen Tätigkeiten wie dem Diktieren von Arztbriefen, Ausstellen von Rezepten, Anmelden von Untersuchungen, Telefonate mit Hausärzten o.Ä. und Gesprächen mit Patienten und Angehörigen.

Einmal pro Woche gab es eine Tumorkonferenz in pluridisziplinärer Runde, das heißt inklusive Chirurgen, Radiologen, Gynäkologen und Pharmazeuten, in der unklare oder spannende Fälle besprochen und die jeweiligen Therapiestrategien festgelegt wurden. Ebenfalls einmal pro Woche traf sich das Stationsteam zur Besprechung der palliativ versorgten Patienten, an der auch eine Psychologin, eine Schmerztherapeutin und eine Sozialarbeiterin teilnahmen.

Die Tagesklinik

Die Tagesklinik war hauptsächlich der Ort für die Verabreichung von Chemotherapien und Bluttransfusionen und nur seltener wurde auch die eine oder andere Knochenmarks- oder Aszites-Punktion ambulant durchgeführt. Insgesamt ging es hier meist etwas hektischer zu, da möglichst schnell die Blutwerte und Beschwerden der Patienten erfasst werden mussten, um je nachdem die geplanten Chemotherapien anzufordern oder eine Behandlung der Nebenwirkungen einzuleiten.

Es mussten außerdem jeweils viele neue Rezepte ausgestellt werden. In Frankreich werden zum Beispiel auch sämtliche Blutabnahmen verschrieben, die der Patient dann in einem Labor seiner Wahl oder von einer ihn zu Hause besuchenden Krankenschwester durchführen lassen kann. Für umfassendere Patientengespräche blieb da nur wenig Zeit, sodass standardmäßig Termine für die Sprechstunde vergeben wurden, wenn beispielsweise Therapieänderungen in Ruhe besprochen werden sollten oder einfach allgemeiner Klärungsbedarf bestand.

Sprechstunden

In Frankreich ist es üblich, als Facharzt im Krankenhaus ambulante Sprechstunden anzubieten. Im privaten Sektor kann dabei das Honorar durch den Arzt frei festgelegt werden und es wird in der Regel direkt in bar oder per Scheck bezahlt. Im öffentlichen Sektor wird ähnlich wie in Deutschland über die Versichertenkarte abgerechnet. Ich fand die Sprechstunden immer sehr aufschlussreich, da sie eine große Bandbreite an Krankheitsbildern und -stadien abdeckten und man auch viele fittere Patienten kennenlernte und klinisch untersuchen konnte. Im Gegensatz dazu, war die Situation auf Station leider häufig schon palliativ.

Besonders gut war auch, dass sich der Arzt zwischen den einzelnen Sprechstunden die Zeit nahm, meine Fragen zu beantworten und die Krankengeschichte des nächsten Patienten durchzugehen. Wenn es Auffälligkeiten bei der klinischen Untersuchung gab, wurde solange geduldig gewartet, bis auch ich die vergrößerte Milz oder den Lymphknoten „gefunden“ oder das Herzgeräusch gehört bzw. lokalisiert hatte. Häufige Inhalte der hämatologisch-onkologischen Sprechstunde waren Nachsorgeuntersuchungen und die Abklärung von Blutbild-Auffälligkeiten.

Leben an der Côte d’Azur

Malerisches Bergdorf Gourdon

Zusätzlich zu der medizinischen Seite hat die Côte d’Azur natürlich einiges zu bieten und nicht zuletzt das Wetter trägt dazu bei, dass man sich wohlfühlt. In den zwei Monaten, die ich dort verbracht habe, hat es bei Dauertemperaturen zwischen 25 und 30 °C genau dreimal geregnet!

Empfehlenswert ist es in jedem Fall, wenn man ein eigenes Auto zur Verfügung hat. Die Busverbindungen der Gegend sind zwar günstig, für einen Euro kommt man von Nizza bis nach Cannes, aber auch unberechenbar hinsichtlich Abfahrtszeiten und Fahrtdauer. Zudem ist vor allem auch das bergige Hinterland mit seinen Schluchten, mittelalterlichen Dörfchen und Klettermöglichkeiten ausgesprochen sehenswert und mit öffentlichen Verkehrsmitteln fast nicht zu erreichen.

Mein Resümee

Es war insgesamt ein sehr guter PJ-Abschnitt, bei dem ich vor allem vielseitige Einblicke in die Hämatologie-Onkologie bekommen und klinisches Untersuchen trainiert habe. Die praktischen Eingriffe beschränkten sich im Wesentlichen auf Knochenmarks-/ Lumbal- und Aszitespunktionen.

Ich hatte viele Freiheiten, aber auch wenig Verantwortung und fühlte mich eher in der Situation, zum Lernen da zu sein und nicht zum Arbeiten. Dies habe ich nach der PJ-Tätigkeit in Deutschland aber auch ganz klar genossen. Denn hier hatte ich im Gegensatz dazu manchmal das Gefühl, zwischen Blutabnahmen, venösen Zugängen und Arztbriefen gar keine Zeit mehr zu finden, mir über die Patienten und ihre Krankengeschichten Gedanken zu machen.

A. N.
Köln, Oktober 2011

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