Famulatur in Großbritannien – Unfallmedizin und Notfallmedizin

15. September 2011

in Chancen im Ausland, Famulatur im Ausland, Großbritannien, Notfallmedizin, Unfallmedizin/Traumatologie

Großbritannien, Eastbourne, Eastbourne District General Hospital (01.09.-30.09.2010)

Any Time is Tea Time! Die Queen wurde nicht eingeliefert, das sei vorweg gesagt. Ich vermute, der gute Gesundheitszustand der alten Lady ist zurückzuführen auf das Glas Gin-Tonic, das sie täglich trinkt. Vier Wochen Famulatur in „A+E“, der Accident and Emergency Unit des Eastbourne District General Hospital in East Sussex, direkt am Ärmelkanal, waren rum. Wider Erwarten war das eine richtig gute Zeit, und ich hab ne Menge gelernt.

Wie alles begann

Das berühmte English Breakfast
Das berühmte English Breakfast

Ein knappes Jahr Vorlaufzeit hatte ich diesem Famulatur-Aufenthalt gegeben. Online fand ich auf der Internetpräsenz des Krankenhauses die Emailadresse des lehrverantwortlichen Sekretariats. Ein kurzes Emailanschreiben und Lebenslauf genügten, kurze Zeit später fand ich die Bestätigung im Postfach. Ein Visum ist für die Insel nicht nötig, und auch keine Arbeitserlaubnis oder ähnliches. Sogar die sonst nötige Privathaftpflichtversicherung wird nicht verlangt. Ein nicht vollständiger Impfstatus wird vom Betriebsarzt aufgefrischt.

An Kosten fielen 140 Pfund „Tuition Fee“, das sind etwa 170€, für vier Wochen an. Eine Unterkunft wurde für 300 Pfund angeboten. Die Zimmer sollen funktionell, aber sehr einfach eingerichtet sein, erzählte mir eine britische Medizinstudentin. Ich wohnte in einer Privatunterkunft, die ich vorweg gesucht hatte, und die mit 300 Pfund schon Essen beinhaltete. Ein Auslandsstipendium war ein willkommener Beitrag, den finanziellen Aufwand nicht ins Unermessliche wachsen zu lassen.

Das sonnige Eastbourne liegt etwa eine Bahnstunde südlich von London und ist ziemlich gut zu erreichen. Der Flughafen Gatwick ist nur etwa 60km entfernt.

Mein Einstieg am Eastbourne District General Hospital

Als Lehrkrankenhaus der Brighton and Sussex Medical School sowie des Kings College London sind am Eastbourne District General Hospital gewisse Lehrstrukturen etabliert und an verschiedenen Kursen und Seminaren, die verstreut über die ganze Woche stattfanden, war ich als ausländischer Medizinstudent herzlich eingeladen, teilzunehmen. Das Angebot reichte von einer Art „Skills Lab“ über „Röntgen und CT-Lesen“ bis zu Vorlesungen und Fallpräsentationen.

Das Lernklima war anders als zu Hause im heimischen Universitätsklinikum. Das Arbeits- und Lernumfeld nahm ich seinerzeit als verhältnismäßig sehr entspannt wahr. In den vier Wochen wurde ich nicht ein einziges Mal von irgendwem, sei es Schwester oder Chefarzt und egal wie lang die abzuarbeitende Patientenliste war, ignoriert oder blöd angemacht. Das überraschte natürlich.

Am ersten Tag wurde ich mit Ausweis und Zugangsberechtigungscodes sowohl für das Klinikgelände als auch das Computernetzwerk ausgestattet, musste mich beim Betriebsarzt vorstellen, bekam bei ihm Blut abgenommen und eine Tuberkulose-Schutzimpfung, und wurde im Anschluss von dem Leiter der A+E-Unit durch die Räumlichkeiten geführt. Die wichtigste Message von ihm: „Herr Spatz, Sie sind herzlich willkommen und dürfen alles machen. Nur: niemals einen Patienten entlassen, ohne dass ein Arzt drauf geschaut hat.“ Das klang machbar.

Die A+E Unit ist folgendermaßen aufgebaut: es gibt eine „Minors“ und eine „Majors“ Abteilung sowie den Schockraum. Die „Minors“ sind alle möglichen Fälle, hier wird gescreent und verteilt bzw. nach Hause geschickt: verstauchte Knöchel, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, ausgerenkte Gelenke, Wunden jeglicher Genese, Dinge halt, derer wegen man selbständig zum Arzt geht.

Die „Majors“ sind eher fiesere Sachen, Stürze mit unklarer Ursache, Leitsymptome Brustschmerz und Atemnot die Regel. Hier steigt das Durchschnittsalter signifikant. In Eastbourne werden regelmäßig die meisten Sonnenstunden in England gezählt. Auf Grund des Golfstroms herrscht ein unheimlich warmes und mildes Klima, das viele Rentner an die Küste zieht, ihren Lebensabend hier zu verbringen. Die Briten nennen das 90.000 Einwohner zählende Städtchen „Gods Waiting Room“.

Meine Famulatur am Hospital konnte beginnen

Der Tag ging von etwa 9am bis 5pm. Am ersten Tag bekam ich einen Stundenplan, der jeden Tag in vor- und nachmittags aufteilte. „Minor-Operations“, „Review-Clinic“, „Plaster-Room“, zum Großteil natürlich die „Minors“ und „Majors“, aber auch Krankenwagen, Helikopter und „Study-Day“ fand ich darin. Der Stundenplan sollte Orientierung geben, war aber absolut flexibel, da außer mir kein anderer Medizinstudent derzeit dort platziert war. Gerne kam ich morgens ein bisschen später, blieb ein bisschen länger, machte die eine oder andere Spät-/ Nacht-/ Wochenendschicht und unter der Woche frei. Ich konnte jeweils aussuchen, ob und mit welchem Arzt ich mitlief, oder ob ich mich nur mit bestimmten Fällen beschäftigen wollte, so z.B. alle SHTs an einem, alle Kardiosachen am anderen Tag.

Gelaufen ist es dann so, dass ich auf der Warteliste Alter, Geschlecht, Wartezeit und die Diagnose in einem Stichwort sah, mit dem jeweils betreuenden Arzt gegencheckte, anschließend die Anamnese erhob und den Patienten voruntersuchte. Wenn ich fertig war, holte ich den Arzt hinzu, stellte den Patienten vor, und wurde nach meiner Diagnose-Idee und Behandlungsplan gefragt. Wurde der Patient versorgt und entlassen, dokumentierte ich kurz in der Akte, was der Patient an Behandlung bekommen hatte, und ließ dies zum Schluss vom Arzt unterschreiben.

An einem Tag sprach ich mit so vielen Patienten wie in meiner bisherigen Studienzeit
zusammen. Textbuchwissen war natürlich auch hier von Vorteil, die Praxis zeigte aber, dass diese Art von „Learning by Doing“ mindestens tausendmal effektiver ist.

Meine Jobs außer Anamnesen erheben: sehr vielseitig. Natürlich Blut abnehmen und Zugänge legen, wobei ich hier jedes Mal explizit gefragt wurde, ob ich das machen wolle – „sonst macht das eine Schwester“. Hinzu kamen Wundversorgung mit viel Nähen, Gelenke zurückrenken, Herzinfarkte versorgen, tatsächlich ne Menge Tee trinken, denn „Any Time is Tea Time, Mr Spatz“, – und selbstverständlich einen guten Eindruck machen. Schließlich wurde ich immer als der Medizinstudent „from Germany“ vorgestellt, und als Repräsentant seines Landes hatte man zumindest ein Hemd ohne Flecken zu tragen. Hemden haben dort übrigens ausschließlich kurze Ärmel und auch Kittel werden aus Hygienegründen gar nicht getragen.

Freizeit

South Downs - die weltberühmte Küstenlandschaft
South Downs – die weltberühmte Küstenlandschaft

Freizeittechnisch ist in Eastbourne ne ganze Menge los. Weltberühmt ist die Küstenlandschaft, die „South Downs“, mit ihren knapp 200m hohen Kreidefelsen, die nach der Golden Gate Bridge der beliebteste Ort weltweit ist für Menschen, sich zu suizidieren.

Einkaufen kann man ganz gut, und für die Abende und Wochenenden gibt’s ne Hand voll Discos als auch geschätzt einen Pub pro Einwohner. Durch die Kontakte zu den britischen Medizinstudenten war gleich ein Kreis zur Hand, in den ich mich ganz gut einklinken konnte.

Deutlich mehr noch geht in Brighton, einem 250.000 Einwohner fassenden Seebad, etwa eine halbe Stunde westlich gelegen. Und zur totalen Eskalation natürlich London, eine Zugstunde nördlich.

Mein Blick zurück

Einfach atemberaubend - Sonnenuntergang am Ärmelkanal
Einfach atemberaubend – Sonnenuntergang am Ärmelkanal

Nach vier Wochen Famulatur und einer Woche Urlaub setze ich mich ins Auto, und verabschiedete mich auf der Fähre von Dover nach Calais bei einem Bilderbuchsonnenuntergang von England und dem Sommer. Es war Sonntagabend, Montag früh ging die Uni in Norddeutschland los. Knapp 1.000km Fahrt und ein nasses, graues Wintersemester lagen vor mir.

Die Zeit auf der Insel bleibt in guter Erinnerung, investierte Zeit und Mühen haben sich gelohnt. Als potentielles Arbeitgeberland, dicht bei und leicht zu erreichen, ist es sicherlich wert, ein Weilchen aufzuwenden, um Land und Leute genauer kennen zu lernen. Nebenbei wird das Schulenglisch wieder aufgefrischt. Denn wie der Brite sagt: „Use it, or loose it!“

Den Gang über den Kanal möchte ich jedem ans Herz legen.

S., S.
Lübeck, März 2011

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3 Kommentare

  • Hi,

    in deinem Bericht findet sich garnichts über die Arbeitskleidung. Wird diese in England gestellt, oder muss ich mir dorthin auch Kittel/ weiße Jeans mitnehmen?

    LG

  • Hey,

    dein Bericht hört sich echt super an!
    Wurde dir die Famulatur eigentlich als Praxis/Ambulanz Famulatur anerkannt oder war das eine Bettenstation? Wenn ja, haben die da auch eine gute Notfallambulanz? Wäre super, wenn du mir was darüber erzählen könntest.

    Viele Grüße,
    Anna

  • Hallo,

    dein Erfahrungsbericht hört sich total super an. Ich würde liebend gerne ein Famulatur in England, am allerliebsten in London absolvieren. Hast du irgendwelche Tips für mich?
    Ich würde jetzt gerne mit der Organisation beginnen und weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Schreibt man einfach irgendwelche Krankenhäuser an?
    Wurde deine Famulatur als Krankenhausfamulatur anerkannt?
    Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen!

    Viele Grüße,
    Hanna

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