Forschungsaufenthalt in Tansania – Infektiologie

9. August 2011

in Chancen im Ausland, Forschung im Ausland, Infektiologie, Tansania

Tansania, Bagamoyo, Ifakara Health Institute und Bagamoyo District Hospital (10.01. – 16.02.2011)

Auf der Jagd nach Staphylokokkus aureus! „Karibu Tansania, willkommen in Tansania“. Ein zweites Mal bereits führte mich mein Medizinstudium in ein afrikanisches Land. War es beim ersten Mal eine Famulatur, so ging es nun zu einem Forschungsaufenthalt im Rahmen meiner Doktorarbeit nach Afrika. Und sicher wird dies nicht mein letzter Aufenthalt auf dem afrikanischen Kontinent gewesen sein.

Und wieder in Afrika

Im Labor des Ifakara Health Institute

Nach der spannenden Famulatur in Namibia im letzten Jahr (siehe Rubrik „Chancen im Ausland“) hatte ich durch meine Doktorarbeit bei Prof. Winfried V. Kern in der Abteilung für Infektiologie der Universitätsklinik Freiburg die Möglichkeit, ein weiteres afrikanisches Land kennen zu lernen. „Karibu Tansania, willkommen Tansania“, rief mir mein exotischer Forschergeist zu und freute sich auf die sechswöchige Staphylokokken-Jagd im historischen Bagamoyo in direkter Nachbarschaft zum Indischen Ozean.

In meiner Doktorarbeit, für die ich zwei Freisemester genommen habe, beschäftige ich mich im Rahmen eines afrikanisch-deutschen Kooperationsprojektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit dem Bakterium Staphylokokkus aureus (S. aureus), das neben schweren Hautinfektionen auch tödliche Blutvergiftungen hervorrufen kann.

Meine Aufgabe in Bagamoyo war es, Patienten mit S. aureus-Infektionen zu interviewen und von ihnen Abstriche zu nehmen, die ich anschließend in den Laboren in Bagamoyo und Freiburg untersuchte.

Dafür initiierte ich in den ersten Wochen eine Zusammenarbeit zwischen dem örtlichen Regierungskrankenhaus Bagamoyo District Hospital und dem benachbarten privaten Forschungsinstitut Ifakara Health Institute (IHI). Beide Institutionen arbeiten bisher nur in wenigen Bereichen zusammen, obwohl sie direkte Nachbarn sind. Aufgrund der starken hierarchischen Strukturen und zahlreicher meist selbst ernannter Verantwortlicher war es für mich zu Beginn schwierig, eigene Idee zu verwirklichen und das Projekt rasch voranzutreiben.

Versorgung von Patienten

Minor Theatre am Bagamoyo District Hospital

Mit der Zeit stellte ich aber zum Beispiel fest, dass selten regelmäßig Ärzte im Outpatient Department (OPD) ihren Dienst tun. Außerdem versuchte ich, wenn immer möglich, direkt mit den Zuständigen zu sprechen, um nicht auf Mittelsmänner angewiesen zu sein. So ergatterten der für die Studie angestellte Medical Officer Steven Gervas und ich ein fast täglich Arzt freies Arztzimmer, um die zahlreichen, stundenlang wartenden Patienten zu versorgen.

Nebenan befand sich das „Minor Theatre“, ein kleiner chirurgischer Eingriffsraum, in dem unter hygienisch und materiell widrigsten Bedingungen Wunden genäht, Abszesse gespalten, Verletzungen verbunden oder auch Frakturen gegipst werden. Jeden Tag kommen Patienten mit infizierten Wunden, Stichverletzungen und Frakturen dorthin. Vor allem Unfallopfer sahen wir häufig und wussten meist nicht, wie wir ihnen helfen könnten, da es in jeder Hinsicht an medizinischem Material und Gerät mangelt.

Tropenkrankheit Nummer eins in Tansania ist nicht Malaria, sondern der Verkehrsunfall in den verschiedensten Variationen. Die Menschen werden auf abenteuerliche Weise, meist auf Motorrädern – „Pikipiki“ genannt – transportiert, nicht selten mit ihren Kindern auf dem Schoß. Auch werde ich nicht die zahlreichen Kinder mit den furchtbaren Brandverletzungen und daraus resultierenden entstellenden Keloiden vergessen. Ein Grund dafür ist das Kochen an größeren, offenen Feuerstellen.

Pendeln zwischen „Minor Theatre“ und Arztzimmer

Bei der Arbeit

Wir pendelten stets zwischen „Minor Theatre“ und Arztzimmer, in denen die Temperaturen nie unter 35 Grad Celsius sanken. Medizinisch und wissenschaftlich interessant waren die Patienten und Kinder mit Abszessen und Hautinfektionen, denen wir mit der Zeit immer besser helfen konnten, da ich einen neuen Materialtransfer in Form von Verbandsmaterial etc. vom IHI aus in die Wege leitete. Wichtig war nur, das medizinische Gerät nach der Arbeit wieder mit ins Mikrobiologie-Labor zu nehmen, da es sonst im Krankenhaus mit Sicherheit gestohlen würde.

Aus dem gleichen Grund existiert ein umständliches System im Hospital. Die Patienten erhielten von uns ein Rezept mit den für ihre Versorgung nötigen Materialien, die sie dann in der Krankenhausapotheke erwerben mussten. Meist jedoch waren viele Utensilien und Medikamente dort nicht vorrätig oder aber der Patient war so schwer erkrankt, dass er nicht noch vor seiner Behandlung ein Paar Handschuhe und das Anästhetikum besorgen konnte. Leider gab es bis zum Zeitpunkt unserer Studie nur selten die Möglichkeit, Patienten z.B. vor dem Nähen lokal zu betäuben.

An unserer Studie erkannte man, dass diese Art von Wissenschaft immer Hand in Hand gehen muss mit der Verbesserung der lokalen Situation. Auf der anderen Seite muss eine umfassendere Lösung für die prekären Versorgungsprobleme in Bagamoyo gefunden werden, da wir, rein finanziell betrachtet, nur für unsere Studienpatienten verantwortlich sein konnten. Die Zuständigkeiten vermischten sich aber sehr rasch in der Realität. Wir waren alleine durch unsere Anwesenheit im Klinikablauf involviert und konnten die Missstände nur schwer ertragen. Ich musste mich mit dem Gedanken anfreunden, dass ich in sechs Wochen nicht ein ganzes Krankenhaussystem verändern konnte.

Tägliche Arbeit am Bagamoyo District Hospital

Ein Bild sagt mehr

Zusammen mit Steven sah und behandelte ich jeden Tag ca. 30 Patienten mit den unterschiedlichsten Erkrankungen. Sehr häufig sind Gastritiden, Pneumonien und Harnwegserkrankungen – und leider Verletzungen infolge eines Unfalls oder einer Gewalttat. Wie bereits in Namibia so wird auch in Bagamoyo sehr wenig mit den Händen untersucht, Blutdruckgerät und Thermometer sind gar nicht vorhanden, selten ein Stethoskop. Die Ärzte betreiben in Bagamoyo empirische Kompromissmedizin. Aber diese meistens nicht schlecht. Auch ich lernte schnell, Kompromisse einzugehen. Nachdem ich einen Tag lang vergeblich nach einem Tisch und Stuhl gesucht hatte, half ich mir mit einer Kartonbox und einer Tasche für meine Studienmaterialien weiter.

Nach den ersten Wochen entschied ich mich, mit Steven jeden Morgen über alle fünf Stationen des Krankenhauses zu laufen, um die Mitarbeiter für S. aureus-Infektionen zu sensibilisieren und solche Patienten in unsere Studie einzuschließen. Vor allem auf der Neugeborenen-Station konnten wir einige Blutkulturen abnehmen – eine wirkliche Neuheit im District Hospital, abgesehen von der Kinderstation, die für die Malaria-Impfstudie vom Ifakara Health Institute betreut wird.

Die Ärzte und Schwestern zeigten sich interessiert und unterstützten uns prompt. An einem schwülen Märzmorgen befanden wir uns wieder auf unser S. aureus-Visite, als wir mit Schreck erfuhren, dass das schwerkranke septische Mädchen, bei dem wir am Nachmittag zuvor eine Blutkultur abgenommen hatten, vor einigen Stunden gestorben war. Ich brauchte einige Tage, um diesen Schock zu verkraften. Aufgrund der hohen Todesfälle durch AIDS, Malaria, Tuberkulose und auch Sepsis hat der Tod hier eine andere Dimension erhalten. Er gehört zum Leben in Tansania dazu. Leider. Dies muss sich ändern. Ich denke, auch dafür war ich dort. Eine große Motivation durchfuhr mich und gab mir Zuversicht, meine Arbeit in Bagamoyo möglichst gut zu Ende zu führen. Auch daran erkennt man, dass Wissenschaft nicht immer nur theoretisch sein muss.

Das Ifakara Health Institute

Ifakara Health Institute in Bagamoyo – Tansania

Das genaue Gegenteil vom Krankenaus in Bagamoyo ist das nur zehn Meter entfernte, auf demselben Gelände gelegene Ifakara Health Institute. Ein moderner, voll klimatisierter zweistöckiger Bau, in dem interessante Studien vor allem zu Malaria und Tuberkulose betreut werden. Die Laboratorien sind sehr gut ausgestattet, manchmal sogar so gut, dass es niemanden gibt, der die Geräte bedienen kann. Das Forschungsinstitut wurde vor einigen Jahrzehnten vom Schweizer Tropeninstitut in Basel auf die Beine gestellt. So war es nicht verwunderlich, dass ich vielen interessanten Schweizer Forschern begegnete.

Ich traf auch zwei Schweizer Zivildienstleistende, die für das IHI arbeiteten und zufällig in meiner Lodge wohnten. Dadurch lernte ich nicht nur Kiswahili, die Staatssprache in Tansania, sondern auch ein wenig Schweizer Deutsch. Ich hatte weiterhin das Glück, durch die beiden viel über die Hintergründe des Hospitals und des Ifakara Health Institute zu lernen und so meine Arbeit besser koordinieren zu können. Beispielsweise wartete ich eine Woche auf das für meine Arbeit essentielle Material, es kam und kam nicht. Daher kaufte ich kurzerhand selbst in einem Laborshop in der Wirtschaftsmetropole Dar es Salaam das Nötigste ein. Danach ließ sich wesentlich besser arbeiten, denn zu Beginn hatte ich z.B. Abstrichtupfer selbst hergestellt.

Arbeitsatmosphäre

Die Mitarbeiter sowohl im Krankenhaus als auch im Ifakara Health Institute waren sehr freundlich und ließen mit sich über die Zustände vor Ort kritisch diskutieren. Dabei fiel mir immer wieder auf, wie sehr sich ein Mensch an nicht tragbare Verhältnisse und Umstände gewöhnen kann. Besonders die hygienische Lage im District Hospital konnte man nicht mit der des IHI vergleichen.

Die Arbeitsatmosphäre im Labor war sehr gut und ich freundete mich schnell mit Munga an, einem Kenianer, von dem ich viel über Mikrobiologie lernte. Er war bemüht, mich zu unterstützen und ärgerte sich alle paar Tage, da mal wieder kein Nachschub zum Herstellen der Blutagarplatten gekommen war. Also stieg ich zwischendurch immer mal wieder auf andere Platten um und versuchte mich erneut in Kompromissen, die manchmal sogar zu meinem Erstaunen einen besonderen Lerneffekt mit sich brachten. Schnell wurde ich im Erkennen der S. aureus-Kolonien sicherer und freute mich über frische Isolate, die Steven und ich aus dem Krankenhaus anschleppten.

Rückblick und Ausblick

Traumhaftes Wochenende auf Sansibar

Ich tauchte mehr und mehr ins tansanische Leben ein. Mittags aßen wir in einfachen Hütten gegenüber dem Krankenhaus. Ein Lieblingsgericht vieler Tansanier war „Mishikaki kwa chipsi“, Grillspieße mit Pommes. Es war ein schönes Gefühl zu spüren, wie sich ein Teamgeist entwickelte. Manchmal lud ich Steven und Munga in meine Lodge zum Abendessen ein und kurz vor meiner Abreise waren viele Mitarbeiter dort zu einer Grillfeier zu Gast.

Ich bin mir sicher, bald wieder dorthin zu kommen. Viele Menschen sind mir ans Herz gewachsen und bereits im Flugzeug schrieb ich an meinem Konzept zur Neugestaltung des „Minor Theatre“.

Jonas Hofmann
Freiburg, Juli 2011

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