PJ in der Schweiz – Anästhesie

8. Juli 2011

in Anästhesie, Chancen im Ausland, Praktisches Jahr im Ausland, Schweiz

Schweiz, Locarno, Ospedale Regionale di Locarno La Carità (25.04.-17.06.2011)

PJ im Ausland? Na klar! An der Klinik in Locarno in der italienischen Schweiz – immer wieder! Die Gründe hierfür: Noch nie war ich als Student so gut in ein Team integriert worden, wie dies in Locarno der Fall war. Nicht nur, dass ich sehr viel gelernt habe, sondern man bekam zudem immer das Gefühl vermittelt, dass alle ihre Freude daran hatten, mir etwas beizubringen.

Mein Ziel – die italienische Schweiz

Am Lago Maggiore

PJ im Ausland? Das war für mich eigentlich eine nahezu rhetorische Frage, da ich schon im Rahmen von Famulaturen und anderen Praktika gemerkt hatte, dass Auslandsaufenthalte immer wieder eine Bereicherung darstellen und sich viele gute Anregungen und Erfahrungen mit nach Hause nehmen lassen. Dabei war es mir stets wichtig, einen Vergleich zu der Arbeit in Deutschland ziehen zu können, sodass ich auch mein Wahltertial in der Anästhesie aufteilte: Die erste Hälfte absolvierte ich in Köln und die anderen zwei Monate in Locarno.

Ich wählte die italienische Schweiz vor allem aus sprachlichen Gründen als Ziel. Ich wollte gerne mein Italienisch aufbessern, hatte aber in Italien erlebt, dass man als Student in der Regel leider nur sehr wenig „machen“ darf. Von einem Aufenthalt im Tessin erhoffte ich mir hingegen mehr Praxisbezug – und zwar zu Recht, wie sich später herausstellen sollte.

Bewerbung und erste Vorbereitungen

Locarno am Lago Maggiore

Die Vorbereitungen begann ich etwa im September 2010. Zunächst schrieb ich per E-Mail die Krankenhäuser der EOC-Gruppe (Ente ospedaliero cantonale) an, die durch das Landesprüfungsamt als PJ-Lehrkrankenhäuser anerkannt sind: Bellinzona, Lugano und Locarno. Ich wandte mich dabei jeweils direkt an die Chefärzte der Anästhesie. Am besten sollte man sich jedoch mit einer etwas längeren Vorlaufzeit um die Stelle kümmern, da in meinem Falle nur noch der eine Platz in Locarno frei war.

Für die Bewerbung wurde hier ein italienischer Lebenslauf mit Foto gewünscht. Ein Nachweis über besondere ärztliche Untersuchungen oder Versicherungen war nicht erforderlich. Es wurde lediglich daran erinnert, dass für die Arbeit im Krankenhaus ein ausreichender Impfschutz gegen Hepatitis B bestehen sollte.

Als Lektüre kann ich den Taschenatlas der Anästhesie von Norbert Roewer und Holger Thiel empfehlen. Dieser eignet sich nicht nur zur Vorbereitung, sondern passt auch gut ins Reisegepäck und dient als kleines Nachschlagewerk vor Ort.

Die Klinik, Locarno und Umgebung

Ein Ausflug nach Ascona

Das Krankenhaus in Locarno, das Ospedale Regionale di Locarno La Carità, liegt mit seinen 155 Betten am Rande der hübschen Altstadt Locarnos und wird durch die beiden Kirchen Sant‘ Antonio und San Francesco flankiert. Das vierstöckige Gebäude stammt zwar aus den 80er Jahren, wirkt aber relativ neu und modern, da im Jahre 2000 umfassende Aus- und Umbaumaßnahmen durchgeführt wurden. Der Lago Maggiore ist zu Fuß in circa 15 Minuten zu erreichen.

Locarno ist ein sehr hübsches Städtchen mit rund 15.000 Einwohnern und mediterranem Flair. Die Seepromenade ist mit Magnolienbäumen und Palmen gesäumt und die Gassen und kleinen Plätze in der Altstadt geben einem das Gefühl, im Süden zu sein. Es gibt wunderschöne Wanderwege in die Berge und die angrenzenden Täler sowie zahlreiche Möglichkeiten für weitere Freizeitaktivitäten, wie zum Beispiel Mountainbiking, Paragliding, Segeln, Wasserski, Windsurfen…

Und auch Italien ist schließlich nicht weit, sodass sich schöne Tagesausflüge zum Beispiel nach Mailand, Como oder an den Lago d’Orta unternehmen lassen. Abends, bzw. am Wochenende mutet Locarno bis auf ein paar gemütliche Bars vielleicht etwas verschlafen an, jedoch kommt man mit dem Auto oder Zug recht schnell nach Lugano, der größten Stadt im Tessin, in der es mehr Möglichkeiten für Nachtschwärmer gibt.

Meine Arbeit am Ospedale Regionale di Locarno

Das Ospedale Regionale di Locarno La Carità
Das Ospedale Regionale di Locarno La Carità

Mein Arbeitstag begann meistens irgendwann zwischen 7:30 und 7:50 Uhr, wenn die ersten Patienten in den OP-Bereich gebracht wurden. Es gab vier Säle, in denen jeweils ab ca. 8:00 Uhr das OP-Programm anfing und je nach Eingriff und geplanter Anästhesieform wurden die Patienten früher oder später einbestellt.

Ich half zunächst bei den Arbeiten der Anästhesie-Pflege mit, die neben der Lagerung und Standard-Monitorisierung des Patienten (EKG, Blutdruck, Sauerstoffsättigung) im Legen eines venösen Zugangs, dem Aufziehen der Medikamente, der Vorbereitung und Überprüfung des Intubationsmaterials sowie der Kontrolle des Beatmungsgerätes bestand. War eine Vollnarkose geplant, konnte ich, sobald der Anästhesist dazu kam, mit der Präoxygenierung beginnen und sollte in der Regel sagen, wann und in welcher Dosierung ich welches Medikament spritzen würde. Je nach Dauer und Art des Eingriffs durfte ich dann intubieren, eine Larynxmaske vorschieben oder mit der Gesichtsmaske beatmen.

Ich hatte das große Glück, dass meine Kollegen, insgesamt waren es fünf, allesamt erfahrene Fachärzte waren und somit ziemlich gut abschätzen konnten, wie viel Eigenanteil mir bei welchen Patienten zuzutrauen war. Im Laufe der Zeit durfte ich zum Beispiel immer häufiger auch „schwierige“ Patienten intubieren und sogar Blitzintubationen machen. In Deutschland hatte ich hingegen oft erlebt, dass der Arzt „es lieber selber versuchen“ wollte, sobald auch nur die geringste Schwierigkeit zu erwarten war. Allerdings hatte ich dort auch häufig mit jungen Assistenzärzten zu tun, die selbst noch recht unsicher waren.

Das OP-Programm war stets bunt gemischt. Es handelte sich um Operationen der Unfall-, Viszeral-, Gefäß-, Hand- oder Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie sowie um HNO-ärztliche oder gynäkologische Eingriffe. Damit war nicht nur die Narkoseführung, sondern auch das Zuschauen „auf der anderen Seite“ sehr abwechslungsreich, denn von der Kaiserschnittentbindung über die arthroskopische Meniskusresektion bis zur Tonsillektomie war alles vorhanden. Richtig „große“ Operationen, die über mehr als zweieinhalb Stunden gingen, gab es jedoch relativ selten und auch Kinder unter zwei Jahren werden nicht in Locarno, sondern in Bellinzona operiert.

Insgesamt fiel mir auf, dass die Pflege im Gegensatz zu meinen Erfahrungen in Deutschland sehr viel Verantwortung übernehmen durfte. Ärzte und Anästhesie-Pfleger wechselten sich in der Narkoseführung oft einfach ab, sodass der andere zum Beispiel bereits den nächsten Patienten vorbereiten konnte oder auch Mittagessen bzw. Kaffeetrinken ging. Mir war es freigestellt, zwischen den Sälen zu wechseln und meistens sagte auch jemand Bescheid, wenn es irgendwo etwas Spannendes gab. Je nachdem assistierte ich bei Plexusanästhesien oder bei der Anlage eines Periduralkatheters, durfte auch schon mal Spinalanästhesien selber machen oder eine Arterie bzw. einen ZVK legen.

Nach dem Mittagessen, man hatte ca. eine halbe Stunde Pause, konnte ich mir aussuchen, ob ich nochmal zurück in den OP gehen oder lieber bei der Prämedikationsvisite für den nächsten Tag mithelfen wollte. Die Patienten kamen dabei entweder zur Sprechstunde in die Anästhesie-Ambulanz oder wir besuchten sie im Krankenzimmer auf den jeweiligen Stationen.

Die Prämedikationsvisite durfte ich selber machen, das heißt Anamnese, körperliche Untersuchung und Aufklärung übernehmen, jedoch war ich immer mit einem meiner Kollegen unterwegs, der Fragen beantwortete oder von sich aus etwas erklärte. Häufig waren zum Beispiel EKGs oder Röntgenbilder zu befunden und die Medikation des Patienten musste für den OP-Termin angepasst werden.

Wenn alle Patienten gesehen worden waren, trafen wir uns im Team für den „Rapport“, um die OPs und geplanten Anästhesieverfahren für den nächsten Tag zu besprechen und aufzuteilen. Je nachdem, wurden danach noch kurze Postmedikations-Besuche bei den Patienten abgestattet, die im Laufe des Tages narkotisiert bzw. betäubt worden waren. Meistens war es dann schon ca. 18:30 Uhr oder später, bis ich aus der Klinik kam. Da es eigentlich immer etwas zu tun gab und die Aufgaben sehr vielseitig waren, ging die Zeit schnell vorbei und der Arbeitstag kam mir oft kürzer vor, als er eigentlich war.

Wochenend- oder Nachtdienste musste ich keine übernehmen. Die Kleidung, sowohl OP-Kleidung und -Schuhe, als auch weiße Hose, Kasack und Kittel, bekam ich gestellt.

Unterkunft und Finanzielles

Abendstimmung an der Piazza Grande Locarno

Man wird in der Schweiz im Praktischen Jahr generell als Unterassistent („candidato medico“) eingestellt und erhält auch ein Gehalt. In Locarno erhielt ich einen Arbeitsvertrag über 50 Std./Woche und eine Bezahlung von 800 CHF im Monat.

Mein Zimmer bekam ich für 400 CHF/Monat vom Krankenhaus gestellt. Es befand sich in einem Wohnhaus direkt neben der Klinik, war 25 qm groß und hatte Zugang zum Balkon, den ich mir mit einem Mitbewohner teilte. WC, Bad und Küche nutzten wir insgesamt zu viert. Praktischerweise durften wir uns frische Bettwäsche und Handtücher aus dem Krankenhaus holen und der Gemeinschaftsbereich wurde vom Reinigungspersonal der Klinik gereinigt.

Locarno ist als Touristen-Ort sicherlich auch für Schweizer Verhältnisse ziemlich teuer. Vor allem in der Gastronomie macht sich dies bemerkbar, sodass zum Beispiel ca. 15 CHF für die Pizza Margherita, 3,50 CHF für eine Kugel Eis oder 5 CHF für den Cappuccino eingeplant werden müssen. Aber auch, wenn ich anfangs oft schlucken musste, stellten der Blick auf den Lago Maggiore oder die malerische Piazza Grande dann doch eine gewisse Entschädigung dar.

In der Krankenhaus-Kantine bekam man als Mitarbeiter zum Glück dann auch schon für 6-7 CHF ein gutes und reichliches Mittagessen und für 1 CHF einen Espresso. Mineralwasser gab es sogar kostenlos.

Mein Fazit

Mein Blick zurück auf Locarno am Lago Maggiore
Mein Blick zurück auf Locarno am Lago Maggiore

Ich habe es bisher noch nie erlebt, als Student so gut in ein Team integriert zu werden, wie dies in Locarno der Fall war. Ich habe nicht nur sehr viel gelernt, sondern bekam zudem immer das Gefühl vermittelt, dass alle ihre Freude daran hatten, mir etwas beizubringen. So brachte mir zum Beispiel der eine Kollege bereits am 2.Tag ein mehr als 100-seitiges Anästhesie-Skript mit, das er für mich kopiert hatte, weil er es als gute Zusammenfassung ansah. Oder eine Anästhesie-Schwester kopierte mir von sich aus die Tabellen aus ihrem Buch, nachdem ich gesagt hatte, ich fände die Aufteilung dort ganz gut.

Aus Deutschland kannte ich es hingegen eher andersherum, nämlich, dass man sich als Student häufig sehr aktiv darum bemühen musste, überhaupt etwas erklärt zu bekommen. Für mich war der Aufenthalt an der Klinik in Locarno wirklich ein voller Erfolg und die Arbeit machte großen Spaß, auch wenn ich bei vorhergehenden Praktika noch nie so viele Wochenstunden in der Klinik verbracht hatte.

A., N.
Köln, Juni 2011

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