Famulatur auf Jamaika – Innere Medizin, Chirurgie und Notaufnahme

3. Juni 2011

in Chancen im Ausland, Chirurgie, Famulatur im Ausland, Innere Medizin, Notfallmedizin

Jamaika, Morant Bay, Princess Margaret Hospital (20.02.-30.03.2010)

Rum, Karibik, Columbus und Bob Marley, vielleicht noch Palmen und Papageien – jeder denkt an etwas anderes, hört er den Namen der Insel „Jamaika“. Seit Schulzeiten übte diese Insel im Herzen der Karibik, hervorgerufen wohl durch verklärte Piraten-Abenteuerromantik, eine unheimliche Faszination auf mich aus. Die Idee, einmal dorthin zu fahren, trug sich ins Studium hinein. Hier bietet sich einmal wieder die Chance, Famulatur und Fernweh zu verbinden.

Wie alles begann

Erste Eindrücke
Erste Eindrücke

Etwa ein Jahr im Voraus schrieben zwei Kommilitonen und ich verschiedene Krankenhäuser auf Jamaika an und ausgesprochen freundlich antwortete die verantwortliche Leitung des Princess Margaret Hospitals in Morant Bay, St. Thomas. Morant Bay liegt etwa 30 Meilen östlich von Kingston, der Hauptstadt der rund 2,5Mio Einwohner fassenden Insel, und das Krankenhaus wenige Meter vom Strand entfernt. Das Princess Margaret Hospital ist als „Type-C-Facility“ deklariert, zur Grundversorgung der Landbevölkerung. Etwa 120.000 Menschen leben im Einzugsgebiet und in der Regel funktioniert auch das Röntgengerät. „Sono“ gibt es nicht.

„Ya man! No Problem“ – die Jamaikaner nehmen alles leicht, auch die Planung ist nicht akribisch wie zu Hause. Wir kamen am Norman Stanley Flughafen in Kingston bei gefühlten 5.000°C und einer Luftfeuchtigkeit an, die auch den stärksten Wikinger aus den Schuhen haut. In Norddeutschland lag ein knapper halber Meter Schnee zu diesem Zeitpunkt, und in der Nacht zuvor holten wir uns während des „Stop-over“ Aufenthaltes auf dem Times Square in New York Erfrierungen 2ten Grades.

Selbstverständlich war niemand da, der uns abholte. 120€ sollte die Fahrt bis zum Hospital anfangs kosten, glücklicherweise schliefen die Taxi-Konkurrenten nicht, und schließlich bezahlten wir 50USD. Wie in so vielen Ländern sollte der Fahrpreis unbedingt vor Fahrtantritt ausgehandelt werden.

Wohnen nach Jamaika-Art

Typisch für Jamaika - die Hängematte
Typisch für Jamaika – die Hängematte

Für 30.000J‘s (Jamaika-Dollar), das sind etwa 260€, wohnten wir, ein jeder im eigenen Zimmer, im Schwesternwohnheim auf dem Campus. Mein Zimmer hatte zwar Deckenventilator und Waschbecken vorzuweisen, die beiden hatten sich jedoch scheinbar abgesprochen und ihren Dienst quittiert. Einzig eine Energiesparlampe baumelte von der Decke und leuchtete das mattblau getünchte Zimmer aus, Putz bröckelte von der Decke.

Der Blick aus dem Fenster entschädigte für alles: allein einige Mango- und Brotfruchtbäume verstellten den sonst 180° Blick auf die glitzernde Karibik. Vereinzelt fuhren kleine Fischerbote im Vordergrund vorbei, große Containerschiffe am Horizont.

Zwei Köchinnen wechselten sich schichtweise ab, dreimal täglich regionale Spezialitäten für uns ausländische Studenten zuzubereiten. Dies bedeutete morgens, mittags und abends warmes Essen.

Unsere Arbeit im Hospital

Princess Margaret Hospital auf Jamaika

Der Tag begann in der Regel gegen 08:15am mit warmem Frühstück, in der Regel Spiegeleier, Pancakes oder „Kalalou mit Saltfish“, das ist eine Art würziger Spinat. Nach dem Frühstück ging es auf die Stationen. In den vier Wochen waren wir auf der Male Ward, Female Ward, Maternity Ward und der Children’s Ward eingeteilt. Häufig passierte hier nichts Aufregendes. Die Visiten wurden zu völlig willkürlichen Zeiten abgehalten und statt auf Station zu sein, waren einige Ärzte gelegentlich um 11:00am vor dem Fernseher zu finden… Es kam auch vor, dass während der Visite der Arzt kommentarlos verschwand und für Stunden nicht zurückkehrte… Versorgt werden die Patienten von deutlich mehr Pflegepersonal pro Kopf, als wir es zu Hause gewohnt sind, und so blieb häufig nur übrig, sich Krankenakten vorzunehmen, die Menschen dazu „nach zu untersuchen“ und zu probieren, schwer lesbaren Notizen einen Sinn zu geben.

Das war auf Dauer nicht das, was wir uns wünschten, aber zum Glück gab es eine lohnenswerte Alternative und sehr abwechslungsreiche Ausweichmöglichkeit: das Accident and Emergency Department, eine Mischung aus Aufnahme und Ambulanz. Hier gibt es alles zu sehen, was das Land an Krankheiten zu bieten hat. Je nach diensthabendem Arzt, untersuchten wir die Patienten und stellten sie im Anschluss vor oder begleiteten den Arzt bei seiner Arbeit und bekamen die Patienten erklärt.

Gleich am ersten Tag wurde uns gezeigt, wie Blasenkatheter gelegt werden – und ab diesem Zeitpunkt war das unser Job. Fünf bis fünfzehn Patienten täglich werden vorstellig für einen neuen Katheter. Da die landesweiten Kontingente bei weitem nicht ausreichen, alle nötigen Prostatahyperplasien operativ zu versorgen, bekommen die Patienten einen Katheter, einen Platz auf der etwa 10 Jahre langen Warteliste und wir eine Menge Übungsmöglichkeiten.
Auch die Prozedur für Blutentnahmen war neu für uns: eine Nadel kommt in den Arm, das Blut läuft raus und wird ohne Adapter aufgefangen von einem Röhrchen. Verteilend, wird das Blut anschließend in verschiedene Röhrchen „umgekippt“. Frakturen wurden gleich vor Ort – soweit mögliche – behandelt. Auch hier traute man uns zu, gebrochene Knochen eigenständig einzugipsen. Glücklicherweise gab es auf Nachfrage immer eine helfende Hand.

Regelmäßig brachten Polizisten Gefangene in Handschellen in die Aufnahme, damit diese ärztliche Betreuung bekommen konnten, da es keinen Gefängnisarzt gibt. Bei diesen Patienten waren wir nur Zuschauer. Dokumentiert wurden Untersuchungsergebnisse und Therapieplan auf Karteikarten und in großen Büchern – Computer waren auf dem gesamten Campus nirgendwo zu finden.

Die Stationen waren nicht nach verschiedenen Fachrichtungen gesplittet. Innere und chirurgische Patienten lagen grundsätzlich gemeinsam auf einer Station, getrennt wurde lediglich zwischen den Geschlechtern.

Dienstags und donnerstags war Operating Day und wir von morgens an im OP eingeteilt. OPs, die angeboten wurden, waren Kaiserschnitte, Gallenblasenentfernungen, Sterilisationen, Amputationen, Hernien- sowie Zysten- und Tumoroperationen. Alles, was darüberhinaus geht, wird in Kingston erledigt.

Neben dem obligatorischen „Hakenhalten“ wurden wir fleißig zum Nähen und zum Intubieren ermuntert. An den OP-Tagen waren wir häufiger bis 19:00 Uhr im Saal beschäftigt. Im Gegensatz zum Chirurgie-Block in Deutschland, bei dem man häufig froh sein kann, von den Operateuren registriert und gegrüßt zu werden, war jede Stunde am Tisch geprägt von Dialog. Durchweg hatten die Chirurgen uns mit eingebunden, wiesen auf anatomische Strukturen und Auffälligkeiten hin, fragten Fakten ab, erklärten Prozeduren und erläuterten dann und wann, dass die „State of the Art-Prozedur“ durchaus anders sei, ihre Variante aber günstiger und daher etabliert.

Es gibt zwei OP Säle. Einer der beiden ist mit solch einem alten Narkosegerät ausgerüstet, dass der Anästhesist die gesamte OP hindurch mit Hilfe des Beatmungsbeutels die Sauerstoffversorgung aufrecht erhalten muss. Hier wurden wir gelegentlich eingespannt, und der Anästhesist ging Pause machen…

Die Fenster im Gebäude waren nicht verglast und so zirkulierte die Luft wenigstens ein klein wenig. Zur Mittagszeit waren die Temperaturen regelmäßig in einem Bereich angekommen, bei dem ich mich in eine Gefriertruhe wünschte. Entweder gingen wir in der Mittagspause an den Strand, um mit wilden Hunden und Kokosnüssen zu baden, oder ich legte mich aufs Bett und schlief schwitzend bis 16:00 Uhr. Dann war das Wetter erträglicher und ich konnte wieder atmen. Hinterher ging ich häufig für ein Weilchen in die Notaufnahme.

Gastfreundschaft erlebten wir auf eine Art und Weise, wie wir es bei uns zu Hause aus dem Krankenhaus nicht gewohnt sind. Ärzte und Staff luden uns ein, die Insel mit ihnen zu erkunden. Leicht genug zu verspotten, waren wir Weißhäute, denn in den Wochen, in denen wir auf dem Krankenhauscampus lebten, sahen wir keine einzige weiße Gestalt. Da war es unheimlich angenehm, wenn ein „Local“ dabei war, der zwischendurch weiterhalf.

Leben auf Jamaika und Sicherheitsaspekte

Der Reggae lebt – Rastafari auf Jamaika

Kulturell bietet die Insel das zusätzlich, was wirtschaftlich fehlt. Vor Ort bezeichnet man sich als 3. Welt Land, die WHO klassifiziert Jamaika inzwischen als 2. Welt Land. Von einsamen weißen „Katalog“-Traumstränden, an denen sich die Surfer-Elite trifft, über unglaubliche Berg- und Dschungellandschaften, in denen der weltbeste Kaffee angebaut werden soll, bis hin zu malerischen Wasserfällen, an denen sich einst Sklaven, Briten und Spanier bekämpften – die Insel präsentiert sich unheimlich vielseitig.

Kommt man in Ortschaften, sind diese meist – tags- wie nachtsüber – mit einer Art Elektro-Reggae unterlegt, der aus gigantischen Hinterhof-Soundsystems wummert, und nach spätestens 6 sec bietet ein „Rastafari“ etwas zum Rauchen an. So lebhaft wie die Insel sich tagsüber darstellt, so quirlig ist auch das Nachtleben. Die Dunkelheit verhindert nicht, dass weiße Touristen auf den ersten Blick erkannt werden, einheimische Begleitung ist auch hier wieder dankbar zu haben. Die Kriminalitätsrate ist unheimlich hoch auf der Insel, Jamaica dient als Drehscheibe für Drogen und Waffen in Richtung USA. Es wurde uns dringend ans Herz gelegt, nach Einbruch der Dunkelheit den Campus nicht ohne Begleitung zu verlassen. Allein während unserer Zeit vor Ort starben mindestens ein Dutzend Menschen in näherer Umgebung in Folge von Drogenunruhen.

Nach Ende der Famulatur machten wir, um auf andere Gedanken zu kommen, noch eine Woche Urlaub, und wohnten in einem sehr geschichtsträchtigen Hotel (blueharb.com). Gebaut wurde dieses herrlich gelegene, verhältnismäßig günstige Domizil vor rund 50 Jahren von dem britischen Schriftsteller und Regisseur Noel Coward, der hier berühmte Gäste wie Winston Churchill, Queen Mumm, Sean Connery und Marlene Dietrich beherbergte.

Resümee

Jamaika – Palmen, Sonne und Strand

Zur Vorbereitung für einen Aufenthalt auf Jamaika und als Reiseführer vor Ort empfehle ich den „Lonely Planet“ und den „Rough Guide to Jamaica“. Außer einer Typhus-Impfung hatte mir der Impfarzt keine weitere Jamaika spezifische Vaccination empfohlen.

Mit traumhaften Bildern im Kopf stieg ich schließlich in den Flieger von Air Jamaica, der mich zurück nach Europa brachte.

Es bleibt, jeden zu ermuntern, solch eine Tour anzugehen. Das Schlusswort möchte ich der berühmten Gundula Gause überlassen: „Als junger Mensch sollte man nicht chillen, sondern immer etwas machen. Und wenn es eine Weltreise ist.“

S., S.
Lübeck, März 2011

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2 Kommentare

  • Hey das ist wirklich ein sehr interessanter Bericht!
    Ich habe mich auch in Jamaika für eine Famulatur beworben, doch das KKH das sich bis jetzt zurück gemeldet hat, verlangt 250US $ elective fee pro Woche.
    Hat jemand eventuell noch eine email Adresse von einem Ansprechpartner im Princess Margaret Hospital? Das wäre super! Vielen dank im voraus!


    • Deutscher plastischer Chirurg in Kingston

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