Famulatur in Brasilien – Gynäkologie und Geburtshilfe

5. Januar 2011

in Brasilien, Chancen im Ausland, Famulatur im Ausland, Gynäkologie und Geburtshilfe

Brasilien, Florianópolis, Hospital Universitário (09.02.-03.08.2010)

Und immer wieder lockt Brasilien. Nach mehreren früheren Aufenthalten ging es nun zum ersten Mal zu einer Famulatur in dieses Land, das mich seit jeher so begeistert. Und ich hatte dieses Vorhaben gleich mit weiteren Plänen verknüpft. So wollte ich nach meiner Famulatur zum einen zusätzlich auf einem Krankenhausschiff im Amazonasgebiet arbeiten und mich zum anderen wiederum in sozialen Projekten in Brasilien engagieren. Auch wenn ich dadurch eine gewisse Zeit in meinem Medizinstudium verloren habe, bin ich sehr froh, all diese Erfahrungen gemacht zu haben.

Brasilien – mein Zielland Nummer eins

Brasilien ist seit der Zeit meines Schüleraustausches während der 11. Klasse Zielland Nummer eins. Mein vierter Aufenthalt sollte nun zum ersten Mal einen medizinischen Schwerpunkt haben; sowohl den zweiten als auch den dritten mehrmonatigen Aufenthalt hatte ich mit sozialen Praktika verbracht.

Und so hatte ich mir die beinahe sechs Monate gestaltet: zu Beginn eine reguläre Famulatur in einem Universitäts-Krankenhaus, dann knapp zwei Monate auf einem Krankenhausschiff im Amazonasgebiet und zu guter Letzt die Mitarbeit in einem sozialen Projekt im Nordosten, dem „Armenhaus“ Brasiliens.

Die Vorbereitungen begannen früh

Neugeborenen-Zimmer am UFSC

Eigentlich hatte ich schon nach meinem Physikum im Sommer 2008 mit der Vorbereitung angefangen, habe Leute angeschrieben, viel rumgesucht und mich immer mal wieder damit beschäftigt. Ernst ist es dann etwa ein Jahr vorher geworden. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich konkret und gezielt Leute angeschrieben, zumeist indem ich einen kurzen Überblick über meine bisherigen Aufenthalte gegeben und dann beschrieben hatte, was ich gerne machen würde – Projekte kennen lernen, welche soziale und medizinische Hilfe leisten. Es kamen auch einige Antworten zurück, im Endeffekt ist jedoch v.a. aus jenen etwas geworden, die ich über private Kontakte bekommen habe.

Um mich vorzubereiten, hatte ich viel Zeit im Internet mit der Suche nach Erfahrungsberichten verbracht und bin per Zufall auf die Sommerakademie „Globale Gesundheit“ in Würzburg (http://www.globalegesundheit.de/ ) gestoßen. Über zwei Wochen werden hier Themen aus den Bereichen der Tropenmedizin, der Entwicklungszusammenarbeit und der sozialen Aspekte in der Medizin behandelt. Jeder, der sich für diese Art von Arbeit interessiert oder einen Auslandsaufenthalt in einem ärmeren Land plant, sollte sich um eine Teilnahme bemühen, es ist wirklich sehr zu empfehlen und macht unheimlich viel Spaß!

Visumstechnisch haben wir es als deutsche Staatsbürger ziemlich einfach. Ein Touristenvisum bekommt man automatisch bei der Einreise, dieses ist für 90 Tage gültig und man hat anschließend die Möglichkeit, bei der „Polícia Federal“ eine Verlängerung um weitere 90 Tage zu beantragen. Für eine Famulatur ist dieses völlig ausreichend und ich habe noch von niemandem gehört, bei dem es nicht geklappt hat. Es kann allerdings sein, dass es bei einem PJ-Tertial ein wenig anders ist.

(Anm.d.Red.: Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

Was die Impfungen angeht, so empfiehlt es sich, alle gängigen „Piekser“ zu haben. Für die Einreise ist eine Gelbfieberimpfung vorgeschrieben, dies wurde jedoch bei keiner meiner vier Einreisen überprüft. Abhängig vom Ziel der Reise, sollte man seine Reiseapotheke mit Antimalaria-Mitteln ausstatten, dies gilt für das Amazonasgebiet, wobei jedoch die Apotheken in Brasilien super ausgestattet sind und man im Falle eines Falles an die meisten Dinge gut herankommt, es sei denn, man geht irgendwo in abgeschiedene Dörfchen…

Versicherungstechnisch hatte ich mich mit einem „Auslands-Paket“ abgedeckt, welches von einigen Stellen für Studenten angeboten wird.

Nun zum Geld. Eigentlich kommt man super mit EC- und/oder Kreditkarte aus, selbst in kleineren Städten, ich würde sagen ab etwa 100.000 Einwohnern, findet man Geldautomaten, die diese Karten akzeptieren. Natürlich gibt es Unterschiede bei den Gebühren. Ich habe die besten Erfahrungen mit der „Banco do Brasil“ gemacht. Traveller Cheques finde ich persönlich zu umständlich, man ist an die Öffnungszeiten gebunden, muss anstehen usw. Man sollte nur regelmäßig seine Kontoauszüge kontrollieren, denn das „Kartenklonen“ wird hier gerne gemacht.

Durch den Wechselkurs hat man hier mehr Geld als in Deutschland, der Kurs lag damals etwa bei R$ 2,2 pro Euro. R$ ist der „Plural Reais“ – der Brasilianische Real. Die Lebenshaltungskosten unterscheiden sich zwar auch sehr von Ort zu Ort, aber grundsätzlich ist hier vieles günstiger, so z.B. Lebensmittel, Miete, Reisekosten usw. Nur bei hochwertiger Kleidung, Elektroartikeln und z.T. bei Freizeitaktivitäten wie Kino muss man mit deutschen Preisen rechnen. Kleidung in billiger Qualität wird einem hier sogar oft beinahe hinterher geschmissen, so günstig ist es. Kauft man viel bei Straßenhändlern, etwa Mitbringsel wie Ohrringe oder anderes Kunsthandwerk, kommt man meist sehr günstig weg – aber aufpassen. Wirkt man zu sehr wie ein „gringo“, wie ein Ausländer, wird gerne versucht, den Anderen über den Tisch zu ziehen. Handeln sollte immer versucht werden, sonst macht das Einkaufen ja gar keinen Spaß.

In Brasilien wird Portugiesisch gesprochen – und nur Portugiesisch. Selbst in den mehr gehobenen Kreisen findet man oft niemanden, der Englisch spricht. Spanisch wird meist mehr oder weniger gut verstanden, zur Not kann man sich damit durchwurschteln. Aber wer hierherkommen möchte, sollte sich auf jeden Fall im Vorhinein mit der Sprache beschäftigen, denn sonst geht man unter… Doch sobald die Brasilianer bemerken, dass man Interesse an ihrer Sprache zeigt, bemühen sie sich sehr und sind sehr geduldig – es kann nur sehr anstrengend werden, wenn man sich kaum verständigen kann.

Von anderen Austauschstudenten habe ich mitbekommen, dass es meist kompliziert ist, mit den Ärzten zu kommunizieren – viele Fragen kann man also nicht stellen. Es bietet sich bei schlechten Sprachkenntnissen auf jeden Fall eher ein chirurgisches Gebiet an, denn da spricht man ja zumindest mit den Patienten eher weniger. Da ich schon mehrere Male in Brasilien war, spreche ich Portugiesisch ganz gut, ich hatte also das Glück, keine Probleme mit der Sprache zu haben.

Allgemein sind die Brasilianer sehr warmherzig, freundlich, offen und interessiert. Sie sind sehr gastfreundlich und bemühen sich sehr. Kontakte zu knüpfen ist sehr leicht und Anschluss findet man schnell, alleine bleibt man hier bestimmt nicht.

Sicherheitsaspekte

Wie bei der Gesundheit ist auch die Sicherheitsfrage stark vom Reiseziel abhängig. Die großen und bekannten Städte wie Rio de Janeiro, São Paulo, Salvador, Fortaleza, Recife etc. sind eher gefährlich, wobei es auch sehr stark darauf ankommt, wie man sich bewegt.

Ist man alleine unterwegs, sollte es vermieden werden, eine Tasche zu tragen, mit dem Handy zu telefonieren und offensichtlich „Touri“ zu sein. Je später es wird, desto gefährlicher wird es. Auch sind bestimmte Bezirke zu meiden, ebenso wie manche Buslinien usw., aber das erfragt Ihr am Besten bei den Leuten vor Ort. Das hört sich alles schlimm an, wenn man jedoch ein paar Regeln beachtet, ist es sehr unwahrscheinlich, dass etwas passiert. Einfach an das halten, was Euch vor Ort empfohlen wird.

Das brasilianische Gesundheitssystem

Ein Zimmer auf der Gyn-Station am UFSC

Das SUS, das „Sistema única da saúde“, wörtlich das “einzige System der Gesundheit”, ist theoretisch wunderschön. Jeder Mensch in Brasilien hat Anspruch auf jede mögliche Behandlung und das kostenfrei. Jeder kann jederzeit und überall in einen „Gesundheitsposten“, so etwas wie große Praxen, nur Untersuchungen, keine Betten, oder in ein Krankenhaus gehen und bekommt alles, was in dem jeweiligen Fall von Nöten ist. Theoretisch. In der Praxis scheitert es an der Verfügbarkeit von Behandlungen, von Ressourcen und vor allem an Geld. So schön dieses Konstrukt auch ist, es funktioniert in der Praxis an vielen Stellen nicht. So müssen viele auf wichtige bildgebende Verfahren oder fachärztliche Untersuchungen warten – und d.h. mehrere Monate. Wer eine private Krankenversicherung hat, ist natürlich wie allerorts aus dem Schneider…

Die privaten Kliniken haben oft einen Standard wie wir hier, manchmal sogar besser – nicht umsonst gehört etwa die plastische Chirurgie in Brasilien zu den besten der Welt. Die öffentlichen Krankenhäuser sind oft in einem schlechten Zustand und personell dramatisch unterbesetzt. In vielen Gegenden gibt es de facto keine Gesundheitsversorgung. Niemand möchte im Niemandsland arbeiten und da das öffentliche System eh schon unter Nachwuchsmangel leidet, können hier selbst die etwas höheren Löhne nicht locken. Nicht nur das, selbst bei guter Besetzung fehlt es einfach an Geld, um eine gute Versorgung zu gewährleisten.

Geburtshilfe im Süden Brasiliens – Gynäkologie in Florianópolis

Kreißsaal am UFSC
Kreißsaal am UFSC

Das Hospital Universitário der Universidade Federal de Santa Catarina (UFSC) ist bekannt dafür, in Sachen Geburtshilfe ziemlich fortschrittlich zu sein. Als eine der ersten Einrichtungen bekräftigt es die Väter, bei der Geburt dabei zu sein. In vielen anderen Häusern ist dies bis heute untersagt. Es wird versucht, das Neugeborene so schnell wie möglich zur Mutter zu lassen, Hautkontakt ist wichtig, die Mütter zum Stillen angeregt.

Die Zimmer sollen einladend und gemütlich sein, es gibt allerlei Ausstattung, damit die werdenden Mütter sich bewegen können – so z.B. Bälle, Sitzkissen, Duschen, Schaukelstühle usw. und vieles mehr. Es ist also verhältnismäßig fortschrittlich. Im Vergleich zu unserem, dem deutschen Standard, ist es jedoch eher ziemlich ärmlich. Die Bettgestelle sind aus Metall und der Lack blättert an vielen Stellen ab. Es gibt keine Händedesinfektionsspender. Theoretisch werden sich nach jedem Patientenkontakt die Hände gewaschen. O-Ton einer Studentin: „Händewaschen ist ja genauso gut wie Alkohol“.

Als Unterlagen auf den Untersuchungsliegen dienen ein Laken, darüber ein Plastikquadrat und darüber Pappe. Die Bezüge sind abgewetzt, es lässt sich nur mit Mühe, Not und viel „Quietscherei“ etwas verstellen. Bei den gynäkologischen Untersuchungen wird mit einer normalen Stehlampe geleuchtet. An meinem ersten Tag gab es einfach mal für ein paar Sekunden einen Stromausfall usw. Obwohl ich mich, besonders in den letzten Monaten, relativ viel mit der Medizin in Drittweltländern beschäftigt hatte und mir bewusst war, dass es einen großen Unterschied zu den Verhältnissen in Deutschland gibt, musste ich öfters mal schlucken und mir ein Runzeln der Augenbrauen verkneifen. Es ist doch alles sehr anders und die Tatsache, dass es sich bei diesem Krankenhaus um eine der besten Adressen in diesem Land handelt, natürlich nur im öffentlichen Sektor, hat mich doch erschrocken.

Nichtsdestotrotz ist die Versorgung super. Es wimmelt von Studenten, es gibt mehr Studenten als Ärzte und ohne sie läuft gar nichts. In Brasilien sind die beiden letzten Jahre komplett praktisch orientiert, es werden verschiedene Stationen mehrmals durchlaufen und einmal wöchentlich, z.T. auch öfter, gibt es theoretischen Unterricht.

Ich hatte meistens mit den Studenten des 11. Semesters zu tun und war beeindruckt von deren Fähigkeiten. In der Aufnahme machen sie z.B. komplett alle Untersuchungen und die Anamnese, sie sind völlig selbständig. Vor Abschluss eines jeden Falles tragen sie dem Assistenz- oder jeweiligem Stationsarzt alles vor, holen sich ein o.k. und das war’s. Ich habe nur einmal erlebt, dass ein Arzt wegen einer Unsicherheit nochmal selbst untersucht hat.

Neben der körperlichen Untersuchung werden gerade noch der Herzschlag des Babys gehört, das Standardlabor ist nur auf das Nötigste beschränkt und auch Ultraschalluntersuchungen werden nur, wenn es wirklich nötig ist, gemacht. Wie Camila, meine Gastschwester, gesagt hat, werden sie dazu ausgebildet, mit den minimalsten Möglichkeiten zu Recht zu kommen – und das wirklich gut. Es gibt so beispielsweise ein MRT im Krankenhaus, auch ein CT, diese werden jedoch nur, wenn es wirklich nötig ist, genutzt. Wenn ich das mit dem Gebrauch in Deutschland vergleiche…

Was meine medizinischen Tätigkeiten in Florianópolis betraf, so konnte ich mir hier aussuchen, vormittags von 8:00-14:00 Uhr oder nachmittags von 14:00-20:00 Uhr zu arbeiten. Oft konnte ich vorher gehen, meine Anwesenheit wurde weder kontrolliert noch wurde irgendwie darauf geachtet, wann und wie lange ich geblieben bin. Wie schon beschrieben bin ich v.a. mit den Studenten gelaufen, im Prinzip konnte ich es mir aber auch aussuchen. Wenn ich nur rumgesessen hätte, wäre es wohl auch niemandem aufgefallen.

Es ist immer ziemlich entspannt gewesen. Die Stimmung war immer gut, schon allein deshalb, weil die meisten Brasilianer unkompliziert sind. Wirklich praktisch habe ich eher wenig gemacht, meistens habe ich zugesehen und mir Dinge erklären lassen. Ich habe CTGs machen dürfen, die Wehen begleitet, alle halbe Stunde werden dort die Herztöne des Babys gezählt und die Wehen per Handauflegen evaluiert, und im OP war ich auch ein paar Mal. Natürlich habe ich auch einige Geburten gesehen und anschließend die Neugeborenen-Untersuchungen verfolgt. Alles war auf freiwilliger Basis und ich durfte eigentlich immer überall mit hin.

Leben und Treiben in Florianópolis

Verlockende Strände in Brasilien
Verlockende Strände in Brasilien

Da ich die Idee, eine Famulatur über einen Austausch zu absolvieren, super fand, hatte ich mich beim bvmd beworben. In einer Stadt, in welcher man niemanden kennt, erleichtert die Einbindung in Strukturen von Studenten sowohl das Praktikum als auch die Zeit außerhalb, sprich die Freizeit.

Für Florianópolis hatte ich mich entschieden, da ich von Freunden schon viel vorgeschwärmt bekommen habe. Es sei eine wunderschöne Stadt mit tollen Stränden, die Insel sei paradiesisch, die Stadt liegt zum größten Teil auf einer Insel vor der Küste des Bundesstaates Santa Catarina und ist über eine Brücke mit dem Festland verbunden, die Leute seien nett und ich müsste es einfach kennen lernen. Zu meinem großen Glück konnte ich dann auch wirklich in die Stadt meines Erstwunsches gehen.

Der Süden Brasiliens ist stark von den europäischen Einwanderern geprägt. Überall findet man Hinweise auf italienische und deutsche Vorfahren und hierauf ist man auch sehr stolz. Die Leute sind anders als im Rest Brasiliens, kühler und zurückhaltender, oft wird ein wenig abschätzig über die Landsleute aus dem Norden gesprochen. Nicht nur die Herkunft ist europäisch, auch der Lebensstandard ähnelt dem unseren – zumindest in den reicheren Schichten – und auch das Erscheinungsbild ist dem unseren sehr ähnlich. Zum ersten Mal in meiner Zeit in Brasilien bin ich nicht aufgefallen und war teilweise sogar die Dunkelste.

Die Stadt bzw. die Insel ist wunderschön, satt-grüne Hügel, kleine bunte Fischerdörfchen wie auf den Azoren, denn die ersten Siedler kamen von dort, traumhafte und saubere Strände, 42 an der Zahl, türkisfarbenes Wasser, viele Wellen – „Florípa“ ist ein Surfer-Mekka – und abhängig von der Saison kann man Delfine und Wale sehen. Man kann unheimlich viel machen, von Paragliding und Trekking bis hin zu so ziemlich allen Wassersportarten. Mit dem Boot kommt man auf die kleinen Inselchen oder kann in der Altstadt bummeln gehen.
Alles ist sehr geordnet und das typische brasilianische Chaos gibt es hier nicht, es wirkt alles eher wie eine südeuropäische Stadt. Auch im Zentrum ist es grün, es gibt viele alte Gebäude und es ist sauber. Florianópolis ist eine Touristenstadt. Nicht nur viele Brasilianer kommen hierher, sondern vor allem Argentinier. Wer kann, sollte die Sommermonate – sprich Dezember bis Ende Februar – meiden, denn die ganze Stadt ist dann verstopft und die Strände sind voll…

Basisgesundheitsversorgung: auf dem Schiff und am Rand der Stadt

Unterwegs mit dem Krankenhausschiff Luz na Amazônia
Unterwegs mit dem Krankenhausschiff Luz na Amazônia

Über einen Bekannten hatte ich Kontakt zu der Leiterin des Schiffes „Luz na Amazônia“ aufnehmen können, welches neben medizinischer Hilfe die „Ribeirinhos“, die Flussbewohner, auch in sozialen Belangen unterstützt. Abhängig vom jeweiligen Team werden verschiedene Missionen zu erfüllen versucht. Meist geht es um medizinische Versorgung, etwa im Rahmen eines Hausarztes, Medikamentenverteilung gegen Würmer, Kopfschmerzen, Infektionen usw. und viele Screening-Untersuchungen. Ein Zahnarzt ist auch meistens dabei. Es wird versucht, Gesundheitsaufklärung und Gesundheitserziehung zu betreiben, es gibt Ernährungsberater und manchmal sind auch Sozialarbeiter mit von der Partie.

In Belém lief das Schiff eigentlich immer um 7:00 Uhr aus. Je nach Ziel und je nach Gruppe sind wir zwischen 12:00 Uhr und 17:00 Uhr zurückgekommen. Auch meine jeweiligen Tätigkeiten waren stark von der Gruppenzusammensetzung abhängig. Mal habe ich die Krankenschwestern bei der Aufnahme und Kurzanamnese unterstützt, mal bei den Ärzten zugeschaut und auch manchmal die Untersuchungen in ärztlicher Begleitung alleine durchgeführt. Die Belastung war oft ziemlich groß, da es sehr heiß war. Es war immer laut, weil es nur einen durch Paravents abgetrennten Raum gab, in welchem sich gut und gerne an die 30 Leute gequetscht haben, und es gab nur wenige Pausen. Aber trotzdem war auch hier die Stimmung gut und ich habe viele tolle Erinnerungen an diese Tage.

Dieser Versuch einer medizinischen Versorgung richtet sich an die „Ribeirinhos“, an die Flussbewohner. Diese leben in Häusern aus Holzlatten, immer mit einem Steg in den Fluss hinein und fast alle sind bitter arm. Sie leben vom Fischen, von der „Açaí-Ernte“, ein wirkliches Einkommen haben viele nicht. Ein weiteres Problem ist die Abgeschiedenheit. Obwohl das Schiff nur im Großraum Belém unterwegs ist, sind die Strecken teilweise nur unter größten Mühen zurück zu legen; für Kleinigkeiten fährt man nicht in die Stadt. Es ist merkwürdig zu sehen, dass sich innerhalb einer halben Stunde Fahrt alles ändern kann. Aus einer lebendigen riesigen Metropole in die Abgeschiedenheit an einem Nebenfluss.

Manchmal bin ich von einer Station zur nächsten gesprungen. Die Pharmazeuten, die hier ein ganz anderes Arbeitsprofil haben als bei uns, haben mit den „Ribeirinhos“ über Medikamente gesprochen, wie man sie einnimmt, sie aufbewahrt usw. und zudem über Hausmittel und Heilpflanzen. Ziemlich interessant! Aus den Gesprächen habe ich heraushören können, wie anders teilweise die Wahrnehmung ist, wie wenig sich manche um ihre Gesundheit sorgen und wie fremd mir manche Vorstellungen waren. Was mir nicht in diesem Ausmaße bewusst war: wie schwierig der Zugang zu Versorgung ist! Obwohl wir mit dem Schiff gerade mal etwa eine halbe Stunde gefahren sind, für die Leute dort ist es zum Teil ein Ding der Unmöglichkeit, zu einem Gesundheitsposten in der Stadt zu fahren. Die Reise dauert Stunden – ein Grund für die Nutzung der “medizinischen” Pflanzen. Dies ist ja prinzipiell nicht falsch, es gibt jedoch keine Möglichkeit, die Dosierung zu überprüfen, die Reinheit usw. Und der Gebrauch ist nicht unbedingt der richtige.

Das zahnärztliche Team hat vor allem Screening-Untersuchungen durchgeführt. Beinahe alle Kinder haben Karies und schlecht gepflegte Zähne, bei den Erwachsenen sah es dementsprechend schlimmer aus. Zahnbürsten wurden verteilt mit der Anweisung, dass es nicht eine Bürste pro Familie geben sollte, sondern jeder eine eigene haben muss. Etwas, was so selbstverständlich für uns ist, dass ich gar nicht auf die Idee gekommen wäre, darauf hinzuweisen. Wieder einmal ein Beweis dafür, dass unsere Realität doch so sehr anders ist als hier.

Eine der Ernährungsberaterinnen hat mir erzählt, dass die Leute oft mangelernährt sind, besonders die Kinder. Aber nicht, weil sie arm sind oder keine Möglichkeit hätten, an Früchte und Gemüse zu kommen, denn der Wald ist ja voll davon. Eher, weil viele verlernt haben, sich richtig zu ernähren. Durch das Fernsehen werden andere Lebensstile inklusive der bereits verarbeiteten Lebensmittel vorgelebt und da alle Brasilianer die „Novelas“ gucken und alles, was im TV ist, nachmachen, spiegelt sich dies auch in den Essensgewohnheiten wieder.

Krankenschwestern haben oft die Gesundheitserziehung übernommen, etwa über sexuell übertragbare Krankheiten. Es waren schon komische Situationen, z.B. ein Vater mitsamt Ehefrau und drei jugendlichen Töchtern. Es wurden keine Fragen gestellt, die Mädchen haben schüchtern gelächelt und der Vater schien abwesend. Aber zugehört wird trotzdem, man zeigt es nur nicht.

Das “Programa de Saúde de Família”, das Programm der Familiengesundheit, kurz PSF genannt, ist ein staatliches Programm, welches versucht, über einen ganzheitlicheren Ansatz die Gesundheitsversorgung der vor allem ärmeren Bevölkerung zu gewährleisten und legt einen wichtigen Schwerpunkt auf die Prävention und Gesundheitserziehung. Da es in der Umgebung von Belém viele Inseln gibt, die, wie ich ja bereits erwähnt habe, z.T. schwierig zu erreichen sind, hat sich die Kooperation zwischen dem Sekretariat für Gesundheit und dem „Luz na Amazônia“ ergeben. Bei diesen Reisen war das Team erheblich größer, wieder waren Krankenpfleger dabei, Ernährungsberater, ein Zahnärzte, Pharmazeuten, Augenärzte, Sozialarbeiter und Ärzte.

Es gab Gesundheitsunterricht für die Kinder, sie wurden gewogen und gemessen, und es gab Vorträge für die Erwachsenen. Wer zum Arzt wollte, wurde gewogen und der Blutdruck wurde gemessen. Oft blieb es bei der Anamnese, manchmal wurde mit dem Stethoskop nachgehört, aber aufgrund der fehlenden Möglichkeiten beschränkten sich diese “Untersuchungen” wirklich auf das Einfachste. Patienten waren, bis auf sehr wenige Ausnahmen, Frauen mit ihren Kindern. Letztere waren alle anämisch aufgrund von Parasiten, alle haben etwas gegen die kleinen „Mitbewohner“ bekommen und so einige ein Eisenpräparat. Zudem hatten viele Kinder Infektionen im Urogenitaltrakt, welche antibiotisch oder antimikotisch behandelt wurden. Sonstige Konsultationsgründe waren gar nicht so anders als bei einem Hausarzt in deutschen Landen: Kopfschmerzen, Grippe, Husten, Rückenschmerzen usw. Den meisten wurden Medikamente verschrieben, die es zum größten Teil direkt an Bord gab, ging es um weitergehende Untersuchungen, wurde an den jeweils zuständigen Posten verwiesen, welcher oft einige Stunden Reise entfernt liegt.

In den Gesprächen mit der Ärztin ist oft aufgefallen, dass das Gesundheitsbewusstsein der Leute ein ganz anderes bzw. nicht wirklich vorhanden ist. Ein Großteil des Gesprächsinhaltes wurde daher dazu verwendet, Aufklärung über elementare Dinge zu betreiben, Hygiene, Ernährung, Lebenswandel und andere Dinge anzusprechen.

Meine Arbeit in der „Casa de Família“ in Belém

Blick vom Fluss auf eine der Favelas von Belém
Blick vom Fluss auf eine der Favelas von Belém

In der Stadt Belém selbst war es nicht anders. Eine der Ärztinnen, die ab und zu an den Reisen teilgenommen hat, hatte mir angeboten, ihr an den Tagen ohne Reise über die Schulter zu schauen. Sie arbeitet in einem „Casa de Família“ (Familienhaus), der kleinsten Einheit im brasilianischen Gesundheitssystem. Das Prinzip ist folgendes: da Gesundheit mehr als nur die rein körperliche Seite beinhaltet, wird versucht, über diese Familienhäuser einen breiteren Zugang zur Bevölkerung zu finden. Pro definierten Bezirk gibt es ein solches Haus, welches sozusagen die Basis ist. Hier gibt es meist pro Schicht, morgens und nachmittags, einen Arzt, einen Zahnarzt, eine Krankenschwester, einen Krankenpflegehelfer und sonstige Angestellte (Administration, Reinigungskräfte usw.). Von hier schwärmen die Gesundheitshelfer aus, jede Familien wird einem dieser Helfer zugeteilt, welcher dann verantwortlich ist. Sie machen Hausbesuche, sind Ansprechpartner für beide Seiten, sowohl für die Familie als auch für den Arzt, und kennen meist die ganzen Geschichten um eine Familie herum, die Umstände, das Leben usw.

In dem „Familienhaus“, in einer der „Favelas“ von Belém, in welchem ich das Programm zur Familiengesundheit kennen lernen durfte, bin ich meistens gegen 9:00 Uhr eingetroffen. Praktisch konnte ich wenig tun, wobei auch die Ärztin nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten hatte, an Handwerkszeug kam nur das Stethoskop zum Einsatz. Es war alles stark auf die Anamnese ausgerichtet, das Meiste wurde über das Gespräch abgewickelt. Oft wurden Laborergebnisse besprochen, Empfehlungen ausgesprochen oder Überweisungen.

Ab und zu gab es Hausbesuche, welche immer in „voller Montur“ gemacht wurden, sprich der Kittel wurde als eine Art Sicherheitsmaßnahme sichtlich getragen. Auch hier gab es eigentlich nur das Stethoskop. Die Belastung war zeitlich sehr gering, denn meistens sind wir schon um 12:00 Uhr wieder gefahren. Michelle, die Ärztin, hatte mich immer ins Stadtzentrum mitgenommen und wollte nicht, dass ich in die Nachmittagssprechstunde ging, es sei zu gefährlich anschließend nach Hause zu kommen. Hier war die Belastung eher psychisch, weil ich doch einige Fälle sehr hautnah mitbekommen habe, schließlich ist die Idee dieses Programmes, dass die Familien umfassend begleitet werden.

Wenn jemand ein gesundheitliches Problem hat, ist die Idee, dass er/sie zunächst zu diesem Familienhaus geht. Hier wird dann “vorsortiert” – und auch die meisten Probleme werden hier behoben. In “meinem” PSF war es so, dass jeder Tag gewissermaßen unter einem anderen Thema stand. Montags war der geriatrische Tag, dienstags waren die Kinder dran, mittwochs wurden Hausbesuche gemacht und außerdem die Vorsorgeuntersuchungen der Schwangeren sowie die Familienplanung. Donnerstags kamen die Erwachsenen und freitags, nun ja, dieser Tag war gemischt. Einmal in der Woche war der Labor-Tag (dienstags) und es wurden Blut ab- und Stuhl-/Urinproben entgegengenommen.

Auch hier sind die diagnostischen Möglichkeiten begrenzt, alles, was über die klinische Untersuchung per Hand und Stethoskop hinaus geht, ist unmöglich. Es gibt so gut wie kein Material, noch nicht mal Leuchten, um in den Hals zu gucken – das wird mit dem Handy gemacht. Die Ausstattung ist erbärmlich, das Meiste bringen die Ärzte selber mit, wenn ihr Engagement denn soweit reicht, d.h. zum Beispiel das Blutzuckermessgerät, dieses kleine Ding, was bei uns jeder Diabetiker hat, bringt Michelle, “meine” Ärztin, selber mit. Dinge, wie einfachstes chirurgisches Nähzeug etwa, sind nicht vorhanden, es fehlt sogar Seife, zum Händewaschen. Für mich hatte das alles einen super Vorteil, denn ich bekam mit, wie mit kaum etwas doch sehr viel bewältigt werden kann, etwas, was wir in Deutschland so nicht lernen.

Nun zum Alltag. Meistens sind die Arztbesuche terminlich geregelt, d.h. es werden morgens schon die Krankenblätter rausgelegt, es wird das meiste notiert, es werden Rezepte ausgestellt, einiges gibt es im „PSF“ selbst, der Rest muss in den günstigen, staatlich geregelten Apotheken selbst gekauft werden. Viele, viele Krankheitsbilder sind dieselben wie in einer regulären Hausarztpraxis in Deutschland: Diabetes, Bluthochdruck, Somatisierungen. Doch es gibt auch sehr viel, was wir bei uns nicht so oft sehen: viele Hautkrankheiten, die mit Pilzbefall einhergehen, vor allem bei Kindern, die draußen spielen, also beinahe alle; viele Nagelmykosen. So gut wie alle werden gegen Parasiten behandelt, Ursache nicht ausreichend gereinigtes Trinkwasser, wenn die Kinder barfuss spielen, Krätze, nicht aufgrund mangelnder Hygiene, sondern wegen des Klimas, dann viele Kinder mit Anämien, weil nicht das richtige Essen vorgesetzt wird.

“Mein” PSF war in einem sehr armen und ziemlich gefährlichen Stadtteil. So sollte ich z.B. nur vormittags kommen, ab dem Nachmittag wurde es gefährlicher. Wenn ich mit meinem Handy telefonieren wollte, sollte ich dies nur innerhalb der Räumlichkeiten tun usw. Etwa die Hälfte der Häuser in diesem Stadtteil ist aus Stein, die andere Hälfte aus Holzlatten, die Gassen sind eng und es wirkt wie ein Labyrinth. Viele der Auffälligkeiten der Menschen, vor allem der Kinder, hängen mit dem Wohnort und den damit assoziierten Problemen zusammen: Verwahrlosung, also etwa Läuse oder Unterernährung, fehlende Zusammenarbeit bei der Behandlung, sei es wegen fehlendem Verständnis oder wegen fehlendem Willen, keine Möglichkeit, das Geld für Transportmittel für die weiterführende Diagnostik oder fachärztliche Behandlung oder die Medikamente fehlen. Ich könnte die Liste noch ewig weiterführen.

Es war krass mitzuerleben, wie dasselbe System, welches im Süden zwar große Mängel aufweist, aber doch funktioniert, im Norden des Landes so zusammengebrochen ist – oder nie funktioniert hat. Und was dies für die Menschen heißt, die darauf angewiesen sind.

Das „andere“ Leben und Treiben in Belém

Sonnenuntergang auf einem Nebenfluss des Guamás
Sonnenuntergang auf einem Nebenfluss des Guamás

Über einen Zwischenstopp in meinem geliebten Salvador bin ich dann hoch in den Norden geflogen, mitten ins Amazonasgebiet, nach Belém, der Hauptstadt und größten Stadt des Bundesstaates Pará, welches auch der größte Bundesstaat Brasiliens ist. Belém, zu Deutsch Bethlehem, ist eine 1,5 Millionen Einwohner Stadt, riesig und laut. Auf der einen Seite gibt es hier Unmengen von wunderschönen Gebäuden aus der Zeit des Kautschuk-Booms, viele mit bunten portugiesischen Kacheln. An den Decken vieler Geschäfte sieht man filigranen Stuck. Es gibt zahlreiche Plätze, die bepflanzt sind, mit Brunnen und noch mehr alten Gebäuden. Die Stadt ist voller riesiger Mangobäume, die sehr zum Ärger der Parkenden auch öfter mal Mangos “abwerfen”, und an allen Ecken sieht man grün. Auf den Straßen sind immer Menschen zu sehen. Besonders in den Nachmittagsstunden sitzt man vor seinem Haus und unterhält sich oder trinkt ein Bierchen.

Die Stadt lebt, ist laut und ist voll. Auf der anderen Seite ist genau das ein großes Problem. Der Verkehr ist ein riesiges Chaos, es ist schon fast selbstmörderisch, ins Auto zu steigen. Es gibt zwar Regeln, aber weder Auto- noch Busfahrer, viel weniger noch die Fahrradfahrer und diese gibt es in riesiger Zahl, noch die Fußgänger halten sich daran. Glücklicherweise gibt es hier eher wenig Raserei, aber auch nur, weil die Strassen zu voll und zu eng sind. Trotzdem ist es einfach unglaublich, wie der Verkehr hier abläuft. Es stinkt nach Abgasen, die vielen kleinen Kanäle, die durch die Stadt ziehen, sind Müllflüsse und riechen übel nach Fäkalien. Die Bewohner Beléms haben größtenteils nicht wirklich viel Umweltbewusstsein und auf den Straßen stapelt sich der Abfall. Hier gibt es viel Armut und die Stadt ist in den letzten Jahren sehr gewalttätig und gefährlich geworden.

Hier ist so ziemlich alles anders. Die Musik, zumindest bei den Jungen sehr beliebt, ist für meine von wunderbarer brasilianischer Musik verwöhnten Ohren eine Zumutung. „Techno-Brega“ – vielleicht findet Ihr ja was bei „Youtube“. Quietschige Stimmen, die zu blechernen Rhythmen vor sich hin quietschen. Und wie überall in Brasilien in einer Lautstärke, die mit Sicherheit zu bleibenden Schäden führt. Auch das Äußere der Menschen ist ganz anders. Die meisten stammen von den „Caboclos“ ab, einer Mischung aus der indigenen Bevölkerung, den Portugiesen und den hierher verschleppten Sklaven. Nach dem komplett weißen Süden und dem von der afrikanischen Kultur geprägten Salvador wieder eine ganz neue Erfahrung. Und wieder konnte man auf mehrere hundert Meter Entfernung sehen, dass ich nicht von hier bin.

Das Wetter?! Noch etwas, was ich noch nie so erlebt habe. In meinen fast zwei Jahren in Brasilien habe ich schon so manches Mal unter der Hitze gelitten, mich gefragt, wie die Leute das aushalten. Aber hier bekommt das alles eine wirklich ganz andere Dimension. Es ist wie in einer Waschküche, es ist heiß, drückend, es regnet jeden Tag, ohne dass es abkühlt. Es ist unglaublich. Noch unglaublicher ist nur, dass die Leute, besonders die Frauen, hier verrückt sind. Egal, wie heiß es ist – es werden lange Jeanshosen getragen, oft in Kombination mit geschlossenen Schuhen oder Turnschuhen. Und das bei 35 Grad! Kein Wunder, dass es hier eine riesige Inszidenz von Pilzerkrankungen bei der weiblichen Bevölkerung gibt. Und das Schlimmste, von mir wurde erwartet, mich auch so zu kleiden und dies auf den Schiffsreisen. Andererseits ist wenigstens dies nachzuvollziehen, denn immerhin kam ich dort in Kontakt mit einer Menge Menschen, die wer weiß, was hatten!

Aber die „Paraneses“, wie die Bewohner dieses Bundesstaates genannt werden, sind wunderbare Menschen, ausgesprochen gastfreundlich – sogar noch mehr als meine geliebten „Baianos“. Dass dies möglich ist, hätte ich nicht gedacht. Sie sind herzlich, total interessiert, stellen viele Fragen und freuen sich, dass man ihre Stadt kennen lernen will. So gut wie alle sind stolz auf Belém und möchten nicht woanders wohnen, trotz des Chaos, der Hitze und der wachsenden Gewalt.

Im Nordosten Brasiliens – meiner Lieblingsecke

Mit einem Kind vom Projekt bei einem Ausflug

Nach den beiden Monaten voller Wasser, in Form des riesigen Flusses, übrigens war es nicht der Amazonas sondern „nur“ der Fluss „Guamá“, welcher aber immer noch mehr als zehnmal so breit wie der Rhein war, und des täglichen tropischen Regens habe ich den folgenden Monat im trockenen Hinterland des Bundesstaates „Ceará“ verbracht, dem trockenen Armenhaus Brasiliens.

Auch hier war es heiß, sehr heiß, aber ich konnte es nach der drückenden Waschküchen-Atmosphäre wirklich gut aushalten. Die Stadt „Crato“, in welcher ich einen Monat verbrachte, liegt im Hinterland des Bundesstaates „Ceará“, einer der trockensten Regionen Brasiliens, dem „Sertão“, im Nordosten. Im Gegensatz zum gut entwickelten Süden und dem wirtschaftlich starken Südosten ist der Nordosten der ärmste Teil des Landes und zudem auch noch der trockenste. In „Crato“ leben etwa 100.000 Einwohner, es grenzen noch zwei Städte an, die Region wird „Cariri“ genannt. Die Stadt liegt in einem Tal, zwischen sehr grünen und bewaldeten Bergen, die zwar nicht wirklich hoch, doch bekannt für ihre Natur sind, denn es ist eine der Regionen mit dem größten zusammenhängenden ursprünglichen atlantischen Regenwald, welcher früher den Großteil des brasilianischen Territoriums bedeckte.

Während meiner Zeit wurde gerade Geburtstag gefeiert, denn „Crato“ wurde 246 Jahre alt. Dementsprechend gibt es im Stadtzentrum viele alte Gebäude und wie in Brasilien typisch sind diese zumeist farbig angestrichen. Auch hier gibt es viele Plätze mit Bäumen, auf welchen sich die Leute treffen und nachmittags, abends und auch sonst oft am Tag einfach nur draußen sitzen und sich unterhalten. In der Innenstadt wimmelt es nur so von Motorrädern, es scheint beinahe, als ob es mehr Motorräder als Einwohner gäbe. Durch die unzähligen „Moto-Taxis“ (Motorräder-Taxis) ist ein anderes öffentliches Transportsystem unnötig. Die Straßen sind eng und immer voll, die Läden reihen sich Seite an Seite und wie an vielen Orten hier scheint es unterschiedliche Abschnitte zu geben. In einer Straße findet man fast alle Autowerkstätten, die Bekleidungsläden befinden sich auch beieinander, die Supermärkte sind größtenteils in der gleichen Ecke usw. Besonders im Zentrum stinkt es oft, nach Müll, nach Abgasen, in der Nähe der Fleischläden nach frischem Fleisch.

Es ist eine sehr lebendige Stadt und für brasilianische Verhältnisse und mich, die ich an große Städte gewohnt bin, war es, was die Kriminalität betrifft, ziemlich ruhig – klammert man die schlechten Viertel aus und passt abends ein bisschen auf. Ich mochte das Leben hier sehr, denn es ist nicht zu laut, nicht zu chaotisch – nur der normale brasilianische Wahnsinn. Es geht gemütlich zu und von fast allen Ecken aus kann man auf die grünen Berge schauen. Zwar gibt es hier kein Kino, aber besonders am „Hauptplatz“, dem „Praça da Sé“, war abends immer etwas los, außerdem gab es oft Konzerte und kulturelle Veranstaltungen, bei denen der Eintritt frei war. Die Leute sind sehr nett, sehr gastfreundlich und hier merkte ich mal wieder, dass der Nordosten meine Lieblingsecke in Brasilien ist.

Meine Projektarbeit im Nordosten Brasiliens

Auf der Müllhalde nach der allwöchentlichen Essensausgabe
Auf der Müllhalde nach der allwöchentlichen Essensausgabe

Nun zu dem Projekt „Nova Vida“ („Neues Leben““). Ich kenne dieses Projekt schon seit etwa fünf Jahren und hatte es auch bereits besucht. Weil ich von der Arbeit der beiden Gründer so beeindruckt war und immer noch bin, wollte ich gerne längere Zeit dort verbringen und mit anpacken. Das Viertel mit Namen „São Miguel“, in welchem sich das Projekt befindet, ist bekannt für Prostitution und Drogen. Die Problematiken sind dieselben einer Großstadt: Drogen und deren Begleiterscheinungen, sprich Prostitution, Drogenhandel und -kriege, Überfälle, Gewalt. Viele der Kinder sind vernachlässigt bzw. die Eltern sind nicht ganz so hinterher, haben selbst keine wirkliche Bildung.

Neben dem Kindergarten und der Vorschule, die jeweils morgens und nachmittags unterschiedliche Klassen haben, gibt es nachmittags verschiedene AGs, so z.B. zu Tanz, Kunsthandwerk, „Capoeira“ und Kurse für die Erwachsenen zu Themen wie Nähen, Friseur und Maniküre, Informatik. Dadurch, dass Hermano, der Leiter und Gründer, Anwalt ist und Vorsitzender der Menschenrechtskommission „Crato’s“, entstehen hier verschiedene Schnittpunkte. So etwa die Arbeit im Gefängnis, es werden Kurse gegeben und die Insassen auch anderweitig betreut, und auf der Müllkippe („Lixão“). Alles steht in Verbindung mit dem Projekt „Nova Vida“ und die Angestellten werden auch regelmäßig in den verschiedenen Bereichen eingesetzt. Über diese stets laufenden Aktivitäten hinaus, hilft das gesamte Team in allen möglichen Situationen. Es werden Hilfen zur Entziehungskur gestellt, fehlen Baumaterialien werden diese oft besorgt usw. Wer Hilfe braucht, erhält sie hier.

Wer im falschen Viertel aufwächst, etwa in „São Miguel“, in welchem das Projekt ist, der wächst mit der Allgegenwärtigkeit der Drogen auf. Zugedröhnte Leute torkeln ab und zu die Straße entlang, die Gewalt und Kriminalität aufgrund der Drogen ist immer da. Diese Geschichten hört man andauernd, die ausgemergelten Cracksüchtigen lassen sich von Weitem erkennen, selbst die Kleinen wissen schon, wer verkauft usw. Es muss schwer sein, mitten in diesen Drogenlöchern zu sein und sich nicht damit zu involvieren, besonders als Jugendlicher – und leider schaffen es sehr viele nicht. Viele Eltern sind selbst in all das verwickelt, viele verkaufen und z.B. David, 4 Jahre, zeigt auf eines der Häuser in der Straße des Projektes und flüstert: „Hier hat mein Papa seinen Laden“ – sprich hier verkauft er Drogen. Oder viele konsumieren und verheimlichen dies nicht vor ihren Kindern oder schützen diese davor. Viele vernachlässigen ihre Kinder so wie im Falle von Matheus, 6 Jahre, Sohn einer Prostituierten, der komplett sich selbst überlassen ist und vor einigen Monaten fast gestorben wäre, weil er Tabletten, die er im Müll gefunden hat, einfach geschluckt hat; der zunächst nicht zur Schule gehen durfte, da sie es ihm verboten hatte und Hermano und Socorro regelrecht mit ihr gekämpft haben, um das durchzusetzen. Ich könnte noch so viele andere Geschichten erzählen.

Es sind nicht nur die Drogen, oft ist es vergesellschaftet mit Alkohol und all das bekommen die Kinder jeden Tag mit – und nehmen all dies in ihr Spiel auf: meine Klasse 5-jähriger spielt dann im Park „Biertrinken“, in anderen Situationen höre ich Sätze wie „Ich will niemand Betrunkenen im Haus haben“ usw. Auch hier könnte ich wieder eine Menge Beispiele anbringen.

Es ist so traurig und ist so hart zu sehen, wie sehr die Kleinen in all das verwickelt werden! David, dessen Vater Crack verkauft (s.o.), hat mit seinen vier Jahren schon Drogen für seine Mutter ausgehändigt, seine 16 jährige Schwester Rauany hat das Handwerk ihrer Mutter von klein auf gelernt und ist voll mit eingebunden gewesen; vor einigen Monaten ist ihre Mutter übrigens vor ihren Augen erschossen worden – Drogenkrieg. In beinahe jeder Familie gibt es solche Geschichten, zumindest von abhängigen Verwandten kann jeder berichten.

Doch andererseits ist das Leben in diesem Viertel sehr bunt, es ist immer etwas los. Abends setzen sich alle vor ihre Häuser, es herrscht ein Gemeinschaftsgefühl und alles ist lebendig, die Kinder spielen viel, sind den ganzen Tag draußen und es eine wunderbare Stimmung. Unglaublich, dass diese beiden so krassen Gegensätze so sehr miteinander verwoben sind.

Nun kurz zu den einzelnen Aktivitäten, angefangen mit dem Projekt „Lixão“. Seit etwa einem Jahr fährt Hermano jeden Freitag etwa eine halbe Stunde zu einer der großen Müllkippen „Cratos“, um den Müllsammlern eine warme Mahlzeit zu bringen. Das wöchentliche Essenausschenken sollte nicht an Wichtigkeit unterschätzt werden. Da die Leute ansonsten zumeist im Müll nach Essbarem suchen, stellt diese Essensausgabe oft die einzige frische Mahlzeit in einer ganzen Woche dar und wird natürlich zur Ernährung, vor allem aber als ein Anfang zum Brückenbauen, genutzt. Ein wichtiges Anliegen Hermanos ist die Schaffung eines Gemeinschaftsgefühls, denn bis vor Kurzem hat jeder für sich gekämpft; es soll jedoch eine Union gebildet werden, damit mehr Forderungen gegenüber den Zwischenhändlern und gerechtere Preise für das gesammelte Material, in Brasilien werden alle möglichen Materialien pro Kilo verkauft, etwa Papier, Aluminium, Plastik usw., sowie mehr Schutz während der Arbeit erkämpft werden.

Kleine Teilerfolge sind schon zu verbuchen. Immerhin benutzen die meisten „festes“ Schuhwerk, sprich sind nicht barfuß, und haben zumeist irgendwelche alten Turnschuhe. Es wurden Mundschutze verteilt und der Müll aus dem Krankenhaus als auch Tierkadaver werden mittlerweile in gesonderte Gruben geschüttet. Doch das Meiste steht noch am Anfang, denn bevor große Aktionen geplant werden und in die Wege geleitet werden können, muss zunächst erst einmal das Bewusstsein geschaffen werden. All dies versucht Hermano in seinen kurzen Ansprachen vor dem Essen zu erreichen und es scheint zu fruchten. Ich bin sehr gespannt, wie es in den nächsten Monaten weiter gehen wird. Mich haben die „Ausflüge“ auf den „Lixão“ immer sehr beeindruckt. Ich kann gar nicht mal beschreiben was es genau war, vielleicht weil es eine sehr direkte Hilfe ist, ohne Umwege.

Es ist ein sehr reger Kontakt und Austausch da, man kommt ins Gespräch und diese Menschen erzählen von ihrem Leben und dies obwohl es so hart ist, dort in der Hitze alltäglich im stinkenden Müll zu wühlen. Selten habe ich trotz allem ein so lustiges Grüppchen kennen gelernt. Es macht ihnen offensichtlich wirklich Spaß und ich fand es so bewundernswert, dass sie trotz all dieser schrecklichen Umstände ihr Lachen nicht verloren haben.

Natürlich ist dies nicht nur schön, vieles ist schwer zu ertragen. Zusammen mit den unzähligen Geiern kämpfen die Leute um das Essen, Geier gegen Mensch. Ohne Schutzkleidung wird mit bloßen Händen in den Resten anderer gewühlt. Durch die giftigen Gase des verwesenden Mülls besteht neben der permanenten Gesundheitsbedrohung auch die Gefahr von Explosionen. Durch die unerträglich heiße Mittagssonne sind die Gesichter ledrig und ausgedörrt. Und dann noch die Einzelschicksale…

Ein weiteres Projekt, welches an „Nova Vida“ angeschlossen ist, ist die Betreuung im Gefängnis. Diese Zusammenarbeit entstand durch Hermanos Tätigkeit als Anwalt und als Vorsitzender der Menschenrechtskommission. Im Rahmen dieses Projektes werden nicht nur verschiedene Kurse angeboten wie Kunsthandwerk, Alphabetisierung u.a. und die Insassen bei verschiedensten Anliegen unterstützt, sondern Hermano bringt wöchentlich frisches Gemüse (Essen wird zwar gestellt, doch so wirklich ausgewogen ist das gelieferte nicht…) vorbei, denn Essen wird zwar gestellt, doch so wirklich ausgewogen ist das gelieferte nicht. Zudem setzt er sich für ihre Rechte ein.

Das Gefängnis hat einen Frauen- und einen Männertrakt, Platz ist nicht wirklich da. Alleine bei den Frauen sollten eigentlich maximal sechs einsitzen, tatsächlich sind es jedoch manchmal um die 20 Frauen, d.h. die sechs Betten sind doppelt belegt, überall hängen Hängematten und die winzig kleine Zelle ist vollkommen überfüllt. Tagsüber dürfen sich die Gefangenen in ihrem Trakt „frei“ bewegen, sprich in dem Korridor unter freiem Himmel und in der Küche, denn sie sind für die Versorgung des gesamten Gefängnisses zuständig.

Bei den Männern ist es ein wenig anders. Zum Einen sind es bei weitem mehr, zuletzt saßen sieben Frauen und an die 70 Männer ein. Die männlichen Gefangenen haben dementsprechend mehr Platz – mehr, aber nicht viel, denn auch bei ihnen ist es viel zu eng. Zum Anderen sind sie im Gegensatz zu den Frauen wirklich komplett eingesperrt, es gibt zwar einen Innenhof, doch dieser ist mit einem großen Eisentor fest verschlossen.

Im Projekt war meine Arbeit zweigeteilt. Vormittags habe ich Luciana, einer der Lehrerinnen mit ihrer Klasse von 4-Jährigen geholfen, nachmittags bin ich eingesprungen, wo gerade jemand nötig war, so z.B. bei der Vorbereitung zu den Festen oder der grün-gelb-Dekoration für die Weltmeisterschaft der Straße. Oft habe ich eine der Gruppen betreut und mittwochs Sexualkundeunterricht gegeben.

Luciana‘s Klasse hatte eigentlich 23 Schüler, wie es hier aber so üblich ist, fehlten jeden Tag ein paar, so dass meistens um die 18 Kinder zu betreuen waren. Es wird zwar „Creche“, also Kindergarten genannt, doch in Brasilien werden die Kleinen schon mit drei Jahren langsam alphabetisiert, müssen Buchstaben nachmalen, das ABC aufsagen usw. Freies Spiel, wie bei uns hierzulande, ist eher wenig verbreitet, irgendeine Aktivität gibt es immer. In den letzten beiden Wochen wurde beinahe jeden Morgen für „São João“ geübt, ein Volksfest Ende Juni mit typischen Tänzen und viel „Forró-Musik“. Ansonsten ging es dreimal in der Woche in den kleinen Park des Projektes.

Zusätzlich zu der Klasse von Luciana habe ich für die Jugendlichen der Kunsthandwerks-AG Sexualkundeunterricht gehalten. Ich hatte drei Nachmittage und so hatte ich das Ganze in drei Abschnitte unterteilt: zuerst kam das Thema „Pubertät“, dann „Schwangerschaft“ und schließlich „sexuell übertragbare Krankheiten“. Die Gruppe bestand aus etwa zehn Jugendlichen, davon um die sieben Mädels und drei Jungen im Alter von 10 bis 15 Jahren. Es war sehr lustig, wir haben viel gelacht und zur gleichen Zeit war es oft auch ziemlich erschreckend, wie wenig sie wussten…

Am ersten Tag haben wir über die Pubertät gesprochen, einen großen Schwerpunkt hatte ich dabei auf das Thema „Menstruation“ und „Hygiene“ gelegt. Die Jungs waren sehr ruhig, zum Einen wohl wegen der Überzahl der Mädels und dann auch noch wegen des Mädchenthemas… Als ich dann Tampons in ein Wasserglas gehalten habe, war dann doch großes Erstaunen zu sehen – anfassen wollten sie trotzdem nichts, noch nicht einmal die eingepackten Binden. Über den weiblichen Zyklus, was das ist und wozu, wussten sie nichts und auch die Mädchen wussten nicht wirklich etwas – wirklich erschreckend. Dass all dies dazu dient, dass die Frau schwanger wird, war ihnen gar nicht klar. Nun ja, auch Tampons waren unbekannt, wobei ich hinzufügen muss, dass diese hier in Brasilien eh nicht so verbreitet sind. Käuflich sind sie zwar zu erwerben, doch so teuer, dass ich noch nie eine Brasilianerin getroffen habe, die nur Tampons benutzt.

Leider habe ich keine Vergleichsmöglichkeit. Ich bin mir nicht sicher, inwiefern deutsche Jugendliche in diesem Alter aufgeklärt sind. Auch bei der zweiten Stunde, dieses Mal zum Thema „Schwangerschaft und Verhütung“ war wieder eine Menge Unwissen vorhanden, z.T. absurde Vorstellungen. Wir haben unter anderem geübt, Kondome zu benutzen und da wir keine Bananen hatten, haben wir Möhren benutzt. Es wurde sehr viel gelacht und alle im Projekt, die von der Aktion wussten, waren den restlichen Tag total albern.

Ich habe gemerkt, wie viele Fragen die Jugendlichen hatten, ja ein riesiger Wissensdurst vorhanden war und da sie mich eher als jemand wie sie wahrgenommen haben, im Gegensatz zu den Lehrern und Betreuern, sind viele zu mir gekommen und haben Unmengen von Fragen gestellt.

Diese drei Stunden haben zumindest eine Menge Unklarheiten geklärt und ich hoffe sehr, dass sie auch einen positiven Einfluss haben, denn wie überall in armen Gegenden ist auch hier die Zahl der Schwangerschaften Minderjähriger extrem hoch, glücklicherweise ist hier HIV/AIDS kaum vorhanden. Wenn das Grüppchen auch nur mitnimmt, dass Kondome nicht teuer sind. In einer Apotheke kostet ein Päckchen mit drei Kondomen 1 Real, also etwa 40 Cent. Andererseits, wenn jemand vielleicht 20 Reais im Monat hat, kauft er dann die verhältnismäßig teuren Kondome? Und vielleicht denken sie daran, dass man monatlich sogar 10 Stück umsonst bei den Gesundheitsposten erhält. Und wenn sich die Mädels daran erinnern, dass die Pille zwar verschreibungspflichtig, jedoch gratis ist und auch die Jungs sich daran erinnern, dann bin ich schon zufrieden.

Es ist ein unheimlich tolles Projekt und mit ihrer Arbeit haben Socorro und Hermano sehr viel verändert. Zwar ist das Viertel immer noch gefährlich, doch es ist besser geworden. Einige der ehemaligen Jugendlichen des Projektes sind leider im Gefängnis, doch sehr viele mehr arbeiten heute, einige studieren sogar – ohne dieses Projekt wäre dies wohl nicht möglich gewesen. Es ist toll zu sehen und mitzuerleben, wie zwei Menschen einen so großen Unterschied machen können, es gab mir viel Kraft und inspirierte mich.

Rein medizinisch habe ich beim Projekt „Nova Vida“ wenig bzw. gar nichts gemacht, vom Sexualkundeunterricht mal abgesehen. Es war trotzdem ein toller Monat, ich habe Einblicke gewinnen können, die mir sonst verwehrt gewesen wären. Wer kann schon mal in ein brasilianisches Gefängnis gehen, ohne etwas ausgefressen zu haben?

In Bahia – der Karneval und die Fußballweltmeisterschaft 2010

Der Blick von meinem Fenster in Simoes Filho, Bahia

Den letzten Monat meines Aufenthaltes in Brasilien hatte ich mir bewusst freigehalten und habe die Zeit in meinem Lieblingsbundesstaat Bahia verbracht. In der Stadt „Simões Filho“ hatte ich insgesamt früher schon neun Monate verbracht. Sechs Monate hatte ich nach meinem Abitur in einem Kinderdorf gearbeitet und im Jahr darauf nochmals drei Monate. Bahia ist meine Lieblingsecke, auch einer der Staaten des Nordostens und auch voller schrecklicher Probleme, aber es ist auch eine der lebenslustigsten und spannendsten Gegenden. Salvador, die Hauptstadt Bahias, etwa eine Stunde von „Simões Filho“ entfernt, ist das „schwarze Herz Brasiliens“, der afrikanische Einfluss durch die Millionen von hierher verfrachteten Sklaven ist im Alltag, der Kultur und den Menschen allgegenwärtig.

Die „Baianos“, die Einwohner Bahias, sind dafür bekannt, dass sie sehr entspannt sind, freundlich und gerne feiern. Der lebendigste Karneval in Brasilien findet hier statt. Anders als in Rio, wo der Karneval vor allem auf Vorführungen ausgelegt ist, geht es hier ums mitmachen. Doch auch außerhalb der Karnevals-Saison ist hier viel los. Im Altstadtviertel „Pelourinho“, übrigens Weltkulturerbe, gibt es viele kulturelle Veranstaltungen, Theater, Tanz und ganz viel Live-Musik. Es ist immer etwas los und alles ist bunt – nicht nur zur Fußball-Weltmeisterschaft wie in diesem Jahr.

Während den Wochen der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika hat das Land Kopf gestanden, Ausnahmezustand pur. Es war eine Menge los und auch wenn es in Deutschland bestimmt ebenfalls ziemlich heftig war – die Brasilianer feiern mehr! Es wurde komplett alles dekoriert, Fahnen überall. Seile wurden zwischen den Häusern gespannt und mit grün-gelben Bändchen bestückt. Wenn man drunter herging und der Wind wehte, rauschte es wie bei Regenschauer. Auf den Straßen gab es riesige Flaggen, Sprüche und sonstiges mit Farbe aufgemalt. Viele Geschäfte hatten ihre Uniformen in grün-gelbe T-Shirts umgeändert, auf Autos klebten riesige Fahnen oder Flaggen waren aufgemalt. Die Liebe zur „Seleção“ war sogar auf den Fingernägeln der Frauen in Form von grün-gelb lackierten Nägeln und aufgemalten Flaggen zu sehen. Es ist schon der Wahnsinn gewesen.

Wenn Brasilien gespielt hat, waren die Straßen wie leergefegt, sämtliche Geschäfte waren geschlossen, alles war wie ausgestorben und alle, wirklich alle haben sich die Spiele angesehen. Die anderen Mannschaften waren uninteressant, die meisten waren nur an den Brasilienspielen interessiert. Wenn ein Tor geschossen wurde, wurden Feuerwerke, Böller u.a. gezündet. Die erschreckend lauten „Vuvuzelas“ waren auch hier sehr beliebt und es war oft unerträglich laut. Hinzu kam, dass auch „São João“ war, ein Fest, bei dem traditionell ebenfalls Böller gezündet werden, also eine Potenzierung des Krachs.

Nach einem Sieg war dann den ganzen restlichen Tag feiern angesagt. Die für das Spiel geschlossenen Läden haben dann zwar aufgemacht, aber so wirklich mit Normalität war nicht zu rechnen. Als Brasilien dann allerdings verloren hatte, hat sich die Liebe zu Hass umgekehrt. Die Trikots wurden sofort ausgezogen und in den Dreck geschmissen. Es wurde geflucht wie sonst was, die Spieler beschimpft und am Ende war eh Dunga, der Trainer, an allem Schuld. Jaja, wie Lúcio, einer der Spieler der „Seleção“ in einem Interview sagte: „Es ist immer leicht, für ein gewinnendes Team zu sein.“ Er hat damit definitiv die brasilianischen Fans gemeint. So übertrieben sie feiern, wenn sie gewinnen, so sehr dreht sich das Blatt, wenn sie mal verlieren… Nur der erste Platz zählt, nichts weiter.

Immerhin hatten dann einige für Deutschland mit gefiebert, als dann der Erzfeind Argentinien mit 4:0 besiegt wurde. Ich glaube aber, das Finale hat sich noch nicht einmal die Hälfte der brasilianischen Fans angesehen – es ist eben nur interessant, wenn Brasilien spielt.

Der nächsten WM wird hier übrigens freudig entgegen gefiebert. Dass es in einigen Städten wegen Korruptionsverdacht zu echten Problemen gekommen ist, wird mal wieder verdrängt – Brasília, die Hauptstadt, hätte beinahe die Zusage als Austragungsstätte aberkannt bekommen, weil hier die Korruption nur so blüht. In anderen Städten wird gebaut wie sonst was. Salvadors Stadion wurde schon komplett abgerissen, die Bauarbeiten zum Superprojekt einer Metro, die eigentlich schon vor zehn Jahren begonnen haben, schreiten verwunderlicher Weise plötzlich in einem Tempo voran, das beinahe unmöglich erscheint. Dass die Metro eigentlich als Transportmittel für die breite Schicht, also die eher wenig Verdienenden, gedacht war, wird vergessen. Ein Ticket soll dann bei Fertigstellung an die 15.- EUR kosten, oft mehr als ein Tagesverdienst.

Und auch an anderen Austragungsorten, etwa in Belém, macht man sich so seine Gedanken, wenn die Infrastruktur einen so großen Ansturm an Menschen einfach nicht verkraftet, denn schon unter normalen Umständen ist der Verkehr dort eine Katastrophe. Wie dann die Spieler im heißen und drückenden „Manaus“ spielen sollen, weiß auch niemand. Trotz alledem hoffe ich doch sehr, dass die WM eine große Chance ist. Vielleicht werden ja endlich durch die ausländischen Gelder Wege gefunden, der Gewalt in den Mega-Citys São Paulo und Rio de Janeiro Herr zu werden sowie die Korruption wenigstens zu vermindern – wobei ich dies auch nicht so wirklich glaube. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Mein Resümee

Blick vom Fluss auf die Altstadt von Belém
Blick vom Fluss auf die Altstadt von Belém

Auch wenn ich rechnerisch ein Jahr verloren habe, ich setze momentan ein Jahr von meinem Medizinstudium aus, bin ich sehr froh, all diese Erfahrungen gemacht zu haben.

Ich kannte Brasilien bereits von früheren Aufenthalten her, trotzdem war vieles neu und anders als alles, was ich jemals erlebt habe. Ganz wichtig ist es hierbei, sich für solche Aufenthalte richtig und ausführlich vorzubereiten und auf vertrauenswürdige Kontakte vor Ort bauen zu können.

O., L.
Bochum, Oktober 2010

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3 Kommentare

  • Hallo liebe Autorin,

    dein Bericht klang sehr cool. Ich würde gerne mein PJ auf einem Krankenhausschiff machen. Könntest du mir da den Kontakt zu senden, oder mir Infos zu dem Krankenhaus geben, in dem du warst?
    Danke dir schonmal.
    Liebe grüße aus Köln
    Florian

  • Liebe Autorin, dein Bericht hat mich sehr begeistert. Da ich ab August ein Auslandssemester in Brasilien mache und gerne noch eine Famulatur anhängen würde, würde ich mich über ein paar nähere Infos freuen. Wäre super lieb, wenn ich dir persönlich schreiben dürfte 🙂

    Liebe Grüße,
    Lena

  • Hallo! Dein Bericht hat mich sehr interessiert! Da ich durch den Bvmd leider keine Famulantenstelle in Brasilien bekommen konnte, wollte ich es nun auf eigene Faust probieren!
    Ich würde mich über Tipps und Krankenhausempfehlungen in Florianopolis sehr freuen! Viele Grüße

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