Famulatur in Ruanda – Innere Medizin

18. November 2010

in Chancen im Ausland, Famulatur im Ausland, Innere Medizin, Ruanda

Ruanda, Butare, Centre Hospitalier Universitaire de Butare (29.07.-14.09.2010). Sieben Wochen Famulatur in Ruanda liegen nun hinter mir – und ich muss sagen, ich habe mich in dieses Land verliebt.  Ich hatte zudem beschlossen, länger zu bleiben als ursprünglich geplant war und mich nach Ende meiner Zeit in der Inneren Medizin entschieden, auch einige Tage auf anderen Stationen zu verbringen, so z.B. in der Gynäkologie, Pädiatrie, einen Tag im OP sowie in der Derma- und HNO-Sprechstunde. Ich könnte mir jederzeit vorstellen, wieder nach Ruanda zurück zu gehen.

Meine Motivation

Besteigung des Mont Bisoke im Volcano Nationalpark

Meine ursprüngliche Motivation war, Medizin zu studieren, irgendwann in die Entwicklungshilfe zu gehen und die Welt zu retten – völlig naiv. Also stand es für mich von vornherein fest, auch schon während des Medizinstudiums ins Ausland zu gehen und entsprechende Erfahrungen in diesem Bereich zu sammeln. Zudem war ich immer schon ein bisschen verliebt in Afrika, ohne jemals da gewesen zu sein. Und so war auch dieser Schritt schon lange geplant.

Ich bewarb mich über die Bvmd, die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V., über die ich in einer Informationsveranstaltung zu Praktika im Ausland an unserer Universität gehört hatte. Die Bvmd ist Mitglied der IFMSA (International Federation of Medical Students’ Associations) und fördert so den internationalen studentischen Austausch. Ich bewarb mich dort – im Dezember des Vorjahres – für Plätze in Ruanda, Ghana und Tunesien – und zwar in dieser Reihenfolge, denn Ruanda schien mir am reizvollsten. Am weitesten weg von zu Hause, mitten im Herzen Afrikas, es wird französisch und englisch gesprochen, was ich als Vorteil sah, weil ich im Französischen definitiv fitter bin als im Englischen, und es auch sonst ein total spannendes Land mit einer krassen Geschichte, aber einer unheimlich schnellen und guten Entwicklung seit dem Genozid 1994 ist.

Und los gingen die Vorbereitungen

Wie die Bewerbung abläuft und was man dafür alles braucht, steht auf der Internetseite der Bvmd und wenn man alles aufmerksam liest, kann einem auch nichts passieren. Im Vorfeld hatte ich mich hingesetzt und die verschiedenen „Letter of motivation“ geschrieben, für jedes Land einen, und bei uns an der Universität zwei Sprachtests abgelegt – Französisch und Englisch. Französisch ist aber keine Voraussetzung, ich dachte nur, dass es meine Chancen auf den Platz erhöhen würde.

Ich musste zudem einen Reisepass beantragen, da ich vorher nur in EU-Staaten gereist war. Praktisch ist, dass man als deutscher Staatsbürger kein Visum braucht, solange man „tourism“ als Zweck der Reise angibt. (Anm.d.Red.: Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

Ansonsten habe ich mich natürlich im Vorfeld impfen lassen. Die üblichen Impfungen wie Tetanus, Diphtherie, Polio etc. hatte ich noch, darüber hinaus habe ich mich gegen Hepatitis A, Typhus, Meningokokken und Gelbfieber impfen lassen. Gelbfieber ist anscheinend Pflicht für die Einreise. Ich habe mich auch noch gegen Tollwut impfen lassen. Vermutlich ist das nicht nötig, man hat dort eher wenig Kontakt zu Tieren und es gibt kaum streunende Hunde oder Katzen. Zudem ist die Impfung sehr teuer, ich würde es also vermutlich nicht wieder machen, aber wer sich ganz sicher fühlen möchte, sollte es natürlich tun.

Um mich abzusichern hatte ich eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen. Als Malariaprophylaxe entschied ich mich aufgrund der Kosten für Lariam. Außerdem muss man es nur einmal wöchentlich nehmen, das fand ich ebenfalls praktisch. Wenn man die Packungsbeilage liest, kriegt man erstmal Angst, aber man sollte einfach schon zwei bis drei Wochen vorher mit der Einnahme beginnen und beobachten, ob sich Nebenwirkungen einstellen. Dann kann man das Medikament immer noch wechseln. Leider hatte ich erst eine Woche vor Abflug mit der Einnahme angefangen. Die Nebenwirklungen waren nicht unerträglich, aber ich fühlte mich dauernd schlapp und müde. Ich glaube, eine gute Alternative wäre Doxycyclin gewesen. Ein Freund dort hat das genommen und er hatte keine nennenswerten Nebenwirkungen – auch keine Sonnenempfindlichkeit. Zudem ist es im Vergleich recht günstig.

… und weitere folgten

Auf den Straßen in Butare
Auf den Straßen in Butare

Die Sprache, die alle Ruander verbindet, ist „Kinyarwanda“. Eine Bantu-Sprache, die für uns Europäer wohl sehr schwer zu lernen ist. Man sollte einfach vor der Abreise im Internet „Kinyarwanda“ googeln und sich eine Liste mit wichtigen Sätzen aufschreiben. Wenn man „Guten Morgen“ und „Wie geht’s? sowie „Danke, gut.“ sagen kann, sind die Ruander immer schon glücklich und freuen sich. Den Sprachführer von „Kauderwelsch“ würde ich nicht noch mal kaufen. Er ist ganz nett, aber beinhaltet wenige Sätze, die man wirklich im Alltag brauchen kann – ich wollte z.B. dort nie eine Kuh kaufen. Und die Grammatik ist eh recht kompliziert, das lernt man in der kurzen Zeit nicht.

Ansonsten kommt man mit Englisch gut klar. Da die Umstellung auf Englisch als Amtssprache und erste Fremdsprache, die in der Schule gelehrt wird, erst vor ein paar Jahren stattgefunden hat, sprechen aber viele ältere Menschen, die Schwestern und Pfleger und auch einige der Chefs im Krankenhaus eher Französisch. Dafür sind ein paar Französischkenntnisse sehr praktisch. Es wird aber immer mehr Englisch gesprochen und in der Inneren Medizin waren auch die Morgenbesprechungen sowie die Visiten auf Englisch. In den Patientenakten herrscht das totale Sprachenwirrwarr: Wörter, die einem grad nicht auf Englisch einfallen, werden dann auf Französisch hingeschrieben und umgekehrt. Manchmal habe ich mich gefragt, ob überhaupt irgendjemand versteht, was da steht… Im Alltag kann man mit den anderen Studenten, gerade den Kindern der Exiltutsi, die in Kenia, Tansania oder Uganda groß geworden sind, aber problemlos Englisch sprechen.

Ich hatte im Vorfeld viel im Internet über Ruanda gelesen, auch um mich über die Sicherheitslage im Hinblick auf die Wahlen zu informieren. Die anderen Studenten hatten „Baking cakes in Kigali“ und „Shake Hands with the devil“ von Romeo Dallaire gelesen. Das letztgenannte möchte ich jetzt nach meinem Aufenthalt dort unbedingt noch lesen. Einfach um die Geschichte besser zu verstehen. An Filmen kann man sich natürlich „Hotel Ruanda“, aber auch „Shooting dogs“ und „Sometimes in april“ angucken.

Ich hatte den „Lonely Planet-Reiseführer“ für Ostafrika und war ein wenig enttäuscht. Ich glaube er ist gut, wenn man vorhat, noch viel in der Region rumzureisen, denn die Kapitel über Tansania, Uganda und Kenia sind sehr ausführlich. Ruanda kommt aber ein wenig kurz. Wir hatten am Ende noch den „Bradt Travel Guide“, den ich nicht schlecht fand, als auch einen französischen Reiseführer – den „petit futé“, welcher sehr liebevoll gemacht ist, gute Karten enthält und auch einige wichtige Wörter auf „Kinyarwanda“.

Sicherheit

Kigali ist eine der sichersten Hauptstädte in Afrika und auch in Butare als auch im Rest des Landes muss man keine Angst vor Übergriffen haben. Wir waren zur Zeit der Präsidentschaftswahlen da, d.h. die Sicherheitsvorkehrungen waren ohnehin gerade verschärft worden und das Militär war überall präsent. Herr Kagame regiert mit harter Hand, das kann man gut oder schlecht finden, auf jeden Fall macht es das Land sicher. Und dies hat für die meisten Ruander Priorität, deshalb lieben sie ihn. Natürlich sollte man auf seine Wertsachen aufpassen, denn geklaut wird schon viel – meine Kamera und mein Portemonnaie z.B., wobei ich die ganzen Ausweise wegen eines freundlichen Finders und meiner ruandischen Handynummer im Portemonnaie kurz vor Abreise wiederbekommen habe. Aber auch als Frau kann man gut alleine reisen. Man wird schon viel angeguckt, aber die Leute sind sehr höflich und zurückhaltend und man wird selten belästigt.

Ich hatte trotzdem vor meiner Abreise eine Unfall- und Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen. Allerdings auch nur, weil ich das eh in nächster Zeit vorhatte und es für einen guten Zeitpunkt hielt.

Anreise und Transportmöglichkeiten in Ruanda

Ich bin von Hamburg mit Brussels Airlines geflogen und habe sehr gute Erfahrungen gemacht. Der Flug hat mich knapp 1.000 EUR gekostet. Man kann, soweit ich weiß, aus sieben deutschen Städten fliegen – Hamburg, Hannover, Berlin, Frankfurt, Stuttgart, München und Nürnberg – und fliegt immer über Brüssel. Von da geht es dann weiter nach Kigali. Der Flug dauert ca. 10 Stunden, je nachdem, ob man über Entebbe in Uganda fliegt oder nicht. Ansonsten kann man auch mal bei Ethiopian Airlines oder Kenya Airlines nach den Preisen gucken.

In Kigali selbst gibt es als Transportmittel Autotaxis oder Mototaxis, also kleine Mopeds, die einen mitnehmen, auch mit einem Rucksack geht dies problemlos, wobei Mototaxis natürlich billiger sind. Um im Land von A nach B zu kommen, gibt es Minibusse von unterschiedlichen Anbietern. Der Busbahnhof ist sehr zentral in Kigali in der Nähe des Union Trade Centers (UTC) und dort findet man alle Busunternehmen und kann von dort aus das ganze Land bereisen. Die Bustickets nach Butare kosten 2.200 FRW, also ca. 3 EUR, was für zwei Stunden Fahrt nicht besonders viel ist. Man kann in Ruanda sehr günstig reisen und die Busse fahren auch von morgens 6:00 Uhr bis 19:00 Uhr abends alle halbe Stunde.

Ankunft und erste Eindrücke

Typische Wohnhäuser in einem Dorf bei Butare
Typische Wohnhäuser in einem Dorf bei Butare

Mit meinem Flug ging alles glatt und wir landeten pünktlich. Kurz vor Abflug – nachts, also wirklich total knapp – hatte ich noch eine Mail von meiner Kontaktperson bekommen mit der Info, dass er mich am Flughafen empfangen würde. Und so war es dann glücklicherweise auch. Dank eines Schilds mit meinem Namen fanden wir uns schnell und dann ging es zusammen im Taxi in die Stadt.

Die Studenten von IFMSA vor Ort waren der Hammer – super lieb, hilfsbereit und besorgt. Ich wurde an die Hand genommen, mir wurde eine SIM-Karte gekauft, Geld getauscht und ein Hotel gesucht. Am nächsten Tag ging es dann zusammen im Bus nach Butare. Dort wurde mir das Wohnheim gezeigt, das Krankenhaus und das Hotel, in dem wir jeden Mittag essen konnten. Unterkunft und Verpflegung – eine Mahlzeit pro Tag – waren umsonst, da es sich um einen bilateralen Austausch handelte, d.h. einer der ruandischen Studenten wird nächstes Jahr nach Deutschland kommen und hier ebenfalls umsonst untergebracht und verpflegt.

Es lief alles wie von selbst und ich fühlte mich wirklich gut aufgenommen. Nach meiner Ankunft hatte ich noch vier Tage bis zum Praktikumsbeginn und nutzte diese, um die Stadt kennen zu lernen, was relativ schnell geht, so groß ist sie auch wieder nicht. Auf dem Besichtigungsplan standen die Kathedrale, der Campus, das Nationalmuseum… Am Montagmorgen wurde ich dann von einem der Studenten des Austauschprogrammes abgeholt und ins Krankenhaus begleitet.

Meine Famulatur begann

Eindrücke aus dem OP
Eindrücke aus dem OP

Das Praktikum am Centre Hospitalier Universitaire de Butare (CHU), einem Lehrkrankenhaus der National University of Rwanda (NUR), ging jeden Morgen um 7:30 Uhr mit einer Morgenbesprechung los. Diese wurde auf Englisch gehalten, was für die meisten Ärzte nicht gerade einfach war, aber der Großteil schlug sich sehr tapfer. In der Morgenbesprechung wurden alle Neuaufnahmen des Vortages und der Nacht vom Assistenzarzt oder PJler vorgestellt und diskutiert. Manchmal gab es danach einen Vortrag zu einem bestimmten Krankheitsbild oder Fall mit Powerpointpräsentation und anschließender Kritik.

Die Anleitung durch die Chefs und Oberärzte ist in Ruanda bzw. im CHU Butare, nur das kann ich ja beurteilen, eher spärlich. Die jungen Ärzte sind ziemlich oft auf sich allein gestellt und trauen sich auch oft nicht, Fragen zu stellen. Warum, ist mir nicht klar geworden, da die meisten Chefs wirklich nett waren und gerne Dinge erklärt haben.

Nach der Morgenbesprechung ging es auf die Station. Diese bestand aus vier großen Sälen, zwei für Männer, zwei für Frauen und einigen Einzelzimmern für privat Versicherte oder besonders kranke Patienten. Ansonsten gab es noch den Emergency Room, in dem besonders nachmittags gearbeitet wurde, vormittags stand die Stationsarbeit im Vordergrund. Feste Zeiten für Chef- oder Oberarzt-Visiten gab es nicht. Wenn es eine gab, begann diese so um 9:00 Uhr.

Am besten hängt man sich einem der Ärzte, der für einen der Säle zuständig ist, an die Fersen und begleitet seine kleine Visite. Diese fand eigentlich jeden Tag statt. Ansonsten kann man auch mit einem der Chefs in die ambulante Sprechstunde gehen oder in der Endoskopie zuschauen – allerdings gab es keinen Bildschirm. Außerdem gibt es eine Sprechstunde für HIV-Patienten mit einem sehr netten, jungen Arzt, das fand ich ebenfalls immer spannend. Man war also relativ frei in dem, was man machen wollte.

Nachmittags, nach einer Mittagspause von 12:00-14:00 Uhr, wurde nicht besonders viel gearbeitet, daher bin ich immer in den Emergency Room gegangen und habe mit dem PJler oder Assistenzarzt bis ca. 16:oo Uhr Patienten aufgenommen und anamnestiziert. Mit der Sprache ist es natürlich nicht so einfach, aber wenn man viel fragt und sich engagiert, übersetzen einem die ruandischen Ärzte gerne alles und lassen einen selbst Fragen stellen und den Patienten untersuchen. Die körperliche Untersuchung habe ich dort noch mal sehr gut wiederholt und zu schätzen gelernt, da es oft einfach an weiteren diagnostischen Möglichkeiten mangelte. Natürlich ist das nicht ideal, aber es hat den positiven Effekt, dass man sich mehr mit dem Patienten, seinem Zustand und Erscheinungsbild beschäftigt als mit Röntgen- oder CT-Bildern. Wichtig ist auch ein gutes Pharmabuch mit Dosierungen, daran fehlte es auch oft und ich war froh, dass ich meins mithatte.

Da das Wohnheim direkt neben dem Krankenhaus liegt, kann man ohne Probleme mal ein oder zwei Nachtwachen mitmachen und dann selbst einen Patienten in der Morgenbesprechung vorstellen. Dies muss man einfach mit dem Diensthabenden absprechen. Die Ärzte sind zum großen Teil wirklich nett und geben sich viel Mühe, ihre Arbeit zu erklären. Die ersten zwei Wochen waren auch einige Studenten aus dem dritten Jahr mit mir in der Inneren Medizin und das war natürlich super, weil es dadurch viele Lehrveranstaltungen gab sowie Visiten, bei denen viele Fragen gestellt, Röntgenbilder erklärt und die körperliche Untersuchung geübt wurde. Das war für mich zwar nichts Neues, aber eine gute Wiederholung.

Ansonsten habe ich bei vielen Aszitis-, Pleura- und Lumbalpunktionen assistiert und hätte sicherlich auch selbst eine machen können, wenn ich es gewollt hätte. Man macht so viel, wie man möchte und sich zutraut. Auch die Schwestern und Pfleger sind unheimlich nett und wenn man französisch spricht, erklären sie einem gerne ihre Arbeit und man kann bei der Wundpflege helfen. Blutabnahmen machen sie allerdings gerne selbst, dies gehörte also nicht zu meinem Aufgabenfeld.

… und ich beschloss, länger zu bleiben

Vorbereitung für den OP
Vorbereitung für den OP

Ich hatte beschlossen, länger zu bleiben als geplant und habe nach Ende meines Praktikums in der Inneren Medizin auch einige Tage auf anderen Stationen verbracht, so z.B. in der Gynäkologie, Pädiatrie, einen Tag im OP sowie in der Derma- und HNO-Sprechstunde. Nachdem ich erklärt hatte, wer ich bin und was ich dort mache, wurde ich immer sehr herzlich empfangen. Es ist also kein Problem, auch in die anderen Abteilungen hineinzuschnuppern. Das Krankenhausgelände ist übersichtlich und alles ist ausgeschildert, d.h. man findet sich recht schnell zurecht.

Ich war auch zweimal mit den ruandischen Studenten in der Vorlesung, um zu sehen, wie das so abläuft. Die Lehrinhalte sind ähnlich, aber ich glaube, dass viele der Studenten mit der englischen Sprache Schwierigkeiten haben. Oft fielen die Lehrveranstaltungen auch einfach kurzfristig aus und die Studenten mussten eigenständig lernen.

Für mich war die Famulatur relativ anstrengend, denn man ist eben noch kein fertiger Arzt und fühlt sich nicht in der Lage, selbst etwas zu tun und den Patienten zu helfen. Und dies wäre definitiv nötig gewesen. Erstens fehlt es an so vielem: In den sieben Wochen, die ich da war, gab es kein EKG-Papier, d.h. es wurden keine EKGs geschrieben. Es gibt nur ein CT in Kigali und auch nur einen Pathologen im ganzen Land, d.h. auf Biopsieergebnisse muss man unter Umständen Monate warten. Daher wird oft einfach operiert, ohne dass klar ist, um welche Art von Malignität es sich handelt oder ob bereits Metastasen vorhanden sind. Chemo- und Radiotherapie sind nur in Uganda oder Tansania möglich.

Und die Pharmazie im CHU Butare hat für jede Station eine Liste mit verfügbaren Medikamenten erstellt, die sehr überschaubar ist, wie ich feststellen musste. Andererseits mangelt es nicht nur an den Materialien und diagnostischen Möglichkeiten. Die Menschen arbeiten einfach auch ganz anders. Langsamer. Und sie stellen sich manchmal auch nicht die richtigen Fragen. Ob dies an der Lehre liegt oder der anderen Mentalität oder einfach daran, dass die Patienten nicht den gleichen Stellenwert haben, wie es bei uns der Fall ist, weiß ich nicht.

Vieles lief gut, aber noch mehr lief schlecht. Und man fühlt sich oft als hilfloser Zuschauer, der den Patienten untersucht und das Problem versteht, man sieht viele beeindruckende Krankheitsbilder, die man in dieser Ausprägung bei uns nicht sehen würde, aber – auch aufgrund der sprachlichen Barriere – nichts tun kann, außer die Angehörigen freundlich anzulächeln. Manchmal ist aber auch das schon gut.

Leben in Ruanda

Neugierige Kinder auf den Straßen in Ruhengeri
Neugierige Kinder auf den Straßen in Ruhengeri

Ruanda ist ein erstaunliches Land. Dass es „Hutu“ und „Tutsi“ nach dieser Geschichte schaffen, dort normal und friedlich nebeneinander zu leben, ist eigentlich unmöglich. Und doch funktioniert es irgendwie, indem nicht mehr über Ethnienzugehörigkeit gesprochen wird und Präsident Kagame alles auf Aufschwung und Entwicklung setzt. Das ist es, was das Land im Moment stabilisiert.

Erstaunt war ich über die krassen Gegensätze in der Bevölkerung. Das Nebeneinander vom normalen Bauern, der morgens auf dem Fahrrad seine Bananen zum Markt schiebt und es nicht fassen kann, ein weißes Mädchen („Umuzungu“ – keine Ahnung, wie oft ich dieses Wort in den sieben Wochen gehört habe) vorbeilaufen zu sehen und vom normalen BWL-Studenten mit Chucks, der am Wochenende tanzen geht und Premier League guckt. Die Menschen sind sehr freundlich, fast schüchtern. Aber angestarrt wird man trotzdem, daran muss man sich gewöhnen.

Wir haben aber unheimlich schnell ruandische Freunde gefunden und wenn man mit denen unterwegs ist, ist es ein bisschen besser. Es wird auch sehr wenig gebettelt, ich glaube die Ruander sind sehr stolz. Und sie sind niedlich. Man sieht sehr oft zwei Männer oder zwei Frauen Hand in Hand auf der Straße spazieren gehen. Das scheint ganz normal zu sein, küssen in der Öffentlichkeit ist allerdings eher verpönt und auch sonst zeigt man wenig Gefühle, wenn andere Leute anwesend sind.

Mein Fazit

Besteigung des Mont Bisoke im Volcano Nationalpark

Ich habe mich ziemlich in Ruanda verliebt – es ist ein wunderschönes Land. Und es ist mir wirklich schwer gefallen, weg zu fahren, gerade wegen der vielen Freunde, die ich dort gefunden habe.

Ich muss sagen, dass das Praktikum sehr an meinen Kräften gezehrt hat. Es war schwer, so viel Leid und geballt so viele Probleme zu sehen, selbst wenig tun zu können und dabei die unermüdliche Gelassenheit der Ruander zu akzeptieren. Aber ich bin froh, diese Erfahrung gemacht zu haben, denn dieses Gefühl der Hilflosigkeit ist gleichzeitig ein guter Ansporn, schnell mein Medizinstudium zu beenden, um etwas an der Situation der Menschen dort ändern zu können. Ich könnte mir jederzeit vorstellen, wieder dorthin zurück zu gehen.

Holthaus, J.
Hannover, Oktober 2010

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1 Kommentar

  • Vielen Dank für das Teilen deiner Erfahrungen! Ich werde nächstes Jahr PJ in Kigali machen und bin schon super gespannt darauf. Einige Fragen stehen noch offen und du würdest mir eine riesen Hilfe sein, wenn du mir vielleicht ein Paar davon beantworten könntest? Hier meine Email für den Fall, dass du Lust hast mit mir in Kontakt zu treten. lenaclaro AT web.de
    Ich würde mich wahnsinnig freuen von Dir zu hören.
    Liebe Grüße,
    Lena

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