PJ in Kanada – Kinderchirurgie

22. September 2010

in Chancen im Ausland, Kanada, Kinderchirurgie, Praktisches Jahr im Ausland

Kanada, Montreal, CHU St. Justine (12.10.-04.12.2009)

[3ZY5JWMGQM2J]
Was ist das Ergebnis, wenn man einen Teil seines Chirurgie-Tertials in Kanada absolvieren möchte, aber gleichzeitig sehr an Pädiatrie interessiert ist? Kinderchirurgie in Montreal. Die Tage am Hôpital St. Justine waren recht arbeitsintensiv, aber mit Blick auf meine Ausbildung haben sie mir sehr viel gebracht, vor allem an klinischen und technischen Skills. Und all dies in einer faszinierenden Stadt. Erfahrungen, die ich nie wieder missen möchte.

Mein Wunschland: Kanada

Während meines Praktischen Jahres wollte ich die Chance nutzen, neben der Arbeit auch die weite Welt zu erkunden und zusätzlich etwas dazulernen. Also entschied ich mich für Kanada, da ich einen persönlichen Hang zu diesem Land habe. Man hört ja oft von den unendlichen Weiten, der schönen Natur und den großen beeindruckenden Städten Kanadas.

Da ich einen Teil meines PJ-Tertials Chirurgie hier verbringen wollte, aber gleichzeitig sehr an Pädiatrie interessiert bin, hatte ich mich für Kinderchirurgie beworben, was wie ein guter Kompromiss klingt.

Québec als französisch-sprechende Provinz in Nordamerika hat mich schon immer fasziniert. Vor PJ-Beginn hatte ich Montreal als Tourist besucht und war sehr erstaunt über diese eigenwillige, gleichzeitig einzigartige Kultur. Man kann es beschreiben als eine Mischung aus Frankreich mit anderen Kulturen aus aller Welt und das Ganze in einen nordamerikanischen Setting.

Erste Vorbereitungen …

Downtown Montreal

Zunächst hatte ich über das Internet nach einer geeigneten Universität mit Medizinischer Fakultät gesucht. Grundsätzlich hatte ich mir dabei alle Möglichkeiten in Québec angeschaut: Montreal – mit der McGill University und der Université de Montreal, Sherbrooke – mit der Université de Sherbrooke und schließlich Québec City – mit der Université de Laval. Meist wird eine umfangreiche Bewerbung und eine Vorauszahlung der anfallenden Gebühren erwartet.

Es ist nicht notwendig ein Visum zu beantragen. In Kanada darf man für sechs Monate bleiben. (Anm.d.Red.: Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

Um allerdings im Krankenhaus als Student zu arbeiten, muss man sich einer Untersuchung unterziehen, die durch die Kanadische Botschaft angeordnet und überwacht wird. Für diese Untersuchung sollte man am besten die Botschaft in Berlin kontaktieren und diese wird dann eine Liste mit Ärzten schicken, bei denen diese Untersuchung (inkl. Röntgen Thorax, Blut und Urin) gemacht werden kann. Das ist ein wenig aufwendig, macht nicht viel Spaß und sollte möglichst frühzeitig organisiert werden.

Während spezielle Vorkehrungen hinsichtlich der Gesundheit nicht notwendig sind, ist eine Auslandsreisekrankenversicherung nötig. Die kann man über den Marburger Bund bei der Allianz beantragen (genannt PRO3). Außerdem wird eine Haftpflichtversicherung verlangt.

Man zahlt in Kanada mit kanadischen Dollar (CAD). Ich habe Bargeld von der Bank über meine Visa Karte abgehoben. Das ist sicher nicht die billigste, wenn aber einfachste Methode. Außerdem versuchte ich, alles mit der Visa Karte zu bezahlen. Wichtig ist beim Essen oder Trinken gehen, mindestens 10 bis 15 Prozent Trinkgeld zu geben, ansonsten muss man sich auf durchaus wütende Blicke von Kellnern gefasst machen.

Im Vergleich zu Deutschland ist Kanada etwas ähnlich, was die Preise betrifft. Manches ist teurer, so z.B. Milchprodukte und Alkohol, anderes ist vielleicht günstiger. Allgemein würde ich sagen, dass es mit dem Umtauschkurs in Kanada etwas preiswerter für Europäer ist. Dafür kann die Miete manchmal ein wenig teurer sein. Dies kommt auch auf die Stadt und die Wohnung an. Als Vergleich – für ein schönes WG Zimmer bezahlt man in Vancouver 700.- CAD, in Hamilton 300.- CAD und in Montreal 350.- CAD.

Québec spricht „Québécois“! Und wer kein Französisch spricht, gehört nicht dazu, so kommt es mir manchmal vor. Obwohl Montreal schon immer eine bilinguale Stadt war, bekommt man selbst an dem unteren Ende der Provinz diese strenge Politik der Provinz zu spüren. Zum Beispiel mit Kampagnen für Geschäfte, nur auf Französisch, nicht aber auf Englisch, ihre Kunden zu bedienen. „Québécois“ ist das Französisch, was man in Québec spricht. Es hat sich über die Zeit entwickelt, seit Französisch zur Amtssprache der Kolonie Neufrankreich im 17. Jahrhundert wurde.

… und ein bisschen Geschichte zu Québec

Flagge von Quebec

Die Stadt Québec wurde 1608 von Samuel de Champlain gegründet und zur Hauptstadt der Kolonie Neufrankreich ernannt. Später wurden weitere Siedlungen entlang des St. Lorenz-Stromes („Fleuve St. Laurent“) erbaut – so zum Beispiel Montreal 1648. „Québec“ stammt aus einer Eingeborenen Sprache und bedeutet „Wo der Fluss sich verengt“. Dies bezog sich ursprünglich auf das Gebiet um die Stadt Québec, wo der Sankt-Lorenz-Strom sich durch eine von steilen Felsen begrenzte Engstelle zwängt. Frühe Variationen der Schreibweise des Namens sind „Québecq“ (1601) und „Kébec“ (1609).

Während dieser Zeit entwickelten sich Spannungen zwischen den Franzosen und den Briten. 1754 begann der „Franzosen- und Indianerkrieg“ in der Nähe des heutigen Pittsburgh, der einen Teil des Siebenjährigen Krieges bildete. 1759 wurden die Franzosen durch die Briten in der Schlacht auf der Abraham-Ebene besiegt und durch den Pariser Frieden 1763 fiel Neufrankreich an Großbritannien. Noch im gleichen Jahr wurde die Kolonie in die Provinz Québec umbenannt. Der 1774 vom britischen Parlament verabschiedete „Quebec Act“ sollte verhindern, dass die Quebecer sich den aufständischen dreizehn Kolonien anschlossen. Dieses Gesetz erkannte das französische Rechtssystem, Religionsfreiheit sowie die französische Sprache und Kultur an. Seit der Abtrennung löste sich das kanadische bzw. Quebecer Französisch von der Entwicklung des Französischen in Europa. Viele Elemente eines älteren Sprachstandes wurden beibehalten und neue Wörter aus der nordamerikanischen Umgebung wurden aufgenommen.

Seit dem 20. Jahrhundert entwickelte sich ein gewisser Nationalismus in Québec. Dazu gehören mehrere, zum Teil militante, separatistische Bewegungen. Zwischen 1963 und 1970 wurden circa 200 Bombenanschläge und Banküberfälle von der „Front de Libération du Québec“ (FLQ) verübt, um die Provinz in einen marxistischen Staat umzuwandeln. Ganz anders die „Parti Québécois“. Von René Lévesque geführt, versuchte sie Québec mit friedlichen Mitteln in die Unabhängigkeit zu führen. 1976 bildete sie erstmals die Provinzregierung. Seit den siebziger Jahren wurden Gesetzte erlassen, die Französisch zur alleinigen Amtssprache erklärten.

1977 wurde der Einfluss des Englischen durch die „Charta der französischen Sprache“ auch im Alltag endgültig zurückgedrängt. 1980 stimmten beim Québec-Referendum 59,6 Prozent der Wähler gegen eine Loslösung vom kanadischen Staatenverband, vor allem aus wirtschaftlichen Überlegungen. Das „Québec-Referendum“ 1995 scheiterte äußerst knapp mit 50,58 Prozent Nein-Stimmen gegen 49,42 Prozent Ja-Stimmen. Der konservative Premierminister Stephen Harper erkannte 2006 Québec als „Nation innerhalb eines geeinten Kanadas“ an, ohne dabei die Einheit Kanadas in Frage zu stellen wollen.

Heute hat die Provinz circa 8 Millionen Einwohner. Der Wahlspruch auf den Autoschildern der Provinz lautet: „Je me souviens“ (Ich erinnere mich). Montreal hat 1,6 Millionen Einwohner gilt damit als zweitgrößte französischsprachige Stadt der Welt, obwohl der Anteil der englischsprachigen Einwohner etwa bei 20 Prozent liegt.

Das tägliche Leben auf der Arbeit

Im Krankenhaus St. Justine der Université de Montreal wird Französisch gesprochen. Ab und zu kann es mal vorkommen, dass der eine oder andere Patient Englisch bevorzugt. Die Verständigung fand ich anfänglich recht mühsam, da ich an das Französisch aus Frankreich gewohnt war. In Québec werden einige Wörter anders ausgesprochen, wenn nicht durch andere ersetzt. Zum Beispiel sagt man hier nicht unbedingt „a tout a l’heure“, was „bis später“ bedeutet, sondern eher „a tantôt“. In Frankreich nennt man die Visite eher „reunion“, wohingegen es in Québec „la tournée“ heißt. Anfangs musste ich mich auch durch einige trickreiche Abkürzungen durchkämpfen, wobei es oft verwirrend war, da auch die Reihenfolge anders ist. Zum Beispiel „RSV“ ist „VRS“ und „AIDS“ ist „SIDA“ usw.

Auffällig ist auch ein gewisser Stolz, vor allem unter denjenigen, die nur Französischsprachig sind. Es wird sehr viel Wert darauf gelegt, Französisch zu sprechen. Wenn man aber nachfragt, scheint es, dass viele Mitarbeiter in der Provinz ausgebildet wurden und nie an einem anderen Ort gelebt haben und auch nicht möchten.

Allgemein muss ich sagen, dass ich mit dem „Québécois“ einige Probleme hatte und es nicht allzu leicht fand, mich rein zu finden. Nach einer gewissen Zeit passt man sich aber an und es ist leichter Patienten und Kollegen zu verstehen. Außerdem kann man auch immer nachfragen, was bestimmte Wörter bedeuten.

Leben und wohnen in Montreal

Halloween – in ganz Montreal, auch im Krankenhaus

In Montreal gibt es ein sehr gutes Nahverkehrsnetz aus Metro- und Busverbindungen. Mit der „Carte Opus“ (für ein Pfand von 3.- CAD) kann man Tickets für eine bestimmte Anzahl von Fahrten oder für eine Woche bzw. einen Monat erwerben. Information zur „Carte Opus“ erhält man unter http://www.carteopus.info/redirection_en.html . Die Metro ist sehr zuverlässig und sicher. Allerdings kommt es schon mal vor, dass man ab und zu von Obdachlosen nach Geld gefragt wird. Wenn man nichts gibt, kann es auch mal sein, dass einem Essensreste nachgeworfen werden. Das kann aber auch in Berlin passieren. Es wird auch gern übermäßig geheizt in der Metro, da es draußen sehr kalt ist. Das führt allerdings dazu, dass man in der U-Bahn zum Schwitzen kommt und dann beim hinausgehen fast erfriert.

Um einen Ausflug ins Umland zu machen, kann man den Bus („Orléans Express“ über „Grey Hound Canada“) oder den Zug („Via Rail“) nehmen. Leider ist das meist ein bisschen teuer, deswegen lohnt es sich auch nach Mitfahrgelegenheiten zu suchen. In Québec wird übrigens für Mitfahrgelegenheiten kaum „craigslist“ benutzt, das französische Äquivalent nennt sich „kijiji“. Ein Ausflug in die kleine, niedliche Stadt Québec ist allerdings sehr zu empfehlen und darf man auf keinen Fall verpassen. Ich würde mir auf jeden Fall mal Ottawa oder auch Toronto ansehen. Auch New York und Boston sind recht gut von Montreal aus mit dem Auto zu erreichen.
www.orleansexpress.com
www.viarail.ca
montreal.kijiji.ca

Um mit meiner Familie und meinen Freunden zu sprechen, habe ich „Skype“ benutzt. Manchmal war es ein wenig kompliziert, die richtige Zeit abzupassen, da es sich um eine Zeitdifferenz von sechs Stunden handelt und ich das Haus oft um 6:00 Uhr morgens verlassen habe, um abends um 18:30 Uhr wiederzukommen. Einige Bilder von meinen Erlebnissen habe ich auf „Picasa“ hochgeladen, damit meine Freunde und meine Familie auch sehen können, was so alles in Québec los ist.

Die Unterkunft hatte ich mit meinem Freund über www.craigslist.ca gefunden. Das war allerdings nicht so einfach, weil er vor dem Einzug schon mal die Vermieterin treffen und alles abklären sollte. Wir hatten uns eine Wohnung zur Untermiete gesucht, um Stress mit Möbelkauf zu vermeiden. Die Mietpreise in Montreal sind recht günstig, im Vergleich zu anderen kanadischen Großstädten wie Toronto und Vancouver. Unsere 2-Zimmer Wohnung kostete 700.- CAD warm.

Persönliche Tipps

An Literatur hatte ich zur Vorbereitung „Surgical Recall“ gelesen, 5th edition by Lorne H. Blackbourne, und mich dabei vor allem auf das Kapitel „Pediatric Surgery“ konzentriert. Zusätzlich gab es auch vor Ort im Zimmer der „Residents“ einige gute Bücher zum Thema Kinderchirurgie. Um auf den aktuellen Stand der Wissenschaft zu kommen, habe ich auch oft unter www.uptodate.com nachgeschaut, was frei zugänglich über den Server des Krankenhauses ist.

Für Montreal würde ich empfehlen, warme Sachen und vor allem dichte Schuhe mitzunehmen. Wenn Ihr Interesse an Wintersport habt, lohnt es sich zudem, das jeweilige Equipment mitzubringen, da Möglichkeiten zum Skifahren nicht weit entfernt sind. Auch Eislaufen ist sehr beliebt in der Stadt und fast jeder Park oder Platz hat seinen eigenen „Skate Rink“. Schlittschuhe kann man aber recht günstig hier erwerben oder auch leihen. Man sieht auch immer öfters Menschen, die Ski Langlauf in Montreal machen. Das habe ich leider nicht ausprobiert, es klingt aber sehr verlockend und ist sicher total praktisch bei all dem Schnee.

Nach Montreal nimmt man von Deutschland aus am besten ein Flugzeug zum „Trudeau Airport“. Airlines wie Air Canada und United Airlines fliegen diesen Flughafen an. Von dort aus kann man einen Bus („L’Aérobus“) für 26.- CAD hin- und zurück nehmen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Weihnachtsbaumverkauf auf dem Marché Jean-Talon
Weihnachtsbaumverkauf auf dem Marché Jean-Talon

Am ersten Tag im Hôpital St. Justine wurden alle Studenten erst einmal zu einer allgemeinen Einführung zum Thema Hygiene eingeladen, vor allem im Zusammenhang mit der damals aufkommenden Welle der H1N1 Grippe. Dann wurde jeder Student zu seiner jeweiligen Abteilung geschickt.

In der Kinderchirurgie stellte ich mich zunächst der zuständigen Sekretärin vor, die mich dann zusammen mit einer Studentin der Université de Montreal auf der Station rumgeführt hat und uns den zuständigen Oberärzten vorstellte. Als Student bekommt man die Bezeichnung „externe“. Zudem erhält man einen Ausweis vom Krankenhaus mit Foto und einen Pager (sog. „Pagette“)

Ein Tag in der Kinderchirurgie sieht wie folgt aus. Man trifft sich mit den „Fellows“ und „Residents“ morgens gegen 6:45 Uhr und bekommt zwei bis vier Patienten zugeteilt, die man dann untersucht und nach Problemen befragt, was am Abend so passiert ist usw. Um 7:30 Uhr trifft man sicher wieder und geht die Patienten Liste mit dem Team durch – die sog. Papier Visite.

Zusätzlich gibt es, „examens pre-op“ zu machen, das heißt, Patienten untersuchen und befragen, die am jeweiligen Tag operiert werden, um sicherzustellen, dass sie bester Gesundheit sind. Des Weiteren soll damit noch einmal überprüft werden, ob es sich um den richtigen Patienten handelt und die richtige Operation. Es ist mir auch schon passiert, dass ein Patient für eine Inguinal Hernie auf einer Seite operiert worden sollte und sich bei der Untersuchung herausstellte, dass auch die andere Seite betroffen ist. In diesem Fall wäre eine Operation für beide Seiten angebracht. Es kam auch recht oft vor, dass die Patienten am Tag der Operation grenzwertig krank waren und sich mit leichtem Fieber vorstellten. In diesem Fall wird die Operation verschoben, um sicher zu gehen.

Am Vormittag sind die Medizinstudenten meist in der „Clinque de Chirurgie“ eingeteilt. Da sieht man Patienten zum „Follow-Up“ nach Operationen oder zur Konsultation, ob operiert werden soll. Häufig kommen Patienten mit Inguinal Hernie, Nabel Hernie, Phimose und Unguis incarnatus. Man erlebt aber auch ab und zu Kinder mit bösartigen Tumoren wie Neuroblastom und Rhabdomyosarkom. In der Klinik sieht und untersucht man als Student die Patienten als erster, präsentiert dann den Fall dem Chirurgen, um gemeinsam einen Behandlungsweg zu finden.

Des Weiteren ist es die Aufgabe der „Externes“, Konsultationen im ganzen Krankenhaus zu machen. Häufigste Gründe: Bauchschmerzen mit Verdacht auf Appendizitis, Installation Port-A-Cath oder Broviac (Hickman-Katheter) für Chemotherapie, Pylorusstenose beim Neugeborenen und Biopsie eines Tumors. Eher seltenere Fälle sind zum Beispiel Ikterus beim Neugeborenen mit Verdacht auf Atresie der Gallengänge, Mekoniumileus oder maligne Tumoren wie Rhabdomyosarkom. Man sieht den Patienten, Anamnese und Untersuchung, wobei häufig eine Fremdanamnese durch die Eltern notwendig ist. Oft sind schon einige bildgebende Verfahren angeordnet oder durchgeführt und das Labor abgenommen worden.

Diese einzelnen Bausteine setzt man dann zu einem klinischen Bild zusammen und „pagt“ zunächst den „Resident“. Dann wird der Fall besprochen, ggf. Antibiotika und andere Medikamente bzw. Untersuchungen veranlasst. Der zuständige „patron de garde“, der Oberarzt, der an dem Tag Nachtdienst macht, wird dann über den Patienten benachrichtigt. Für einige Fälle wie Appendizitis wird der Patient gleich auf die „liste des urgences“ gesetzt und noch am gleichen Tag, meist abends, operiert.

Erstaunlicherweise war oft Zeit, um Mittag zu essen, was in der Chirurgie erfahrungsgemäß eher eine Ausnahme ist.

Jeden Tag, außer mittwochs, operiert mindestens ein Chirurg den ganzen Tag lang. Zusätzlich kommen meist täglich einige Operationen der „liste des urgences“ hinzu. Diese Patienten werden vom „patron de garde“ operiert, meist am späten Nachmittag und Abend. Im Notfall werden auch nachts Operationen durchgeführt.

Am Nachmittag sind die „externes“ hauptsächlich im OP eingeteilt. Wenn allerdings eine Konsultation ansteht, hat diese je nach Situation Vorrang. Im Operationssaal sind die „externes“ hauptsächlich zum Hakenhalten da. Manchmal darf man aber auch den Kauter benutzen oder ein paar Nähte machen, je nach Chirurg und Erfahrung der „externes“. Man ist immer herzlich willkommen, sich zu waschen („se brosser“), um an den Tisch zu kommen. Allgemein hatte ich den Eindruck, dass es im OP eher streng zugeht, vergleichsweise wie bei uns. Wenn man neu ist, wird man ständig von Schwestern schikaniert und kann ihnen nichts recht machen. Es ist immer zu empfehlen, sehr höflich und zuvorkommend zu sein und sich vorzustellen, wenn man einen Saal betritt.

Man sollte auch seine Handschuhgröße wissen (Handschuhe = „gants“) und auf Nachfrage parat haben. Das meiste OP-Besteck hat die gleichen Nahmen wie bei uns, sie werden nur anders betont. Manche Bezeichnungen sind aber auch ein wenig abwegig, wie „le bistouri“ = Skalpell, „l’aiguille“ = Nadel (zum Beispiel „aiguille retour“), „le fil“ = Faden, „l’ecarteur“ = Haken usw. Des Weiteren kann man auch nach der OP einen kleinen OP-Bericht („note post-op“) und post-op Anforderungen („ordonnances“) schreiben.

Mittwochs ist der akademische Tag, was bedeutet, dass meist nicht operiert wird und die „Fellows“ in der Klinik arbeiten. Für die „Residents“ und die „externes“ gibt es im Laufe des Tages verschiedene Kurse, bei denen man sein Wissen über Kinderchirurgie vertiefen kann und Fälle bespricht. Einer im Team hält an diesem Tag auch einen Vortrag. Auch die „externes“ sollen mindestens einen halten. Meist stellt man einen Fall kurz vor, geht dann tiefer ins Thema und bespricht klinische Studien dazu.

Allgemein waren die Tage im Krankenhaus St. Justine in der Kinderchirurgie recht arbeitsintensiv. Oft hatte ich auch das Gefühl nicht genügend Anerkennung für meine Mühe zu bekommen. Dann ist es aber auch so, dass im Umfeld der Chirurgie allgemein nicht so gern „danke“ und „bitte“ gesagt wird. Außerdem ist die Stimmung in der Gruppe der „Residents“ und „Fellows“ recht kompetitiv, wobei manchmal keine Acht auf guten Ton gegeben wird. Im Großen und Ganzen war ich jedoch sehr zufrieden mit meiner Arbeit und ich hatte das Gefühl, dass ich damit etwas erreiche.

Die Arbeit mit Kindern war ganz besonders interessant. Im Vergleich zur Erwachsenen Chirurgie ist es anders, aber nicht schwieriger. Man gibt allgemein mehr Acht und geht gut mit den kleinen Patienten um. Ganz wichtig ist auch, alles zu erklären, was so von Statten geht, zum Beispiel über einen Operationsablauf aufzuklären. Eltern stellen meist sehr viele Fragen und möchten wissen, was so alles passiert. In der Kinderchirurgie sieht man auch das ganze Spektrum vom Frühgeborenen mit 27 Wochen um Nekrotisirender Enterokolitis bis zum 18-jährigen Jugendlichen mit Lymphom. Auch die Schwere der Fälle ist ganz unterschiedlich – mit „Wehwehchen“ wie Unguis incarnatus und komplizierten, lebensbedrohlichen Situationen Ileus.

Die Schweinegrippe war ein sehr präsentes Thema während meiner Arbeit. Viele Mitarbeiter sind auch vor der Impfung daran erkrankt und mussten zu Hause bleiben. Zum Teil wurden die OP-Säle geschlossen, um die Patienten nicht in Kontakt mit dem Virus zu bringen. Die Impfung wurde gleich, nachdem der Impfstoff erhältlich war, im Krankenhaus angeboten. Es wurde empfohlen, sich impfen zu lassen, jedoch hat keiner nachgeprüft, ob man es wirklich hat machen lassen.

Recht häufig waren auch Patienten von der Chirurgischen Station H1N1 positiv. Vor allem bei Kleinkindern führte dies oftmals zu einem fulminanten Verlauf, besonders wenn eine bakterielle Superinfektion vorlag. In einigen Fällen waren Eingriffe wie Thorakoskopie mit Installation von Drainagen notwendig, die Pleuraspalten komplett mit Eiter gefüllt. Als es im November mit der „grippe porcine“ Panik losging, war auch ich ein wenig beunruhigt, zumal ich recht weit weg von meiner Familie war. Aber nach zwei Wochen hatte man schon das Gefühl, dass alles besser unter Kontrolle war. Die meisten Leute waren geimpft und man hatte sich auch etwas an das tägliche Vorkommen der Schweinegrippe im Klinikalltag gewöhnt.

Insgesamt eine sehr gute Erfahrung mit vielen, unvergesslichen Erlebnissen.

Montreal – einzigartig und etwas Besonderes

Blick vom Mont Royal über Montreal
Blick vom Mont Royal über Montreal

Außerhalb meiner Arbeit hatte ich unter der Woche leider gar nicht so viel Zeit. Abends war ich immer recht müde und geschafft. Trotzdem kann man aber nicht eine so aufregende Stadt wie Montreal an sich vorbeisausen lassen.

Als ich im Oktober kam, war es schön warm, an den Bäumen hingen noch Blätter und man konnte sogar seinen Kaffee noch draußen genießen. Montreal eignet sich prima, um einfach nur in den Straßen herum zu spazieren. Die Architektur unterscheidet sich sehr von der in Deutschland, aber auch von der in anderen kanadischen Städten, und variiert auch in Montreal selbst.

„Downtown“ ist geprägt von Wolkenkratzern und dem Lärm der Autos, Krankenwagen und Menschen, die in aller Eile von einem Ort zum anderen wollen. „Vieux Montreal“ zeichnet sich durch seine alten, kleinen Häuser und Straßen mit Kopfsteinpflaster aus. Es lohnt sich bei einem Spaziergang durch die engen dunklen Gassen der Altstadt die hellerleuchteten und einladenden Galerien zu bestaunen. Am Hafen, der sich gleich an den ältesten Teil der Stadt anfügt, sieht man große Schiffe im St. Lawrence River und beeindruckende industrielle Gebäude und Hallen. Jedes Jahr im Januar, findet am Ufer das „ingloofest“, ein großes Elektronik Fest, statt. Bei guter Musik wird viel getanzt, um bei der Kälte auch nicht zu erfrieren.

Daneben gibt es wieder viele trendige Viertel in der Stadt, wie z.B. rund um die „Rue St. Viateur“, „Notre-Dame-de-Grace“, „Le Plateau“ oder entlang der „Rue St. Denis“ und „St. Laurent“, in denen man frische „Bagels“, ein Wahrzeichen von Montreal und Konkurrenz der „New York Bagels“ essen sowie in schönen Cafés und Bars etwas trinken kann. Ein spezielles Gericht aus Québec ist die „Poutine“, eine wilde Mischung aus Pommes frites, brauner Braten-Soße und „Cheese Curds“. Dies muss man auf jeden Fall mal probiert haben, z.B., weil dort etwas besser, im „Patati Patata“, „La Banquèse“ und „Le Pied de Cochon“. Aber auch mal richtig Fast Food in „La Belle Provence“ sollte es sein.

Québec und Montreal würde ich nicht als „die kanadische“ Erfahrung bezeichnen, was daran liegt, dass diese Provinz einzigartig und eigensinnig heraussticht in Kanada.

Resümee

Die Erfahrungen, die ich in Montreal, in der Klinik sowie in meiner Freizeit, gemacht habe, waren einmalig und sind etwas, was ich nie wieder missen möchte. Diese Zeit ist unvergesslich und hat mir auch mit Blick auf meine Ausbildung, vor allem an klinischen und technischen Skills, viel gebracht.

Ich würde und werde immer wieder in diese wunderbare Stadt zurückkehren und denke immer gern daran zurück.

M., J.T.
Berlin, August 2010

Anhang: Anamnese auf Französisch

Ein Beispiel:
ID: Name und Alter des Pat.
RC: Grund für Konsultation
Antécédants (ACTS):

  • Perinatales: Geburt cesa/ voie naturelle, pourqoui cesa? quelle semaine?, hospitalisé en neonat? Problèmes?
  • Personelles: Maladies (infectieux, etc), problèmes de santé, accidents, fractures, hospitalisations
  • Chirurgicales
  • Familiales: Maladies génétiques, metaboliques, etc

Histoire de la Maladie actuelle (HMA): aktuelle Anamnese
Meds:
Vaccins: a jour?
Imagerie:
Labo:
Impression:
p.e. Melanie bébé 2 Sem de vie présente avec vomissement du lait en jet après chaque répas. Echo abdo montre sphincter pylore augmente en taille. Stenose de sphinter pyolore probable.
Plan:
p.e. Pyolorotomie par Laparoscopie SOP (salle d’operation) ce jour., NPO pour la nuit, commence a boire qq cc in AM.

Ähnliche Artikel:

  • PJ in Kanada – Medizinische Onkologie und EndokrinologiePJ in Kanada – Medizinische Onkologie und Endokrinologie Montreal, Jewish General Hospital und Montreal General Hospital (24.08.-18.10.2009) Zur Inneren Medizin über den großen Teich nach Nordamerika. Mein Ziel war es, eine Hälfte meines […]
  • PJ in Mexiko – ChirurgiePJ in Mexiko – Chirurgie Mexiko, Monterrey, Hospital General de Zona No. 33 / Hospital de Seguridad Popular (07.12.2009-28.03.2010) „Definitiv werde ich eines Tages nach Mexiko zurückkehren, um meine Freunde zu […]
  • Famulatur in Spanien – PädiatrieFamulatur in Spanien – Pädiatrie Spanien, Salamanca, Hospital Universitario de Salamanca (01.08.-31.08.2010) Zu einer Famulatur nach Spanien? Dann auf nach Salamanca. Dank der freundlichen Ärzte im Krankenhaus habe ich […]
  • PJ in Island – ChirurgiePJ in Island – Chirurgie Island, Reykjavik, Landspitali Reykjavik (12.04.-06.06.2010) Island, bekannt für seine Geysire und seit diesem Jahr auch berüchtigt für seine Vulkane. Für mich sollte es das Ziel für einen […]
  • PJ in China – Allgemeine Chirurgie, Orthopädie und UnfallchirurgiePJ in China – Allgemeine Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie China, Shanghai, Shanghai East Hospital (05.02.-04.04.2010) Mein Chirurgie Tertial führte mich in die Megacity Shanghai, die Stadt der Expo 2010. Eine Zeit, die für mich ein wirklicher […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *