PJ in Kanada – Medizinische Onkologie und Endokrinologie

20. August 2010

in Chancen im Ausland, Endokrinologie, Kanada, Onkologie, Praktisches Jahr im Ausland

Montreal, Jewish General Hospital und Montreal General Hospital (24.08.-18.10.2009)

Zur Inneren Medizin über den großen Teich nach Nordamerika. Mein Ziel war es, eine Hälfte meines Innere-Tertials in Kanada und die andere Hälfte in den USA zu absolvieren. Vor mir lagen jede Menge Vorbereitungen und spezielle Details, die es zu beachten galt, wollte ich mein Vorhaben in die Tat umsetzen. Die Mühen haben sich gelohnt. Es war in jeder Hinsicht ein großartiges Erlebnis.

Motivation und Wahl des Fachgebietes

Mein erstes PJ-Tertial absolvierte ich je zur Hälfte an der McGill University in Montreal, Kanada, und an der University of California San Diego (UCSD) in den USA. Im Fach Innere Medizin lernte ich hierbei die Spezialgebiete Medizinische Onkologie, Endokrinologie, Intensivmedizin und Rheumatologie kennen.

Meine persönliche Zielsetzung und Motivation für diesen Auslandsaufenthalt im Rahmen des Praktischen Jahres war es, mich über einen längeren Zeitraum in das jeweilige soziale Umfeld integrieren zu können und somit zwischenmenschliche und kulturelle Erfahrungen zu sammeln. Solche Auslandsaufenthalte helfen immens dabei, den eigenen Horizont in menschlicher und professioneller Hinsicht zu erweitern. An Montreal reizte mich insbesondere die Gelegenheit, das Zusammenleben englischsprachiger und frankophoner Menschen zu erleben. Ich erhoffte mir dabei auch, meine Fremdsprachenkenntnisse vor allem auf medizinischem Gebiet und im sensiblen Gespräch mit Patienten weiter vertiefen zu können. Ich denke, dass das Miterleben eines anderen Umgangs mit Patienten und innerhalb des medizinischen Teams einzigartige Erfahrungen darstellen und sich nach meiner Rückkehr auf mein eigenes Verhalten im Krankenhaus als auch außerhalb des Krankenhauses ausgewirkt haben.

Bewerbung

Auf dem Campus das Wappen der McGill University
Auf dem Campus das Wappen der McGill University

Die McGill University in Montreal nimmt Bewerbungen von ausländischen Studenten bis fünf Monate vor dem gewünschten Praktikumsbeginn an. Aktuelle Informationen zum Bewerbungsverfahren findet man auf der Homepage der Medizinischen Fakultät.

Im Bewerbungsbogen benötigt man eine Bestätigung der Heimatuniversität, dass gewisse Wochenpraktika absolviert wurden und die Sprachen Englisch sowie Französisch beherrscht werden. Der Bewerbung müssen außerdem Cheques beigelegt werden, die die kompletten Gebühren decken (siehe unten). Außer der Bewerbungsgebühr werden anscheinend alle Cheques zurückgesandt, falls man nicht angenommen wird. Inzwischen kann man, glaube ich, auch mit Kreditkarte bezahlen. Die McGill University gibt einen Praktikumskalender vor, an den man sich im Normalfall halten muss. Ausnahmen sollen jedoch auch möglich sein.

Visum

Für das PJ in Kanada wird an sich kein Visum benötigt, sondern nur eine Erlaubnis vom kanadischen Konsulat, dort als Medizinstudent ein Praktikum machen zu dürfen. Dafür muss man aber einen kompletten Visumsantrag einreichen, mit dem Zusageschreiben der Universität und zahlreichen anderen Dokumenten. Die Bestimmungen ändern sich laufend und differieren auch abhängig davon, ob man sich auf der kanadischen oder der deutschen Website informiert. Daher würde ich einfach empfehlen, eine Email-Anfrage unter zu stellen und sich nicht durch forsche Antworten entmutigen zu lassen.

Wie auch die Erfahrungen in Montreal gezeigt haben, versuchen die Kanadier anscheinend relativ häufig, eine Anfrage mit einer knappen Antwort schnell abzufertigen und daneben auch einfach die Erwartungen zu senken. Sobald aber die Unterlagen in Bearbeitung sind oder man konkret nachfragt, wird der Umgangston viel netter und auch die Bearbeitung nimmt höchstens die Hälfte der vorher angegebenen Zeit in Anspruch – natürlich ohne Gewähr, aber dies war auch überwiegend die Erfahrung der anderen Studenten.

Die Unterlagen kann man entweder per Post oder persönlich in der Berliner Vertretung einreichen. Sobald die Unterlagen bearbeitet sind, erhält man einen Untersuchungsbogen zugeschickt, der von einem durch Kanada akkreditierten Arzt ausgefüllt werden muss (siehe unten). Die Liste gibt es im Internet, einen Termin erhält man normalerweise ziemlich schnell. Ein Röntgenbild des Thorax muss ebenfalls angefertigt werden und so lohnt es sich, bei dem jeweiligen Arzt anzufragen, wie die Kooperation mit der radiologischen Praxis ist, denn da scheint es große Unterschiede bezüglich der Bildauswertung und Befundmitteilung zu geben, die als Zeitfaktor eine Rolle spielen können. Außerdem differieren die Ärzte wohl auch gehörig im Hinblick auf die Informationen, Laboruntersuchungen und Bestätigungen, die man zum Untersuchungstermin mitbringen soll, so dass sich ein Vergleich hier ebenfalls lohnen kann.

Das Anamnesegespräch und die Untersuchung selbst sind absolut unaufregend. Der Arzt leitet die Bewertung an das Konsulat weiter, das dann die Praktikumserlaubnis erteilt. Der ganze Vorgang benötigt im besten Fall knapp vier Wochen. Im Krankenhaus in Kanada hat niemand nach dieser Erlaubnis gefragt, bei der Einreise wird es aber kontrolliert.

Weitere Vorbereitungen

Die McGill University erwartet detaillierte Nachweise – mit Datum der jeweiligen Gabe – über DPT, MMR, VZV, Hepatitis B (mindestens 3 Gaben) und PPD Tuberkulose Screening Test. Darüber hinaus wird als Medizinstudent im Praktikum vor der Einreise nach Kanada die bereits erwähnte medizinische Untersuchung benötigt – allerdings nicht von der Universität, sondern vom kanadischen Staat.

Was Versicherungen betrifft, ist es bemerkenswert und für Nordamerika durchaus außergewöhnlich, dass an der McGill University keine Berufshaftpflichtversicherung benötigt wird, es sei denn, man möchte sein PJ dort anstatt an einer Klinik der Universität in einer Arztpraxis machen. Nur in diesem Fall ist man nicht durch die von McGill für besuchende Studenten abgeschlossene Police versichert.

Meine Arbeit am Jewish General Hospital

Das Jewish General Hospital in Montreal
Das Jewish General Hospital in Montreal

Am Jewish General Hospital arbeitete ich in der Abteilung für Medizinische Onkologie. Studenten werden dort vor allem in der Poliklinik eingesetzt. Diese ist in einem sehr modernen Anbau an das Hospital, dem Segal Cancer Center, untergebracht. Diese Umgebung hat sicherlich ebenfalls zur insgesamt sehr angenehmen Arbeitsatmosphäre beigetragen. Wie auch die Stadt Montreal selbst, war das Team im Krankenhaus sehr international, aufgeschlossen und freundlich. Die parallel dort arbeitenden Studenten waren aus den unterschiedlichsten Ländern, so wie ich es bisher noch in keinem anderen Auslandspraktikum erlebt hatte. Auch wenn wir zwischenzeitlich bis zu fünf Studenten in der Poliklinik waren, konnte man sich stets auf die verschiedenen Sprechstunden verteilen, Engpässe diesbezüglich gab es eigentlich nie.

Der Arbeitstag begann normalerweise zwischen 9:00 und 10:00 Uhr morgens. An einem Tag der Woche fand bereits um 8:30 Uhr eine Abteilungsbesprechung mit Frühstück statt. Pro Arzt waren am Tag 12 bis 20 Patienten angemeldet, die in etwa 6-8 Stunden gesehen wurden. Die meisten Sprechstunden waren auf bestimmte Krankheitsbilder spezialisiert, wie z.B. Mammakarzinom, Bronchialkarzinom, Magen-Darm-Trakt-Tumore und andere. Einmal die Woche gab es auch eine Sprechstunde für Kinder und Jugendliche mit Tumorerkrankungen. Darüber hinaus bestand die Möglichkeit, sich einem chirurgischen Onkologen bei seiner Sprechstunde anzuschließen oder in die hämatologisch-onkologische Sprechstunde zu gehen.

Meistens wurden die Patienten zuerst vom Studenten gesehen, der aktuelle Verlauf sowie Status erhoben und die Laborwerte kontrolliert. Im Anschluss stellte man den Patienten dem zuständigen Arzt im Arbeitsbereich auf dem Korridor vor. Dabei konnten auch bei entsprechenden Kenntnissen Therapievorschläge abgegeben und diskutiert werden. Dann wurde der Patient gemeinsam mit dem Arzt gesehen. Die Qualität der Lehre war ausgezeichnet, auch wenn sie wie überall sehr vom jeweiligen Arzt abhing. Manche Oberärzte hatten kaum Zeit, sich um die Sprechstunde zu kümmern, waren um die studentische Unterstützung zwar froh, aber investierten kaum in die Lehre, so dass sich Kommentare und Erklärungen in Grenzen hielten. Dies war aber die klare Minderheit. Die meisten der Oberärzte, wie auch der Assistenzärzte, die ebenfalls Sprechstunden übernehmen durften, erklärten stets sehr viel, zeigten, worauf es bei einer spezifischen Untersuchung eines Tumorpatienten ankommt und verrieten manche medizinischen und psychologischen Tricks.

Spannend waren auch die interdisziplinären Sitzungen mit den Radioonkologen, bei denen man mehr über die Vielfalt an Therapieoptionen bestimmter Tumorerkrankungen lernen konnte. Hier hatte man ebenfalls das Gefühl, dass auf die Ausbildung der Studenten größerer Wert gelegt wird als in Deutschland. Die Studenten wurden häufig in die Besprechung von Patienten mit einbezogen, teilweise auch mit Fragen bezüglich radiologischen Befunden oder möglichen Therapieoptionen. Wie häufig in Nordamerika gehandhabt, bekommen die Studenten so die Chance, ihren Wissensstand unter Beweis zu stellen, und sobald sie an ihre Grenzen gelangen, wird die Frage an die jungen Assistenzärzte weitergegeben. Von dieser Art der Lehre habe ich sehr profitiert.

Meine Arbeit am Montreal General Hospital

Blick vom Royal Victoria Hospital
Blick vom Royal Victoria Hospital

Im zweiten Monat wechselte ich in die Endokrinologische Abteilung des Montreal General Hospital. Dies ist das größte Krankenhaus der Stadt, dem man sein Alter leider deutlich ansieht, unter anderem auch, weil es mit weniger finanziellen Möglichkeiten als das Jewish General Hospital ausgestattet ist. Dennoch ist der Gebäudekomplex imposant. Mit seiner Lage am Mont Royal überblickt es die gesamte Downtown von Montreal.

Die Endokrinologische Hauptabteilung der McGill University ist im Royal Victoria Hospital angesiedelt, die Abteilung im Montreal General Hospital ist eigenständig, betreut aber vorwiegend ambulante Patienten und ist im Krankenhaus für andere Abteilungen konsiliarisch tätig. Endokrinologische Notfälle werden über die Innere Medizin aufgenommen und ebenfalls betreut.

Die Rotation dort ist so organisiert, dass ein oder mehrere Studenten sich gemeinsam mit einem jungen Assistenzarzt aus einem anderen Fachgebiet, in meinem Fall eine Psychiatrie-Assistenzärztin, als erste Ansprechpartner konsiliarisch tätig werden. Dabei wird man zu einem Patienten gerufen, den man befragt, zielgerichtet untersucht, die Laborwerte anschaut, eventuell fehlende Werte anfordert sowie die Akten und Aufzeichnungen durchsieht. Es wird erwartet, dass eine diagnostische und therapeutische Planung erstellt wird, die zunächst mit einem fortgeschrittenen Assistenzarzt der Endokrinologie besprochen und dann am Ende eines Arbeitstags dem zuständigen Oberarzt vorgestellt wird.

Dies läuft im Rahmen einer Art gemeinsames Kolloquium ab, bei dem die Patienten, Befunde und Überlegungen vorgestellt und dann vom Oberarzt ausführlich kommentiert werden. Dabei wird man intensiv zum Krankheitsbild befragt und kann durch die Kommentare des Oberarztes sehr viel über Vorgehensweisen in der Endokrinologie lernen. Manche Patientenbesprechungen dauerten über eine Stunde, waren aber stets spannend und vom Lerneffekt her unübertroffen. Meistens werden die Patienten nach dieser Besprechung gemeinsam mit dem Oberarzt gesehen, bevor das weitere Prozedere festgelegt wird.

Die überwiegende Mehrheit der Konsile wird aufgrund erhöhter Blutzuckerwerte angemeldet, häufig sind aber auch Schilddrüsenerkrankungen oder Störungen des Calcium-Haushalts. Pro Tag werden etwa drei Konsile angemeldet, die zwischen Assistenzarzt und Student aufgeteilt werden, so dass man etwa einen bis zwei Patienten pro Tag sieht. Die Patienten werden im Verlauf regelmäßig weiter beobachtet und entweder vom Studenten allein oder gemeinsam mit einem Arzt visitiert. Hierbei lernt man außer der korrekten Einstellung des Blutzuckers und der Wirkweisen der verschiedenen Insulinpräparate auch endokrinologisches Denken kennen.

Außer der konsiliarischen Tätigkeit gibt es das Angebot, an den endokrinologischen Sprechstunden teilzunehmen. Dies ist angesichts der nicht allzu hohen Zahl an Konsilen auch gut machbar. Verpflichtend ist dabei die Teilnahme an der neuroendokrinologischen Sprechstunde, die wirklich immer spannende Fälle zu bieten hat. Man hat die Gelegenheit, verschiedenste Symptome zu sehen und diese dann mit entsprechenden hormonellen Störungen in Verbindung zu bringen.

Während des Monats in der Endokrinologie am Montreal General Hospital mussten wir auch einige Anrufe aus „up north“ entgegen nehmen. Die nördlichen Territorien Kanadas werden überwiegend von Ureinwohnern bevölkert und einige kanadische Ärzte verbringen dort bis zu sechs Monate, um als Ansprechpartner vor Ort die medizinische Grundversorgung zu gewährleisten. Diese Ärzte können sich dann an Universitätskliniken wenden, wenn sie eine konsiliarische Meinung benötigen. Erweisen sich die medizinischen Probleme als zu schwerwiegend für eine ambulante Behandlung, werden diese Patienten dann auch in die Universitätsklinik eingeflogen.

Außerdem wird erwartet, dass man wenigstens einmal pro Woche in der diabetologischen Sprechstunde tätig ist. Für beide Sprechstunden gilt, dass man nach jeweils einem Einführungstag eigenständig Patienten übernehmen kann, und diese dann mit dem Oberarzt bespricht. Seitens der Ärzte und des Sekretariats wird besonders darauf geachtet, dass man als Student möglichst die neuen Patienten sehen kann, also viele neue Informationen erheben kann, anstatt einfach eine Folgeuntersuchung zu machen.

Es liegt dann in der Verantwortung des Studenten, sich bei den Patienten, die man eigenständig gesehen hat, um eine Kontrolle der Laborwerte, die Anforderung von Befunden oder die Erstellung des Arztbriefs zu kümmern. Insgesamt lernt man hierbei also unter reellen Bedingungen und die Endokrinologen geben sich stets viel Mühe, die Sachverhalte zu erklären.

Im Laufe des Monats in der Endokrinologie stellt man als Student auch mindestens einmal ein aktuelles, endokrinologisch besonders relevantes Paper im „Journal Club“ der Abteilung vor. Der Arbeitstag beginnt etwa zwischen 9:00 und 10:00 Uhr morgens und endet sehr variabel zwischen 18:00 und 20:00 Uhr, abhängig insbesondere von der Tageseinteilung des jeweils zuständigen Oberarztes und der Anzahl an Konsilen.

Zusammengefasst habe ich die Zeit an der McGill University und die exzellente klinische Ausbildung in der Inneren Medizin sehr genossen. In der Medizinischen Onkologie des Jewish General Hospital war eine große klinische Kompetenz zu spüren, während man in der Endokrinologischen Abteilung des Montreal General Hospital immer wieder die akademische Exzellenz der dortigen Ärzteschaft spürte.

Besonders hervorzuheben ist der stets freundliche Umgang unter den Studenten als auch seitens der Ärzte und anderen Mitarbeiter. Das große Engagement der Ärzte in Bezug auf Lehre und Wissensvermittlung, die ständige Einbindung in die reelle klinische Arbeit sowie die Möglichkeit, je nach Eignung und Interesse mehr oder weniger selbständig tätig zu sein, haben mich mit Sicherheit vorangebracht.

Wohnen in Montreal

Montreal die Mischung machts
Montreal die Mischung machts

In Montreal hatte ich bei meiner ersten „Google“ Suche ein Wohnheim entdeckt, das knapp außerhalb von Downtown und in der Nähe des Montreal General Hospital gelegen war (www.kazolo.com). Die Zimmerpreise variierten je nach Größe. Die Zimmer waren neben anderer Möblierung standardmäßig mit einem Doppelbett, einem Waschbecken, einem Kühlschrank und zwei Kochplatten ausgestattet. Dusche und WC befanden sich im Gang. Nachdem ich mir andere Angebote, unter anderem auch in WGs im Internet angeschaut hatte, entschied ich mich wegen des Preises und der Lage für dieses Wohnheim.

Um das Zimmer zu reservieren, musste man 200.- CAD über Western Union transferieren. Diese Summe wurde dann später auf die Zimmermiete angerechnet. Ich kam an einem Donnerstag an und hatte angefragt, ob da bereits ein Zimmer vorhanden wäre, da normalerweise die Mietperiode wochenweise von Samstag bis Samstag geht. Es war ein Zimmer verfügbar, jedoch musste ich überrascht feststellen, dass es ein sehr kleines Zimmer mit einem sehr, sehr kleinen Fenster war. Ende August war es in Montreal gerade auch richtig heiß und schwül, so dass diese erste Nacht wirklich sehr schrecklich verlief. Zusätzlich zur warmen Wetterlage war der uralte Kühlschrank im Verlauf der Nacht heißgelaufen und als es dann nach angeschmortem Kabel roch, versuchte ich um 3:00 Uhr nachts bei den Hausverwaltern zu klingeln, einem Ehepaar, das im Erdgeschoss wohnt. Als ich keine Antwort erhielt, entschied ich mich angesichts des langen Flugs einfach fürs Weiterschlafen.

Zum Glück passierte nichts weiter und nach einer hitzigen Debatte am Morgen war dann doch plötzlich ein größeres, besseres Zimmer verfügbar, das mit 140.- CAD pro Woche auch teurer war. Etwa dreimal größer als das andere, zudem im Erdgeschoss gelegen, was ich glücklicherweise unbegründet zunächst für ein gewisses Sicherheitsrisiko hielt, und mit einem modernen Kühlschrank ausgestattet. Dieses Zimmer nahm ich probeweise, überlegte zwischenzeitlich ernsthaft, mir eine andere Bleibe zu suchen, aber war im Endeffekt dann doch so zufrieden, dass ich dort die ganze restliche Zeit blieb.

Die Leute im Wohnheim waren größtenteils Arbeiter aus anderen Teilen Kanadas und aus dem Ausland, die meisten aber ziemlich nett. Einige Medizinstudenten und Krankenschwestern wohnten aber auch dort. Einige richtig abgewrackte Bewohner kann man allerdings nicht leugnen. Der Korridor und das Treppenhaus waren sehr von einem seltsamen Reinigungsmittelgeruch geprägt, auf die Luft im Zimmer hatte dies aber keine Auswirkung. Insgesamt war diese Unterkunft durchaus in Ordnung, die Wohnungen anderer Studenten reichten von viel teurer, aber dafür Zimmer-Untermiete in einer schönen Wohnung im Trend Viertel „Plateau de Mont Royal“, bis billiger als Kurzzeit-Mieter im Haus der leider kürzlich verstorbenen Tante einer Kliniksekretärin. Eine Unterkunft in Montreal scheint also eine Glückssache zu sein.

Finanzielles

An der McGill University bezahlte man 400.- CAD pro vierwöchigem Aufenthalt, 60.- CAD Bewerbungsgebühr und 60.- CAD Gebühr für die Registrierung beim „College des medecins du Quebec“. Außerdem ist, wie bereits erwähnt, beim Kanadischen Konsulat die Beantragung einer Arbeitserlaubnis als Medizinstudent im Praktikum notwendig, für die man unter anderem eine Untersuchung bei einem durch Kanada akkreditierten Arzt absolvieren muss, die neben dem Routinecheck Blutabnahmen und Röntgen-Thorax-Aufnahmen beinhaltet (250.- EUR). Die späteren Studiengebühren an der UCSD in San Diego/USA betrugen übrigens hierzu im Vergleich 250.- USD pro vierwöchigen Abschnitt.

Der Gabelflug von Deutschland nach Montreal und von San Diego zurück nach Deutschland, mit Änderungsoption für den Rückflug, weil ja noch keine Zusage von der UCSD in Sandiego vorlag, kostete knapp 900.- EUR. Der Flug von Montreal nach San Diego war nur mit Umsteigen in den USA möglich und überraschenderweise mit etwa 300.- USD für die eine Richtung sehr teuer. Ich hätte nicht gedacht, dass Flugverbindungen zwischen Kanada und USA (außer den großen Metropolen) so teuer und kompliziert sind.

Leben in Kanada

Montreal ist eine sehr beeindruckende Stadt mit vielen Kontrasten. Sie ist die ehemalige Finanzmetropole Kanadas, die in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts ihre Bedeutung und Finanzkraft wegen der Unabhängigkeitsbestrebungen der Provinz Quebec immer mehr an Toronto verloren hat. Dies hatte aber auch zur Folge, dass sich eine außergewöhnliche kulturelle und ethnische Diversität bilden konnte. So viele unterschiedliche Sprachen wie in Montreal auf der Straße hört man nicht einmal in New York.

Da mittlerweile wieder stark in eine Art Wiederaufbau investiert wird, gibt es zunehmend große Unterschiede zwischen den Wohngegenden. Es geht von neuartigen Hochhäusern über riesige alte Villen bis hin zu wirklich heruntergekommenen Wohnhäusern. Die Mehrzahl der Bewohner Montreals spricht primär französisch, eine Minderheit englisch, die meisten sind aber fließend bilingual. Oft kam es vor, dass im Gespräch zwischen den Sprachen hin und her gesprungen wird, einzelne Begriffe werden sowieso immer vermischt. Für meine Sprachbeherrschung hat dies im Nachhinein betrachtet sehr viel gebracht, das Sprechen ist dadurch viel selbstverständlicher und schneller geworden. Französisch wird aber in einem sehr speziellen Dialekt gesprochen, an den man sich aber vom Verständnis her relativ schnell gewöhnt.

Die „Montrealais“ sind allgemein sehr hilfreich und aufgeschlossen, allerdings muss man es beherrschen oder es lernen, um etwas direkt zu bitten – eventuell mit Nachdruck, denn sonst wird nur selten ein Finger krumm gemacht. Die Stadt hat zahlreiche tolle Events zu bieten. Erwähnt sein sollen das berühmte Jazz-Festival (www.montrealjazzfest.com), zahlreiche internationale Filmfeste, das „Piknic electronik“, immer sonntags im „Parc Jean Drapeau“ (piknicelectronik.com). Außerdem kann man sich, bei Bedarf jeden Abend, aus einem anderen Land hochwertige Küche zu relativ günstigen Preisen gönnen. Es gibt eine große Auswahl an Clubs, fast jeden Tag Konzerte. Empfehlenswert sind das Sinfonieorchester mit dem weltberühmten Dirigent Kent Nagano und die Oper.

Kanada ist ein Land der großen Entfernungen, dennoch lohnt es sich, die Umgebung zu erkunden. Knappe drei bis vier Stunden nach Norden liegt Quebec City, die Hauptstadt der Provinz Quebec, mit einer wunderschönen Altstadt. Weiter im Norden kann man im Sankt Lorenz Golf Blauwale bestaunen. Nur knapp zwei Stunden von Montreal entfernt, liegt die Hauptstadt Kanadas, Ottawa, bei der aber eigentlich nur die imposanten Regierungsgebäude im Zentrum einen Besuch wert sind, vielleicht also eher auf der Durchreise.

Knappe sechs bis acht Stunden nach Süden liegt Toronto, das sich stark von Montreal unterscheidet, aber dennoch sehr interessant ist. Ich fühlte mich dort ebenfalls sehr wohl. Von Toronto sind es noch etwa zwei Stunden bis zu den „Niagara Falls“. Der Ausflug dorthin war eines der am meisten beeindruckenden Erlebnisse meines Lebens. Es ist sicherlich eine gut vermarktete Touristenattraktion und das Erlebnis ist von der Touristenmenge als auch anderen Faktoren abhängig. Von einigen Mitstudenten wurde auch große Enttäuschung kundgetan. Aber es ist einfach ein umwerfendes Naturschauspiel.

In der Nähe von Montreal laden zahlreiche Nationalparks zum Wandern und Schwimmen in einmalig schönen Seen ein. Interessant ist besonders im Winter ein Ausflug zum „Mont Tremblant“, ein Ski Ressort knappe zwei Stunden außerhalb Montreals. Für solche Ausflüge außerhalb Montreals lohnt sich bei größeren Gruppen ein Mietwagen. Vor allem mit www.billiger-mietwagen.de haben wir hierbei gute Erfahrungen gemacht. Ansonsten hat auch „Coach Canada“ einige gute Angebote, die Eisenbahn ist eher unverhältnismäßig teuer.

Innerhalb Montreals macht es bei größerer Entfernung zwischen Wohnung und Klinik Sinn, sich eine „OPUS“ Studentenkarte zu holen (einmalig 15.- CAD), der Monatsfahrschein kostet dann 37.- CAD. Aber Achtung: nur vom 1. eines Monats bis zum Monatsende gültig. Man kann allerdings auch Wochentickets kaufen – wiederum nur von Montag bis Sonntag gültig. Will man am Freitag ein solches Ticket kaufen, ist es nur noch drei Tage gültig.

Die Metro fährt regelmäßig (kein Betrieb nachts) und man ist ziemlich schnell unterwegs. Das Busnetz ist ebenfalls ganz gut. Vom Wetter her ist der Sommer ähnlich wie in Deutschland, vielleicht etwas kühler und feuchter. Im August hatte es rund 25 Grad. Ab Mitte September kühlt es aber merklich ab und als ich Mitte Oktober abflog, hatte es nur noch 5 bis 8 Grad. In dieser Zeit spielt sich auch der unnachahmliche „Indian Summer“ mit seinen prächtigen Farben ab. Der Winter beginnt ziemlich früh. Ab Mitte November sollte man Minustemperaturen erwarten, es geht durchschnittlich auf -20 Grad runter, kann aber auch mal auf -50 Grad fallen. Tauwetter soll ab April einsetzen und dann wieder ziemlich schnell aufheizen.

Ein Resumee

Zusammengefasst war dieser PJ-Abschnitt in Montreal ein großartiges Erlebnis, bei dem ich viele tolle Menschen getroffen und viel über Medizin, Kanada und mich selbst gelernt habe.

Ich bedanke mich bei der Allianz herzlich für das Reisestipendium und kann jedem nur empfehlen, einen Teil seines PJ an der McGill University zu absolvieren.

S., A.
Tübingen, Juli 2010

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3 Kommentare

  • Liebe Frau Kerber,
    lieber Herr Stammer,

    die Redaktion hat sich gefreut zu lesen, dass Ihnen der Erfahrungsbericht zu PJ in Kanada bzw. zur Kombination PJ Montreal/PJ San Diego gefallen hat. Wir haben den Autor des Berichtes gebeten, Ihre Fragen direkt über die Kommentarmöglichkeit zu beantworten oder sich direkt mit Ihnen in Verbindung zu setzen.

    Herzliche Grüße
    Peter Karle

  • hallo!
    interessanter bericht was mich nun interessiert ist die frage wie der aktuelle stand der behandlung/forschung auf dem gebiet endokrinologie hier speziell die autoimmunkrankheiten (hashimoto usw) sind? sind die behandlungsansätze in der behandlung weiter fortgeschritten als bei uns in deutschland oder sind die nordamerikaner doch etwas rückständiger in dieser beziehung? würde mich über ein kurzes feedback über deine eindrücke sehr freuen. gerne via email an

    vielen dank

    viele grüße
    andy

  • Hallo! Vielen Dank für den sehr interessanten Bericht. Gerne würde ich den Autor/die Autorin kontaktieren, da ich noch weitere Frage hätte, gerade in Bezug auf die Kombination Montreal und San Diego. Wäre es möglich, mir die Kontaktdaten zukommen zu lassen?

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