Famulatur in den USA – Gefäßchirurgie und Onkologische Chirurgie

6. August 2010

in Chancen im Ausland, Chirurgie, Famulatur im Ausland, Gefäßchirurgie, Onkologie, USA

USA, New York City, Mount Sinai Hospital und Veterans Affairs Hospital (01.08.-08.10.2009)

Über den großen Teich. Mein Ziel – eine Famulatur in New York City, einer der faszinierendsten und schillerndsten Städte der Welt. Bis ich jedoch mit dem Flieger Richtung USA abheben konnte, galt es einige Hürden zu nehmen: eine nicht zu unterschätzende Bewerbung und weitere damit zusammenhängende Formalitäten. Der Lohn: eine großartige Zeit, die sich sowohl medizinisch wie persönlich enorm gelohnt hat!

Auf nach New York City

Es gab für mich mehrere Gründe, eine Famulatur an der Mount Sinai School of Medicine (MSSM) in New York City (NYC) zu absolvieren. Nach einigen Famulaturen in Deutschland war es meine Absicht, meinen persönlichen Horizont mit einer Famulatur im Ausland zu erweitern. Von Beginn an war zudem klar, dass ich ins englischsprachige Ausland gehen möchte, da die Lehre im angloamerikanischen Raum einen ausgezeichneten Ruf besitzt.

Vor allem die amerikanischen Universitäten verfügen über eine ausgezeichnete Lehre und Forschung. Nach der Lektüre vieler Erfahrungsberichte bewarb ich mich an der MSSM. Dies hatte zwei Gründe: Zum einen gibt es nur wenige Medical Schools in den USA, die Famulanten, d.h. solche, die noch nicht „final year students“ sind, aufnehmen. Nur im Staat New York gibt es 4-5 Medical Schools, die Famulanten annehmen. Zum anderen verfügt die MSSM über eine große klinische wie wissenschaftliche Reputation.

Nicht zuletzt freute ich mich darauf, in NYC, einer der spannendsten Städte dieser Welt, eine Zeit lang zu leben und zu arbeiten.

Bewerbung – eine erste Hürde

Mount Sinai Hospital in New York City
Mount Sinai Hospital in New York City

Ein Jahr vor Beginn der Famulaturen in New York City entschloss ich mich, die Bewerbungen in Angriff zu nehmen und suchte erst einmal nach einem geeigneten Krankenhaus. Die Mount Sinai School of Medicine hat eine gute Homepage, auf der man unter dem Link „Foreign visiting students“ alle Informationen findet. Dann begann die Ausarbeitung der Bewerbung, die 8-9 Monate vor Beginn der Famulaturen, sog. „electives“, eingereicht werden musste:

  1. Bewerbungsformular mit persönlichen Angaben, Liste an „Core Clerkships“ (quasi Blockpraktika), die man absolviert hat und Angaben der gewünschten „electives“ mit Zeitraum. Die „electives“ kann man sich aus einem Katalog aussuchen, in dem deren Inhalt beschrieben ist. Besser und anspruchsvoller sind solche für „3rd und 4th year students“. Ich entschied mich für Vascular Surgery am Mount Sinai Hospital (MS) und General Surgery am Veterans Affairs (VA) Hospital in der Bronx.
  2. Die Bewerbungsgebühr betrug $ 300.-, zahlbar in Traveller Checks. Selbst wenn man nicht angenommen wird, wird diese Summe nicht erstattet, da sie als Bearbeitungsgebühr gilt. Ich kenne aber niemanden, der nicht angenommen wurde. Ich denke, diese Summe soll eher Leute abschrecken, die sich flächendeckend überall bewerben.
  3. „Medical Status form“: Nachweis verschiedener Impftiter (was auch kostet) und eines Tuberkulin-Tests.
  4. „Medical School Transcript“: Auflistung aller Kurse mit Noten, die man bisher in der Uni besucht hat.
  5. „Dean’s Letter of Good Standing“: Diesen habe ich von dem sehr hilfreichen Büro Charité International Cooperations (ChIC) erhalten.
  6. Nachweis, dass man das Physikum gemacht hat, das äquivalent zum USMLE-Step 1 (United States Medical Licensing Examination) ist.
  7. TOEFL-Test (Test of English as a Foreign Language) war bei mir noch nicht notwendig.
  8. CV (Lebenslauf)

All das richtete ich an Mrs. Persaud, die Koordinatorin für „visiting students“ an der Mount Sinai School of Medicine, eine raue, manchmal ein wenig seltsame Frau. Man wird sie noch früh genug kennenlernen, denn alles, was die „electives“ an der MSSM angeht, läuft über sie.

Nach ca. zehn Wochen erhielt ich dann per Email eine Nachricht, dass ich für meine beiden gewünschten „electives“ akzeptiert wurde und gleichzeitig Informationsmaterial über die weiteren Schritte. Diese sind kompliziert und bedeuten einen Berg an Bürokratie. Es wird benötigt:

  1. „Letter of Eligibility“ vom New York State Department of Education: eine Art Zustimmung zum „elective“ einer Behörde des Staates New York. Diese Behörde erhält von der MSSM die Nachricht, dass man akzeptiert ist. Man selber muss ein Formular mit der Bitte um diesen „Letter of Eligibility“ ausstellen und $ 30.- an die Behörde überweisen. Aber aufgepasst: es ist weder möglich, diese Summe in bar, noch per Traveller Check, noch als Geldtransfer zu bezahlen. Die einzige Möglichkeit ist, eine Überweisung von einem amerikanischen Konto oder ein Scheck von einer amerikanischen Bank.Beide Varianten sind extrem umständlich und schwierig, denn wer hat schon ein Konto in den USA? Bei der Behörde in NY findet man auch niemanden, der einem weiterhelfen will und kann. Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen mit Traveller Checks etc. konnte ich kurz vor meiner Abreise über meine Bank (Apo-Bank), einen amerikanischen Scheck ausstellen, der von meiner Bank in den USA gekauft, hergeschickt und ausgefüllt wurde. Insgesamt kostet der ganze Scheck über $ 30.- dann ca. 60.- EUR. Ob man diesen Aufwand wirklich betreiben muss, ist die Frage. Ich wurde nie, weder in der Botschaft, noch an der Grenze, noch an der MSSM nach diesem Brief gefragt. Zugesandt wurde mir der Brief per Email, als ich schon längst famulierte. Einige andere Deutsche haben diesen Brief nie beantragt.
  2. F1-Visum, ein Studentenvisum, andere Visa werden nicht akzeptiert, selbst wenn ein B1-Visum sogar ausreichen würde! Dafür muss man ein Bewerbungsformular für das F1-Visum an „International Personnel“ der MSSM, Mrs. Tirado, schicken. Dies beinhaltet folgendes:
    1. Antrag auf ein I-20 Formular: Persönliche Daten, vorherige Reisen in die USA, Angehörige, die mitreisen, Darlegung der eigenen finanziellen Möglichkeiten (Bankauszug) und Garantie, dass man über $ 1.600.- im Monat verfügt (mit Unterschrift eines Bürgen)
    2. CV
    3. „Dean’s Letter of Good Standing“
    4. Kopie des Reisepasses
    5. Nachweis einer Auslandsreisekrankenversicherung (hatte ich bei Allianz Private Krankenversicherungs-AG abgeschlossen)

Das Visum

Nachdem man diese Unterlagen eingereicht hat, bekommt man per Post ein I-20 Formular zugesandt, das einem ermöglicht, sich um ein F1-Visum bei der amerikanischen Botschaft zu bewerben. Man sollte frühzeitig einen Termin machen, denn gerade im Sommer sind die Termine knapp. Mitzunehmen sind: I-20 Formular und 3-4 weitere Formulare (DS-156-159), die man auf der Homepage der amerikanischen Botschaft erhält und die Person sowie den Zweck der Reise beleuchten.

Außerdem wird der Nachweis der bezahlten Gebühr ($ 200.-) für das Student Exchange Visitor Information System (SEVIS, Formular I-901), der Nachweis der bezahlten Visum-Antragsgebühr (112.- EUR), ein Nachweis, dass man die USA wieder verlassen möchte und die üblichen Dinge wie Passbilder etc. verlangt. Das Gespräch bei der Botschaft war dann recht harmlos. Nach langem Warten wurde ich gefragt, ob ich Medizin studiere, was ich später mal machen möchte und dann hatte ich mein Visum.

Reisestipendium

Bei meiner Suche nach einem geeigneten Krankenhaus im angloamerikanischen Raum und insbesondere den USA, hatte ich viele Erfahrungsberichte auf der Seite von Stethosglobe.de gelesen, die zum Teil sehr hilfreich waren. Dann war ich durch Zufall auf dieser Seite auf die Ausschreibung des Reisestipendiums der Allianz Private Krankenversicherungs-AG für Famulaturen im Ausland gestoßen. Ich hatte mich mit einem Motivationsschreiben und Lebenslauf beworben und bin glücklich, ausgewählt worden zu sein. Das Reisestipendium war eine wunderbare finanzielle Unterstützung, über die ich mich gefreut habe, da New York City einfach eine unglaublich teure Stadt ist.

Allgemeines

New York City
New York City

Ich hatte zwar ca. drei Monate vor Beginn der Famulaturen meine Flüge gebucht, bin aber leider an einem der Wochenenden in der Hochsaison geflogen. Mein Direktflug Berlin-NYC mit Delta Airlines hat daher ca. 800.- EUR gekostet.

Was Sicherheitsaspekte betrifft, denke ich, dass, wenn man die normalen Vorsichtsmaßnahmen wie in jeder Großstadt beachtet, New York City eine sichere Stadt ist, d.h., man sollte nachts nicht durch den Central Park laufen oder sich nachts in der Bronx oder Harlem aufhalten. Ich persönlich habe mich nie unsicher gefühlt, weder in meiner Wohngegend (zwischen Harlem und Upper East Side), noch wenn ich nachts U-Bahn gefahren bin. Auf der Straße gibt es überall eine starke Polizeipräsenz.

Als ich in den USA war, stand der US-Dollarkurs günstig (1 EUR = $ 1,48). Trotzdem ist NYC eine unglaublich teure Stadt. Neben den täglichen Kosten für Essen (Sandwich: $ 5-7, Kaffee: $ 1-4, Bier: $ 6-12), kommen natürlich noch die in der Freizeit hinzu (Sightseeing, Museen, Shoppen, Bars, Clubs). Mit der Kreditkarte kann man fast immer überall bezahlen, so dass ich bald dazu überging, kaum noch Bargeld zu haben. An allen Banken, kann man Geld mit der Kreditkarte bekommen, an einigen auch mit der EC-Karte. Oft fallen aber Bearbeitungsgebühren an. Traveller Checks hatte ich auch, sie waren aber eigentlich eher umständlich, weil sie kaum angenommen wurden.

Englisch reicht vollkommen aus. Es kann von Vorteil sein, manchmal spanisch oder chinesisch sprechen zu können, aber das habe ich nur selten erlebt. Mein Englisch hat sich auf jeden Fall durch den Aufenthalt verbessert und natürlich lernt man auch noch eine Menge fachspezifisch- medizinisches Vokabular. Hilfreich war aber auch ein Kurs „Medizinisches Englisch“, den ich am Sprachenzentrum der Humboldt Universität in Berlin gebucht hatte, um schon ein wenig Vorwissen zu haben.

Ich hatte mir eine Metrocard gekauft ($ 89.-), damit kann man das gesamte öffentliche Verkehrsnetz benutzen. Sonst kostet eine einzelne Fahrt $ 2,25. Das U-Bahn Netz ist sehr gut, die Züge kommen recht regelmäßig. Es gibt Expresszüge, die Stationen überspringen, mit denen man schnell große Strecken überbrücken kann und Züge, die an jeder Station halten. In „Downtown“ Manhattan selber bin ich viel gelaufen, denn so lernt man die Stadt am schnellsten kennen. Nachts, gerade, wenn man sich den Preis mit anderen teilt, ist ein Taxi recht günstig.

Wohnen in New York City und weitere Tipps

New York City by night
New York City by night

Ich hatte mich früh für eine Wohnmöglichkeit („student housing“) der Mount Sinai School of Medicine beworben, und zwar noch am selben Tag, an dem ich meine Zusage erhalten hatte. Nachdem ich lange nichts von den entsprechenden Leuten gehört hatte, teilte man mir ca. vier Wochen vor meinem Abflug mit, dass man mir keine Wohnung anbieten könne.

So suchte ich mir selber eine Wohnung über www.craigslist.org , wo ich lange suchte, viele Leute anschrieb. Das Problem ist, dass man oft nicht weiß, wie die Wohnungen tatsächlich aussehen, trotz Bildern, und die Besitzer, natürlich auch zu ihrer Absicherung, eine Anzahlung haben wollen, die oft um ca. $ 500-800.- liegt. Außerdem wollen viele Wohnungsbesitzer, dass man vorher noch mal vorbei kommt, um einen kennenzulernen – gerade, wenn man was zur Zwischenmiete für ein paar Monate nimmt. Daher empfehle ich, ruhig ein wenig früher nach NYC zu kommen, um in Ruhe eine schöne Wohnung zu finden. Der Wohnungsmarkt ist groß, gerade am Anfang des Semesters werden viele Wohnungen und WGs angeboten.

Glücklich fand ich auch meine Wohnung. Ich habe mit vier anderen Leuten, die zum Teil aus der ganzen Welt kamen, in einem Apartment nahe am MSSM gewohnt. Ich wohnte somit nicht in „Downtown“ Manhattan, aber nahe am Krankenhaus, was ich sehr zu schätzen lernte, und ein wenig billiger als in „Downtown“ ($ 1150.-, was viel klingt, aber nicht viel in NYC ist). Ich wohnte im 7. Stock und hatte einen traumhaften Blick über die Stadt und den Central Park. Mit der U-Bahn benötigte man ca. 20 min zum Times Square.

Als Reiseführer hatte ich den „Lonely Planet“ mitgenommen, der viele gute Tipps hat. Für die Kitteltasche empfiehlt es sich, den „Maxwell Quick Medical References“ zu haben, ein kleines Buch, was eigentlich jeder amerikanische Student besitzt. Alle meine anderen Lehrbücher, die ich mitgenommen habe, benötigte ich nicht, da die Bibliothek des Mount Sinai über einen „up2date“-Zugang verfügt, über den ich immer alles nachgelesen habe.

Die meiste Zeit habe ich „Scrubs“ und bequeme Schuhe, die meisten tragen Joggingschuhe, getragen. Die „Scrubs“ trägt man von morgens bis abends, kommt damit zum Krankenhaus und geht damit heim. Wechseln kann man sie dann täglich im OP-Bereich. Für die „Clinics“, wohin Patienten zur Aufnahme oder Nachuntersuchung kommen, sollte man als Mann Stoffhosen (keine Jeans), Hemd und Krawatte tragen. Frauen sollten ebenfalls entsprechend schick gekleidet sein. Ein Kittel wird nicht benötigt, denn den bekommt man am ersten Tag. Ein Stethoskop ist im chirurgischen Bereich nicht notwendig.

Nach ca. 8 Stunden Flug kam ich am JFK International an. Dann musste ich durch die Kontrolle des „US Customs“ (Einreise-Zoll). Dort herrschte eine hektische Stimmung und man muss ganz schön warten, aber alles ist nur halb so schlimm. Man bekommt ein paar Fragen gestellt, womit überprüft wird, ob die Daten des Visums und des Reisepasses auch mit der Person übereinstimmen. Dann werden ein Foto gemacht und digitale Fingerabdrücke genommen.

Um ein wenig Geld zu sparen und um gleich NYC zu erleben, hatte ich die U-Bahn in die Stadt genommen. Alle Terminals des JFK sind an das U-Bahnnetz angeschlossen. Man braucht mit der U-Bahn ca. 45 min nach „Downtown“ Manhattan. Ein Taxi ist sicherlich bequemer, kostet aber um die $ 45.-.

Mount Sinai School of Medicine – 1. Tag

Im Foyer des Mount Sinai Hospitals
Im Foyer des Mount Sinai Hospitals

Am ersten Tag der Famulatur haben sich alle „visiting students“ mit Mrs. Persaud getroffen. Dann wurde die „tuition“-Gebühr ($ 500.-/elective) und $ 40.- für eine Art „Krankenversicherung für kleinere Angelegenheiten“ in Form von Traveller Checks bezahlt und wir bekamen einen Informationsbogen darüber, wo wir unsere Stationen finden. Anschließend musste man noch zu Mrs. Tirado, „International Personnel“, um seinen Visum-Status und das I-20 Formular zu bestätigen.

Die Mount Sinai School of Medicine setzt sich zusammen aus mehreren Krankenhäusern, die über die ganz Stadt verteilt sind. Das wichtigste und größte Krankenhaus ist aber zweifelsohne das Mount Sinai Hospital (MS). Dieses Krankenhaus hat eine wunderschöne, moderne und offene Architektur mit einem großen überdachten Foyer. Auf den oft mit Teppich ausgelegten Fluren fühlt man sich häufig wie in einem Hotel.

Auf der Gefäßchirurgie

Die Gefäßchirurgie ist eines der Steckenpferde am Mount Sinai Hospital, da der Chef der Chirurgie, Dr. Marin, ein renommierter Gefäßchirurg ist. Die Gefäßchirurgie gilt, anders als in Deutschland, am Krankenhaus als eine der anstrengendsten „Rotations“. Meine Kollegin, auch eine Deutsche, und ich, starteten die sog. „Rounds“, wie man eine Visite nennt, um 4:00 Uhr. Wir beide waren dabei für den Verbandswechsel aller Patienten zuständig, d.h. Aufschneiden der Verbände und Pflaster, Wunde durch das Team beurteilen lassen und wieder verbinden. Manchmal durften wir auch die Arterien am Bett dopplern, das kam aber eher selten vor.

Das „Teaching“ war leider sehr schlecht, es wurde wenig erklärt. Das „Teaching“ ist im allgemeinen Aufgabe des „Chief Resident“, quasi des Chefassistenten. Leider war unsere Chirurgin vollkommen überfordert von der Arbeit und zeigte kein Interesse, uns etwas zu zeigen.

Um 7:00 Uhr gab es jeden Morgen unterschiedliche Veranstaltungen und Konferenzen, die das gesamte Team besuchte. Montags Vorträge und Fälle der interventionellen Radiologie, dienstags Fallbesprechung und gefäßchirurgische Krankheitsbilder im Gespräch mit einer Oberärztin, mittwochs „Morbidity and Mortality Conference“, an der die gesamte Chirurgie teilnahm, donnerstags chirurgische Vorlesung über allgemeine Themen wie Wundheilung, freitags Gefäßchirurgischer Journal Club. Diese Veranstaltungen waren zum Teil sehr interessant und lehrreich, oft kämpfte ich aber mit der Müdigkeit, was bei den Arbeitszeiten nicht nur mir so ging.

Anschließend bin ich mit meiner Kollegin in den OP gegangen, wo es das ganze Spektrum der Gefäßchirurgie zu sehen gab: Amputationen, Bypasse, Thrombektomien, Angioplastien, Carotiden u.v.m. Es operierte meist ein „Attending“ (Oberarzt) mit einem „Fellow“, einem Arzt, der sich in einem Fach spezialisiert, so dass man als 2. Assistent am Tisch stehen konnte. Meist konnte man zwar nicht mehr machen als saugen und tupfen, aber ich habe viele spannende Operationen und auch lehrreiche Komplikationen gesehen.

Die Operateure freuten sich immer über jede Frage und erklärten gerne. Aber auch hier ist die Lehre stark abhängig von den Einzelpersonen. Es gibt immer Ärzte, die gerne erklären und solche, die sich durch Fragen gestört fühlen. Meist blieb ich dann den ganzen Tag im OP, half beim Umlagern, schaute bei OPs zu oder wusch mich mit ein. Je nachdem, wann die letzte OP anfing, bin ich zwischen 15:00 Uhr und 20:00 Uhr gegangen.

Insgesamt war es eine gute Zeit, in der ich einige interessante Operationen gesehen und im OP assistiert habe. Die viel gelobte amerikanische Lehre hatte mich bis zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich überzeugt, ich freute mich daher auf mein zweites „elective“.

Auf der Onkologischen Chirurgie

In meinem zweiten „elective“ war es ursprünglich geplant, Chirurgie im Veterans Affairs Hospital (VA) in der Bronx zu machen. Was für ein Unterschied zum großen und schönen Mount Sinai Hospital! Mit dem Shuttlebus fährt man morgens um kurz vor 7:00 Uhr ca. 30 min zum Hospital. Die Bronx ist deutlich ärmer als Manhattan, die Gegend soll krimineller sein. Das VA Hospital ist ein kleines Lehrkrankenhaus der Mount Sinai School of Medicine. Meine deutsche Kollegin und ich wurden freundlich aufgenommen, der „Chief Resident“ erklärte uns gleich einige Dinge und diskutierte mit uns einen Fall – es schien spannend zu werden! Leider mussten wir bald feststellen, dass wir sieben Studenten auf der Station waren, allein fünf aus Deutschland! Eine Fehlplanung, die dazu führte, dass es kaum etwas zu tun gab und wir uns nur auf den Füßen herumstanden.

Deswegen sprach ich bei Mrs. Persaud vor, die ihren Fehler eingestand und uns freistellte, in ein anderes „elective“ zu wechseln. Da ich viel über die Chirurgische Onkologie gehört hatte und dem Team am MS einige Male zugeschaut hatte, entschied ich mich, es dort zu versuchen. Ich sprach also beim Chef der Chirurgischen Onkologie, Dr. Schwartz, vor, ein beeindruckender und in den USA berühmter Chirurg, und erklärte ihm mein Anliegen. Gerne nahm er mich auf seine Station auf und so trat ich meine Famulatur auf der Chirurgischen Onkologie an. Auf der Station waren neben mir noch vier weitere amerikanische Studenten, die sehr nett waren und mir alles zeigten.

Schnell bekam ich meine eigenen Patienten, die ich vor ihrer Operation untersuchte und eine kurze Anamnese erhob, dann als 2. Assistent an ihnen operierte, um sie dann auf Station nach zu betreuen. So fing mein Arbeitstag morgens zwischen 4:00-4:30 Uhr mit „pre-rounds“ an, d.h. ich suchte meine Patienten auf, fragte nach ihrem Befinden, wechselte die Verbände, notierte ihre Vitalparameter und führte eine kurze gezielte Untersuchung durch. Gegen 5:00 Uhr begann dann die „morning-round“, in der ich meine Patienten dem Team und den anderen Studenten vorstellte und geplant wurde, was die weiteren Schritte für den Patienten waren.

Gegen 7:00 Uhr gab es dann, wie in der Gefäßchirurgie, verschiedene Veranstaltungen: montags Onkologische Fallvorstellung, mittwochs „Morbidity and Mortality Conference“, donnerstags allgemein chirurgische Vorlesung, und schließlich freitags Tumorboard, bei dem die Patienten zusammen mit Pathologen, Hepatologen und Radiologen besprochen wurden.

Um 8:00 Uhr wurde erneut Visite gemacht, diesmal mit einem Oberarzt oder dem Chefarzt. Anschließend wurden die OPs unter den Studenten aufgeteilt. Begann die eigene OP erst spät, musste man sich auf den Fall in der Bibliothek vorbereiten, um auf eventuelle Fragen der Chirurgen antworten zu können, die einen gerne mal ausfragten, oder man half bei der Stationsarbeit, z.B. Verbände wechseln, Nasensonden ziehen, aber auch konsiliarisch Patienten sehen und vorstellen.

War ich im OP eingeteilt, half ich mit, den Patienten zu lagern, legte einen Blasenkatheter und rasierte das Operationsfeld. Anschließend assistierte ich an 2. Stelle und durfte saugen, Fäden schneiden und teilweise knoten. Auch hier lag der Schwerpunkt mehr auf dem Lernen durch Zusehen als denn durch eigene praktische Tätigkeit. Bei laporoskopischen Operationen durfte ich aber immer die s.c.-Nähte machen, die Laparotomien wurden gestaplet.

Mein „Chief Resident“ legte großen Wert auf das „teaching“, so dass wir oft richtige „teaching“-Runden hatten, in denen einzelne Krankheitsbilder mit ihrer Klinik, Diagnostik und Therapie durchgesprochen wurden. Am Nachmittag machten wir wieder „afternoon-pre-rounds“ und „rounds“ wie am Morgen. Da immer gewartet wurde, bis die letzte OP beendet war, waren diese „rounds“ oft erst am Abend. Danach durften wir gehen – meist zwischen 20:00-22:00 Uhr.

Nicht an jedem Tag wurde operiert, an zwei Tagen in der Woche gab es stattdessen die sog. „clinics“, in denen Patienten zur Nachuntersuchung kamen oder aufgenommen wurden. Hier folgte man dem „Chief“ oder den „Attendings“ zu den Patienten, hörte bei der Anamnese zu und guckte sich zusammen die CT-Befunde an, die am Bildschirm besprochen und diskutiert wurden. Nicht selten war ich dabei, wenn Patienten schlechte Nachrichten überbracht wurden, wodurch ich auch viel darüber gelernt habe, da dies teilweise sehr berührende Erfahrungen waren.

In diesem „elective“ wurde darüber hinaus erwartet, dass die Studenten auch an mindestens einem Tag des Wochenendes Dienst haben. Der Dienst am Wochenende gestaltet sich wie jeder Tag unter der Woche, nur fingen wir etwas später an (ca. 6:00 Uhr) und man durfte früher gehen (zw. 13:00-15:00 Uhr).

Fazit meiner Arbeitserfahrung

Zusammenfassend kann ich nach meinen acht Wochen Famulatur sagen, dass es eine sehr lehrreiche und arbeitsreiche Zeit war, die sich mehr als gelohnt hat. Ich habe noch nie so viel und so lange im Krankenhaus gearbeitet. Ich habe fast täglich aus dem Krankenhaus heraus die Sonne auf- und untergehen sehen, aber ich war auch begeistert von der Arbeit. Man wächst schnell als Team mit den anderen Studenten und „Interns“ zusammen, wodurch sich echte Freundschaften entwickeln. Besonders schön war das Gefühl, wirklich gebraucht zu werden – im zweiten „elective“ noch mehr als im ersten – und eigene Aufgaben zu haben. Ich habe jetzt tiefere Einblicke in das amerikanische Gesundheitssystem bekommen und sehe manches auch kritisch:

  1. Viele Arbeitsprozesse, wie Visite oder OP-Einleitung eines Patienten sind nicht gut organisiert. Oft wird ineffizient und unwirtschaftlich gearbeitet. Alle Aufgaben dauern dadurch länger oder werden mehrfach ausgeführt.
  2. Im amerikanischen Gesundheitssystem gibt es viele Patienten, die entweder gar nicht oder unterversichert sind. Nur in Notfällen übernimmt der Staat die Behandlung für solche Patienten. Das führt immer wieder zu traurigen Situationen, in denen ein Patient eine Therapie benötigt, sie aber entweder nicht bezahlen kann oder seine Versicherung die Leistung nicht übernimmt. Dies führte oft zu Unverständnis bei mir, da ich es aus Deutschland gewohnt bin, dass stets das Beste für den Patienten angestrebt wird und niemandem eine Gesundheitsleistung vorenthalten wird.
  3. Es herrscht eine große Furcht vor Schadensersatz-Klagen gegen das Krankenhaus, aber auch gegen jeden einzelnen Arzt. Dies führt dazu, dass ein erheblicher Teil der täglichen Arbeitszeit für die Dokumentation aufgewandt wird.

Mit realistischen Erwartungen sollte man der viel gerühmten Lehre in amerikanischen Krankenhäusern begegnen. Wenn Lehre stattfindet, ist sie meist sehr gut. Die wichtigen „key facts“ verschiedener Krankheitsbilder werden Evidenz basiert gelehrt, auf tiefere, z.B. pathophysiologische Hintergründe, wird aber meist leider verzichtet. Die klinische Ausbildung ist weniger gut, da klinische Untersuchungen kaum stattfinden. Im Zweifelsfall sichert man sich durch apparative Diagnostik oder ein Konsil ab.

Die Lehre ist, wie auch in Deutschland, stark abhängig von Einzelpersonen und ihrem Engagement. Manchmal hat man Glück mit den Ärzten und sie erklären viel und lassen einen viel machen, manchmal hat man Pech und schaut nur zu. Stärker als in Deutschland wird es erwartet, dass man sich selber einbringt, sich Aufgaben sucht, Fragen stellt, Engagement und Interesse zeigt. Je mehr man also von sich selbst an Begeisterung und Zeit hineinsteckt, desto mehr bekommt man auch von den Ärzten zurück. Dies führt zu extremen Arbeitszeiten und einem Leben, das sich unter der Woche zum großen Teil nur im Krankenhaus abspielt. Eine Erfahrung, die mich an den Rand meiner Kräfte geführt hat, im ständigen Kampf mit der Müdigkeit.

New York City

New York City - die Stadt, die niemals schlaeft
New York City – die Stadt, die niemals schläft

Auch wenn ich viel gearbeitet habe, hatte ich doch auch die Möglichkeit, abends oder am Wochenende New York City zu erkunden und zu erleben. Zudem habe ich nach meinen Famulaturen noch zwei Wochen Urlaub in der Stadt gemacht, was sich wirklich gelohnt hat. New York ist eine großartige, immer wieder atemberaubende, quirlige, aber auch raue und dreckige Stadt, die man entweder liebt oder hasst. Ich habe sie geliebt. Man kann großartig shoppen gehen, Sport im Central Park betreiben, Museen besuchen, Sightseeing machen und vieles mehr. NYC ist eine Stadt, die ein unüberschaubares Angebot an Möglichkeiten der Freizeitbeschäftigung bietet, eine Stadt, die jeden Traum erfüllen kann. Voraussetzung in dieser Stadt des Konsums und Kapitalismus ist nur, dass man finanziell gerüstet ist. Motto ist: Hast du Geld, bist du wer, hast du nichts, bist du nichts. Ein Prinzip, das sich ja auch im Gesundheitssystem wiederfindet.

Man lernt schnell Leute kennen, vor allem, wenn man abends ausgeht. Die Amerikaner sind sehr offene, freundliche und interessierte Menschen. Durch das Krankenhaus lernt man viele Studenten aus aller Welt kennen, viele waren natürlich auch aus Deutschland, wodurch man schnell andere Menschen findet, mit denen man abends und am Wochenende etwas unternehmen kann.

Reisen habe ich nur nach Boston unternommen, um Freunde zu besuchen („Boltbus“ mit Wifi im Bus, $ 30.-). Ansonsten zog es mich nicht weg, weil New York City so spannend war und es so viel zu entdecken gab.

Mein Fazit

Die Famulaturen an der Mount Sinai School of Medicine und meine Zeit in New York City waren eine großartige Erfahrung, die ich nie vergessen werde. Die Arbeit im Krankenhaus ist extrem anstrengend, aber auch lehrreich. Vieles läuft im amerikanischem Gesundheits- und Ausbildungssystem anders als bei uns. Die Amerikaner machen sicherlich eine sehr gute Medizin, arbeiten aber oft erstaunlich unwirtschaftlich und unstrukturiert, so dass sich das System nur durch eine starke finanzielle Unterstützung durch private und öffentliche Gelder trägt. So kann man sagen, dass die amerikanische Medizin gut ist, wir in Deutschland aber auch keine schlechtere Medizin haben. Es lohnt sich sehr, sich vom amerikanischen Gesundheitssystem ein eigenes Bild zu machen, um das eigene noch besser zu verstehen oder sich von guten Anregungen, die es auch gibt, inspirieren zu lassen.

New York City ist eine der faszinierendsten und schillerndsten Städte der Welt. Ich habe viele gute Freunde aus der ganzen Welt gefunden und noch besser verstanden, was der amerikanische „way of life“ ist. Ich plane bereits, wieder für das PJ in die USA zu gehen und werde dann auf jeden Fall NYC besuchen, das für mich wie ein zweites Zuhause geworden ist. Ob ich für immer in New York City leben könnte? Wer weiß, aber sicherlich für einige Jahre!

Ich kann also jedem nur empfehlen, hier eine Famulatur zu absolvieren. Es lohnt sich medizinisch wie persönlich enorm. Ich hatte eine großartige Zeit!

Einen herzlichen Dank noch einmal an dieser Stelle an die Allianz Private Krankenversicherungs-AG für die finanzielle Unterstützung!

H., J.
Berlin, Juli 2010

Ähnliche Artikel:

  • PJ in den USA – Innere MedizinPJ in den USA – Innere Medizin USA, New York City, Mount Sinai School of Medicine (04.07.-18.08.2011) Endlich einmal über den großen Teich nach New York. Für viele ist dies ein Traum – so auch für zahlreiche […]
  • PJ in USA – ChirurgiePJ in USA – Chirurgie USA, Pittsburgh, University of Pittsburgh Medical Center (28.02.-22.04.2011) Und wieder ging es über den großen Teich in die USA. Nachdem ich bereits im letzten Jahr eine Famulatur in […]
  • Famulatur in China – HNOFamulatur in China – HNO China, Shanghai, Parkway Health Center (26.02.-10.04.2010) Ende Februar 2010, direkt nach meiner letzten Semesterprüfung, flog ich nach Shanghai zu meiner Auslandsfamulatur. Diese […]
  • PJ in USA – ChirurgiePJ in USA – Chirurgie USA, New York, Memorial Sloan-Kettering Cancer Center (01.02.-26.03.2010) Mein Entschluss stand fest: “New York City – ich komme!” Und nach meinen acht Wochen PJ am Memorial […]
  • Famulatur in USA – RadiologieFamulatur in USA – Radiologie USA, Pittsburgh, Presbyterian Hospital (05.09.-02.10.2010) Zur Famulatur in die USA. Hiervon träumen viele Medizinstudenten. Ich habe mir diesen Traum in Pittsburgh am University of […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *