Famulatur in China – HNO

23. Juli 2010

in Chancen im Ausland, China, Famulatur im Ausland, HNO

China, Shanghai, Parkway Health Center (26.02.-10.04.2010)

Ende Februar 2010, direkt nach meiner letzten Semesterprüfung, flog ich nach Shanghai zu meiner Auslandsfamulatur. Diese absolvierte ich bei einer deutschen HNO-Ärztin, die seit ca. zwei Jahren als niedergelassene HNO-Ärztin in dem internationalen Klinikverbund Parkway Health praktiziert. Eine interessante Zeit im fernen China.

Auf nach Shanghai

Shanghai - die Perle des Orients und eine der vielen Grossbaustellen
Shanghai – die Perle des Orients und eine der vielen Großbaustellen

Auf die Idee, eine Famulatur in China zu machen, kam ich durch meine Schwägerin. Diese studiert nämlich Sinologie und hatte schon länger als ich geplant, in den Semesterferien ein Praktikum in Shanghai zu machen. Sie hatte mir bereits viel von China erzählt und so war meine Begeisterung für eine Famulatur geweckt.

Also begab ich mich auf die Suche nach einer Stelle für meine Famulatur. Zufällig erfuhr ich kurz später von einem Kommilitonen meines Semesters, dass er bereits eine Famulatur in Shanghai absolviert hatte. Über ihn erhielt ich die Kontaktdaten von Dr. Baum, einer deutschen HNO-Ärztin am Parkway Health. Wenige Tage später hatte ich dann eine Bestätigung von ihr. Sicherlich hätte ich auch bei anderen Ärzten dieses Klinikverbundes famulieren können, aber da mein Kommilitone sehr positiv von ihr berichtet hatte und mich HNO zusätzlich interessierte, bewarb ich mich nur bei ihr.

Meine Bewerbung erfolgte übrigens in der Gestalt eines formlosen Anschreibens und dem Zusenden einer Immatrikulationsbescheinigung. Dr. Baum kümmerte sich dann um die Formalitäten vor Ort mit der Verwaltung des Parkway Health. Beworben für die Famulatur hatte ich mich nur acht Wochen vorher. Impfungen oder Versicherungen musste ich nicht nachweisen, ich würde jedoch zur Sicherheit eine Versicherung für die Famulatur im Ausland empfehlen. Insgesamt bietet sich das Parkway Health als internationales Institut für ausländische Studenten an, denn ohne chinesische Sprachkenntnisse könnte man sicherlich nur mit Einschränkungen an einem rein chinesischen Krankenhaus famulieren. Die große Masse der Chinesen spricht nämlich kein oder nur sehr wenig Englisch.

Internationaler Klinikverbund Parkway Health

Das Parkway Health existiert in mehreren Ländern, v.a. im südostasiatischen Raum, und unterhält in Shanghai mehrere Filialen, die fast jede medizinische Fachrichtung anbieten – allerdings nur ambulante Versorgung, nicht stationär. Die dort arbeitenden Ärzte kommen aus vielen verschiedenen Ländern, vor allem Europäer und Amerikaner, und sind häufig für etwa fünf Jahre in Shanghai, wohingegen die Beschäftigten in der Pflege alle aus China sind.

Das Patientengut ist so kulturell gemischt wie seine Belegschaft, jedoch stammen alle Patienten aus gehobenen Verhältnissen, da das Parkway Health sehr hohe Honorare verlangt, vergleichbar denen in Deutschland, und es in China keine allgemeine Krankenversicherung gibt. Demnach sind die meisten Patienten und ihre Familien sogenannte „Expats“, also Ausländer, die für einige Jahre in Shanghai leben und bei internationalen Firmen arbeiten. So leben beispielsweise derzeit ca. 6.000 Deutsche und 10.000 Amerikaner in der Weltmetropole Shanghai.

Diese Umstände lassen einen die Globalisierung gleichsam hautnah miterleben und zeugen gleichzeitig von der wachsenden Wirtschaftskraft Chinas. Die Kommunikation bei Parkway Health erfolgt freilich auf Englisch. Dies heißt, dass die Ärzte und das Pflegepersonal sich gegenseitig als auch mit den Patienten auf Englisch verständigen, da meist sowohl die Ärzte als auch die Patienten über ein geringes chinesisches Sprachvermögen verfügen. Weil viele Deutsche in Shanghai leben und das Parkway Health mitunter die erste medizinische Adresse für Ausländer ist, haben wir uns mit den deutschen Patienten selbstverständlich auf Deutsch unterhalten.

An dieser Stelle sollte man auch erwähnen, dass in China Ausländer in chinesischen Krankenhäusern aus rechtlichen Gründen von chinesischer Seite her häufig nicht behandelt werden. Deswegen und weil das Parkway Health, und meist auch die anderen internationalen Krankenhäuser in China, wie schon erwähnt, nur ambulante Operationen durchführt, werden Ausländer bei der Notwendigkeit größerer Eingriffe oder bei aufwendigen Therapien wie z.B. einer Chemotherapie im Rahmen einer malignen Erkrankung zur Behandlung in ihr jeweiliges Heimatland geschickt. Notfälle, die eine größere Operation und Überwachung benötigen, wie im Falle der HNO z.B. die Mastoiditis, müssen meist sogar ausgeflogen werden. Dies geschieht dann vor allem nach Singapur, wo Ausländer auch operativ behandelt werden.

Der medizinische Standard bei Parkway Health ist sehr hoch und dem in Europa ebenbürtig. Es sind so gut wie alle medizinischen Untersuchungsgeräte (inkl. CT) vorhanden und auf dem neuesten technischen Stand. Teilweise habe ich sogar eine neuere Ausstattung als in deutschen Krankenhäusern wahrgenommen, was vermutlich daran liegt, dass bei Parkway Health jeder Patient Selbstzahler, also Privatpatient ist. Zumindest die Europäer haben jedoch alle eine Auslandskrankenversicherung, welche die Kosten im Normalfall übernimmt.

Aufgrund der hohen Honorare wird jeder Patient wie ein König behandelt. Es wird von Seiten der Verwaltung für jeden Patienten ein großes Zeitfenster einberechnet. So hat der Arzt die Zeit für eine ausführliche Anamnese und muss nicht – wie häufig in Deutschland – die Patienten nur durchschleusen. Diesen Umstand empfand ich sowohl aus ärztlicher sowie aus Patientensicht als sehr angenehm.

Meine Famulatur

Der Arbeitsalltag von Dr. Baum, bei der ich meine Famulatur absolvierte, ist im Prinzip der einer deutschen HNO-Praxis identisch. Ich durfte als Studentin bei allen Patientengesprächen anwesend sein und die Patienten anschließend auch untersuchen – d.h. in Ohren, Hals und Nase schauen. Außerdem war es mir erlaubt, Allergie- und Hörtests durchzuführen. Bei ambulanten Operationen konnte ich ebenfalls zusehen. Die häufigste Operation, die Dr. Baum in Shanghai durchführt, ist sicherlich die Einlage von Paukenröhrchen bei Kindern. Leider ist es ausländischen Studierenden jedoch nicht gestattet, im OP zu assistieren oder Blut abzunehmen. Diese Aufgaben werden bei Parkway Health aber ohnehin vom Pflegepersonal übernommen. An einem Tag begleitete ich dann außerdem eine deutsche Augenärztin von Parkway Health und durfte auch hier wiederum die Patienten augenärztlich untersuchen.

Mein Tagesablauf gestaltete sich so, dass ich jeden Tag um 9:00 Uhr morgens begann. Dr. Baum fängt aber schon um 8:00 Uhr an. Trotzdem musste ich jeden Tag bereits gegen 7:00 Uhr morgens das Haus verlassen, da meine Unterkunft relativ weit entfernt des Zentrums lag. Meistens bin ich bis zum letzten Patienten geblieben, was normalerweise gegen 17:00 Uhr war. Dr. Baum hatte mir jedoch auch angeboten, früher am Nachmittag gehen zu können, wenn ich noch Pläne in Shanghai hatte. Die Mittagspausen (ca. 30-45 Minuten) verbrachte ich immer mit Dr. Baum in einem der umliegenden Restaurants, denn leider gibt es keine Kantine bei Parkway Health.

Insgesamt habe ich bei meiner Famulatur sowohl medizinisch als auch menschlich sehr viel gelernt. Für mich war es sehr spannend, dass ich – bevor ein Patient zum Gespräch kam – nicht wusste, was sein Problem ist und welche Vorgeschichte er hat. Ich konnte mir also zu jedem Patienten die Differentialdiagnosen selbst überlegen und diese hinterher mit Dr. Baum diskutieren. Bei meinen bisherigen Krankenhausfamulaturen wusste ich nämlich immer, weswegen die Patienten im Krankenhaus sind; für den Studenten liegt das Lernen dann ja eher beim Beobachten des Behandlungsverlaufes.

Die Krankheitsbilder in der Praxis von Dr. Baum sind im Großen und Ganzen die gleichen wie in Deutschland. Allerdings gibt es in Shanghai, unabhängig von der Herkunft, mehr Patienten, die Dr. Baum wegen den Problemen einer Hausstauballergie aufsuchen, was vermutlich mit der schlechten Luft in der Stadt und der zugleich trockenen Luft durch klimatisierte Räume zusammenhängt.

Auch in menschlicher Hinsicht war die Famulatur, wie bereits erwähnt, sehr lehrreich. Es war für mich sehr interessant zu erleben, wie unterschiedliche Kulturen eben auch unterschiedlich auf dieselben Probleme reagieren. Zum Beispiel werden einfache Symptome wie Hals- oder Ohrenschmerzen ganz unterschiedlich beschrieben und interpretiert. Außerdem konnte mir Dr. Baum sehr viel über die chinesische Mentalität berichten. Oft war ich privat mit ihr in Shanghai unterwegs und hatte so die Möglichkeit, die Stadt auch von der nicht touristischen Seite her kennenzulernen.

Wohnen und leben in Shanghai

Park im People's Square
Park im People’s Square

Viel Glück hatte ich mit der Unterkunft, da meine Schwägerin und ich kostenlos in einer Betriebswohnung der Firma, in der sie ihr Praktikum machte, wohnen konnten. So musste ich also nur den Flug und das Visum (ca. 30.- EUR) speziell für die Famulatur bezahlen. Das Parkway Health erreichte ich dann immer mit dem Taxi und der S-Bahn.

Sowohl im Taxi als auch in der S-Bahn habe ich mich immer sicher und wohl gefühlt. Allerdings muss man sich daran gewöhnen, dass in der S-Bahn, besonders zu den Stoßzeiten, sehr viele Menschen auf einmal unterwegs sind. Dafür kann man auf den Fahrten sehr gut den chinesischen Alltag und die Menschen beobachten. Beide Fortbewegungsmöglichkeiten, wie auch alle anderen Lebenshaltungskosten, sind im Übrigen wesentlich billiger als in Deutschland und das Parkway Health liegt sehr zentral direkt in der Mitte Shanghais am „People’s Square“.

Die Verständigung in Shanghai empfand ich einfacher, als ich zuerst gedacht hatte. Die meisten Chinesen sprechen zwar kein Englisch, aber wenn man selber ein paar Standardworte Chinesisch kann, kommt man meist ans Ziel. Für größere Unterfangen hat sich die chinesische Regierung im Rahmen der Expo etwas Tolles einfallen lassen: die sogenannte „Magic Number“. Dies ist eine gebührenfreie Hotline, also keinerlei Kosten von einem chinesischen Handy aus, bei der Ausländer bei Verständigungsproblemen anrufen können und einen Übersetzer ans Telefon bekommen. Dies sind dann meist englischsprachige Übersetzer, mitunter aber auch deutschsprachige. Zunächst war diese Nummer nur für die Verständigung im Taxi gedacht, mittlerweile wird von ihr jedoch in allen Lebenslagen Gebrauch gemacht. Ich hatte sie z.B. auch verwendet, als ich auf einer chinesischen Behörde mein Visum verlängern lassen musste oder als ich Zugtickets für Ausflüge gekauft habe.

Mit dieser Nummer kann man sich also völlig vogelfrei in Shanghai bewegen. Die Übersetzer kennen sich zudem sehr gut in Shanghai aus und können auch sehr gute Restaurant-Tipps für genau den Punkt der Stadt geben, an dem man sich gerade befindet. Es ist zu hoffen, dass diese „Magic Number“ auch nach dem Expo-Jahr bestehen bleibt. Egal, welche andere Nationalität ich getroffen habe, alle schwärmten sie von dieser Hilfe. Die Nummer ist: 962288.

An dieser Stelle sollte ich noch erwähnen, dass chinesische Sim-Karten sehr günstig sind und meist von jedem deutschen Handy akzeptiert werden. Ich habe 10.- EUR für die Karte inklusive Guthaben gezahlt und habe den Betrag in sechs Wochen nicht verbraucht. Auf die chinesische Nummer kann man dann auch günstig von Deutschland aus angerufen werden. Zu meiner Zeit waren 4 Cent/Minute das günstigste Angebot.

Shanghai – die Perle des Orients

Teehaus im Yuyuan Garden
Teehaus im Yuyuan Garden

An Freizeit- und Unternehmungsmöglichkeiten bietet Shanghai alles, was man sich vorstellen kann. Ich empfand die Stadt in ihrem Gesamtbild als sehr westlich orientiert. Man kann also nach europäischen Maßstäben einkaufen, essen und flanieren gehen – allerdings dann auch zu europäischen Preisen. Es gibt viele Treffpunkte für Ausländer, sodass man, wenn man möchte, fast wie daheim leben kann und nur wenig von China mitbekommt.

Genauso gut kann man aber auch in das „chinesische“ Shanghai eintauchen. An Orten, die von Touristen oder Ausländern wenig besucht werden, ist man als Ausländer sogar eine Attraktion und viele Chinesen fragen dann ganz aufgeregt, ob sie einen fotografieren dürften.

Insgesamt hat mir mein Aufenthalt in China sehr gut gefallen. Ich habe die Chinesen als ein freundliches und humorvolles Volk erlebt und war erstaunt über den hohen Standard in Shanghai. So sind beispielsweise die S-Bahnen und Bahnstationen wesentlich gepflegter als in Deutschland. Auch wenn ich viele Chinesen kennengelernt und zudem viel v.a. von Shanghai gesehen habe, konnte ich nichts von einem kommunistischen „Unrechtssystem“ erkennen. Das heißt, wenn man nicht aus unseren Medien von den zweifellos vorhandenen Missständen in China wüsste, müsste man sich wahrscheinlich erheblich länger als ich dort aufhalten, um diese zu konstatieren.

Allerdings muss ich hinzufügen, dass mein Aufenthalt kurz vor Beginn der Expo lag und die Stadt sowie seine Bewohner für dieses Ereignis besonders „herausgeputzt“ wurden. Es gibt z.B. für das Expo-Jahr ein Verbot, im Schlafanzug auf der Straße zu erscheinen, was Chinesen gerne machen, wenn sie ihr Frühstück holen, da die meisten Chinesen in ihren Wohnungen keine Küchen haben.

Mein Fazit

Meine Famulatur in Shanghai war also, wie sich sicherlich heraushören lässt, ein voller Erfolg und ich würde sie jederzeit in dieser Form wiederholen.

An dieser Stelle nochmals vielen herzlichen Dank an das Allianz-Reisestipendium und dafür, dass diese Förderung diese einzigartige Famulatur mitermöglicht hat.

J., J.

Tübingen, Juli 2010

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2 Kommentare

  • Lieber Herr Holz,
    vielleicht hilft Ihnen ja folgende Internetadresse weiter bei Ihrer Suche:
    http://www.craigslist.org
    Unter dieser Adresse kann man weltweit Unterkünfte finden.
    Ich wünsche Ihnen ein spannendes und interessantes PJ-Tertial in Shanghai.
    Peter Karle

  • Hallo,
    ich beginne am Montag zusammen mit meiner Freundin mein PJ in Shanghai, leider haben wir bis jetzt keine Unterkunft, daher habe ich eine dringende Frage, wo finden wir eine bezahlbare Wohnung und in welchem Stadtteil/ Gegend nehmen wir am besten eine?
    Hilfe, hilfe, die EXPO macht es sicher nicht einfacher.
    Meine Adresse ist:
    (E-Mail von Admin gelöscht!)
    Danke im Vorraus, ich bin für jede Hilfe dankbar.
    Mathias Holz

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