Famulatur in Tansania – Innere Medizin, Chirurgie und Gynäkologie

8. Juni 2010

in Chancen im Ausland, Chirurgie, Famulatur im Ausland, Gynäkologie und Geburtshilfe, Innere Medizin

Tansania, Mbeya, Mbeya Referral Hospital (01.03.-12.04.2010)

„Ganz klar – ich würde es wieder tun!“ So lautet das Fazit meiner Famulatur, die mich nach „Mbeya“, einem kleinen und überschaubaren Städtchen, in Tansania führte.  Es war eine unheimlich bereichernde Famulatur! Verbunden mit einer Fülle an Eindrücken einer ganz anderen Lebensweise sowie der Konfrontation mit Problemen, die einem hierzulande nicht begegnen.

Eine gezielte Vorbereitung ist wichtig!

Eine typische Station im Hospital
Eine typische Station im Hospital

Jedes Jahr wird vom Tropeninstitut der Charité – Universitätsmedizin Berlin ein extracurriculares Seminar über Tropenmedizin und International Health angeboten. Es ergibt sich anschließend die Möglichkeit, einen Auslandsaufenthalt im Sinne einer Famulatur in einem afrikanischen Land zu absolvieren. Die Kontakte sind vom Institut durch vergangene oder aktuelle Forschungsprojekte vor Ort gewährleistet.

Über das Seminar hatte ich nur Gutes gehört. Ich bewarb mich recht langfristig, kurz nach meinem Physikum vor zwei Jahren, und bekam im letzten Herbst recht spontan eine Zusage für einen Platz. Da ich gerade erst ein Jahr Erasmus in der Schweiz hinter mir hatte und demzufolge mein Konto leicht dezimiert war, informierte ich mich über Stipendienmöglichkeiten und fand Stethosglobe.de. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank für das Reisestipendium, was mir ein guter Reisekostenzuschuss war!

Im Februar 2010 nahm ich dann an dem genannten Seminar des Tropeninstitutes teil und fuhr danach gemeinsam mit einer Kommilitonin nach Tansania. Das Seminar war die optimale Vorbereitung auf das Krankheitsspektrum, welches einem vor Ort begegnet.

Organisatorisches

Eine schoene und entspannte Reise - 28 Stunden mit dem Zug
Eine schöne und entspannte Reise – 28 Stunden mit dem Zug

Eingereist sind wir mit einem Touristenvisum. Ein Arbeitsvisum zu beantragen, wie es die Frau bei der Botschaft für ein Praktikum empfiehlt, ist komplizierter. Es dauert außerdem sehr lange und kostet mehr. In Tansania selbst habe ich keinen getroffen, der solch ein Visum hatte, selbst wenn er für ein Jahr dort war und Freiwilligenarbeit absolvierte. (Anm.d.Red.: Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

Die notwendigen Impfungen bekommt man beim Tropeninstitut. Wichtig sind Gelbfieber, Hepatitis A und B, Polio, Meningokokken und ggf. Cholera und Typhus.

Zur Anreise: Alle internationalen Flüge landen in Daressalam, einer recht großen Stadt an der Ostküste Tansanias am indischen Ozean. Falls man dort übernachten muss, empfiehlt sich das „YWCA“ oder das „YMCA“. Wenn man, wie ich, direkt aus dem Berliner Winter einfliegt, ist man ganz schön geschockt von dem schwülwarmen Klima. Zudem empfand ich die Stadt als sehr laut und schnelllebig, sodass ich nichts dagegen hatte, sofort weiterzureisen.

Nach „Mbeya“ fährt man entweder mit dem Bus, z.B. mit „Scandinavia“ oder „Sumry“, die täglich, jedoch sehr früh, fahren. Man sollte auf jeden Fall einen Tag vorher die Tickets kaufen. Oder man nimmt den Zug. Die „Tazara Line“ fährt zweimal pro Woche.

Ich hatte mich für den Zug entschieden. Es ist eine schöne und entspannte, lange Reise durch eine unglaublich weite, grüne Landschaft. Sie gibt ganz viel Ruhe und Kraft zum Ankommen und vor allem den ersten Eindruck vom afrikanischen Tempo! Ich bin in der 2.Klasse gefahren, was eine tolle Erfahrung mit einigen interessanten ersten Begegnungen war. Die Abteile sind in Frauen und Männer getrennt unterteilt. Entgegen meiner Befürchtung hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl von Unsicherheit. Meine Wertsachen hatte ich dennoch stets bei mir und den Rucksack hatte ich im Abteil angekettet. Es gibt ein Bordrestaurant mit den üblichen lokalen Speisen. Man braucht also nicht einmal viel zum Essen mitnehmen. Zur Einstimmung kann man alle bekannten tansanischen Biersorten ausprobieren.

Wohnen und leben in Mbeya

Blick auf Mbeya
Blick auf Mbeya

Das „Catholic Youth Centre“, in dem ich wohnte, ist eine Begegnungsstätte für vor allem junge Menschen. Geleitet wird es von Marcel, einem liebenswürdigen Holländer. Die Atmosphäre ist sehr familiär, man erfährt viel Fürsorge. Ich hatte mir mit meiner Kommilitonin ein Zimmer geteilt. Klo und Waschmöglichkeit gab es auf dem Hof und wurde mit anderen gemeinsam genutzt. Dies war die günstigste Möglichkeit zum Wohnen – und dies für ungefähr 1,50 EUR pro Nacht pro Person. Man konnte jedoch auch ein Zimmer mit Dusche und Toilette haben – für ca. 3 EUR je Nacht dann.

Für das Essen zahlte man zusätzlich rund 1,50 EUR pro Tag. Dies umfasste morgens Brot und Tee bzw. Kaffee sowie eine warme Mahlzeit mittags, wenn man da ist, und abends. Man konnte fürs Frühstück auch anfragen, ob mal dunkles Brot gekauft wird. Sehr lecker war die hausgemachte Erdnusscreme. Abends gab es meist Reis mit Bohnen, grünem Blattgemüse und Fleisch. Variation schafft man sich durch selbst kochen. Dies geschieht über offenem Feuer und ist, wenn man es nicht gewohnt ist, eine rauchige und langwierige Aktion. Man sollte es aber unbedingt mal machen!

Interessant war, dass obwohl so viel verschiedenes Obst und Gemüse auf dem Markt erhältlich war, es doch immer nur das Gleiche zu essen gab. Die Köchinnen schienen nicht sehr aufgeschlossen neuen Rezepten und Zutaten gegenüber zu sein. Eine in guter Absicht gekaufte Sojasauce wurde nur misstrauisch beäugt, nicht aber probiert. Jedoch kam ein des Öfteren gemachter Obstsalat gut an!

Die meisten Angestellten konnten wenig Englisch, was hervorragende Motivation und optimale Bedingung waren, ein wenig Suaheli zu lernen! Wir haben uns schnell mit den Einheimischen angefreundet und hatten oft viel Spaß mit ihnen. Das „Catholic Youth Centre“ ist generell ein sehr lebhafter Ort. Regelmäßig finden dort Versammlungen bzw. Treffen von Jugendgruppen statt, sodass immer etwas los war.

Die Menschen in Tansania sind sehr offen und herzlich. Überall wird man willkommen geheißen. Wenn man sich unterhält werden die Hände gegenseitig gehalten. Überhaupt berührt man sich mehr während der Konversation, was sofort eine ganz andere Art von Nähe schafft, als man sie hierzulande vorfindet. Da „Mbeya“ recht klein und überschaubar ist, kennt einen bald jeder – was natürlich auch an der hellen Hautfarbe liegt. Insgesamt herrscht jedoch ein angenehmes Neben- und Miteinander zwischen Einheimischen und Fremden – besser, als man es in den touristisch dichteren Gegenden wie z.B. auf Sansibar erlebt. In „Mbeya“ kann man auch einfach nur mit den Leuten quatschen, ohne sich immer gleich aufdringlichen Verkaufsversuchen entziehen zu müssen. Die meisten waren sehr interessiert daran zu erfahren, was man mache und dies vor allem in dieser Gegend. Warum sei man gerade in Tansania? Komme man später wieder, um dann als Arzt dort anzufangen usw.? Noch nie hatte ich so häufig das Wort „Karibu“ gehört, was „Willkommen“ heißt.

An Offenheit und Freundlichkeit kann man den Tansaniern einiges abgucken.

Meine Arbeit im Hospital

Im OP
Im OP

Das Mbeya Refferal Hospital ist eines der vier großen von der Regierung geförderten Krankenhäuser im Land. Es ist zuständig für den südlichen Teil des Landes.

Um ein möglichst breites Spektrum der Medizin dort zu sehen, bin ich recht viel zwischen den Fachdisziplinen rotiert: zwei Wochen Innere Medizin, eine Woche Chirurgie, zwei Tage unterwegs mit dem „Outreach Program“, drei Tage Frauenklinik (Meta-Hospital).

Ein typischer Tag begann um 8:00 Uhr mit der Morgenbesprechung. Danach, je nach Diskussionsstoff ist es dann 8:30 oder 9:00 Uhr, geht man in die Frühstückspause, die manchmal auch eine Stunde dauern kann. In der Kantine gibt es typisch lokales Essen: Fleischsuppe, „Chappati“, eine Art Eierkuchen mit viel Öl, sehr lecker, „Zambusa“, frittierte Fleischtaschen, und Brot. Dazu trinkt man Tee – schwarz oder mit Milch. Achtung bei Einladungen: die meisten Tansanier hauen an die vier bis fünf Löffel Zucker in eine Tasse. Also wer nicht gerade auf flüssige Marmelade steht, der sollte seinen Tee lieber selbst süßen.

Nach dem Frühstück ging es zur Visite auf die Station. Auf der Inneren bekommt man einen guten Eindruck von den Problemen und Grenzen des Gesundheitssystems in Tansania. Es gibt viele Patienten, aber wenige Ärzte. Eine Station kann um die 30-40 Patienten aufnehmen. Wenn es nicht genug Betten gibt, werden Matratzen auf den Boden gelegt. Die Stationen werden dort primär von (meistens) zwei „Interns“ – Studenten im letzten Jahr – geschmissen, da die Fachärzte in der ambulanten Tagesklinik gebraucht werden.

Die meisten Patienten befinden sich in recht späten Krankheitsstadien, wenn sie ins Hospital kommen. Oft werden gleich mehrere Infektionen gleichzeitig behandelt. Die wesentlichen Krankheitsbilder, die man sieht, sind AIDS mit opportunistischen Infektionen, Tuberkulose, Pneumonien, Meningitis, Bluthochdruck mit Nieren- und/oder Herzinsuffizienz und natürlich viel Malaria.

Wenn die Visite von einem Facharzt begleitet wird, was optimaler weise zwei bis dreimal pro Woche der Fall ist, gibt es viel Gelegenheit, Fragen zu stellen. Bedside teaching wird sehr ernst genommen, manchmal sogar ein wenig zu sehr. Ich hatte oft den Eindruck, dass die Theorie präsenter ist als ihre praktische Umsetzung. Körperliche Untersuchungen werden nicht sehr umfangreich durchgeführt. Da ich des Suahelis nicht so profund mächtig war, konnte ich keine Anamnese alleine durchführen. Die Versuche, eine körperliche Untersuchung gemeinsam mit einem „Intern“ durchzuführen, scheiterten daran, dass man sich wieder in der Theorie verzettelte, anstatt beim Patienten zu bleiben. Generell hatte ich den Eindruck, dass trotz der geringen Kapazitäten und der vielen Arbeit sich immer jemand Zeit nahm, mir Fragen zu beantworten.

In der Tagesklinik kann ich die Dermatologiesprechstunde bei Dr. Kajuna empfehlen. Er erklärt sehr viel und man kann interessante Befunde sehen. Ebenso kleine operative Interventionen. Auch ist es wert, mal einen Vormittag in der AIDS-Ambulanz mit dabei zu sitzen. Dort lernt man viel über RAVs sowie den Ablauf der Betreuung von HIV-Patienten und das „Counseling“.

In der Chirurgie war ich fast ausschließlich im OP. Auch hier bekommt man die Knappheit an materiellen Ressourcen deutlich zu spüren. Ich war jedoch sehr erstaunt, mit wie wenig Tupfern man trotz fehlender Koagulation auskommen und was man alles sonst noch mit einem Blasenkatheterbeutel machen kann (Drainage, Nahrungssonde…). Auf der anderen Seite können aufgrund von Materialmangel notwendige Operationen nicht ausgeführt werden. Besonders in der Orthopädie, wenn kein Bohrer oder keine Schrauben vorhanden sind, bleiben offene Brüche  leider oft unversorgt. Assistiert haben meistens die „Interns“, sodass ich mehr eine beobachtende Rolle einnahm, was sich, so glaube ich, aber auch geändert hätte, wäre ich länger dageblieben.

Beim nächsten Mal würde ich auf jeden Fall mehr Tage in der Frauenklinik verbringen. Dort durfte ich auf der Geburtenstation mit „anpacken“ und Kinder zur Welt bringen. Das war, nachdem man wochenlang todkranke und traurige Menschen gesehen hatte, eine sehr schöne Erfahrung!

Mit dem „Outreach Program“ in die Dörfer zu fahren, war mit das Spannendste an der Explorationsreise der Medizin in einem Entwicklungsland: körperliche Messungen und Blutentnahmen bei einer zehnköpfigen Familie, neugierige Kinder, die einen beobachten und begutachten, Gespräche über Prostitution, (unerwünschtes) Sexualleben von Jugendlichen und Aufklärungsarbeit, Stuhl- und Urinproben sammeln…

Man kam unheimlich leicht mit den Angestellten im Hospital ins Gespräch. Bei Einladungen zum Tee oder Mittagessen ergab sich wunderbar die Möglichkeit, über Land und Leute mehr zu erfahren, als man es in Reiseführern finden kann.

Ausflüge und Eindrücke

Am Malawi-See
Am Malawi-See

An unserem ersten Wochenende sind wir sofort zum „Crater Lake“ gefahren, den wir jedoch wegen des starken Regens leider überhaupt nicht sahen. Aber für den Aufstieg quer durch den Regenwald hat sich der Ausflug ebenfalls gelohnt. Wir hatten uns gleich zu Beginn Fahrräder für die gesamte Zeit gemietet, um so noch  direkter die Umgebung „Mbeyas“ erkunden zu können. Letztendlich haben wir sie aber nicht so häufig genutzt, da es auf den größeren Straßen nicht nur abenteuerlich zu fahren war, sondern auch laut, stinkig und überhaupt nicht schön.

Natürlich haben wir „Mbeyas“ Hausberg, den „Loleza“ bestiegen. Ein hilfreicher Tipp zum Finden des richtigen Weges: immer den Strommästen folgen! Nach „Matema Beach“, an den Malawisee, sollte man, wenn es die Zeit es zulässt, ebenfalls unbedingt fahren! Allein die Fahrt dahin ist schon wunderschön und dann vor Ort am Strand neben den Bergen – einfach faszinierend.

An einem Sonntagnachmittag hatten wir die glückliche Gelegenheit, mit einer Freundin zu ihrer Familie zu fahren und dort ein wenig Einblick in das Leben und Wohnen in den Vororten zu bekommen. In der letzten Woche waren wir schließlich noch zwei Tage im „Ruaha National Park“ und vier Tage auf Sansibar. Die Safari war beeindruckend. Die Landschaft ist unvergleichlich. Man fühlt sich ein paar Zeitalter zurückversetzt und es hätte mich, so glaube ich, nicht erstaunt, einen Dinosaurier zu sehen.

Sansibar ist im Vergleich dazu wahnsinnig touristisch, heiß und staubig. Aber auch wieder eine völlig andere Welt: arabisch exotische Kultur mit leckerer Küche. Man muss sich allerdings daran gewöhnen, deutlich mehr angesprochen zu werden. Teurer ist es ebenfalls  merklich. Wenn man aber ein paar Brocken Suaheli kann, geht das Handeln besser. Geht auf jeden Fall schnorcheln. Einfach fantastisch diese Unterwasserwelt.

Ein Fazit

 

Outreach Begegnungen
Outreach Begegnungen

Es war eine unheimlich bereichernde Famulatur! Ich habe eine Fülle von Eindrücken einer ganz anderen Lebensweise erfahren sowie die Konfrontation mit Problemen erlebt, die einem hierzulande nicht begegnen. Ich wurde angeregt, meine eigenen Ansichten zu hinterfragen, von Gewohntem Abstand zu nehmen und auch Europa aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Ich habe die Erfahrung gemacht, fremd zu sein und mich Fremdem gegenüber zu öffnen.

Mein Fazit lautet ganz klar – ich würde es wieder tun!

R., T.

Berlin, Juni 2010

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3 Kommentare

  • Eine Freundin und ich gucken auch gerade nach einem Famulaturplatz in Tansania. Wie kann man dieses Krankenhaus kontaktieren? Ich finde keine Seite bei Google. Der Bericht klingt wunderschön.

  • An RT
    Ein sehr fesselnder und aussagekräftiger Bericht. Als alter Afrika-Hase mit med. Tätigkeit in Aethiopien und im Sudan möchte mein Sohn Jan Peter E. (studiert in Mannheim) für einige Wochen in Afrika (Tansania) famulieren. Ich gebe ihm diesen Beitrag zum Lesen…macht ihn sicher noch mehr gespannt auf ähnliche Erfahrungen.
    Vielleicht sollte sogar einmal eine gegenseitige Information statfinden.
    Herzlichst
    Peter Engelhardt

  • Dr R.T
    Thanks for acknowledging what you learnt while in Tanzania at Mbeya Referral Hospital it is great that you are promising to come back a gain. You are welcome back at dermatovenereology clinic to learn more on tropical medicine and dermatology
    Kajuna

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