Famulatur in Tobago – in der Notaufnahme und Innere Medizin

23. Juni 2010

in Chancen im Ausland, Famulatur im Ausland, Innere Medizin, Notfallmedizin, Tobago

Scarborough, Regional Hospital Tobago (01.02.-31.03.2010)

Ruhiges, verträumtes Tobago – der Ort meiner zweiten Famulatur. Das hierbei erworbene neue Wissen konnte ich bei den Blockpraktika, zurück in der Heimat, bestens anwenden. Ich habe viel Neues gelernt, durfte viel mit Patienten arbeiten. So habe ich mehr Routine bei der Anamnese, beim Ausschließen von gefährlichen Verläufen und von Differentialdiagnosen gewonnen. Auch die Souveränität beim Untersuchen wird durch eine solche Erfahrung schnell verbessert. Kurzum, meine Erwartungen wurden voll erfüllt.

Warum ins Ausland?

Ich hatte bereits ein Pflegepraktikum im fremdsprachigen Ausland absolviert und dabei viele neue Erfahrungen mitgenommen. Deshalb war für mich klar, dass ich auch für eine Famulatur ins Ausland gehen würde. Meine erste Famulatur hatte ich in Wien absolviert, um noch etwas mehr Kenntnisse und Wissen zu gewinnen, bevor ich ins Ausland gehe.

Die Planung für die zweite Famulatur hatte ich dann schon einige Monate nach dem Physikum begonnen, mit etwas mehr als einem Jahr Vorlaufzeit zum gewünschten Termin. Im Krankenhaus auf Tobago habe ich dann aber auch Famulanten getroffen, die sich erst vier Monate vor Praktikumsbeginn beworben hatten. Demnach sind auch kurzfristige Bewerbungen noch erfolgreich – versucht es einfach, die Chefsekretärin ist in jedem Fall sehr nett und wird Euch Auskunft geben.

Entscheidung für Tobago

Da ich meine vorherige Famulatur in Afrika absolviert hatte, wollte ich diesmal in eine andere Kultur und das zugehörige Gesundheitssystem hineinschnuppern. Also schränkte sich die Auswahl auf Asien und Südamerika ein. Europa, die USA und Australien hatte ich aus der Planung ausgeschlossen, da ich einerseits gerne in einem Entwicklungsland bzw. in einem nicht „westlich“ entwickelten Land famulieren wollte. Andererseits wusste ich von Freunden, die sich in Australien und Amerika beworben hatten, dass dort vor allem viermonatige Praktika angeboten werden. Diese Länder kommen für eine Famulatur also nur bedingt in Frage.

Auf Tobago fiel die Wahl dann vor allem dadurch, weil dort das Englische Gesundheitssystem herrscht. Dieses ist für seinen guten Ruf bekannt. Zum einen hat man auf Tobago die Möglichkeit, sein Englisch aufzufrischen, dessen Alltagstauglichkeit und auch medizinische Fachbegriffe. Zum anderen erhoffte ich mir, auf Tobago über Umwege einen Einblick in das Englische Krankenhaussystem gewinnen zu können, da ich überlege, eine weitere Famulatur, ein PJ-Tertial oder sogar einen Teil meiner Facharztausbildung im Ausland zu absolvieren.

Bewerbung

Regional Hospital Tobago
Regional Hospital Tobago

Die Wahl war also auf Tobago gefallen. Da es auf der Insel nur ein Krankenhaus gibt, war klar, dass nur dieses in Frage kommt. Ansonsten gibt es auf Tobago nur regionale Gesundheitszentren oder private Arztpraxen, in denen aber nicht viel zu sehen und helfen wäre, da nur etwa 45.000 Einwohner auf Tobago leben. Es war allerdings nicht einfach, die aktuelle E-Mail-Adresse des Krankenhauses oder dessen Postadresse herauszufinden. Durch reichliche Internetrecherche konnte ich zuerst per Fax und später auch über Mail Kontakt zum Krankenhaus aufnehmen und kurz darauf kam auch schon die Zusage, zusammen mit einer freundlichen Mail vom Chefsekretariat des Regional Hospital Tobago. Nach den anfänglichen Schwierigkeiten mit der Adresse hatte die Bewerbung also unerwartet schnell funktioniert. Hiermit stand Tobago als Famulatur Ort endgültig fest.

Wohnungssuche und Flug

Die Suche nach einer Wohnung in weiter Ferne wurde mir dadurch erleichtert, dass mir die Sekretärin des Krankenhauses eine Liste an „Accommodations“, verschiedene Guesthouses, also Ferienwohnungen, schickte. Besonders empfehlenswert ist das Guesthouse von Ann Roberts. Es liegt direkt am schönsten und fast einzigen Strand der Stadt Scarborough, in der auch das Krankenhaus liegt – am „Bacolet Beach“.

Dies ist eine etwa 150 Meter breite Bucht mit vielen Palmen und schönen Wellen. Genau das Richtige, wenn man nach einem Kliniktag ziemlich durchgeschwitzt zu Hause ankommt. Ann hat ein Grundstück, mit etwa fünf solcher Ferienwohnungen. Pro Wohnung können zwei Studenten wohnen, man kann die Wohnung aber ebenso gut alleine beziehen. Die Preise sind auch in Ordnung, 15 US-Dollar pro Nacht und Person, wenn man zu zweit ist oder 20 US-Dollar, wenn man alleine wohnt.

Im Preis inbegriffen ist, dass Ann die Studenten morgens zum Krankenhaus fährt. Das ist sehr angenehm, denn das Krankenhaus liegt am höchsten Ort der Insel und der Fußweg würde etwa 30 Minuten dauern. Außerdem wäre man bei den herrschenden Temperaturen komplett durchgeschwitzt, bis man das Krankenhaus erreicht. Bereits in den Morgenstunden sind auf Tobago 25 bis 30 Grad – die Ferienwohnungen sowie das Krankenhaus sind allerdings klimatisiert.

Sollte bei Ann kein Platz mehr sein, dann kann sie Euch auch weitere Guesthouses bei ihr um die Ecke nennen, die es zu ähnlichen Konditionen gibt. Ann kann man problemlos per Mail erreichen – wundert Euch nicht über die Kürze der Mails, das ist hier so üblich. Oft muss man auch Fragen mehrmals stellen, bis man die Antwort geschickt bekommt, aber irgendwann kommt sie dann doch. Meistens bittet Ann um eine Anzahlung für die Reservierung. Das ist von den meisten Banken aus sehr teuer. Ihr könnt Ann alternativ Euer gebuchtes E-Ticket für den Flug nach Tobago schicken, das akzeptiert sie meistens auch.

Apropos Flug: Mit Condor kann man direkt nach Tobago fliegen – immer sonntags. Der Preis liegt meist zwischen 800 und 950 EUR. Die Flugzeit beträgt etwa zwölf Stunden. Auch andere Fluggesellschaften fliegen Tobago an, dann aber immer mit Umsteigen, aber zu ähnlichen Preisen. Am besten bucht man schon einige Monate vor Reiseantritt, denn etwa vier Monate vor dem Flug steigen die Preise nochmals und sinken meist erst kurz vor Abflugzeit wieder. Dies sind allerdings nur Erfahrungswerte von mir und anderen Studenten, die ich auf Tobago getroffen habe, ich übernehme keine Gewähr.

Die Währung vor Ort sind TT-Dollar, Trinidad and Tobago Dollar. Nach derzeitigem Kurs entspricht ein EUR etwa 8,5 TT-Dollar. Am einfachsten ist es, Traveller Checks und Bargeld mitzubringen, denn beides kann man ohne großen Aufwand und Gebühren bei den Banken in Scarborough umtauschen. Mit US-Dollar kann man nur in Ausnahmen zahlen.

Weitere Vorbereitungen und Visum

Vor der Reise ist ein Check-Up im Tropeninstitut zu empfehlen. Hepatitis A und B, Typhus und Tollwut sind zusätzlich zu den üblichen Impfungen empfohlen. Malariaprophylaxe ist glücklicherweise nicht notwendig, weil die Mücken auf Tobago keine Malaria übertragen. Es ist hingegen immer gut, ein Mückennetz und „Autan“ dabei zu haben. Fragt im Guesthouse nochmals nach, ob Mückennetze vor Ort sind, insbesondere in der Regenzeit ab Juli. Aber auch schon in der Trockenzeit, in der ich auf Tobago war, sind die Mücken aktiv. Bei der Einreise ist keine Gelbfieberimpfung vorzuweisen, es sei denn, Ihr kommt aus einem Endemiegebiet.

Ein Visum benötigt Ihr auch nicht, solange Ihr kürzer als drei Monate bleibt. Am Flughafen solltet Ihr aber den Bestätigungsbrief vom Krankenhaus sowie die Adresse Eures Guesthouse parat haben, denn bei der Einreise müsst Ihr erklären, was Ihr vor Ort machen werdet.

(Anm.d.Red.: Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich rechtzeitig bei der Botschaft des jeweiligen Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

Die Arbeit am Hospital

In der Notaufnahme
In der Notaufnahme

Die Tage beginnen hier immer zwischen 7:30 und 8:00 Uhr. Klingt allerdings früher, als es vor Ort erscheint, denn auf Tobago wird es früh dunkel. Um 18:30 Uhr ist es bereits dunkle Nacht. Morgens um 6:00 Uhr scheint hingegen schon wieder die Sonne. Dadurch geht man abends automatisch früher schlafen und ist morgens gegen 7:00 Uhr wieder ziemlich fit.

Wie lange Euer Arbeitstag geht, hängt von der Station ab, auf der Ihr eingeteilt werdet. Auf welcher Station Ihr arbeitet, wird meist erst vor Ort entschieden. Selbst wenn Ihr vorher schon per Mail eine Zusage bekommen habt, würde ich mich nicht darauf verlassen – am Krankenhaus wusste niemand mehr von diesen Mails. Das ist allerdings nur halb so schlimm, weil man am ersten Tag des Praktikums im Sekretariat meistens für die Station eingeteilt wird, die man sich wünscht. Wenn eine Station doch schlechter ist als erwartet, kann man auch ziemlich problemlos tauschen.

Ich habe in der Notaufnahme („Accident and Emergency“) und der Inneren Medizin („Medical ward“) famuliert. Beides war interessant und lehrreich, insbesondere die Notaufnahme. Dort ist immer etwas zu tun. Auf den Stationen, wie beispielsweise der Inneren, kann es sein, dass nach der Visite nicht mehr viel zu tun ist, weil keine neuen Patienten kommen – nicht verwunderlich, da Tobago so wenige Einwohner hat.

Genaueres zu den Arbeitszeiten auf den verschiedenen Stationen: Am längsten arbeitet man in der Gynäkologie, teilweise bis 16:00 Uhr, meistens aber bis 13:00 oder 14:00 Uhr. Dort kümmern sich die Ärzte sehr liebevoll und engagiert um die Studenten und erklären ihnen viel zu den einzelnen Fällen. Mithelfen darf man auch viel. Geburten gibt es allerdings weniger als zu erwarten, weil die Babys meistens in den Nachtstunden auf die Welt kommen.

Am wenigsten Arbeit hat man auf der Psychiatrie. Dort ist man an manchen Tagen schon nach zwei Stunden fertig oder wird gleich wieder nach Hause geschickt, weil so wenige Patienten da sind. Auch dort kümmern sich die Ärzte intensiv um die Studenten. Sie werden immer ins Gespräch mit einbezogen und bekommen oft Fragen gestellt.

Ähnlich ist es auf den anderen Stationen. Es gibt jeweils eine Innere Station für Männer und Frauen getrennt, Chirurgie, Pädiatrie und Augenklinik. Auf den verschiedenen Stationen ist die Arbeit ähnlich wie in Deutschland. Morgens gibt es eine Visite, danach werden neue Patienten aufgenommen, etc. Die Studenten werden in die Arbeit mit einbezogen und bekommen bei der Visite oft kleine Lehreinheiten zu den Fällen. Die Ärzte nehmen sich dazu gerne Zeit.

Einmal die Woche gibt es auch einen Ambulanztag auf den einzelnen Stationen, vergleichbar mit einer Arztpraxis. Man kann sich dann zu einem Arzt gesellen und mit ihm zusammen ambulante Patienten untersuchen. Der Tag ist aber viel kürzer als in Deutschland, meistens ist schon zwischen 11:00 und 12:00 Uhr Schluss für Praktikanten.

In der Notaufnahme kann man sich den Tag gut selbst einteilen, weil immer neue Patienten kommen. Man kann schon um 12:00 Uhr gehen oder auch bis zum späten Nachmittag bleiben, je nachdem, wie interessant die Fälle sind. Man lernt besonders dadurch, dass man schon nach einigen Tagen selbst Patienten aufnehmen darf. Diese bespricht man danach mit dem Oberarzt und kann sie, abhängig von der Härte des Falls, alleine bzw. zusammen mit dem Oberarzt behandeln.

Nachdem der Arbeitstag beendet ist, kann man noch problemlos in der ans Krankenhaus angegliederten Bibliothek verschiedene Krankheitsbilder in Büchern nachschlagen oder auch Referate vorbereiten. Hierbei kam es auf die Station und die Stimmung der Ärzte an, ob man ein Referat halten musste oder nicht. Es gibt auch etwa zehn Computer mit Internet und angeschlossenem Drucker, so dass man auch auf Deutsch nachschlagen oder Mails an die Heimat schicken kann. Dennoch ist es echt zu empfehlen, auch ein deutsches Buch zum Nachschlagen mitzunehmen, z.B. war der „Herold“ oft hilfreich.

Freizeit

Ruhiges und vertraeumtes Tobago
Ruhiges und verträumtes Tobago

Auf solch einer paradiesischen Insel wie Tobago darf natürlich auch die Freizeit nicht zu kurz kommen. Am Nachmittag bleibt oft Zeit, um sich noch an den „Bacolet Beach“ zu legen oder mit einem der Busse oder Maxi Taxis zu sehr günstigen Preisen – weniger als ein EUR für Fahrten bis zu einer Stunde – an andere Strände oder in kleine Dörfer zu fahren.

Auch die Wochenenden kann man sehr gut nutzen, um Schnorchel- oder Tauchausflüge zu unternehmen, sich idyllische Örtchen wie „Charlotteville“ anzusehen, um mal Surfstunden zu nehmen oder mit dem Kajak an einsame Strände zu fahren. Surfen kann man am besten bei „Mount Irvine“, Kajak fahren am „Pidgeon Point“ und Touren kann man gut über „Frankie Tours“ buchen.

Bei den vielen Dingen, die man unternehmen kann, ist es zu empfehlen, noch ein paar Tage länger zu bleiben, als die Famulatur dauert. Das gibt die Möglichkeit, für ein paar Tage nach Trinidad zu fahren. Besonders interessant ist dies an Karneval (Anfang Februar). Aber auch sonst ist es sehenswert, weil die Insel viel grösser und mondäner ist, als das ruhige und verträumte Tobago.

Mein Fazit

Klinik unter Palmen
Klinik unter Palmen

Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung, meine Famulatur auf Tobago zu absolvieren. Ich habe viel Neues gelernt, vor allem deshalb, weil ich hier viel mit den Patienten arbeiten durfte. So habe ich mehr Routine bei der Anamnese, beim Ausschließen von gefährlichen Verläufen und von Differentialdiagnosen gewonnen. Auch die Souveränität beim Untersuchen wird durch die Erfahrung schnell verbessert. Das neue Wissen werde ich bei den Blockpraktika, die nach den Semesterferien zurück in der Heimat folgen, anwenden können.

Ebenfalls viel gebracht hat mir das Arbeiten auf Englisch. Auf meiner Station waren auch englische Studenten, mit denen ich oft zusammen gearbeitet habe. Sie konnten helfen, wenn ich das „trinbegonische“ Englisch nicht verstehen konnte. Und auch die Erwartung, einmal ins englische System hineinzuschnuppern, hat sich erfüllt. Vom Ablauf der Anamnese, der Untersuchung und des gesamten Stationsalltags her entspricht das System auf Tobago dem Englischen, eben nur im Kleinen.

Deshalb ist es auf Tobago auch nicht üblich, dass man als Arzt bzw. Student einen Kittel trägt. Stattdessen sind Rock und Bluse mit geschlossenen Schuhen, am einfachsten Ballerinas, für Frauen bzw. Anzughose, Schuhe und Hemd für Männer Standard. Denkt daran beim Koffer packen, sonst müsst Ihr vor Ort noch Hemd oder Bluse bzw. passende Schuhe nachkaufen. Alternative ist ein OP-Outfit, aber Scrubs werden doch weniger gern gesehen als die feine Kleidung.

Zum Gelingen der Famulatur und des Aufenthaltes auf Tobago haben vor allem auch die freundliche und offene Art der „Trinbegonier“ beigetragen. Einladungen von Patienten oder von Kollegen zu sich nach Hause kann man gerne annehmen und sich auf interessante Nachmittage freuen.

V., J.
München, Juni 2010

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1 Kommentar

  • Servus,
    kannst du vllt die Kontaktdaten von dem Ansprechpartner irgendwie mitteilen? Ich verzweifle noch bei der Internetrecherche…

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