Famulatur in der Schweiz – Neurologie

16. März 2017

in Allgemein, Im Fokus, Neurologie, Schweiz

Schweiz, Zürich, UniversitätsSpital Zürich  (29.8.-30.9.2016)

Famulaturen geben uns Medizinstudierenden, neben dem streng vorgegebenen Curriculum des Medizinstudiums, so viele Freiheiten wie vielleicht nie wieder in der medizinischen Laufbahn. Die Möglichkeiten sind nahezu grenzenlos, weshalb sich die Mühe und Arbeit, die man in die Vorbereitungen steckt, am Ende auszahlen. Diese Chance wollte ich für meine letzte Famulatur erneut nutzen und begann mit der Suche nach einer geeigneten Stelle, die mich von Heidelberg über London schließlich nach Zürich führte.

Bewerbung und Vorbereitung – nichts leichter als das!

Famulatur Schweiz_LS_Eine der schönen Gassen in der Zürcher Altstadt
Eine der schönen Gassen in der Zürcher Altstadt

Auch wenn ich durch Empfehlungen und Kontakte auf die Neurologie des UniversitätsSpitals Zürich (USZ) stieß, musste ich mich ganz normal bewerben und dies ist für jeden denkbar einfach. In der Schweiz empfiehlt es sich – mit einem Vorlauf von 1-2 Jahren oder kurzfristig – das Chefarztsekretariat anzuschreiben oder anzurufen. In den meisten Fällen bekommt man schon nach wenigen Tagen eine freundliche Antwort, die manchmal sogar schon eine Zusage beinhaltet, obwohl man sich doch eigentlich nur nach den Bewerbungsformalitäten erkundigt hat.

Hier zeigt sich bereits die gute, strukturierte Organisation der Schweizer Krankenhäuser. Zeitnah wurde ich per E-Mail über notwendige Dokumente informiert. Zudem wurden mir die weiteren Schritte erklärt, sodass ich schon lange vor Beginn der Famulatur das Gefühl hatte, gut betreut zu werden. Wichtig ist es, noch zu wissen, dass es die deutsche „Famulatur“ in der Schweiz so nicht gibt, obwohl dort natürlich jeder weiß, was damit gemeint ist, denn Ihr seid ja nicht die ersten und während Eures Aufenthalts sicher nicht die einzigen deutschen Medizinstudierenden an einer Schweizer Klinik.

Für die Zeit der Famulatur oder des PJs ist man ein so genannter „Unterassistent“, umgangssprachlich auch „UHU“, was scheinbar für „Unterhund“ steht, aber keine Angst! Als solcher erhält man einen Arbeitsvertrag und somit ein entsprechendes Gehalt. Für 30 Tage Famulatur waren es bei mir 1.000 CHF, in anderen Städten mitunter eher mehr, und Urlaubstage.

„Grüezi“ – meine Ankunft in Zürich

Famulatur Schweiz_LS_Fabelhafter Ausblick von der begehbaren Dachterrasse des UniSpitals Zürich auf das Klinikgelände und auf die Altstadt bis hin zum Zürichsee
Fabelhafter Ausblick von der begehbaren Dachterrasse des UniSpitals Zürich auf das Klinikgelände und auf die Altstadt bis hin zum Zürichsee

An meinem ersten Arbeitstag wurde ich von der Chefsekretärin noch freundlicher empfangen als erwartet. Wo es an so manch anderem Krankenhaus drunter und drüber geht und einen eigentlich niemand vermisst, wenn man am ersten Tag nicht erscheinen würde, lief in Zürich alles perfekt organisiert ab. Bevor wir mit den Formalitäten begannen, bot mir die Sekretärin als allererstes das „Du“ an und ich fühlte mich so willkommen wie noch nie zuvor bei einer Famulatur.

Als dann der Vertrag unterschrieben war, bekam ich noch eine Mappe mit allem, was mir für meine Famulatur nützlich sein sollte: eine eigene Email-Adresse war bereits für mich eingerichtet worden, ein Stundenplan zeigte mir die Termine für Vorträge, Besprechungen und Teachings, ein übersichtlicher Lageplan sollte mich durch das große Klinikgelände führen usw. So gut war bisher kein Krankenhaus auf meine Ankunft vorbereitet!

Zu guter Letzt bekam ich einen Schlüssel für meinen Spind, einen eigenen Klinikausweis, auf den man Geld für Mensa und Café laden konnte als auch Arbeitskleidung (Hose, Kasack und Kittel) und dann konnte es losgehen!

Der Arbeitstag als „UHU“

Famulatur Schweiz_LS_Als Unterassistentin am UniversitätsSpital Zürich
Als Unterassistentin am UniversitätsSpital Zürich

Als Famulantin wurde ich für die gesamte Zeit einer Bettenstation der Neurologie zugeteilt. Wenn man PJler ist und längere Zeit dort verbringt, rotiert man auch auf die Rettungsstelle, die Tagesklinik oder eine der spezialisierten Sprechstunden. Auf meiner Station mit ungefähr 20 Betten arbeiteten zwei Assistenzärzte, eine Oberärztin und meist 1-2 Unterassistenten. Außerdem arbeitete man oft mit den leitenden Oberärzten aus den Sprechstunden zusammen, die stationäre Patienten ihres Spezialgebiets mit betreuen.

Das Team war super freundlich und auch hier duzten sich alle untereinander, bis auf den deutschen Chefarzt, der einmal pro Woche die Visite leitete. Da man in der Schweiz viel schneller Oberarzt wird als in Deutschland, war unsere Oberärztin gerade mal 30 Jahre alt und beendete zu diesem Zeitpunkt erst ihre Facharztausbildung. Wir hatten immer jede Menge Spaß bei der Arbeit, ich wurde bestens integriert und lernte enorm viel.

Der Tag beginnt für alle um 8:00 Uhr in großer Runde beim „Morgenrapport“ im Hörsaal, wobei die neuen „Eintritte“ kurz vorgestellt werden und anschließend ein kurzes Teaching oder eine Fallbesprechung stattfindet. Danach ist erstmal Zeit für einen Kaffee oder ein kurzes Frühstück, bevor um 9:00 Uhr die Visite beginnt. An dieser kann man auch als Student von Anfang bis Ende teilnehmen, ohne mit den sonst üblichen Blutentnahmen beschäftigt zu sein, denn dafür ist in der Schweiz die Pflege zuständig. Anschließend wird der Tag für die jeweils anstehenden Aufgaben genutzt.

Je nachdem wie engagiert Ihr seid, könnt Ihr eigene Patienten betreuen und von Anamnese und neurologischer Testung bis hin zur Lumbalpunktion alles machen. Als ein Assistenzarzt für einen Tag nicht da war, übernahm ich sogar alle seine Patienten und seinen Pieper – stressig, aber eine gute Erfahrung! Briefe schreiben gehört auch zu Euren Aufgaben und da sind die Schweizer leider etwas penibel. Es muss alles doppelt im „Eintritts- und Austrittsbericht“ notiert sein, sodass einige nervige Scans und Telefonate nicht ausbleiben. Dafür ist am Ende jede Patientenakte ordentlich im elektronischen System gespeichert und man hat für die Visite alles auf einen Blick am Laptop vor sich.

Zwischendurch dürft Ihr Euch auch von den Pflichten befreien und Eure Patienten in die verschiedenen Sprechstunden begleiten, so z.B. ENMG. Ein Termin darf allerdings nie vergessen werden: das tägliche gemeinsame Mittagessen! Bei den Preisen in der Kantine muss man zwar erstmal schlucken, so bei einem Mitarbeiterpreis für das vegetarische Gericht von 11 CHF, aber es schmeckt und es gibt ja auch eine Mikrowelle für eigenes Essen!

Dank dieser täglichen Rituale herrschte ein wirklich tolles Miteinander, das die Krankenhaushierarchie, den Alltagsstress und die langen Arbeitszeiten vergessen ließen.

Am Nachmittag fand einmal pro Woche eine klinische Visite mit dem wohl schlausten Neurologen der Welt statt. Sein Ton kann einem zwar ganz schön Angst einjagen, aber man lernt wirklich einiges oder wird zumindest daran erinnert, wie wenig man weiß und zum Nacharbeiten ermutigt. An einem anderen Nachmittag gab es einen „Journal Club“ und manchmal fand sogar eine große Tagung oder ein Symposium im Hörsaal statt. Wenn am Ende des Tages alle anfallenden Aufgaben für Unterassistenten erledigt waren, durfte man nach Hause gehen. Auch ein bisschen vom Engagement abhängig war das meist gegen 17:00 Uhr oder 18:00 Uhr.

Das „Schweizer Deutsch“ war für mich selten ein Problem. Auf freundliches Nachfragen können die Patienten auch „Hochdeutsch“ und von den Ärzten kommen sowieso viele aus Deutschland!

Unterkommen in der teuersten Stadt der Welt – Zürich

Ich habe das Glück, einen Cousin in Zürich zu haben, bei dem ich für die Zeit unterkommen konnte. Dadurch habe ich enorm viel Geld gespart. Ein Zimmer im Wohnheim des UniversitätsSpitals Zürich kostet nämlich 630 CHF. Spätestens jetzt merkt man, wie relativ ein Gehalt von 1.000 CHF ist. Auf jeden Fall nicht der Grund für eine Famulatur in der Schweiz. Der Vorteil eines Wohnheimzimmers ist allerdings, dass man viele Leute kennen lernt und einen kurzen Weg zum Krankenhaus hat.

Feierabend-Urlaub

Famulatur Schweiz_LS_Blick vom Zürichsee auf Zürich die Limmat hinauf
Blick vom Zürichsee auf Zürich die Limmat hinauf

Wenn man für einen Monat in einer neuen Stadt wohnt, möchte man natürlich so viel wie möglich vom kulturellen Angebot wahrnehmen und unzählige Unternehmungen machen. Schnell muss man sich dabei daran gewöhnen, dass man besser auf manches verzichtet, was nicht unbedingt nötig ist. Bevor man für einen Döner 10 CHF zahlt, packt man sich doch lieber etwas zu Essen von zu Hause ein. Denkt man aber an solche Kleinigkeiten und informiert sich über aktuelle Angebote, kann man in Zürich wirklich viel erleben und von der kulturellen Vielfalt profitieren. Beispielsweise kann man mittwochs kostenlos in das Kunsthaus gehen, in das sich ein Besuch aufgrund der Größe auch zweimal lohnt! Auch die lange Nacht der Museen für 25 CHF lohnt sich sehr, wenn man mal die einzelnen Eintrittspreise addiert. Und Zürich hat wirklich großartige Museen, Ausstellungen und Kunstprojekte.

Besonders schön sind in Zürich der Zürichsee und die abfließende Limmat. Hier verbringt man den ganzen Sommer und fühlt sich dabei wie im Urlaub. Eintritt zahlt man nur, wenn man in eins der vielen „Badis“ geht, aber wenn man auf einen Sprungturm verzichten kann, spart man sich das Geld und sucht sich ein Plätzchen auf einer der vielen Liegewiesen, z.B. am Zürichhorn. Das „Frauenbadi“, in das ich es leider nicht geschafft habe, soll allerdings wirklich einen Besuch wert sein. Während hier tagsüber ausschließlich Frauen baden, verwandelt sich die Location am Abend in die „Barfußbar“ mit Musik und Cocktails. Mit einem normalen Fahrschein kann man den See auch einmal vom Wasser aus genießen und sich entlang der schönen Altstadt die Limmat hinauf fahren lassen.

Zum Shoppen geht man vielleicht weniger in die „Bahnhofstraße“, bis auf einen Besuch bei „Sprüngli“ lieber flanieren und Leute in Anzug mit Zigarre beobachten, sondern besser auf einen der vielen Flohmärkte, die samstags stattfinden. Hier erlebt man zum Beispiel rund um die „Langstraße“, im hippen und alternativen Viertel Zürichs, den Kontrast zu Anzugträgern und Porschefahrern und macht tatsächlich gute Schnäppchen, die mit jedem Berliner Flohmarkt locker mithalten können. In diesem Viertel, das sich hinter dem Bahnhof und etwas abseits der Altstadt erstreckt, kann man nette Cafés und Bars, so z.B. „Frau Gerolds Garten“ usw., entdecken und am Wochenende abends das Treiben der jungen Zürcher erleben. Gerade im Sommer war hier immer etwas los und in einigen guten Clubs bietet Zürich Partys mit namhaften DJs, was einen Eintritt von 25-30 CHF etwas weniger schmerzhaft macht.

Fürs Wochenende sollte man unbedingt einen Ausflug ins Züricher Umland planen. Mit kleinen Wanderungen kann man bereits am „Ütliberg“ am Rande der Stadt beginnen und sich dann mit einer Tagestour auf den „Pilatus“ bei Luzern steigern. Bern, Luzern und Basel sind nur einige schöne Städte in der Umgebung und überall kann man faszinierende Natur erleben.

Worauf wartet Ihr noch?

Famulatur Schweiz_LS_Wandern in den italienischen Alpen - zwei Stunden von Zürich entfernt
Wandern in den italienischen Alpen – zwei Stunden von Zürich entfernt

Abschließend kann ich jedem eine Famulatur in der Neurologie des UniversitätsSpitals Zürich nur empfehlen. Die Mischung aus lehrreichem Klinikalltag und urlaubsähnlichem Freizeitangebot ist perfekt und wenn man sich entschließt für das PJ wieder zu kommen, kann man sich am Ende bei der nettesten Sekretärin der Welt gleich einen Platz sichern.

Auch die hohen Lebenshaltungskosten sollten Euch nicht abschrecken, diese Erfahrung zu machen, denn es gibt ja noch Auslandsstipendien, die Euch Eure Reise ermöglichen können. Vielen herzlichen Dank an dieser Stelle an Herrn Sobe, Agenturen Sobe & Partner, und Herrn Karle, Chefredakteur und Mitglied des Stipendienbeirates, für die finanzielle Unterstützung durch Medizinernachwuchs.de.

S., L.

Berlin, Februar 2017

Stipendiatin im Rahmen der Auslandsstipendien 2016

Neue Ausschreibung der Auslandsstipendien

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